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Mieter Eigener Einsatz

Zum erstenmal sollen bei einem Frankfurter Hochhausprojekt die künftigen Bewohner über die Anlage von Gemeinschaftsraumen selbst bestimmen.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Rund 300 Bediensteten der Stadt Frankfurt -- Müllwerkern und Steuerinspektoren, Polizisten und Brandmeistern -- steht seelisch Er schütterndes bevor: »Ein neues Kormmunikationsgefühl auf neuer Basis.«

Derlei erwartet Hilda von Jordan. Geschäftsführerin bei der Wohnungsbaugesellschaft »Neue Heimat Südwest«, von einem in der Bundesrepublik bislang einzigartigen Experiment, »mit dem wir sicher ein großes Risiko eingehen«. Die Mieter, die drei Hochhaus-Riegel an der Siegener Straße im Frankfurter Vorort Sossenheim bewohnen sollen, dürfen Zweck und Form der dazugehörigen Grünflächen sowie die Anlage von Gemeinschaftseinrichtungen selbst bestimmen.

Wenn die Kommunalbediensteten

die »Neue Heimat Südwest« baut für sie im Auftrag der Volksfürsorge Lebensversicherung AG -- im Frühsommer 1973 die 331 Zwei- bis Sieben-Zimmer-Wohnungen beziehen, werden lediglich die Zugangswege planiert sein. Ringsum aber liegen 15 000 Quadratmeter Erdboden brach. Die Mieter-Familien. rund 1200 Menschen, müssen über den Standort von Mülltonnen und Teppichstangen, die Lage von Spiel- und Trockenplätzen, die Gestaltung von Sitz- und Sandecken erst einmal nachdenken.

Außerdem sind die Zugezogenen gehalten, in eigener Regie über Ausbau und Einrichtung aller »Sozialräume« in den Wohnblöcken zu befinden -- 320 Quadratmeter für Sport und Hobby, Beat oder Basteln. Hilda von Jordan: »Die Mieter sollen mal von Anfang an selbst klarkommen.«

Die Idee zur planerischen Mitbestimmung der Sozialmieter war den Projektmanagern der »Neuen Heimat Südwest« bei Lektüre und Diskussion eines »Plädoyers für eine menschliche Kontakte fördernde Stadt« gekommen, das die Franzosen Pierre und Daniel Bertaux verfaßt und Fachblätter 1968 veröffentlicht hatten.

Die Autoren beschrieben unter anderem die soziale Isolierung von Hochhaus-Insassen, bei denen Nachbargefühle und Hilfsbereitschaft, Gemeinschaftsinteresse und Kommunikationsbedürfnis weit weniger parat sind als bei Bewohnern kleinerer Miets- oder gar Einfamilienhäuser.

In den Sossenheimer Wohnsilos soll nun das »Entstehen von Nachbarschaften« (Jordan) von vornherein gefördert werden. Bereits zwei Monate vor dem Einzug wird den künftigen Mietern in einer Vollversammlung die neue Aufgabe vertraut gemacht. Arbeitsgruppen sollen dann Entwürfe über die Verwendung der Freizeit-Flächen fertigen und allen Nachbarn zur Abstimmung vorlegen.

Die Mitwirkung der »Neuen Heimat Südwest« beschränkt sich auf Anlieferung von Baumaterialien wie Holz oder Farbe.« Denn möglichst sollen die Pläne auch im eigenen Einsatz realisiert werden«, sagt Hilda von Jordan und beteuert, daß »dies keineswegs aus Ersparnisgründen geschieht«. Für den Unterhalt, auch der Grünflächen, kommt die »Neue Heimat Südwest« auf, es sei denn, die Mieter übernehmen auf eigenen Wunsch Pflege und Aufwand für die Anlagen. Dann soll, verheißt die Geschäftsführerin« die »Miete entsprechend gesenkt« werden.

Konflikte im Mitbestimmungs-Programm -- für das beim Bundeswohnungsbauministerium Modell-Zuschuß beantragt ist -- sind einkalkuliert. Unfähigkeit der Arbeitsgruppen oder Zwist im Mieterplenum, so argwöhnen die Kontakthelfer von der »Neuen Heimat Südwest«, könnten viel Zeit verschlingen -- wie bei allen demokratischen Übungen. Scheitern kann das Experiment gar, wenn etwa die Besetzung des schallgedämpften Musik-Souterrains durch hauseigene Rocker-Gruppen oder die unerwünschte Mitbenutzung der Sport- und Bastelzimmer durch Bewohner anderer Siedlungshäuser kleine Bürgerkriege in Sossenheim auslösen.

Aber, meint »Neue Heimat Südwest«-Sprecher Volker Gilewitsch: »Deshalb den Versuch gar nicht zu starten, wäre feige und rückständig.«

Wenn sich in Frankfurt tatsächlich ein »neues Kommunikationsgefühl« einstellt, sind größere Mitbestimmungsaktionen vorgesehen: bei einem Siedlungs-Projekt in Mainz-Finthen. mit 8000 Bewohnern.

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