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»Eigentlich bin ich nur 'ne lebende Leiche«

Aus dem Tagebuch der Fixerin Heidi S.
aus DER SPIEGEL 37/1981

29. 12. 1972

Für mich hat in den letzten drei Monaten ein neues Leben begonnen. Ich bin in eine neue Clique gekommen. Seitdem nehme ich Hasch, obwohl es die Jungen nicht mögen, wenn ich kiffe, aber mir macht es Spaß. Eigentlich nehme ich es nur, um Tommy zu vergessen. Er ist süchtig. Er spritzt. Das finde ich schrecklich.

30. 12.

Ich weiß, daß Rauschgift gefährlich ist. Aber schließlich bin ich alt genug, um zu wissen, was ich tue. Meine Lehrer behaupten alle, daß ich süchtig bin, was ich aber nicht bin. Als man das erste Mal behauptet hat, ich nehme Hasch, hatte ich noch überhaupt keinen Kontakt dazu. Als aber meine Lehrer deswegen das Jugendamt einschalteten, habe ich aus Angst und Wut das erste Mal gekifft. Und wegen Tommy habe ich dann weiter gekifft.

31. 12.

Letzte Nacht habe ich geträumt, ich hätte Opium und würde schießen. Es tat ganz arg weh, aber die Wirkung war wunderschön. Ob ich auch in Wirklichkeit schießen würde, weiß ich nicht.

10. 1. 1973

Als wir gestern Wein holten im Keller von Sabines Vater, waren wir wieder einmal blau.

17. 1.

Unser Lehrer S. ist gemein zu mir. Auch die anderen in der Klasse wenden sich immer mehr von mir ab. Vielleicht weil ich kiffe. Ich habe mir vorgenommen, ich höre auf. Manchmal bin ich so unglücklich. Es ist alles grau und kalt.

9. 3.

Habe in der Zwischenzeit schon so viel gekifft, daß ich süchtig bin. Aber spritzen werde ich auch noch. Das habe ich mir fest vorgenommen.

27.5.

Habe in der »Bieralm« einen gefragt, ob er was zu kiffen hat. Ich durfte mitziehen. Beim 5. oder 6. Zug war es so, als würde alles anfangen zu wackeln. Es war ganz anders wie sonst. Ich begann zu schwitzen, konnte nicht mehr laufen. Mir wurde schwarz vor Augen, und ich kippte auf der Straße um. Langsam ging es mir wieder besser. Als ich heimging, kam ich mir vor wie im Paradies. Alles war so wunderschön. Ich war selig. Heute morgen war aber alles schrecklich. Ich fühlte mich allein und einsam.

16.6.

Hab'' zum erstenmal gefixt. Ist aber Scheiße.

5.7.

Warum bin ich eigentlich so oft zu? Manchmal frage ich mich, warum ich noch lebe. Wenn ich genug Mut hätte, würde ich mich umbringen.

17.8.

Für ein paar Tage bin ich zu einer Freundin nach München gefahren. Als ich Mandrax geschluckt habe, war ich glücklich, aber was ist das schon. Ich habe kein Geld für mehr Mandrax.

22. 8.

Bald werde ich mein erstes Gehalt als Verkäufer-Lehrling bekommen. Dann kaufe ich so viel Shit, Meskalin, LSD und Mandrax wie nur möglich. Auch wenn ich süchtig werde, mir ist das egal. Es kommt sowieso bald wieder ein Krieg. S.99 22. 10.

In der Clique, in der ich jetzt bin, bin ich glücklich. Ich kann so oft wie möglich kiffen und Tabletten schlucken. Glücklich werde ich aber nie mehr.

13. 5. 1974

Ich liebe Drogen. Diese Liebe ist die wahre Liebe. Ich habe sie endlich gefunden. Ich nehm'' Shit, Trips und ab und zu auch mal ''n Schuß. Das ist gut.

8. 6.

Ich bin voll auf Trip. Alles bewegt sich, alles wackelt. Ich drehe durch. Bitte helft mir doch. Bitte.

12. 6.

Es ist alles vorbei. Ich bin nicht mehr die Heidi. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin.

16. 6.

Ich blicke einfach nicht mehr durch. Hatte schon wieder einen Trip. Er war gut. Ich kann mein Gehirn nicht mehr leiten, es leitet mich. Ich sehe, wie meine Freundin Michaela langsam wahnsinnig wird. Ihre Eltern und die Drogen machen das aus ihr.

