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»Ein Abgrund von Sumpf hat sich aufgetan«

In der Affäre Kießling haben sich die Chancen des Verteidigungsministers Manfred Wörner weiter verschlechtert. Inzwischen steht fest: Er feuerte den General lediglich anhand ebenso dürftiger wie schludrig recherchierter Vorlagen des Militärischen Abschirmdienstes. Stürzt der Christdemokrat über die Pannen?
aus DER SPIEGEL 4/1984

Der entlassene Verteidigungsminister beklagte sich, wie übel ihm militärischer Apparat und Geheimdienstler mitgespielt hätten: »Vorsicht, Vorsicht«, könne er nur raten. Denn den Minister hätten alle Untergebenen, Berater, Vertrauten zu Entscheidungen gedrängt; dann habe er gehandelt und sei von immer mehr Leuten im Stich gelassen worden - und am Ende habe er allein gestanden.

Der dies sagt, spricht aus Erfahrung: Franz Josef Strauß gab, am vorletzten Freitag auf der CSU-Klausur in Wildbad Kreuth, Einsichten über seinen Sturz als Verteidigungsminister im Jahre 1962 wegen der SPIEGEL-Affäre zum besten.

Erst habe es geheißen, es gebe einen Abgrund von Landesverrat, dann sei immer deutlicher geworden, daß Erkenntnisse auf dem Behördenweg nach oben verzerrt und zugespitzt worden seien; »und zum Schluß, als man nachfragte, war da nichts«. Späte Erkenntnis.

Ob der noch amtierende Verteidigungsminister Manfred Wörner die Lehren des Franz Josef Strauß kennt? Der gewitzte CSU-Vorsitzende jedenfalls bemühte sich vorletzte Woche auf eigene Faust um Informationen; doch nicht, weil ihm das Schicksal seines Unionsfreundes Wörner am Herzen läge - im Gegenteil.

Mit dem vorzeitig entlassenen Vier-Sterne-General Günter Kießling habe er telephoniert, teilte Strauß den Bonner CSU-Abgeordneten in Kreuth mit; und auch seine Schlußfolgerung: Wenn das alles nicht stimme, was der Militär ihm mit Ehrenwort zu seiner Unschuld vorgetragen habe, dann müsse Kießling »ein ganz großer Schauspieler sein«.

Der bayrische Ministerpräsident verschwieg seinen Bonner Parteifreunden, daß er es beim Ferngespräch nicht belassen

hatte; Strauß erwies dem von Wörner Abgehalfterten auch noch die Ehre einer persönlichen Audienz. Eine gute halbe Stunde lang redeten Strauß und Kießling Mitte vorletzter Woche in München miteinander.

Strauß rückte so den Mann, den der Bonner CDU-Verteidigungsminister wegen angeblicher homosexueller Neigungen zum Sicherheitsrisiko erklärt hat und an den Pranger stellen ließ, in puncto Glaubwürdigkeit zumindest auf eine Stufe mit Manfred Wörner. Dem Bayern war klar, wie dürftig die Vorwürfe gegen den ranghöchsten deutschen Nato-Offizier belegt sind; sehr bald hatte Strauß erkannt, daß und wieweit die Kießling-Affäre Urteils- und Handlungsfähigkeit des Ressortchefs auf der Hardthöhe überforderte.

Wieder hat der Militärische Abschirmdienst (MAD) der Bundeswehr einen Politiker durch fehlerhafte Arbeit und falsche Informationen ins Straucheln gebracht; nachrichtendienstliche Schlamperei traf auf Inkompetenz des Ministers - beste Voraussetzungen für eine Regierungskrise.

1978 hatte Georg Leber, der SPD-Verteidigungsminister, zurücktreten müssen, weil er leichtfertig und leichtgläubig den MAD illegal schnüffeln ließ. Wörner hat nichts daraus gelernt. Im Fall Kießling las er aus zurechtgestümpertem Material gegen den General eine Anklageschrift heraus, als ob die Beweise aus der Homoszene gegen Kießling wasserdicht seien.

Dann entschied der Minister leichtfertig gegen den General, und als er danach - wie weiland Strauß - nachfaßte, war da wieder nichts. Zeugen und Unterlagen taugten nichts. Obendrein hat Wörner »danach so ziemlich jeden Fehler gemacht, den man machen kann, wenn man einige Phantasie hat« (ein Bonner CDU-Minister).

Strauß sah seine Chance: Stürzt Wörner, wäre auch der freidemokratische Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff nicht mehr zu halten. Dann hätte sich Kanzler Kohl in den Affären verheddert und vor aller Welt bewiesen, daß er zu kraftvoller Politik nicht fähig sei. Dann wäre ein Minister unter dem Vorwurf der Bestechlichkeit entfernt, der andere gekippt wegen vermeintlicher Schwulitäten, samt Rufmord an einem der ranghöchsten Bundeswehroffiziere - ein Fest für Franz Josef, danach in Bonn aufzuräumen, vielleicht gar als Kabinettsherr und Oberkanzler?

