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Botschafter Eher altmodisch

Das Bundeskabinett will den nach Egon Bahr ranghöchsten außenpolitischen Experten des Kanzleramtes, Ulrich Sahm, als Botschafter nach Moskau entsenden.
aus DER SPIEGEL 3/1972

In Bonns Außenministerium erscheint fast jeden Morgen ein Amtsfremder mit Kladde. Unbehelligt notiert der Gast, Ministerialdirektor Ulrich Sahm aus dem Kanzleramt, was sich AA-Direktoren vertraulich zu sagen haben. Sahm-Kollege Karl-Friedrich Brodesser: »Ein anderer dürfte sich da gar nicht sehen lassen.«

Sahms unauffällige und wirksame Kontaktpflege hat sich ausgezahlt. Am Jahreswechsel beschloß das Bundeskabinett einstimmig, beim Kreml für Willy Brandts Gewährsmann das Agrément als Bonns Botschafter in Moskau zu beantragen.

An Sachverstand fehlt es dem parteilosen Diplomaten nicht. Denn Jurist Sahm, 54, war von Anfang an aktiv an der Formulierung der neuen sozialliberalen Ostpolitik beteiligt. AA-Sprecher Guido Brunner: »Der logische Kandidat.«

Zugleich bietet der in London und Paris trainierte Karrierediplomat die Garantie dafür, daß Bonns neuer Emissär -- anders als seine Vorgänger -- mit Loyalität die Bundesregierung in Moskau vertreten wird.

So wurde 1962 Botschafter Hans Anton Kroll abberufen, weil er sich mit Nikita Chruschtschow besser verstand als mit seinen Dienstherren Konrad Adenauer und Gerhard Schröder. Krolls Nachfolger. Horst Groepper. dachte sich nichts dabei. 1964 Kanzler Erhards Antwort auf Chruschtschows Silvesterbotschaft in einem Kleinlastwagen zum Kreml befördern und dort beim Pförtner abgeben zu lassen. Und Gebhardt von Walther fiel während der Großen Koalition in Bonn mit der Frage auf, was denn nun der Kern der neuen Ostpolitik sein solle: Mit Moskau gegen Pankow oder mit dem Satelliten gegen Moskau oder was sonst?

Auch der noch bis zum Frühjahr 1972 amtierende Walther-Nachfolger Helmut Allardt leistete sich Eigenmächtiges. Statt seine progressiven Thesen über die deutsch-sowjetischen Beziehungen erst einmal dem Bonner Außenamt zu erläutern, machte sie der Botschafter durch ein Zeitungsinterview bekannt.

Derlei Extravaganzen sind von Sahm nicht zu erwarten. 1969 rief Kanzler Brandt den Beamten. der zuvor im AA gedient hatte, als Chef der Abteilung II (Auswärtige und Innerdeutsche Beziehungen) in sein Amt. Im März 1970 schickte er· seinen Sahm nach Ost-Berlin. In langwierigen Gesprächen bereitete der Emissär. der nach eigenem Bekunden »sehr bewegt durch die Mauer fuhr«, die innerdeutschen Gipfelgespräche vor.

In Moskau will der »eher altmodische Beamte« (Sahm über Sahm) erst mal seine Bildungslücken schließen, sich von Whisky auf Wodka umstellen. »sehr konzentriert Sprachstudien treiben« und vor allem ethnologisch zulernen.

Denn bislang war der völkerkundlich Interessierte mehr westlich orientiert. Fasziniert von einer altenglischen Sitte, mittels bemalter hölzerner Kleiderpuppen böse Geister zu scheuchen, hat Sahm sieben Exemplare dieser »dummy board figures« zur größten kontinental-europäischen Privatsammlung zusammengetragen. Bei Gelegenheit will der Sammler über sein ungewöhnliches Hobby ein Buch schreiben.

Sahm hat dieses Vorhaben auf die Zeit nach seiner Pensionierung verschoben, um sich besser auf sein künftiges Gastland und dessen Bewohner einstellen zu können. Der gebürtige Bochumer, der noch nie in Rußland war, ist bisher nur einem Sowjetmenschen von Rang »wiederholt begegnet«, dem in Bonn akkreditierten Botschafter Walentin Falin.

Was der designierte Moskau-Botschafter seiner Ansicht nach für das neue Amt »mitbringt«, sind »genaue Kenntnisse über Motive und Beweggründe der Ostpolitik«. Zugleich erfüllt sich der 1,93 Meter große Sohn des ehemaligen Berliner Oberbürgermeisters und deutschen Gesandten in Oslo, Heinrich Sahm, einen Kindheitswunsch: »Einmal Botschafter werden.«

Und auch das Auswärtige Amt hält ein stichhaltiges Argument bereit. Ein hoher AA-Beamter über den mit rund 30 Mitarbeitern besetzten Außenposten: »Wenn Herr Sahm nach Moskau geht, dann erhöht sich dort die Zahl der engagierten Befürworter unserer Ostpolitik von drei auf vier.«

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