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SOWJET-UNION Ehemann von Beruf

Mit Scheinehen und fiktiven Scheidungen versuchen Sowjetbürger, eine Wohnung zu bekommen.
aus DER SPIEGEL 21/1981

Der Moskauer Geiger Sascha galt unter Freunden und Kollegen als überzeugter Junggeselle -- bis zu seiner plötzlichen Heirat.

Dem rapiden Sinneswandel lag freilich kein Gefühlsüberschwang zugrunde, der Künstler hatte vielmehr eine ungeahnte Verdienstquelle aufgetan. Er heiratete eine ihm völlig unbekannte Studentin und reichte ein halbes Jahr später die Scheidung ein.

Seine Frau sah er insgesamt nicht einmal eine halbe Stunde: zehn Minuten bei der standesamtlichen Trauung im »Hochzeitspalast«, zehn Minuten bei der Scheidungszeremonie. Dann kassierte Sascha.

Die Studentin ließ sich ihre kurze Ehe 10 000 Rubel (mehr als fünf Jahreslöhne) kosten; schließlich hatte sie durch die teure Prozedur etwas erworben, was sonst in der Sowjet-Union selbst für harte Valuta nicht zu haben ist: eine Aufenthaltserlaubnis für Moskau.

Der Hochschulabsolventin ohne Protektion droht nämlich andernfalls der Umzug in die Provinz, wo sie zwei Jahre lang ihr staatliches Stipendium abarbeiten soll. Diese Pflichtaufgabe ist allen sowjetischen Jung-Akademikern gesetzlich vorgeschrieben.

Damit versucht der zentralistische Großstaat, der Landflucht und dem Mangel an Lehrern, Ärzten und Ingenieuren in der Provinz abzuhelfen, vor allem in Sibirien. Höhere Gehälter locken nämlich nur Facharbeiter aus anderen unterentwickelten Regionen in die Tundra. Leere Warenlager, »geschlossene« Städte, die keinen Namen, sondern nur Postnummern haben, Holzhäuser mit Außentoiletten (bei 40 Grad Frost über sechs Monate hinweg) werden von den Sowjetbürgern aus dem europäischen Teil der Sowjet-Union fast als Verbannung empfunden.

Wer einmal in den Ostregionen des Reiches gemeldet ist, muß meist dort bleiben. Die Hauptstadt Moskau kann er allenfalls als Tourist besuchen. Mit Zuzugstopp und Zwangsverschickung wehrt sich Moskau gegen Neubürger, um nicht in Wohnungsnot und Übervölkerung zu ersticken.

Für jeden der acht Millionen Einwohner stehen nur neun Quadratmeter Wohnraum zur Verfügung; erst 1990 soll -- laut Plan -- jede Familie eine eigene Wohnung bekommen. Dabei baut die UdSSR je Einwohner weniger Wohnfläche als die Bundesrepublik, nämlich nicht einmal einen halben Quadratmeter im Jahr. Mit dem Gegenwert von 20 Minuten Arbeitszeit je Quadratmeter ist die Miete auch nicht niedriger als für eine westdeutsche Sozialwohnung.

Jeder zweite Moskauer Haushalt muß sich daher heute noch mit anderen in einer Gemeinschaftswohnung Küche und Toilette teilen. Wer nach jahrelangem Warten eine eigene, abgeschlossene Wohnung erhält, zieht in öde, schon bald nach Fertigstellung verkommende Schlafstädte ohne Infrastruktur.

Das vermag Sowjetbürgern ihren Moskau-Traum beileibe nicht zu vermiesen, bietet doch die Hauptstadt gewaltige Vorteile gegenüber der Provinz: bessere Versorgung, bessere Arbeitsbedingungen, S.167 mehr Freizeit und zusätzliche Verdienstmöglichkeiten.

Ärzte, Anwälte und Facharbeiter haben häufig mehrere Arbeitsplätze gleichzeitig, Lehrer verdienen mit Nachhilfestunden hinzu, um Schmiergelder verteilen zu können, begehrte Mangelware »unter dem Ladentisch weg« zu kaufen oder Schwarzmarktpreise für Westwaren zu bezahlen.

Für eine Zuzugsgenehmigung nach Moskau scheint Sowjetbürgern kein Preis zu hoch: Bei Freunden lernte der Swerdlowsker Künstler Leonid, 30, die Parteigenossin Natascha kennen. Sie war zwar schon weit in den Sechzigern, hatte dafür jedoch ein Zimmer in Moskau zu bieten. Als alleinstehende Rentnerin befürchtete sie die Einweisung in ein Altersheim außerhalb der Stadt, was man landläufig als »Vorstufe zum Friedhof« bezeichnet.

So nahmen Leonid und Natascha ihre Chance wahr: Die beiden beantragten beim Standesamt »Sags« ("Gesetzlicher Akt des Zivilstandes") eine Heiratserlaubnis.

Mit der Hochzeit bekommt der auswärtige Jung-Ehemann automatisch eine Zuzugsgenehmigung und einen Anspruch auf die neun Quadratmeter Moskauer Wohnraum. Wichtig: Seinen Hauptstadt-Status kann er selbst nach einer Scheidung nicht mehr verlieren.

Nur mit einer Zuzugsgenehmigung bekommt man in Sowjetstädten auch eine Arbeitserlaubnis, die freilich auch Voraussetzung für eine Zuzugsgenehmigung ist -- den Ausweg aus dem Teufelskreis bieten Beziehungen zu hochgestellten Funktionären, die Anforderung durch ein Ministerium oder eben Scheinehe und Scheidung.

Das Scheidungsverfahren ist in der Sowjet-Union ebenso unkompliziert S.170 wie die Eheschließung: Eine kurze Eingabe von nur einer der Parteien genügt, die Kosten liegen bei 50 Rubel (150 Mark), die Prozedur dauert meist nicht einmal eine Viertelstunde.

Danach fahren geschiedene Ehepartner oft einträchtig nach Hause und beantragen zwei Ein-Zimmer-Wohnungen. Heiraten sie inzwischen wieder, besitzen sie bei Zuteilung der gewünschten Wohnungen wertvolle Tauschobjekte, die sie etwa einem scheidungswilligen Ehepaar für dessen Drei-Zimmer-Wohnung anbieten können. So haben sie die eigene Familie unter Umgehung der jahrelangen Wartezeit komfortabler untergebracht.

Das mag einer der Gründe sein, weswegen jede dritte Ehe in der Sowjet-Union -- in den Großstädten jede zweite -- noch im ersten Jahr wieder geschieden wird; schätzungsweise jede fünfte Scheidung ist fiktiv und dient allein der Wohnraumbeschaffung.

Der Violinist Sascha schlägt daraus Profit. Er bessert seine Gage alle Jahre wieder durch eine Scheinehe auf --Berufsehemann ist ein, wie er sagt, »sehr gut bezahlter Job«.

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