24. 6.

Jetzt habe ich den Punkt erreicht, wo ich merke, daß ich total nicht mehr durchblicke. Jetzt geht''s bergab. Ich bin eigentlich immer irgendwie auf Trip. Was mir mal sehr vertraut war, ist jetzt wildfremd. Wenn ich bloß wieder aufhören könnte mit den Drogen. Sie machen mich kaputt wie Tommy. Er hat mir alles vom Spritzen erzählt und wie man es macht.

Die ersten Schüsse waren damals sehr billig. Ein Schuß gleich 15 Mark. Habe ich auf der Straße geschnorrt, oder geliehen. Damals gab''s den Stoff noch flüssig. Der Dealer hatte ''n Medizinfläschchen, und daraus gab''s einen Kubikzentimeter Berliner Tinke zu zehn bis 15 Mark. Berliner Tinke war ''n morphiumähnlicher Stoff. Dunkelbraun wie Apothekenopium. Der Kick war, als ob Ameisen die Venen stürmen. Bin irgendwann, ich war gerade 15, nach Ulm gefahren. Dort wartete ich auf ''n Dealer. Durch Zufall setzte sich der Großdealer, er hieß Tommy, zu mir, und er schien Bock auf mich zu haben. Dies war der Anfang des »Sichverkaufens«. Ich ging mit zu ihm, er gab mir Dope in Pulverform und ließ mich das Dealgeschäft an meinem Wohnort übernehmen. Zuerst kapierte ich nicht, warum. Denn er machte keine Annäherungsversuche.

Ich erhielt jeden Tag drei Gramm von ihm. Das Gramm zu 50 Mark. Berliner Tinke war billiger als Heroin. Also bekam er jeden Tag 150 Mark von mir. Und so kam ich voll auf die Fixe. Hatte ja genug Stoff. Ich bin nach etwa drei Monaten stier gelaufen. Ich hatte alles selbst verschossen und konnte nicht bezahlen.

Da meinte mein Dealerboß: »Es macht nichts«, und er gab mir ''n Schuß, die erste O. D. (Überdosis). Als ich aufwachte, lag ich auf seinem Bett, er neben mir, und dann wollte er mit mir schlafen. Ich war so voll, merkte gar nichts.

Bin dann irgendwann mal ausgeflippt und ließ ihn nicht mehr an mich ran. Pech für mich, denn er hatte mich in der Hand. Ohne Geld oder Körper kein Dope. Das ließ er mich spüren. Irgendwann, S.100 als er nach Holland fuhr, um Heroin zu holen, ging er hops.

12. 7.

Ich bin jemand, der nicht weiß, was er will, und sich nicht durchsetzen kann. Ich hab'' keine Kraft mehr. Ich werd'' es nie schaffen, aus mir was zu machen.

Ohne Datum

Von jetzt an suche ich den Partner, der mich liebt und der mich versteht. Aber er soll auch Drogen nehmen. Egal wie er aussieht. Aber er darf nicht mit mir machen, was er will.

17. 7.

Fahre nach München, werde wieder drücken. Ich will mich in der ersten Woche total fertigmachen.

18. 11.

Mich macht das Drücken so an. Trips (LSD) finde ich blöd. Shit, Äitsch, Morphium und Koks sind die besten Drogen für mich, und natürlich MX. Ich mache mich bewußt fertig. Aber mich macht dies Leben so an.

28. 11.

In mir ist der Drang, in die Welt zu reisen, bevor ich sterbe. Aber vielleicht bin ich morgen schon tot. Dann bin ich traurig gestorben. Ich möchte aber gern glücklich sterben. Ich muß hier raus. Die Familie macht mich kaputt.

7. 1. 1975

Silvester und Neujahr habe ich auf Schuß verbracht. Es war unheimlich gut. Dieses Jahr werde ich 18. Volljährig. Es sind noch zehn Monate.

10. 4.

Morgen gibt''s was zum Drücken. Ich hab'' zwar viel Schulden, aber deswegen versaure ich nicht. Genießen ist meine Masche.

2. 7.

Ich war jetzt zwei Monate mit Gelbsucht im Krankenhaus. Heute bin ich den zweiten Tag daheim und habe schon wieder eineinhalb Äitsch geschnupft und zwei gedrückt. Wenn ich nur endlich aufhören könnte.

