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JERUSALEM Eifersucht auf Gott

aus DER SPIEGEL 13/1956

Wenn - wie jetzt wieder zu Ostern eines der großen christlichen Feste heranrückt, pflegt der mohammedanische Kommandant des jordanischen Sektors von Jerusalem vorsorglich Polizeiverstärkungen anzufordern. Ruhe und Ordnung sind dann vor allem in jenem uralten Stadtteil am Damaskus-Tor bedroht, wo sich, aus einer orientalischen Dunstwolke von Knoblauch, Hammelfett und ranzigem Olivenöl aufsteigend, eine der heiligsten Stätten der Christenheit erhebt: die Kirche zum Heiligen Grabe.

Dieser ehrfurchtgebietende Ort an der blutenden, durch kilometerlangen Stacheldraht markierten Grenze zwischen Israel und Jordanien ist Schauplatz eines kalten Krieges, der von Zeit zu Zeit die Form von Straßenschlachten annimmt.

Es handelt sich jedoch keineswegs um Scharmützel zwischen Arabern und Juden. Vielmehr stürzen aus Gründen, die von den wachthabenden Söhnen des Propheten nie ganz begriffen werden, aus den umliegenden christlichen Klöstern plötzlich katholische Franziskaner und griechisch orthodoxe Popen aufeinander los. Die Mönche packen sich an der Gurgel und traktieren einander mit den Füßen. Ehrwürdige Patres wälzen sich in ihren Kutten im Straßenstaub.

Derartige Raufszenen entweihen nicht nur jene Stätte, an der Jesus Christus nach dem apostolischen Glaubensbekenntnis »begraben, niedergefahren zur Hölle, am dritten Tage auferstanden von den Toten« ist. Ähnliche Prügeleien spielen sich auch an anderen Stationen des Kreuzweges Christi ab, an denen fromme Pilger zu den hohen Festzeiten den Fußtapfen ihres Heilandes folgen.

Mit einer Routine, die beweist, daß derartige Zwischenfälle nichts Außergewöhnliches sind, geht dann die jordanische Polizei daran, die Würde des Ortes wiederherzustellen, und zwar auf typisch orientalische Weise.

Zunächst suchen die mit dem Polizeidienst beauftragten Soldaten der Arabischen Legion die mit Handgreiflichkeiten argumentierenden Mönche durch begütigende Worte zu besänftigen. Wenn dies Palaver keinen Erfolg hat, wird der Friede zwischen den untereinander verfeindeten christlichen Konfessionen durch mohammedanische Kolbenhiebe und Fußtritte wiederhergestellt.

Seit etwa einem Jahrtausend herrscht in der Grabeskirche, zu der ein wahres Labyrinth von Kapellen, Krypten, Sakristeien und Andachtsstätten gehört, die Zwietracht. Denn in den Besitz dieses Heiligtums teilen sich vier Religionsgemeinschaften: die »Lateiner« - wie die Römischen Katholiken dort genannt werden -, die Griechisch-Orthodoxen, die Kopten und die armenischen Christen, die sich stolz rühmen, als erstes Volk der Erde bereits im dritten Jahrhundert das Christentum als Staatsreligion anerkannt zu haben.

Jede dieser Gruppen wacht mit heiliger Eifersucht über ihre Rechte. Es ist die höchste Form der Eifersucht, die es gibt: die Eifersucht auf Gott.

Im Jahre des Herrn 1956 konnte ein Sonderberichterstatter des italienischen »Corriere della Sera« seinen katholischen Lesern melden:

»Man könnte von der Kirche zum Heiligen Grabe einen Vermessungsplan anfertigen und darin die Teile, die von den einzelnen christlichen Gemeinschaften jeweils als ihr Besitz betrachtet werden, durch unterschiedliche Farben kennzeichnen. Auf diese Weise entstünde eine Art Generalstabskarte mit wirklichen Grenzen und echten Hauptkampflinien, an denen - nur als Modellfall angeführt - jene Höhle verteidigt wird, in der die drei Kreuze gefunden wurden oder an denen die Engelskapelle oder das Heilige Gefängnis umkämpft werden.

»Das gleiche gilt für Golgatha, das in zwei Hauptteile zerfällt: einen griechisch orthodoxen zur Linken und einen katholischen zur Rechten. Wenn eine der christlichen Gruppen die Grenzen zu überschreiten und in das Eigentum der anderen einzufallen sucht, kommt es sofort zu Prügeleien.«

Dieser Zwietracht ist wahrscheinlich auch der Plan des Vatikans zum Opfer gefallen, die heiligen Stätten unter dem Patronat der Vereinten Nationen zu internationalisieren, als im Feuer des Palästina-Konflikts der jüdische Nationalstaat geboren wurde. Bei der Teilung des Heiligen Landes zwischen Israel und Jordanien kamen vielmehr die christlichen Heiligtümer wieder unter die Obhut der Mohammedaner, in deren Besitz sie sich mit wenigen Unterbrechungen während der mittelalterlichen Kreuzzüge und der britischen Mandatsherrschaft seit 1300 Jahren befanden.

