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DDR Eifrige Trommler

Anders als Polen und Ungarn leistete die DDR den Sowjets nach dem Einmarsch in Afghanistan von Anfang an publizistische Hilfe.
aus DER SPIEGEL 3/1980

Gaby und Rainer Althaus, Reporterpaar aus Ost-Berlin, berichtigten die Lügen ihrer Kollegen aus dem kapitalistischen Ausland. Keineswegs seien in Kabul, wie von West-Journalisten behauptet, allenthalben sowjetische Einheiten aufmarschiert. Die angeblich von schwerbewaffneten Rotarmisten blockierte Straße vor dem Haus des Volkes, so kabelten die beiden DDR-Journalisten nach Hause, »passieren wir frei«, gemeinsam mit Händlern, die »wie eh und je« ihre Lastesel vor sich trieben -- Stimmungsbild aus der afghanischen Hauptstadt, nachzulesen im »Neuen Deutschland« vom vierten Januar.

Auch Fernsehkorrespondent Günter Nerlich sah nichts, was der Aufregung wert gewesen wäre. Den Zuschauern daheim zeigte er keinen einzigen Panzer oder Sowjetsoldaten.

»Das Leben hat sich normalisiert«, berichtete der Mitarbeiter der DDR-Nachrichtensendung »Aktuelle Kamera« bereits am 31. Dezember aus Kabul, vier Tage nach der sowjetischen Intervention. S.29

Und zufrieden meldete Nerlich wenig später nach Hause, die französische Nachrichtenagentur AFP habe »sich zu dem Eingeständnis gezwungen« gesehen, die sowjetischen Truppen seien »bislang nicht an größeren militärischen Auseinandersetzungen beteiligt gewesen«.

Seit dem Einmarsch der Sowjets mühen sich die Propaganda-Experten der ostdeutschen Einheitssozialisten nach Kräften, die Rolle Moskaus herunterzuspielen. Anders als die Bündnispartner Rumänien, Ungarn und Polen, die erst nach einigem Zögern Stellung bezogen, leisteten die SED-Genossen von Anfang an publizistische Hilfe.

Schon am zweiten Tag seiner Berichterstattung ließ das »ND« nach bewährtem Muster Leser zu Wort kommen, damit »sie ihre Solidarität mit dem Kampf der demokratischen und progressiven Kräfte Afghanistans bekräftigen«. Professor Ulrich Hofmann, Vize-Präsident der Akademie der Wissenschaften, verkündete, er billige die Hilfe der UdSSR »voll und ganz«. Und das Fernsehen schickte ein Kamera-Team hinaus, um von den DDR-Bürgern Beifall für den Einmarsch der Sowjets zu heischen.

Minuziös dokumentierten Parteipresse und Rundfunk die Zustimmung moskautreuer Kommunisten aus aller Welt zu den Aktivitäten des Kreml. Daß die italienische KP die Invasion verurteilte, daß es vor allem in der Dritten Welt, den blockfreien Ländern und den islamischen Staaten heftige Kritik gab, erfuhren die Ostdeutschen allenfalls aus dem Westfernsehen.

Ähnlich nebulös berichteten die gleichgeschalteten ostdeutschen Medien über die Afghanistan-Sitzung des Uno-Sicherheitsrats letzte Woche, in dem der SED-Staat mit seinem Vertreter Peter Florin zum erstenmal Sitz und Stimme hat.

Die Sitzung sei, so das »Neue Deutschland« am 5. Januar, »auf Betreiben der USA von einer Gruppe von Staaten, darunter 13 Nato-Ländern«, beantragt worden, eine »imperialistische Einmischung« in die souveränen Rechte Afghanistans. Die Tatsache, daß eine Vielzahl von Staaten -- auch aus der Dritten Welt -- das Gremium angerufen hatte, um Moskau zu verurteilen, verschwiegen die Medien der Ostrepublik wohlweislich.

Gleichwohl nutzte das Ostfernsehen die Gelegenheit, um Florins ersten Auftritt im Sicherheitsrat prestigebewußt in Szene zu setzen. Als die DDR gemeinsam mit den Sowjets Einspruch gegen die Sitzung erhob, rückte nicht der sowjetische Delegierte Oleg Trojanowski ins Bild, sondern nur der DDR-Diplomat.

In ihrem Drang, die positive Rolle der Sowjets in Afghanistan herauszustreichen, stellten sich die eifrigen SED-Trommler selbst ein Bein. So bemühte sich Rundfunk-Kommentator Günter Leuschner am 29. Dezember in der Sendung »Auskunft international«, seinen Zuhörern das juristische Fundament für die Sowjet-Intervention zu erläutern.

Artikel 51 der Uno-Charta, erklärte Leuschner auf die Anfrage des Hörers Siegfried Palme aus Berlin-Lichtenberg, beinhalte auch das Recht jedes Landes, »zur Abwehr einer äußeren Gefahr auch auf die Hilfe anderer Staaten zurückgreifen zu können«. Zudem rechtfertige der sowjetisch-afghanische Freundschaftsvertrag die »sowjetische Hilfe« für Afghanistan.

Die außenpolitische Fach-Zeitschrift »Horizont« dagegen hatte kurz vor dem Einmarsch noch anders argumentiert. »Horizont": Da Eingriffe in die inneren Belange unabhängiger Staaten eine »häufig praktizierte Methode imperialistischer Politik« seien, gehöre ein Interventions-Verbot zu den unabdingbaren Grundprinzipien des Völkerrechts.

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