27. 9.

Bin auf dem Strich gelandet und brutal in Geldsorgen wegen dem Drücken. Ich will wieder rauf, keine Hure sein und nicht süchtig. Dreimal muß ich noch mindestens auf den Strich gehen, damit meine Schulden wegkommen.

Am Tag brauchte ich im Schnitt eineinhalb bis zwei Gramm, das Gramm zu 200 Mark. Nun wurde es schwer, die große Geldsumme zusammenzukriegen. Ich trampte nach dem holländischen Haarlem. Am Anfang arbeitete ich in der »Blue-Rose-Bar«, mit Zimmern. Pro Freier 150 Gulden. Jeden Tag mußte ich etwa 400 Gulden verdienen und hatte fast nie Kohle zum Essen. Essen klaute ich oft im Supermarkt.

Mit Heroin läßt einen der Job als Nutte relativ kalt. Ab und zu, in ''nem lichten Moment, bin ich ausgerastet, ging auf die Freier mit Fäusten los, heulte und war völlig fertig. Nach zwei Monaten konnte ich diesen Puff nicht mehr sehen. Ich hörte auf zu arbeiten, zog in eine Wohngemeinschaft nach Heerlen, nahe der deutschen Grenze bei Aachen, und wir schlugen uns zu viert durch. Oft gingen wir, ''ne Freundin und ich, Ledersachen klauen und tauschten sie gegen Dope. Aber das reichte nicht. Nebenher versuchten wir es mit dealen, ging auch nicht mehr, wir waren zu süchtig.

28. 9.

Ich habe Angst vor der Zukunft; meine Schulden, der Strich. Meine Gedanken kreisen um Selbstmord, Abhauen, Durchdrehen. Ich kann nicht S.102 mehr. Ist das das Ende? Ich glaube, nur der Tod kann mir noch helfen.

29. 9.

Hab'' den zweiten Tag nichts gedrückt. Ohne Valoron hätt'' ich es wahrscheinlich gar nicht geschafft. Bin echt stolz auf mich. Hab'' meiner Mutter alles erzählt, außer das mit dem Strich.

21. 10.

Bin 18. Hab''s mit dem Drücken gepackt. Nur noch ab und zu. Shit immer.

1. 12.

Mein Freund Pit ist tot. Tod durch Strangulieren in der U-Haft. Warum ließ er mich allein zurück? Ich drehe fast durch.

20. 4. 1977

Für mich ist alles verloren. Ich muß wieder nach Holland. Nirgendwo fühl'' ich mich geborgen. Muß unbedingt an ''nen Ausweis und Geld kommen. Ich versuche zur RAF Kontakt zu bekommen. Klappt es nicht, bleiben nur die Drogen.

Ohne Datum

Wenn ich den Mut hätte zu sterben, ich würde es tun.

Ohne Datum

Ich versuche an Baader-Meinhof-Leute ranzukommen. Dann wäre ein Sinn wieder da. Ein Sinn im Leben zu haben muß schön sein. S.103

24. 4.

Bin seit drei Tagen in Amsterdam. Hab'' wieder einmal geschossen. Alles Mist. Wohne bei Surinamern, ganz o.k. Wenn alles gutgeht, hab'' ich in einer Stunde die Venen vollgepumpt. Dann ist alles wieder klar. Mit RAF kann ich von Holland aus schlecht Kontakt aufnehmen, ich muß es aber versuchen. Ich werde mit meinem Richter abrechnen. Ich werde ihn töten.

27. 4.

Amsterdam ist eine verfluchte Stadt. Zuerst wurde ich von einem Neger geschlagen, dann, als ich abgehauen bin und alles zurückließ, bin ich auch vergewaltigt und gewürgt worden. Ich hasse Menschen. Ich muß mir eine Knarre besorgen. Ich kann nicht mehr lieben und will nicht mehr geliebt werden.

In die Sache mit den Surinamern war ich reingeraten, weil ich von ihnen Stoff gekauft und mir noch auf der Straße einen Druck gemacht hatte. Plötzlich wurde ich in ''nen Hauseingang gezerrt, und blitzschnell in ''ne Wohnung gesteckt. Mit dem Messer wurde ich vier Tage lang gezwungen, mit den dreien zu pennen. Egal wann. Es war immer einer da, der auf mich aufpaßte.

