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ISRAEL Eher Schweigegeld

Fünf Jahre nach dem Olympia-Massaker an Israels Sportlern verlangen die Angehörigen Entschädigung.
aus DER SPIEGEL 36/1977

Nur wenn wir endlich Klarheit schaffen«, sagt Ilana Romano, die Witwe des beim Münchner Olympia-Massaker umgekommenen israelischen Schwerathleten Josef Romano, »könnnen wir dieses tragische Kapitel abschließen.«

Klarheit wollen die Hinterbliebenen darüber, ob die Bundesrepublik, der Freistaat Bayern, die Stadt München oder das deutsche Olympische Komitee für das München-Massaker verantwortlich sind -- und folglich für die Opfer aufkommen müssen.

Insgesamt sieben Witwen, vierzehn Waisenkinder und dreizehn noch lebende Eltern haben Ansprüche auf Renten angemeldet. »Sonst wird niemand für die Zukunft unserer Kinder sorgen«, bangt Ilana Romano.

Zwar hatten die bestürzten Bundesbehörden unmittelbar nach dem blutigen Attentat den Familien Soforthilfe geleistet: Eine Million Dollar vom Roten Kreuz, spontane Spenden aus der deutschen Bevölkerung flossen nach Israel. »Das Geld kam schon im Flugzeug mit den sterblichen Überresten unserer Männer«, erinnert sich Anke Spitzer, Frau des Fechters Andre Spitzer. Es wurde unter den Familien verteilt.

Aber an langfristige Forderungen dachte niemand. »Dazu waren wir damals viel zu niedergeschlagen«, meint Frau Spitzer. Heute hat sie den Eindruck, daß die Zahlungen »weniger eine großzügige Geste als ein Schweigegeld sein sollten«.

Denn die verwaisten Familien leben jetzt von einer minimalen Rente der israelischen Sozialversicherung (Bituach Leumi), die Terror-Opfern zusteht. Frau Spitzer bezieht für sich und ihr Kind rund 900 Mark monatlich: »Das reicht ungefähr für meine Miete.« Ilana Romano mit drei Töchtern erhält rund tausend Mark, die alten Eltern des Gewichthebers Zeev Friedman bekommen nur 200 Mark im Monat.

Da halfen auch die 10 000 Mark nicht viel, die jeder Familie vor drei Jahren überwiesen wurden, die Auszahlung einer Versicherungssumme des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) der Bundesrepublik. Es sollte die endgültige Abfindung sein.

Einige Familien hatten zusätzliche finanzielle Forderungen an die Bundesrepublik und/oder Bayern erwogen. Doch dabei stießen sie regelmäßig auf die Frage, wer für den Schutz der Sportler zuständig war. Bonn behauptet, Israel teile die Verantwortung, denn es habe Sonderschutz-Offerten verworfen. Sogar israelische Instanzen bezweifelten die Berechtigung von Ansprüchen. Das Außenministerium in Jerusalem beschied Ratsuchende: »Kein legaler Anlaß zum Prozessieren.«

Die München-Geschädigten fanden einen einflußreichen Helfer: Samuel »Sammy« Flatto Scharon, ein Grundstücksspekulant, der sich 1972 aus Frankreich nach Israel abgesetzt hatte, um einem Fahndungsbefehl der Pariser Polizei zu entgehen, und der inzwischen sogar in die Knesset, das Jerusalemer Parlament, gewählt worden ist.

Flatto Scharon machte sich stark, für Entschädigungen zu sorgen. Sein Tel Aviver Anwalt, Pinchas Zeltzer, gründete eine Interessengemeinschaft der Geschädigten (Präsident: Flatto Scharon) und flog nach Bonn. Er meldete Forderungen an gegen alle Personen und Gremien, »die außerstande waren, die Opfer zu schützen . . » während sich diese auf deutschem Boden befanden«, und verlangt

* eine einmalige Entschädigung und monatliche Rentenzahlungen für alle Familienangehörigen sowie

* eine Globalsumme für die Errichtung einer Gedenkstätte (Sportzentrum) auf den Namen der Münchner Märtyrer.

Zeitzer wandte sich an die Justizabteilung des Bonner Auswärtigen Amtes, den Staatsminister der Justiz in Bayern, den Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München, den Polizeipräsidenten in München und das NOK für Deutschland -- erfolglos.

Die Bundesregierung könne zu der Forderung nicht Stellung nehmen. dozierte die Staatsministerin des Auswärtigen Amtes Hamm-Brücher in einem Brief, »da sie weder Ausrichter der Olympischen Spiele 1972 noch für die Sicherheit im olympischen Dorf zuständig war. Sie ist daher für die Folgen der tragischen Ereignisse rechtlich nicht haftbar.« NOK-Chef Daume beschied Zeitzer, »es erübrigt sich aus unserer Sicht und was uns anbetrifft, daß Sie sich auf der Reise nach Bonn die Mühe eines Umweges nach München machen«.

Das bayrische Justizministerium wollte ebenfalls keine Aussprache mit Zeltzer. Zeltzers Auftraggeber Flatto Scharon vorige Woche zum SPIEGEL: »Ich werde jetzt selbst nach Bonn fliegen, um Bundeskanzler Schmidt Deutschlands moralische und legale Verpflichtungen klarzumachen.« Vor einem Deutschlandbesuch möchte der Abgeordnete Flatto Scharon allerdings die Zusicherung, daß er nicht an Frankreich ausgeliefert wird.

* 1972 in Tel Aviv bei der Überführung der Olympia-Opfer.

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