Was er von Kohls Führungskraft hält, hatte Strauß in der Kreuther Klausur wieder einmal dargetan. Nach seinem Gejammer über Schwierigkeiten der CSU in Bonn - in der Familienpolitik blocke der Finanzminister, in der Afrika- und Waffenexportpolitik mauere der Außenminister - forderte der CSU-Chef, hier müßten endlich einmal an der Spitze Richtlinien ausgegeben werden.

»Aber«, fuhr Strauß fort, »in Bonn gibt es ja zwei Bundeskanzler - Stoltenberg und Genscher.«

Auf den Spott folgte Druck. Am letzten Montag drängte Strauß in »Bild": »Es ist Sache des Bundeskanzlers, jetzt zu entscheiden.«

Das hatte Kohl längst getan. Seine Direktive: Zeit gewinnen, die akute Krise überstehen, um nicht erst Wörner und einige Monate später Lambsdorff rausbrechen zu lassen; Strauß solle keine Chance haben.

Deswegen lehnte Kohl ein Rücktrittsangebot Wörners schroff ab. In der Nacht zum vorletzten Sonntag hatte er während des Berliner Presseballs aus Bonn die Nachricht am Telephon erhalten, der genervte Wörner biete ihm die Demission an.

Der Kanzler bekräftigte am Mittwoch letzter Woche im Kabinett: »Rücktritt, das ist keine Frage, um die es hier geht.«

Kohl setzt, seiner Art und Karriere gemäß, aufs Klammern. Er will auch diesen Skandal aussitzen. Er läßt den Verteidigungsminister, den er vor Vertrauten einen Dilettanten schalt, nicht fallen, weil er meint, dessen Fall müsse auch seine Autorität als Kanzler gefährden. Dabei steht Kohls Reputation längst zur Debatte.

Wenn der Fall Wörner/Kießling auf Betreiben der SPD-Opposition nun in einem Parlamentarischen Untersuchungsausschuß aufgerollt wird, gewinnt Kohl Zeit - vielleicht bis zum Mai, wenn über das gerichtliche Hauptverfahren gegen Lambsdorff und damit über sein Verbleiben im Kabinett entschieden wird.

Dabei nimmt der Kanzler in Kauf, daß Wörner - gleichgültig ob Kießling nun schwul ist oder nicht - sein Ansehen verspielt hat.

In einer Sondersendung des Deutschen Fernsehens rechnete der frühere Vier-Sterne-General Gerd Schmückle, einer der Vorgänger Kießlings bei der Nato, mit dem CDU-Minister ab: »Selbst bei größter Anstrengung hätte Kießling nicht den Schaden anrichten können, der durch die Behandlung des Falles durch Ihr Ministerium tatsächlich geschehen ist. Die Art, wie man hier einen Mann erst nackt ausgezogen hat, buchstäblich durch Indiskretionen, und dann - wie Augstein schrieb - vorhingerichtet hat ... ist einmalig in der deutschen Militärgeschichte.«

Dem Innenminister Friedrich Zimmermann von der CSU war der Fall Wörner so unheimlich, daß er in der Vorstandssitzung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in Berlin am Montag letzter Woche für einen schnellen Abschluß der Affäre noch in der laufenden Woche plädierte, so oder so.

Entweder, schlug Rechtsanwalt Zimmermann vor, müsse Wörner seine Zurückhaltung aufgeben und Beweise der Öffentlichkeit präsentieren, oder er habe Kießling umgehend zu rehabilitieren, mit allem Drum und Dran - mit Ehrenerklärung, kurzzeitiger Wiederindienststellung und großem Zapfenstreich zum Abschied.

Weiter in Zimmermanns Konzept: Wörner solle öffentlich Fehler zugeben und seinen Rücktritt anbieten, den Kohl nicht annehme; dann aber müsse der Militärische Abschirmdienst neu geordnet und neu organisiert werden. Brigadegeneral Helmut Behrendt, der amtierende MAD-Chef, und dessen Aufseher im Ministerium, Staatssekretär Joachim Hiehle, gehörten abgelöst. Nötig sei ein schnelles Ende der Affäre im Interesse des Ansehens von Regierung, Republik und Bundeswehr.

Helmut Kohl paßte das nicht. Am Dienstagabend legte er in einem Zwei-Stunden-Gespräch mit Wörner die Strategie für die Auseinandersetzungen in Parlament und Öffentlichkeit fest.

Die neue Marschroute: Wörner solle sich nicht mehr auf eine Diskussion über die Glaubwürdigkeit von Zeugen und Beweisen aus der Homoszene einlassen, sich statt dessen hinter dem Paragraphen 50 des Soldatengesetzes verschanzen, der die Entlassung des Generals ohne konkrete Angaben von Gründen erlaubt. So geschah es.

Am Mittwoch war im Kabinett vom Fall Wörner nur noch kurz die Rede; _(Letzte Woche vor dem ) _(Bundeswehrkrankenhaus in München. )

unter dem Tagesordnungspunkt »Verschiedenes« meldete sich Zimmermann, allerdings nur mit juristischen Ratschlägen: Wenn Wörners Zeugen aus dem Strichjungen-Milieu jetzt umfielen, dann müßten eben die Polizeibeamten als Zeugen her, bei denen sich die Stricher vorher anders eingelassen hätten. Dies sei in Gerichtsverfahren gängige Praxis.