Am vierten Tag bin ich denen entwischt, als zufällig zwei mal nicht da waren. Der dritte, der mich wieder mal gezwungen hatte, mit ihm zu schlafen, sniffte und legte sich seelenruhig mit dem Kopf auf meinen Schoß. Als der Stoff zu wirken anfing, rutschte sein blödes Hirn langsam von meinem Schoß runter. Ich achtete auf seine Atemzüge und überlegte, wie ich hier rauskomme. Da sah ich auf der Spüle ''n schwarzen Marmoraschenbecher. In diesem Moment machte der Typ seine Augen auf. Ich nahm den Aschenbecher mit dem Gedanken, jetzt geht es um dein Leben. Der Bimbo kam gerade mit dem Kopf hoch, da ließ ich das Ding auf seinen Kopf knallen.

Diesen Anblick vergess'' ich nie. Überall Blut, und er lag da, blutüberströmt. Draußen auf der Straße traf ich Harold, ebenfalls ein Surinamer, der mich in seine Wohnung brachte. Ich muß verdammt kaputt ausgesehen haben.

Ohne Datum

Ich hocke in der Wohnung von Harold, ohne Geld. Habe eine Unterhose, eine Jeans, einen Pulli, einen Mantel.

29. 4.

Ich glaub'', ich hab'' von den Scheiß-Typen, die mich vergewaltigt haben, den Tripper. Das wäre scheußlich.

4. 5.

Habe eine Maus in meinem Zimmer. Süß ist sie, mit so ''nem dicken langen Schwanz. Hab'' sie gerade beobachtet, ist goldig. Mann, es ist schon wieder ein Uhr nachts. Ich hock'' die ganze Zeit nur in dieser verdammten Wohnung.

Ohne Datum

Ich kann keinen Mann mehr lieben. Sie nerven zu sehr. Und sie sind so unappetitlich. Bald ist das Kapitel Mann in meinem Leben abgeschlossen.

Ohne Datum

Ich muß Harold unbedingt anmachen wegen Heroin. Ich muß es ausnützen, S.106 daß er mich liebt. Wenn ich Geld hätte, würde ich es mir selber besorgen.

Harold war nur ganz selten da. Ich sah ihn tagelang nicht, wußte nicht, was er eigentlich treibt. Eines Abends kam er mit ''ner Plastiktüte und etwa 30 000 Gulden. Ich weiß nicht, woher das Geld kam, er hatte eine zerlegte Maschinenpistole. Ich bekam da Angst, obwohl es mich andererseits fasziniert hat, diese ganze schummrige Atmosphäre, die Knarren und so.

Ohne Datum

Bin nach Rotterdam abgehauen. Habe hier gleich Arbeit gefunden. Habe gestern in zweieinhalb Stunden 150 Gulden verdient. Ich wohne im Hotel, muß mir aber ''ne private Bleibe suchen, weil die Bullen oft hier reinkommen.

Ohne Datum

Habe gestern ein Päckchen H-Portionen gekauft. Eine Hälfte ist im Waschbecken gelandet, da ich meine Vene nicht fand. Die Nadel war zu stumpf. Die andere Hälfte habe ich geschnupft. War ganz schön angeknallt. Morgen geh'' ich in die Kirche. Muß ein Versprechen erfüllen.

8. 6.

Ich denke oft an Hamburg, wenn ich morgens um vier vom »Salambo« kam, an den Hafenkneipen vorbei, die Sonne ging gerade auf. Im »Sahara« war meist noch was los. Wenn ich dann nach Hause kam und noch Musik hörte, Shit rauchte und stoned Brötchen holen ging, das war schön.

Ich stand meistens so gegen zehn Uhr morgens auf, einen Schuß rein und dann düste ich los auf''n Strich. Manchmal hatte ich Pech und hatte erst nach vier bis fünf Stunden 100 Gulden zusammen. Es war sehr hart, das Geld zusammenzukriegen. Ich war zu süchtig, um wieder in ''ner Bar zu arbeiten. Ehe ich mich versah, brauchte ich wieder zwei Gramm am Tag, macht 200 Gulden.

