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Briefe

EHRENWORT
aus DER SPIEGEL 8/1961

EHRENWORT

Ich möchte Ihren Bericht über den Prozeß zwischen den Erben Sauerbruch und dem Schriftsteller Jürgen Thorwal zum Anlaß nehmen, festzustellen: Die grundsätzliche Bedeutung der erschütternden Ereignisse, die sich in den letzten Lebensjahren von Sauerbruch abgespielt haben, ist gering. Denn der Fall ist einzigartig. Sauerbruch konnte trotz der unverkennbaren Zeichen fortgeschrittener Hirngefäßverkalkung seine operative Tätigkeit nur fortsetzen, weil die Zeit aus den Fugen geraten war (1945 bis 1948) und weil seine Umgebung in den vorhergehenden zwölf Jahren zum Schweigen erzogen worden war. Unter normalen Verhältnissen besteht schon durch die obligatorische Emeritierung der Leiter von Universitätskliniken und Krankenhausabteilungen (durchschnittlich im achtundsechzigsten Lebensjahr) eine weitgehende Sicherung gegen ähnliche Vorfälle.

Es braucht darum nicht die Sorge von Herrn Thorwald zu sein, den Schutz des Publikums vor alterskranken Operateuren in einer Artikelserie zu erörtern, die nicht mehr ist als eine zu 22 Fortsetzungen »ausgewalzte« und auf das primitivste Sensationsbedürfnis zugespitzte, laienhafte Krankengeschichte der geistigen Verdunkelung eines Großen der Medizin. Es gibt nicht nur eine Ehrfurcht vor der Leistung, sondern auch eine vor dem geistigen Leiden, das sich schicksalsmäßig dem Zugriff menschlicher und ärztlicher Beeinflussung entzieht. Sauerbruch, der in der Vollkraft seiner Jahre der kranken Menschheit unendliche Wohltaten erwiesen hat, verdiente, daß man ihm nach seinem Tode für die Jahre der Umnachtung das Geschenk des Schweigens gibt.

Basel PROFESSOR DR. RUDOLF NISSEN

Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik

Nissen

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