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»Egal wer gewinnt - Marcos bleibt Präsident«

SPIEGEL-Redakteur Wulf Küster über den Präsidentschaftswahlkampf auf den Philippinen *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Ins Manila Hotel, feinste und teuerste Herberge der philippinischen Hauptstadt, kommt als Gast nur hinein, wer sich von weißbehandschuhten Türstehern am ganzen Körper abtasten läßt. Angst vor Bombenlegern und Attentätern geht um. Am 7. Februar ist Wahltag.

Alle Nebeneingänge des gewaltigen Hotelkomplexes sind verriegelt, die Glastüren kugelsicher. Der Besucherstrom wird durchs Hauptportal vor einen Inspektionstisch geschleust.

Sechs emsige Hände durchsuchen jede Tasche, jeden Aktenkoffer, prüfen Photoapparate. Videokameras registrieren jeden Gast, Datum und Uhrzeit seiner Ankunft werden in die Archivaufnahme eingeblendet.

Auf dem Prüftisch am Eingang steht ein Schild: »Wir sind stolz darauf, die Besten zu sein.« Das Hotel, das einer Festung gleicht, gehört der Regierung, genauer: der First Lady des Landes, Imelda R. Marcos.

Im »Manila« hat sich der Rotary Club der Hauptstadt versammelt, Gastsprecherin ist Corazon Aquino. Präsidentschaftskandidatin, Herausforderin des seit 20 Jahren regierenden Autokraten Ferdinand Marcos.

Der Andrang ist dem Anlaß angemessen: Hunderte von Geschäftsleuten, Bankern, Diplomaten. Der britische Botschafter steht in der Warteschlange etwa auf Platz 50.

Corazon Aquino ist an diesem Mittag die einzige, die nicht abgetastet wird. Dafür bleibt ihr auch der rote Teppich, der im »Manila« fast täglich auch schon für mittelprominente Gaste ausgerollt wird, vorenthalten. Denn Frau Aquino befindet sich auf feindlichem, auf Marcos-Territorium. Alle Hotelangestellten tragen auf der Brust große »Marcos«-Plaketten, die ihnen vom Management - numeriert und gegen Quittung - zugeteilt wurden. Ein jeder soll seine Liebe zum Herrscher zur Schau tragen.

»Wie dürfen wir Sie anreden?«, fragt ein philippinischer Reporter, »sollen wir 'Madam President' sagen?« »Nennen Sie mich einfach Cory«, erwidert die Kandidatin.

Mit entwaffnender Schlichtheit - ihre politischen Gegner nennen es Naivität -, mit Charme und hohen moralischen Ansprüchen ist Cory Aquino, 53, angetreten, den scheinbar übermächtigen Ferdinand Marcos von seinem selbstgemachten Thron zu stoßen. Nie zuvor hatte sie sich um ein Amt beworben. Von Politik versteht sie eingestandenermaßen wenig. Programmatische Aussagen vermeidet sie. Ihr ständig vorgetragenes Credo lautet: »Ernsthaftigkeit, Ehrlichkeit und Moral in der Regierung«.

Bei der von der hemmungslosen Raffsucht der Präsidenten-Clique (geschätztes Vermögen: mehrere Milliarden Dollar) angewiderten Bevölkerung kommt das an. Wo immer Cory Aquino im Wahlkampf auftritt, lockt sie weit größere Massen an als Marcos, der diktatorische Amtsinhaber.

In Manila drängen sich ein ums andere Mal Zehntausende, die immer gleichbleibende Botschaft der »einfachen Hausfrau ohne Ambitionen« (Frau Aquino) zu hören. Vor ihren Anhängern spreizt sie Daumen und Zeigefinger zu einem »L«, das bedeutet »Laban«, Kampf. Marcos bevorzugt das klassische V-Zeichen für »Victory«.

Am Samstag vorletzter Woche demonstrierte Manila in Gelb, der Farbe der Aquino-Kampagne: Gelbe T-Shirts beherrschten die Straßen, im Geschäfts- und Bankenviertel Makati ebenso wie in den Slum-Gassen von Tondo; gelbe Bänder wehten an Auto-Antennen; gelbe Tücher flatterten aus Wohnungen und Büros, fliegende Obsthändler boten ausschließlich (gelbe) Papaya-Früchte feil.

In halbseitigen Zeitungsannoncen hatte eine »Bewegung 21. August« die Filipinos aufgefordert, mit dieser Demonstration Cory Aquinos 53. Geburtstag zu feiern.

