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Hochschulen Eherner Grundsatz

Der Privat-Uni Witten/Herdecke droht die Pleite. Finanzspritzen des Landes und saftige Studiengebühren sollen helfen.
aus DER SPIEGEL 42/1994

Zielsicher appelliert Konrad Schily, 56, in dem überfüllten Hörsaal an das Wir-Gefühl der Studenten: Es gelte jetzt, »zusammen Lösungen zu entwickeln« und »gemeinsam in die Verantwortung zu gehen«.

Die entscheidenden Worte spricht der Präsident der privaten Muster-Universität Witten/Herdecke beinahe beiläufig: Eine »Kostenbeteiligung der Studierenden am Studium« sei leider unumgänglich. Im Klartext: Seine Studenten sollen in Zukunft saftige Studiengebühren bezahlen.

An jeder anderen Universität in der Bundesrepublik hätten die Hochschüler ihren Präsidenten mit Eiern beworfen und vom Campus gejagt. Nicht jedoch in Witten/Herdecke. Die finanzielle Lage der Privat-Hochschule ist so katastrophal, daß selbst die Studenten ein Einsehen haben.

Allein in diesem Jahr fehlen der Uni 7 Millionen Mark, 1995 wird bei einem Haushalt von rund 30 Millionen gar eine Lücke von etwa 10 Millionen Mark klaffen. Nur wenn das Land Nordrhein-Westfalen kräftige Zuschüsse (rund 5 Millionen Mark pro Jahr) beisteuert, kann die Hochschule noch überleben - das ursprüngliche Konzept einer allein aus Spenden finanzierten Privat-Universität ist gescheitert.

Dabei gilt die 1982 gegründete Hochschule als eines der ehrgeizigsten Bildungsprojekte der letzten Jahrzehnte. Unabhängig von staatlicher Bevormundung wird der Lehrbetrieb als GmbH geführt. Etwa 600 Studenten pauken in Witten/Herdecke naturwissenschaftliche Grundformeln, lernen das Einmaleins der Wirtschaftswissenschaften, studieren Human- und Zahnmedizin oder Musiktherapie.

Frontalunterricht wie überfüllte Seminare sind unbekannt, Dozenten und Studenten arbeiten eng zusammen. Jeder Hochschüler lernt zusätzlich zu seinem Fach zwei Fremdsprachen und muß sich, gleichsam als Studium fundamentale, mit fremden Fachgebieten beschäftigen. Regelmäßiger Kontakt zur Praxis verhindert, daß die Jungakademiker zu abgehobenen Fachidioten werden. Nur ungefähr zwei Prozent brechen das Studium vorzeitig ab.

Die Hochschule wählt selbst aus, wer in Witten und Herdecke studieren darf. Bislang zählten dabei ausschließlich Leistung und Persönlichkeit der Bewerber. Mit der Einführung von Studiengebühren fürchten Experten in Zukunft auch eine soziale Auslese.

Die drohende Pleite erklärt Hochschulpräsident Schily mit dem Konkurs einiger zahlungskräftiger Spender. Überdies würden seit der Wiedervereinigung viele Stiftungen neue Projekte in den östlichen Bundesländern unterstützen. Eine auf fünf Jahre befristete Finanzspritze der Bertelsmann-Stiftung in Höhe von fünf Millionen Mark pro Jahr läuft ebenfalls aus.

Mit staatlichen Zuschüssen, die eng an die Spendeneingänge gekoppelt werden sollen, wollen die SPD-Bildungspolitiker im Düsseldorfer Landtag die Hochschule jetzt retten. Zu jeder gesammelten Spendenmark, so lautet ihre Empfehlung, müsse das Land 25 Pfennig hinzugeben - macht etwa fünf Millionen Mark an Subventionen pro Jahr. Die Zuwendung soll auf sechs Jahre befristet sein.

Überdies hat die nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerin Anke Brunn (SPD) einen ehernen Grundsatz ihrer Bildungspolitik geopfert: die kategorische Ablehnung von Studiengebühren.

Noch Anfang des Jahres hatte die Politikerin allen Studenten in Nordrhein-Westfalen in einem offenen Brief mitgeteilt: »Studiengebühren . . . wird es mit mir nicht geben.« Die nicht ganz freiwillige Kehrtwendung begründet Brunn mit dem »interessanten Studienreform-Modell« der Uni Witten/Herdecke.

Der Hochschul-Visionär Schily war immer schon ein gewiefter Taktiker. 1989 verhandelte er mit dem Stuttgarter Ministerpräsidenten Lothar Späth (CDU) über den Umzug seiner Universität nach Mannheim. Obwohl das Vorhaben platzte (Späth und die baden-württembergische Industrie hatten ihre zugesagten Finanzspritzen plötzlich zurückgezogen), schlug Schily Gewinn aus dem Standort-Poker: Das Land Nordrhein-Westfalen und der Bund spendierten ihm zusammen 50 Millionen Mark für den Ausbau der Hochschule.

Kaum waren Professoren und Studenten im September 1993 in den Neubau eingezogen, offenbarte Schily dem Land erstmals seine finanziellen Nöte.

Bis zum Jahresende will die Hochschule nun ein umfassendes Sanierungskonzept vorlegen. Danach soll jeder der angepeilten rund tausend Studenten etwa 5000 Mark pro Studienjahr bezahlen. Schon im nächsten Jahr will die Uni-Leitung kassieren.

Der Preis: Studenten wie dem Naturwissenschaftler Thomas Bonk, 25, droht dann der Umzug an eine andere Uni. Bonk: »Ich könnte einfach keine Gebühren bezahlen.« Y

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