Der Konfessionshader hat bisher auch zum Leidwesen des katholischen Patriarchen von Jerusalem, Monsignore Gori, der mit seinen Franziskanern und Kapuzinern der katholische Treuhänder des Heiligen Grabes ist - die Ausführung eines dringlichen Vorhabens verhindert: eine gründliche Restaurierung der Grabeskirche, die wegen Altersschwäche zusammenzustürzen droht.

Die Katholiken behaupten, das Haupthindernis für eine würdige Wiederherstellung dieses geweihten Ortes sei die Intransigenz der Orthodoxen, die befürchten, daß sie strategische Glaubensstellungen preisgeben müßten, weil durch solche Arbeiten der »griechische Charakter« der Grabeskirche beeinträchtigt werden würde.

Katholische Archäologen sollen Pläne ausgearbeitet haben, später hinzugefügtes Mauerwerk abzureißen, um die darunterliegenden Zeugnisse der frühchristlichen Architektur aus der Zeit der Heiligen Helena und ihres Sohnes Konstantin des Großen wieder zur Geltung kommen zu lassen. Nach Ansicht katholischer Kunsthistoriker ist die Grabeskirche bis auf wenige Teile von »völlig verworrener Mittelmäßigkeit«. Die Stellung der katholischen Kirche ist besonders stark, weil sie als einzige der vier Okkupanten des Heiligen Grabes über die notwendigen Finanzierungsmittel verfügt.

Solchen denkmalspflegerischen Bestrebungen setzen die Griechen vorerst passiven Widerstand entgegen. Sie haben nämlich auch noch einen anderen Finanzier für das Heilige Grab an der Hand.

Unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg hatten sich die Sowjets daran erinnert, daß die russischen Zaren während der Türkenherrschaft im Heiligen Land als Beschützer der Griechisch-Orthodoxen fungierten, ebenso wie Frankreichs Könige jahrhundertelang als »Verteidiger des Glaubens« und Schutzmacht der katholischen Kirche galten. Die Zaren waren es auch gewesen, die nach einem Brand im Jahre 1808, der die Grabeskirche zerstört hatte, den Wiederaufbau des Heiligtums bezahlten, während das gesamte westliche Europa von solch frommen Werken durch die Napoleonischen Kriege abgehalten wurde.

Bereits 1945 sandte der Moskauer Patriarch Alexei einige rote Priester nach Jerusalem, die dem griechischen Klerus mehrere Millionen Dollar für die Restaurierungsarbeiten unter sowjetischem Patronat anboten. Der damals aufflackernde griechische Bürgerkrieg beendete jedoch alsbald die Verhandlungen zwischen den Griechisch- und den Russisch-Orthodoxen.

Vor einigen Wochen haben nun die Sowjets, nachdem sich auf dem Balkan und im Nahen Osten die Dinge grundlegend gewandelt haben, der Griechisch-Orthodoxen Kirche eine andere, nicht weniger interessante Offerte gemacht. Sie boten dem von Moskau unabhängigen griechischen Patriarchat an, dessen gesamten Kirchenbesitz in Rußland, der nach der Oktoberrevolution beschlagnahmt worden war, zurückzuerstatten.

Würde die griechische Kirche dieses Angebot akzeptieren, so könnte sie mit der Rendite ihrer russischen Liegenschaften nicht nur die Restaurierungsarbeiten, sondern auch den laufenden Unterhalt der Grabeskirche finanzieren.

Die griechischen Orthodoxen haben allerdings bisher den ungewöhnlichen Verlockungen widerstanden. Die beiden höchsten Würdenträger der griechischen Kirche, der Patriarch von Konstantinopel und der Erzbischof von Athen, sind als prowestlich und, wie man in Rom behauptet, auch als katholikenfreundlich bekannt.

In weiten Kreisen des griechischen Klerus herrscht dagegen eine ausgesprochen russophile Strömung, die durch den Zypern -Konflikt mit England zur Zeit beträchtlich gefördert wird. Das Zentrum dieser Bestrebungen wird in dem berühmten Kloster auf dem heiligen Berge Athos vermutet, das in zaristischer Zeit erhebliche Subsidien aus Rußland erhielt.

Die Sowjets haben aber auch unter den einheimischen arabischen Christen, die sich zum Teil zur orthodoxen Kirche bekennen, unerwartete Allianz erhalten. Die Araber -Christen erblicken nämlich gleich ihren islamischen Landsleuten in den Sowjets nicht nur den großen Verbündeten im Kampf gegen das »imperialistische« Israel, sondern sie hoffen, mit Hilfe der moskauhörigen russisch-orthodoxen Kirche eines Tages auch einen arabischen orthodoxen Bischof in Jerusalem einsetzen zu können, ein Recht, das die eifersüchtigen Griechen ihnen bisher immer verweigert haben.

So zeichnet sich auf dem Hintergrund des westlichen Rückzugs und des sowjetischen Vordringens im Nahen Osten die Möglichkeit ab, daß die Sowjet-Union im gelobten Lande das Erbe der Zaren übernimmt und sich mit ihren roten Priestern - ein Voraustrupp hat sich bereits in Jerusalem etabliert - als Hüterin des Heiligen Grabes im gelobten Lande festsetzt.

Die Sowjets würden sich in diesem Fall das Patronat über ein Heiligtum sichern, das für sie eine Art von Gegenstück zum Lenin-Mausoleum in Moskau ist.

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