Die im Grunde unpolitische Hausfrau und Mutter (fünf Kinder) verdankt ihre Ausstrahlung dem, wie viele Filipinos meinen, Märtyrertod ihres Mannes Benigno Aquino, der am 21. August 1983 bei seiner Heimkehr aus US-Exil auf dem Flughafen erschossen wurde, angeblich von einem gedungenen kommunistischen Mörder. Corazon macht Marcos für den Tod ihres Mannes verantwortlich und will ihn, sagt sie immer wieder, vor Gericht stellen, sollte sie zum Staatsoberhaupt gewählt werden.

Der Name Aquino hat in dem tiefreligiösen Land einen magischen Klang angenommen: Ein Jesuiten-Priester stellt den toten Benigno in einem Essay auf eine Stufe mit dem philippinischen Nationalhelden Jose Rizal, dem Freiheitskämpfer, der Ende des vergangenen Jahrhunderts von den spanischen Kolonialherren hingerichtet wurde.

Aus dem Namen Aquino schlägt »diese Witwe (Imelda Marcos) politisches

Kapital. Das garantiert Zulauf, doch wieweit sich der Andrang bei Kundgebungen auch in Wählerstimmen umsetzt, »können wir nur raten«, sagt Salvador Laurel, 57, Corazons Kampfgefährte und Kandidat für die Vize-Präsidentschaft.

Immerhin: In Davao, auf der vom Bürgerkrieg zwischen moslemischen Separatisten und christlichen Regierungstruppen zerrissenen Insel Mindanao, erscheinen mehr als 30000 Menschen zur Aquino/Laurel-Kundgebung, trotz Bombendrohungen, trotz vereinzelter Feuerüberfälle.

In Cebu City, einer vermeintlichen Hochburg der kommunistischen Untergrundarmee NPA (New People's Army), deren Kampfstärke auf gut 20000 Mann geschätzt wird, kommen 250000 Menschen zu Corazon Aquino - eine vergleichbar gewaltige Wahlveranstaltung hat es auf den Philippinen nie gegeben.

Binnen vier Tagen werden fünf Aquino-Wahlhelfer erschossen, »geschlachtet«, wie der »Philippine Daily Inquirer« schreibt. »Dies wird die blutigste Wahl in unserer Geschichte«, meint der Abgeordnete Aquilino Pimentel.

Die Gewalttaten - über 20 Menschen sind bisher im Wahlkampf ermordet worden - sind ein Zeichen dafür, daß die Marcos-Anhänger nervös werden.

Am Rande der Straße zum Malacanang-Palast in Manila, dem Amtssitz des Präsidenten, engt eine farbige Stellwand, widerrechtlich aufgebaut, den Weg ein: Vor der Nationalflagge blickt ein grimmiger Marcos überlebensgroß auf die Passanten nieder. Daneben in roter Schrift: »Marcos - heute notwendiger denn je.«

Die Botschaft ist klar: Nur Marcos, der das Land wie einen Familienbetrieb führt, könne die Krise, in der sich die Philippinen befinden, überwinden, den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt, der die Filipinos an den Rand eines Bürgerkriegs geführt hat, durchbrechen.

Marcos hat, als er, gedrängt von der US-Regierung, im November überraschend Neuwahlen ansetzte - seine Amtszeit wäre erst im Juni 1987 ausgelaufen -, nur sich selbst bestätigen wollen. »Worum es bei dieser Wahl geht, ist Marcos«, tönte er siegesgewiß, »und nur Marcos.«

Er baute darauf, daß ihm die Wähler die Misere ihres Landes nicht anlasten würden, wenngleich er zweifellos dafür verantwortlich ist.

Das einst prosperierende Reich aus 7000 Inseln, das noch vor rund einem Jahrzehnt an der Schwelle zum Industriestaat stand, ist in den Ruin gewirtschaftet: Der Peso, zu Beginn der Marcos-Präsidentschaft einen halben Dollar wert, wird heute 19 zu 1 gewechselt. Eine Inflation von zeitweise über 60 Prozent macht die Armen noch ärmer - fast jeder zweite Filipino lebt unter dem Existenzminimum. Mit über 26 Milliarden Dollar sind die Philippinen im Ausland verschuldet, das Bruttosozialprodukt schrumpft seit Jahren.

Marcos Siegeszuversicht rührte zu Beginn des Wahlkampfs daher, daß er keinen Gegenkandidaten zu erkennen vermochte, der ihn ernstlich gefährdete. Corazon Aquino? Ein politischer Amateur! »Frauen gehören ins Schlafzimmer«, befand der Präsident. Imelda Marcos freilich, »Superma'am«, wie sie der Kolumnist Maximo Soliven nennt, ist Minister und Gouverneur von Metro Manila und immer noch erpicht darauf, dereinst die Nachfolge ihres Gatten anzutreten.