Mein Männerhaß war so stark, daß ich mit drei anderen Junkies abends die Typen auf der Straße anmachte. Zwei von uns warteten in ''ner dunklen Ecke mit Messer und Kneifzange. Die Kneifzange war dazu da, um ''nen Freier am Ohr zu kriegen. Dann hieß es Ohr ab oder Money her. Aber meistens bedrohten wir sie mit dem Messer. Wir zwei Frauen nahmen die »Freier« am Arm, boten uns für 200 Gulden an. Dazu führten wir sie in unser dunkles Gäßchen, ein Stoß in die Genitalien, und die anderen beiden Typen, mit denen wir zusammenarbeiteten, nahmen den Freiern die Kohle ab.

So konnten wir Frauen auch etwas von dem Haß, den man beim Anschaffen anstaut, ablassen. Im Schnitt bekamen wir zwei bis drei Freier am Abend, das waren 600 Gulden. Viel zu wenig. Also kauften wir einmal, als wir Glück hatten und 3000 Gulden machten, ''ne größere Menge Stoff und dealten.

6. 7. 1978

Ich bin eine Puppe, die nur spielt, und bin im Innern kalt. Ich kann nicht mehr lieben. Hab'' mir inzwischen zwei Schüsse gesetzt. Wohne teilweise bei H., teilweise beim Geschäftsführer des Cabarets, wo ich arbeite. Verdiene ganz gut. Eigentlich weiß ich, daß es keine Zukunft mehr gibt für mich. Aber das ist egal.

Als Tänzerin verdiente ich etwa 120 Mark am Tag, mit Animieren mehr. Mit der Knete kaufte ich Stoff.

Gegen Mittag kam ich auf der Scene an. Da standen die Vermittler rum. Zwei suchte ich raus, und dann ging ich in'' Park oder in ''ne Kneipe und wartete. Die Vermittler blieben auf der Scene und schleppten Käufer an. So nacheinander kamen sie mit den Leuten, und ich verkaufte dann die Dope. Da ich manchmal 50 bis 70 Päckchen zu 50 Mark in der Jeanstasche hatte, konnte ich nicht auf der Scene rumstehen, wegen der Schmiere.

Wenn die Vermittler mit den Käufern kamen, ging ich entweder ''n Stück die Straße längs, oder der Deal wurde unterm Tisch gemacht. Das war aber heißer. Oft passierte es, da ich ''ne Frau bin, daß man mich linken wollte. Mit Messer oder mit Erpressung. Stoff oder Bullen! Aber das Risiko muß man eingehen. Ich habe es ja auch so gemacht und andere gelinkt.

Ohne Datum

Bin echt auf das Ende gespannt. Habe so im Gefühl, daß es bald kommt.

12. 7.

Wohne nun in einem Zimmer auf der Reeperbahn in Hamburg. Irgendwie ist das alles ein unheimlicher Abfuck. Bin allein. Meine Bilanz ist ''n Horror: 20 Jahre alt, 15 Monate Knast, sechs Jahre Drogensucht, anschaffen gegangen, Überfälle gemacht, animiert, Striptease und und und ...

Ich merk'', wie ich psychisch und physisch total kaputtgehe. Soll ich denn überhaupt noch in eine Therapie zum Entzug? Ich merke, wie ich durch das Leben krieche. Hab'' keine Kraft mehr zum Gehen. Im Grund ist das S.108 ganze Leben für''n Arsch, ein Anschiß von Anfang bis Ende.

3. 11.

Der Gilb (Gelbsucht) hat mich mal wieder. Ich starte meinen letzten Versuch, fast ohne Heroin zu leben. Ich habe das Gefühl, der große Knall kommt bald. Ich muß unbedingt in die Therapie.

10. 11.

Nun hab'' ich es endlich wieder geschafft! Job los, kein Geld, wieder fest auf der Nadel, Gilb. Werde mir für die nächsten zwei Tage Schlaftabletten kaufen, damit ich die nächsten zwei Tage nichts mitkriege.

19. 11.

Hab'' mir eben schon wieder überlegt, ob ich denn wirklich in Therapie soll, bin wieder mal der Meinung, daß ich es selber schaffe. Hab'' noch ganze 30 Pfennig. Is'' ja richtig lachhaft.

2. 3. 1979

Arbeite jetzt im »Alkazar« als Stripperin auf der Bühne. Ist aber ''ne Scheiß-Show, hab'' jetzt aber ''nen Vertrag im »Safari« auf sechs Monate. Werde gleich wieder mal nach ''nem guten Schuß schauen.

