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BERLIN Ehrenhafte Jünglinge

Die Unionsspitze wird Ihrer rechten Basis kaum noch Herr, Ex-Senator Heinrich Lummer steht vor dem Comeback. *
aus DER SPIEGEL 44/1987

Die gute Botschaft kam im Krankenwagen. Am Strausberger Platz im Ost-Berliner Bezirk Friedrichshain stoppte ein Barkas-Kleinlaster des Deutschen Roten Kreuzes der DDR. Drei Insassen machten sich aktionsbereit: Sie streiften T-Shirts mit Werbeaufdruck der West-Berliner Jungen Union (JU) über, ergriffen paketweise Flugblätter und machten sich auf den Weg in die City.

Das war während der Weltjugendfestspiele im Sommer 1973. Die Männer, die in der Montur des Klassenfeindes für »Frieden in Freiheit« (Flugblatt-Text) agitierten, hatten das riskante Tarnstück mit Freunden des DDR-Krankentransportwesens eingefädelt. Die Westler waren Spitzenfunktionäre des CDU-Nachwuchses, allen voran Klaus-Rüdiger Landowsky, damals Leiter der 17köpfigen JU-Delegation, und der seinerzeitige JU-Pressesprecher Eberhard Diepgen.

Binnen zehn Jahren rollten die kampferprobten Parteifreunde, unterstützt von stramm rechten Gesinnungsgenossen, die örtliche Honoratiorenpartei auf und marschierten durch bis ganz oben: Diepgen regiert als Bürgermeister seit fast vier Jahren in West-Berlin; Landowsky brachte es zu manchem hochdotierten Posten - er hat nun als Generalsekretär die CDU unter seiner Fuchtel.

Ein ähnlicher Coup dürfte sich kaum wiederholen, die Oberen haben heute _(1973 auf dem Strausberger Platz in ) _(Ost-Berlin. )

ihren Nachwuchs streng im Visier. Als Zuchtmeister der Jungen tut sich ein weiterer Veteran hervor: Peter Kittelmann, parteimächtiger Vorsitzender des CDU-Kreises Tiergarten. Er focht in den sechziger Jahren wie Diepgen und Landowsky in einer schlagenden Verbindung und führt heute die rechte Betonfraktion in Berlins CDU an.

Der JU-Landesvorsitzende Dieter Dombrowski, demnächst wegen Erreichens der Altersgrenze rücktrittsfällig, wird von der Berliner CDU im »Büro Kittelmann« beschäftigt. Und vor dem Nachfolge-Favoriten Gunnar Sohn muß Kittelmann nicht bange sein. Der jobbt auch schon bei ihm.

Wer rechts Anschluß halten will, vertraut auf Kittelmann. Unter den 6500 Mitgliedern der Nachwuchsorganisation kursiert ein Kittelmann-Wort: An Unbotmäßigen würden »die Mandate vorbeifließen wie das Wasser an der Insel«.

In diesem Klima haben liberale Nachrücker von der parteiinternen Opposition keine Chance. Rechte Fraktionierer sind schon eifrig dabei, Kittelmanns Gegenkandidaten für die Landesvorstandswahlen im November, Peter Kurth, einzumauern. Kurth kommt aus dem liberalen Kreis Wilmersdorf, der bei der Betonfraktion als »Sowjetisch-Wilmersdorf« in Verruf ist.

Immer nur auf der Hut nach links, ignorierte die Unionsspitze lange Zeit, daß es am rechten Rand bei den Junioren drunter und drüber ging. In der Wende-Jugend liefen immer wieder Schwanbraune mit, die unter dem Etikett der Jungen Union für Skandale sorgten.

Die Jungunionisten priesen etwa den Hitler-Gefolgsmann und Fliegerhelden Hans-Ulrich Rudel wegen seiner »glorreichen Einsätze« gegen »anstürmende Sowjethorden«. Auf einer Gemeinschaftsreise zum Hambacher Schloß, wo 1985 US-Präsident Ronald Reagan sprach, grölten sie »Heil Hitler« und »Ausländer raus«. Auf einer anderen Gruppenfahrt ertönte: »In Dachau ist kein Bett mehr frei.«

Mitglieder der »Schüler-Union« forderten, an den Schulen solle die Lektüre von Bert Brecht verboten werden. Ein JU-Kreisvorsitzender wurde wegen von ihm bestrittener antisemitischer Äußerungen zum Austritt veranlaßt: Parteifreunde bezeugten, er habe dagegen protestiert, daß während eines Parteitages der zum linken Flügel zählende Abgeordnete Ekkehard Wruck »ohne Judenstern« sprechen dürfe.

Die rüden Rüpel seien »Rost unter dem Lack der CDU«, urteilt der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Nils Diederich, die Exzesse bräunlicher Jungchristen seien mehr als nur eine »Frage der Kinderstube«.

Das Rumoren am rechten Rand macht einer Parteiführung zu schaffen, die nach den Korruptions- und Bauskandalen der jüngsten Zeit ohnehin an Glaubwürdigkeit verloren hat. In den letzten Monaten haben zahlreiche Christdemokraten die Partei verlassen, viele wechseln gleich zum Landesverband der ultrakonservativen Kleinpartei »Die Republikaner« über.