Die Aura unerschütterlicher Selbstsicherheit, mit der Ferdinand Marcos sich und seinen Clan gern umgibt, trägt Züge von Größenwahn. Daß er einmal aus Macht und Pfründen abgewählt werden könnte, ist für ihn schlechthin unvorstellbar. Nach dem Sieg, bereitet Arbeitsminister Blas Ople die Apotheose seines Chefs vor, werde »ein neuer Marcos dem Kokon des alten entsteigen« und nur noch »mit unbeirrbarem Blick auf seinen Platz in der Geschichte« hinwirken.

Ein Auge wirft er schon jetzt darauf, wie das Beispiel Baguio zeigt, eine kleine Stadt oben in den Bergen von Luzon, gut 200 Kilometer nördlich von Manila. Der Präsident fährt hierher gern in die Sommerfrische, hat hier Villa und offiziellen Amtssitz. Baguio ist Marcos-Land.

Das Kulturhaus der Stadt - Marcos hat es gespendet, nach ihm ist es benannt. Im Zentrum Baguios bietet der »Imelda-Park Ruhe und Erholung. Die wichtigste Ausfallstraße der Stadt ist der »Marcos Highway, über den gelangt man zum »Marcos Golf Course«, schließlich zum Kurort »Marcos Park«.

Bei Baguio ist der Größenwahn zementiert: An einem Berghang erhebt sich eine steinerne Marcos-Büste, rund 30 Meter hoch ist allein der Kopf. Vier Menschenleben kostete sein Bau, mehr als zweieinhalb Millionen Mark wurden für die Gigantomanie vergeudet. Bei Regen, sagen die Leute, und so sieht es wirklich aus, »weint Marcos«.

Baguio und die umliegenden Provinzen bilden zusammen den »festen Norden": ein »von keinem politischen Gegner anzapfbares Reservoir von Wählerstimmen, sagt einer seiner Wahlmanager. Doch das stimmt so nicht mehr.

In Ilocos jubeln 100000 Corazon Aquino zu. In Baguio mobilisiert sie Menschenmassen wie »vor ihr nur der Papst bei seinem Besuch 1981«, staunt der Bürgermeister. »Cory, kein Zweifel, knackt den festen Norden«, rechnet Maximo Soliven vor, »und das wäre das Ende von Marcos. Wenn...«

Wenn die Wahl am kommenden Freitag wirklich eine Wahl wäre, frei, fair unbeeinflußt von Drohungen des Militärs, von Schiebungen und Manipulationen politischer Amtsträger. Doch daran mag kaum einer so recht glauben.

Ein Bürgermeister zum Beispiel ließ sich von sämtlichen öffentlich Bediensteten seiner Stadt schriftlich an Eides Statt versichern, sie würden am 7. Februar für Marcos stimmen. Der »San Miguel - Braukonzern, einer der größten Arbeitgeber des Landes, forderte seine Angestellten auf, Marcos-Plaketten anzulegen und ihre Autos mit Marcos-Stickern zu bekleben. Die Leute gehorchen, sie fürchten um die Arbeitsplätze.

160 Millionen Dollar läßt Marcos sich die Schlacht um seine Wiederwahl kosten.

Ein beträchtlicher Teil der Summe dient zum Stimmenkauf. Das hat er immer so gehalten. Selbst die katholische Kirche, geistliche Führung für 83 Prozent aller Filipinos, hält das nicht unbedingt für verwerflich. Es sei in Ordnung, schrieb der Erzbischof von Manila, Jaime Kardinal Sin, in einem Hirtenbrief, Geld von Politikern anzunehmen; doch solle man sich dadurch nicht bei der Stimmabgabe beeinflussen lassen: »Wählt nach eurem Gewissen.«

Für Marcos stehen die Zeichen an der Wand. Offenkundig ist der 68jährige schwer krank: Mal läßt er sich bei einer Kundgebung von seinen Leibwächtern zum Podium hinauftragen, weil er allein die Stufen nicht schafft; mal läßt er das Rednerpult entfernen, um im Sitzen sprechen zu können. Einmal befallen ihn, den vormals so machtvollen Redner, Artikulationsschwierigkeiten; ein andermal bricht er, sichtlich erschöpft, eine Kundgebung nach wenigen Minuten ab und läßt sich teilnahmslos medizinisch versorgen.

Immer ist ein Ambulanzwagen in seiner Nähe - und Frau Imelda an seiner Seite. Mit ihr singt er dann, wenn er sich wohl fühlt, Liebeslieder im Duett, schwermütige Weisen.