24. 3.

Seit zwei Wochen arbeite ich nur noch vollgekifft. Ist super.

25. 3.

Auf dem Kiez Kohle machen ist doof. Aber ich brauch'' verdammt noch mal mindestens 100 Mark. Am besten geh'' ich in so''n Laden wie den »Blauen Satellit«. Dort verkehren ein Haufen Bonzen und Prominenz. Da läßt sich am besten Kohle machen. Mit der Therapie ist nichts mehr angesagt. Typisch für mich. So bin ich eben -- eine kaputte Frau.

4. 6.

Habe meine Wohnung verloren. Selbstmordversuch mißlungen. Altona-Intensivstation. Egal. Jetzt bin ich wieder voll von Tabletten und Alkohol.

10. 6.

So kaputt wie seit zwei Monaten war ich noch nie. Schätze, daß dies nun endgültig das letzte Kapitel ist. So giftgeil war ich noch nie. Ich fange schon wieder an, im Schlaf nur von Gift zu träumen.

23. 6.

Ich lebe nur noch für den Augenblick. Ich bin weder traurig noch glücklich. Ich bin einfach da.

Ohne Datum

Ich muß unbedingt wieder anfangen zu dealen. Hab'' kein Äitsch mehr, nur Codein.

Die Dealerplätze der Scene sind zum größten Teil vor Hippie-Discos, in Cafes, in U-Bahn-Stationen. In Amsterdam war es das Chinatown, beim Hauptbahnhof oder am Dam. Jetzt ist S.109 es im Negerviertel. Auch die Straße Zeedijk.

In Hamburg war es vorm »Grünspan«, »Gibi« oder dem »Madhouse«. Hat sich oft verlagert, »Big Apple«, »Cafe Adler« und andere. Irgendwann sind die Dealer dann zu 98 Prozent auf private Ebene abgedüst, in Privatwohnungen, ist nicht so heiß.

In Frankfurt war sie im Park, dann im »Tasca«, dann vor dem »Tasca« als es dichtmachte, dann im »Turmcafe«, bis es zu war, dann bei der Hauptwache, in U- und S-Bahn-Stationen. Ist auch gelaufen. Immer Bullen da. Die »Corso-Bar« ist auch zu, vor dem »Drive-in« stehen nur noch Nutten. Alles ist jetzt vor dem Bahnhof, an der Kaiserstraße und an Nebenstraßen des Bahnhofviertels. Und so ähnlich ist es in fast jeder Stadt. Zum größten Teil auf den Straßen. Auch im Winter. Wenn man stoned ist, juckt die Kälte nicht.

22. 11.

Habe mich zwei Tage vollgepumpt mit H. Habe ''ne tolle Drogenwoche hinter mir.

19. 12.

Will noch mal richtig ausflippen. Und dann hau'' ich im »Trinity« oder im »Gibi« die Überdosis rein. Ich muß einen ausgeflippten Tod haben. Eigentlich bin ich nur noch ''ne lebende Leiche.

2. 1. 1980

Komisch, daß ich das neue Jahr noch erlebe. Obwohl ich am 22. Dezember 79 schon tot war. Ich war in Frankfurt und hab'' mir die Überdosis gemacht. Leider fand man mich, wurde künstlich beatmet. Mein Herz wurde mit Elektroschocks in Gang gesetzt. Wahnsinn, man hat mich einfach wieder ins Leben rübergeholt. Ich werde das Gefühl des Todes nie vergessen. Es war so weich und hell und warm und lieb, anders als ich mir es vorgestellt habe. Nächstesmal klappt''s auf sicher.

22. 2.

Klaus ist meine erste Liebe ohne Heroin. Das Heroin aber ist die wahre Liebe. Ich wollte es schaffen ohne Stoff, aber ich resigniere immer mehr.

19. 3.

Es geht wieder mal alles von vorne los. Hab'' meinen Namen geändert und die Wohnung gewechselt. Bin wieder voll in der Scene drin.

27. 3.

Heute drehe ich fast durch. Mein Unterleib tut weh, der Arm auch und die Leber. Es ist verdammt ungeil alles. Ich könnte schreien, aber das hilft auch nichts.

19. 4.

Es ist aus mit Klaus. Wir kommen aus zwei verschiedenen Welten. Ich S.111 kann nicht mehr zurück ins normale Leben.

22. 5.