Rechte Parteifreunde sind über die Stadtregierung erbost, die mit liberalen Vorzeigepolitikern etwa den Senatoren Ulf Fink und Volker Hassemer, um Sympathie bei der Wählermitte wirbt. Den Unzufriedenen will nun Heinrich Lummer zu Hilfe eilen.

Der frühere Innensenator, der voriges Jahr stürzte, weil er mit Rechtsextremisten Absprachen im Wahlkampf 1971 getroffen hatte, sitzt derzeit im Bundestag, möchte aber in Berlin wieder kräftiger mitmischen: Auf dem Landesparteitag im November kandidiert Lummer für den Vorstand. Der Ex-Senator postuliert, der Konservatismus habe in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen »wie einst die christliche Seefahrt«. Lummer hat auch registriert, daß viele Gesinnungsfreunde in Berlin derzeit die Frage stellten, »wer in der Senatsführung sie politisch repräsentiert«.

Die Unionsspitze hat dem rechten Treiben lange untätig zugesehen. Doch seit, wiederum aus der Jungen Union heraus, auch noch Diepgens pragmatische Ostpolitik attackiert wird, schreiten die Parteioberen gelegentlich zur

Tat. So war der JU-Vorsitzende Carsten Pagel aus Diepgens altem Heimatkreis Tiergarten stets gut angeschrieben, obwohl seine Mannen zu den Rudel-Verehrern gehörten oder dafür eintraten, Aids-Infizierte mit Tätowierungen zu brandmarken. In Ungnade fiel Pagel erst, als er seinen langjährigen Förderern Pfründenwirtschaft und einen »Linksruck« in der Deutschlandpolitik anlastete. Unter turbulenten Umständen wurde Pagel Ende September aus dem Amt gekickt.

Pagel-Gegner hatten einen Massenzuzug neuer Mitglieder nach Tiergarten organisiert, um die Mehrheit zu kippen. Auf der Jahresversammlung der JU-Tiergarten im vergangenen Monat konnte Pagel seine Abwahl zwar zunächst stoppen: Er hatte die Saaleingänge durch martialisches Gefolge in schwarzem Leder (ein Augenzeuge: »Da fehlte nur noch der Stahlhelm") blockieren lassen. Doch dann erklärte der Landesvorstand ihn kurzerhand für abgesetzt. 34 Anhänger traten gemeinsam mit Pagel aus der Partei aus.

Daß die Parteispitze mit Maßnahmen oft zögert, nimmt nicht wunder. Manche der rechten Rabauken haben die Betonriege schon erreicht. Sie gehören zu jener geschlossenen Gesellschaft, die Ursula Besser, ehemalige CDU-Alterspräsidentin des Abgeordnetenhauses und Diepgen-Kritikerin, als »sorgfältig gehüteten, mit Herrschaftswissen ausgestatteten undurchdringlichen Zirkel« beschreibt .

So auch Pagel: Kurz nach seinem Rausschmiß streute er die Nachricht, die CDU habe dem ehemaligen Tiergartener Bezirksbürgermeister Hans-Martin Quell,der im Juni vom Landgericht wegen Vorteilsannahme in der Bau-und Korruptionsaffäre zu zehn Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung sowie 30000 Mark Geldbuße verurteilt worden war,ein Darlehen von 10000 Mark gezahlt.

Damit brach erneut die Diskussion um Korruption und schwarze Kassen aus. Diepgen,der wie Quell Geld von dem bestechungsverdächtigen Bauunternehmer Kurt Franke genommen hatte,war lange Zeit nicht bereit gewesen,Quells Suspendierung zu betreiben. Nicht einmal Quells Filzokratenrolle reichte den Tiergartener Parteifreunden zur Einleitung eines Ausschlußverfahrens. Betonführer Kittelmann,selbst mit über 150000 Mark auf der Franke-Liste rechtfertigte das Parteidarlehen an Quell, ein »Zeichen menschlicher Solidarität, die sich nicht nur in Worten erschöpft«, sei am Platze gewesen.

Kittelmanns Parteikreis, in dem Junge und Alte so trefflich zusammenwirken, trägt nach Ansicht von CDU-Reformern wie dem Wilmersdorfer Wruck allerdings weniger karitative als vielmehr mafiose Züge. Ihm kommen manche Unionsleute aus Tiergarten,so schrieb Wruck im liberalen »Volksblatt Berlin«, gelegentlich wie jene Freunde der italienischen Oper vor, die lediglich in »giovani d''onore« (ehrenhafte Jünglinge) und »malandrini« (schlechte Kerle) zu unterteilen seien.

Auch bei der richtigen Mafia, so Wruck, hätten alle sich »zu verpflichten, für jede Unbill selbst Abhilfe zu suchen und niemals vor Gericht richtig Zeugnis abzulegen«.

1973 auf dem Strausberger Platz in Ost-Berlin.

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