Ihm macht physisch und psychisch zu schaffen, daß er erstmals in seiner zwanzigjährigen Herrschaft ernsthaft bedroht ist, von einem Gegner, der den Filipinos eine echte Alternative bietet. Kein Berufspolitiker hat den verschlagenen Marcos je so bedrängt wie die politische Amateurin Corazon Aquino.

Gerade weil Cory kaum Programmatisches zu bieten hat, ist sie für Marcos so schwer zu fassen. Wie sie die Wirtschaftsmisere des Landes beheben will, wie sie den heftiger werdenden Guerillakrieg mit den Aufständischen der »Neuen Volksarmee« zu beenden gedenkt - Cory bleibt unverbindlich.

Aus Unerfahrenheit macht sie Fehler: Sie könne sich vorstellen, dachte sie laut vor Journalisten, unter gewissen Umständen Kommunisten an der Regierung zu beteiligen. Ein hochwillkommenes Stichwort für Marcos: Seine Widersacherin lieferte selbst das Etikett, das er ihr ohnehin anzuheften gedachte.

Ein Wahlsieg von Frau Aquino gilt Marcos als Sieg der Roten. In einem millionenfach verbreiteten Brief beschwört der Präsident schreckliche Greuel, wenn seine Untertanen nicht zu ihm halten: »Ausrottung ganzer Volksstämme, Errichtung von Sklavenlagern und Zwangsarbeit, Abschaffung der Religion und Enteignung von Privatbesitz.« Corazon Aquino kontert nur schwach: »Lügen, wie gewöhnlich von Marcos nur Lügen.«

Doch die Taktik des Autokraten, seine Herausforderin als Zerstörerin der philippinischen Demokratie hinzustellen, schreckt in Manila wenige. Verkaufsschlager sind derzeit in der Hauptstadt T-Shirts mit dem Aufdruck »Marcos bis zum Ende«. Auf dem Rücken allerdings steht: »DIES ist das Ende.«

Nur, die Wahl wird nicht in Manila entschieden, 70 Prozent aller Filipinos wohnen auf dem Land. Das aber ist Revier der Marcos-Partei. Dort sind die Wählerlisten ungenau, die mehr als 9000 Wahllokale schwer kontrollierbar. Erstwähler, rund 2,5 Millionen, werden nur registriert gegen Vorlage eines Paßphotos. Das ist im Dschungel oft schwer zu erlangen, und wenn, kostet es einen halben Tageslohn. Bis zu 15 Prozent der Stimmen, schätzen Experten, können so manipuliert werden.

»Mein Problem ist«, vertraute Marcos amerikanischen Journalisten an. »daß ich mit einem so großen Vorsprung gewinnen könnte, daß meine amerikanischen Freunde es mir nicht glauben.« Anfang Januar standen bei philippinischen Buchmachern die Wetten auf einen Marcos-Sieg 80 zu 20. Ende Januar war die Quote auf 50 zu 50 geschrumpft.

Die Unsicherheit der Herrschenden macht diese aggressiv. General Fabian Ver, Stabschef der Streitkräfte, Marcos' Verwandter und sein treuer Knappe, droht: »Alle als Kommunisten bekannte Personen aus dem Umkreis der Oppositionskandidatin werden nach der Wahl vor Gericht gestellt.« Der Präsident, der sich auf sein Militär verlassen kann, wie er meint, deutet dunkel einen möglichen »Aufstand« seiner Offiziere an, weil die sich »niemals eine Frau« als Oberkommandierende vorsetzen ließen. Marcos hat nicht vor, die »ungepflegte Rote, die sich nicht einmal die Fingernägel lackiert« (Imelda), gewinnen zu lassen: »Wenn durch sie die Kommunisten die Macht ergreifen, werden wir sie mit den Streitkräften zurückerobern.«

Im Country-»Club Filipino« in Green Hills, wo der Geld- und Polit-Adel der Hauptstadt scheinbar ungestört unter sich sein kann, feiert ein Großunternehmer und Marcos-Parteigänger Geburtstag. Knapp 200 Gäste drängen sich im Ballsaal, der Präsident hat persönlich, wenn auch nur schriftlich, gratuliert. Zwischen Hummer und Roastbeef, Whisky und Mangosaft stören nur die Kellner. Sie tragen gelbe Aquino-Plaketten auf brauner Livree. »Völlig deplaciert«, schimpft eine Dame.

Doch wahren sie den demokratischen Schein; der Siegeszuversicht für die Wahl tut's keinen Abbruch. Wie denn auch: »Das ist doch alles nur Spielerei«, meint ein Richter, vormals Minister im Marcos-Kabinett, »egal wer die Wahl gewinnt - Marcos bleibt Präsident.«

Wulf Küster
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