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»EIGENARTIGE VORSTELLUNGEN«

aus DER SPIEGEL 33/1967

Der größte Teil der Bevölkerung hat ebensowenig wie die politische Führung begriffen, wie sehr sich die Situation West-Berlins geändert hat. Sie steht vielmehr mit ihrem Bewußtsein noch in der Zeit des »Kalten Krieges«, glaubt an die in der Zeit des »Kalten Krieges« entstandene Berlin-Ideologie und fühlt sich als eine »Gemeinschaft an bedrohter Front«.

Die Polizei unserer Stadt entspricht diesen Vorstellungen, diesem Glauben, diesem Gemeinschaftsgefühl ganz und gar; sie ist genauso, wie die Bevölkerung und die politische Führung sie wollen: ausgebildet in erster Linie als eine »Polizei an der Mauer« militärisch gedrillt, in ihrem Selbstverständnis eine Macht, die die Gemeinschaft der Berliner schützen soll gegen Bedrohungen von außen und Störenfriede im Innern, die man sich nur als Verbündete des Ostens oder vom Osten unterwandert vorstellen kann.

Die Ausbildung der Polizeibeamten entspricht diesem Zweck. Das ist besonders deutlich daran zu erkennen, daß die Erkenntnisse der modernen Sozialpsychologie überhaupt keine Rolle spielen. Die Polizei ist psychologisch im 19. Jahrhundert, bei Le Bons Massenpsychologie, steckengeblieben, wonach der Mensch in der Masse den Kopf verliert und sich reflexhaft den Anweisungen der Führer der Masse überläßt.

Die von führenden Polizeibeamten vertretene Rädelsführertheorie ist das Resultat derart falscher Vorstellungen, ebenso wie die falsche Aufstellung der Zuschauer vor der Oper und die Aktionen der Polizei: Sie verhielt sich, wie ein Mensch sich allenfalls gegenüber Tierherden verhalten darf, und selbst dort käme er mit den Tierschutzvereinen in Konflikt.

Mir scheint, daß zahlreiche Polizeibeamte zwischen Studenten der FU und östlichen Agenten und Provokateuren, gegen die sie ausgebildet sind, nicht mehr zu unterscheiden vermochten, und so konnte es geschehen, daß sich gegen die Studenten eine Wut entlud, die beim Dienst an der Mauer lange aufgespeichert worden war. Wir kennen diesen Mechanismus aus den Forschungen der Sozialpsychologie: Wenn ein äußerer Feind fehlt, neigt eine auf Gemeinschaft gedrillte Gruppe dazu, sich in ihren eigenen Reihen schwarze Schafe herzurichten, gegen die die überschüssigen Aggressionen sich richten können.

Ich will mit solchen Bemerkungen nicht die Polizei anklagen, nicht einmal die Polizeiführung. Ich will vielmehr darauf aufmerksam machen, daß die Polizei nur dann im demokratischen Staat ihre Funktionen wahrnehmen -kann, wenn sie von der politischen Führung nicht überfordert wird ...

Die Polizei West-Berlins hat meines Erachtens darunter gelitten, daß ihr immer mehr politische und pädagogische Aufgaben zugemutet wurden. Wenn die Springer-Presse nach dem starken Arm der Polizei rief -- und die Springer-Presse war hier nur Sprachrohr der Mehrheit der Bevölkerung dann hieß das doch, die Polizei solle den Politikern die Mühe, sich mit der Studentenschaft auseinandersetzen zu müssen, abnehmen und den Studenten einen Denkzettel verabreichen.

Daß einige Polizeiführer und durch sie auch einige Polizeibeamte dieses Ansinnen auf nahmen und von ihm ihren Polizeidienst am 2. Juni bestimmen ließen, wird nur verständlich, wenn man annimmt, daß in weiten Kreisen der Polizei ein vordemokratisches Denken herrscht, das in der Polizei in erster Linie ein Organ staatlicher Gewalt und damit ein Instrument der den Staat beherrschenden Gruppen sieht.

Folge dieser obrigkeitlichen Einstellung sind eigenartige undemokratische hierarchische Vorstellungen: So neigte die Polizei zum Beispiel allgemein dazu, die Diskussionen auf dem Kurfürstendamm lediglich unter verkehrstechnischen Gesichtspunkten zu beurteilen. Es fällt augenscheinlich schwer zu begreifen, daß es in der Demokratie kein Grundrecht auf fließenden Verkehr, wohl aber auf Diskussion, freie Meinungsäußerung, auf Demonstration ... gibt ...

Gegen die Entartung der Polizei zu einer paramilitärischen Einheit ist durch die Einstellung, eines Polizeipsychologen gar nichts getan. Es ist vielmehr eine Aufgabe der Politiker, den Standort und die Aufgaben der Polizei in einer demokratischen Gesellschaft neu zu bestimmen und daraus Konsequenzen für Ausbildung und Dienst der Polizei zu ziehen.

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