Ich hänge total durch. Ich habe keine eigene Meinung und fast keinen Willen mehr.

1. 6.

Das Heroin hat mich und mein Herz eingefroren. Meine Gedanken, alles ist eisig kalt vom Heroin durchtränkt. Ich liebe diese tiefe Kälte. Ich kann nicht mehr zurück.

22. 6.

Habe eben acht Schlaftabletten mit Rum geschluckt. Was das wohl wird? Ich muß mich irgendwie betäuben. Ich trinke jeden Tag ''ne halbe Flasche Rum. Und es wird immer mehr.

25. 6.

Was werden meine Eltern sagen? Sie werden bis zu meinem Tod nichts mehr von mir hören. Ich möchte Euch nicht weh tun. Bitte vergeßt mich.

8. 7.

Wieder ''ne Überdosis hinter mir. Diesmal im »Tiffany«. Halt dich fest, mein Kind. Es ist unser Tod. Das Wasser ist tief.

Ich war mit Fixern zusammen, denen sah ich ihren baldigen Tod nicht an. Ganz selten lernte ich Junkies kennen, die noch »lebten«. Und trotzdem zog es mich in jeder Stadt sofort auf die Scene.

Es ist das einzige Zuhause, das man als Fixer hat. Man ist unter seinesgleichen. Ich kann nicht genau erklären, an was es liegt, aber als Süchtige findet man überall relativ schnell die Scene. Es scheint ''ne »Junkiefrequenz« zu geben -- eine gemeinsame Wellenlänge. Ich kenne Fixer, denen sieht man ihre Sucht äußerlich kaum an. Aber die Augen verraten viel, auch die Art zu gehen, sich zu bewegen. Ein Fixer erkennt einen andern Fixer sofort.

17. 1. 1981

Mein Gehirn platzt, ich hasse meinen Körper. Habe fast 24 Stunden geschlafen, und ich zittere wie Espenlaub. Kann kaum richtig schreiben, und mir fehlen die Pillen. Heute ist Samstag. Ich werde versuchen, ''nen Job zu kriegen. Ich muß unbedingt wieder anfangen zu dealen. Sonst häng'' ich durch. Der Arzt hat mir Pillen gegen Depressionen verschrieben. Abfuck. Brauch'' ich nicht. Dope hilft besser. Bin heute in Frankfurt für 180 Mark mit schlechtem Stoff gelinkt worden. Scheiße, daß mir so was passiert. Hab'' immer noch Krämpfe. Kann nicht schlafen.

Entweder dealt man mit Vermittlern auf der Scene, oder man hat ''n paar sichere Abnehmer, die in die Wohnung kommen. Bei Portionen zu 50 oder 100 Mark läßt man nicht probieren. Erst die Kohle, dann das Gift. Ohne viel Worte. Die Menge läßt man anschauen, mehr nicht.

Bei Grämmern läßt man die Käufer mit dem Finger die Dope schmecken. Und bei fünf Gramm und mehr gibt''s ''nen Probesniff oder Druck. Trotzdem wird man mal gelinkt, oder man linkt jemand.

Beim Linken wird entweder die Kohle abgenommen, oder es werden zerstampfte Tabletten, die schön bitter sind, verkauft. Oder der Stoff wird zu doll gestreckt mit Milchpulver oder Ascorbin. Am schlimmsten ist es, wenn man voll auf Turkey Stoff kauft. In diesem Zustand fehlt der Durchblick, man wird leichter gelinkt, und es ist hart, wenn die letzte Kohle für Scheiße draufgeht.

19. 1.

War wieder voll von Pillen, hing in der Corso-Bar rum, und versuchte, ''nen Druck zu kriegen. Habe es auch geschafft und wollte ihn mir mit ''nem zivilen Angestellten vom Polizeipräsidium machen. Klappte nicht, da ich zu S.112 sehr zu war. Wie ich rauskam, weiß ich nicht mehr. Wachte bei einem wildfremden Typen im Auto auf. Dann fiel mir mein Schuß ein, der noch in der Pumpe war. Ich fand auch gleich eine Vene und ging vergnügt zur S-Bahn. Ich hatte einen ganz schönen Filmriß an dem Tag.

20. 1.

Heute hatte ich die Möglichkeit, mit ''nem alten Freier 100 Mark zu verdienen. Habe aber verpennt. Der Druck ist mir flötengegangen. Aber ich muß bald genug Geld zum Dealen haben. Ich bin verrückt nach Druck.

26. 1.

Heute war ich nahe dran, mich zu töten. Wahrscheinlich mach'' ich es auch bald. Ich weiß nur noch nicht wie. Eine O. D. ist wohl nicht drin, weil ich zu wenig Kohle für den Stoff habe. Ich werde wohl viel Tabletten nehmen. In Frankfurt gibt es zur Zeit nur linke Ware. Ich packe es nicht, ohne Druck zu leben. Ich muß mir zur Not Schlaftabletten besorgen.

Ohne Datum

Habe heute ein gefälschtes Rezept eingelöst. Codis geschluckt. Bin total stoned. Morgen muß ich noch mal zum Arzt wegen der Lunge. Scheint auch am Arsch zu sein.

Ohne Datum

Ich brauche dringend Codein. Unbedingt. Wenn ich 30 Mark hätte, könnte ich zum Arzt gehen, der es mir verschreibt. Mal sehen, wie''s mit Klauen ist. Nur: Was klauen? Wenn ich daran denk'', wieviel Geld auf der Zeil (in Frankfurt) rumläuft. Ist für mich kein Risiko. Wenn''s schiefgeht, kann ich doch gleich meine Knastzeit abhocken.

27. 5.

Bin total fertig mit den Nerven. Habe zehn Codis drin. Hilft zumindest gegen den Suchttrieb. Es ist einfach alles zuviel. Und niemand kapiert es.

Ohne Datum

Nur noch diesen einen Sommer will ich am Meer mit Palmen erleben. Verloren habe ich schon alles.

Ohne Datum

Habe Lungenentzündung und stehe echt vor dem Ausrasten. Bis jetzt habe ich jeden Tag Codein geschluckt, seit heute ist der Vorrat alle. Ich habe den Wunsch, nach meinem Tod verbrannt zu werden. Es ist vorbei.

17. 6.

Hab'' wieder mal 1000 Mark verschossen. Das war meine Kohle für die Flucht.

Es hieß wieder anschaffen gehen oder Männer ausnehmen, anpumpen, hatte ja immer jemanden in Reserve. Der Turkey verhindert das Denken, und der Stoff läßt wieder alles vergessen. Wenn ich in Hamburg, Berlin, Frankfurt oder Holland auf der Scene war, stellte ich immer wieder fest, daß Fixer irgendwie komisch sind.

Ich bin sicher genauso komisch. Diese verdammte Coolheit. Es kommt nichts raus und nichts rein. Alle haben denselben genervten und ausgebrannten Blick drauf. Man lernt sich kennen, flippt zusammen durch die Gegend und verliert sich wieder und vergißt sich.

Ganz selten konnte ich mich mit anderen Junkies richtig unterhalten. Es lag an mir. Und an den anderen. Man kann stundenlang vor sich hin starren, und es ist sogar noch schön. Der Geist schläft, und der Körper fühlt fast nichts mehr. Ich habe Leute gesehen, total fertig, allein, aber man kam nicht an sie ran. Die Fixermauer hat jeder Junkie um sich gebaut. Jeder will möglichst cool sein.

Und der perverse Egoismus eines Fixers hat mich oft den letzten Nerv gekostet, obwohl ich genauso blöde bin. Es wird gedealt, man rennt rum, sieht 1000 Leute, aber es ist nichts Menschliches mehr dabei. Ein Geschäft, das ums reine Überleben geht. Jeder reißt dem anderen den Balken unter den Füßen weg.

Ohne Datum

Ich muß die Todessehnsucht mal aus dem Hirn kriegen. Es geht auch ohne Dope, ab und zu.

25. 6.

Dope hatte ich schon seit ein paar Tagen nicht.

Ohne Datum

Bin dabei, mich echt hochzubringen. Hab'' zwar noch ein halbes Jahr Knast vor mir, aber ich will leben. Der Knast würde alles zerstören. Und dann ist der Tod sicher. Entweder klappt es, oder ich hau mir endlich den goldenen Schuß rein.

S.100Im Schminkraum des Hamburger »Tiffany«.*S.106Oben: Aufziehen von erhitztem Rohopium durch einen Filter;*unten: im Hauptbahnhof Frankfurt.*S.111Oben: in Hamburg;*unten: in Amsterdam.*

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