Finanzminister Gerhard Stoltenberg schloß sich der Sprachregelung zwischen Kohl und Wörner an: Der Verteidigungsminister sei nicht Ankläger oder Richter des Generals; er habe allein das Sicherheitsrisiko zu beurteilen. Bei einem »begründeten Verdacht« müsse er handeln. Er müsse allerdings auch beweisen, schob Zimmermann nach, daß er keinen Ermessensspielraum gehabt habe.

Einer aber hat immer noch nicht begriffen, was er angerichtet hat und wie es um ihn steht - der Bundesminister der Verteidigung. Mit dem Gehabe des unschuldig Verfolgten beteuerte Manfred Wörner letzte Woche vor Fraktion und Kanzler, in Geheimsitzungen und vor TV-Kameras immer nur eins: Er habe seine Pflicht getan.

Einen Schuldigen für das »Schauspiel«, das auch ihm nicht ganz entgangen ist, weiß er nicht zu benennen. Da gibt es ein »Komplott«; der Fall aber scheint, offenbar von unsichtbaren Mächten gesteuert, »über uns hereingebrochen«, und zwar »ohne mein Zutun«.

Wörner kann sich überhaupt nicht vorstellen, daß sein Traum von der Ministerkarriere so schnell wieder zerrinnen soll. Er versteht den Beifall von Fraktionskollegen für seinen Sachvortrag als Unterstützung für sein Handeln und für seine Politik. Der Fraktionsvorsitzende hatte es doch bestätigt: »Herr Wörner«, sagte Alfred Dregger, »Sie sehen, die Fraktion steht hinter Ihnen.«

Wie brüchig die Solidarität seiner Freunde geworden ist, wie hohl ihr Beifall klingt, Wörner spürt es nicht. »Es war wie das Klopfen auf den Sargdeckel«, schildert einer die makabre Sitzung, ein anderer: »Vielleicht war das der letzte Beifall, den er kriegte.« Aufgestiegen sei er »wie ein Jet«, lästert ein Kabinettskollege, »und plötzlich setzen die Triebwerke aus«.

Den Parteifreunden ist nicht geheuer, wie einer, der geradezustehen hat für eine der unappetitlichsten Affären der Bundesrepublik, nicht die leisesten Selbstzweifel erkennen läßt, sich statt dessen selbstgerecht als Staatsmann präsentiert, der nicht anders handeln konnte. Er verwarf den Rat von Kollegen, Fehler öffentlich einzugestehen, Verantwortliche zu benennen und zu feuern. Er verläßt sich auf die Tunix-Haltung seines Kanzlers und verwechselt sie mit einer Ehrenerklärung.

Während sich der Oberbefehlshaber auf der Hardthöhe eingräbt, wird sein Posten schon gehandelt. Zimmermann antwortete auf die Frage, ob er Nachfolger werden wolle, vieldeutig, er gehe davon aus, daß Wörner »noch bleibt«. Und der Innenminister will »nicht wie Red Adair«, der berühmte Experte für Erdöl-Brände, »überall dort hingeschickt werden, wo es brennt«.

Oder wird Alfred Dregger Feuerwehrmann im Wehrressort? Dreggers Nachfolger als Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion könnte dann Kohls Wunschkandidat, der Fraktionsgeschäftsführer Wolfgang Schäuble, werden.

Stutzig werden müßte Wörner, weil sich der Koalitionspartner FDP mit Unterstützung oder Trost auffällig zurückhält. Der FDP-Vorsitzende Hans-Dietrich Genscher ist abgetaucht: »Ich bin in dieser Sache nur Zeitungsleser.«

Doch in der FDP-Fraktion wurde ein vernichtendes Resümee gezogen. Der Verteidigungsminister habe die Persönlichkeitsrechte des Generals und dessen Intimsphäre verletzt und unübertreffliche Stümperhaftigkeit gezeigt. Fazit des FDP-Staatsministers Jürgen Möllemann: »Die Hardthöhe macht einen weiteren Minister kaputt.«

Freidemokraten bemerken schadenfroh, wie sich Wörner mehr und mehr verstrickt - und erinnern an ihren Parteifreund Werner Maihofer, der 1978 als Innenminister nicht wegen eines Geheimdienst-Skandals in der Abhör-Affäre Traube stürzte, sondern wegen seiner Unfähigkeit, solche Krisen zu meistern.

Am schlimmsten aber trifft den Verteidigungsminister das Urteil derer, auf die er zählt - die Meinung der Generale und der Truppe. Die Abrechnung des Ex-Generals Schmückle ging dem Minister unter die Haut, denn er artikuliert die Stimmung in der Bundeswehr.

»Das hat weh getan«, weiß ein Wörner-Kenner, »denn es trifft den Nerv.« Wie sehr, merkte Schmückle noch im Fernsehstudio. Der Verteidigungsminister gab ihm zum Abschied nicht die Hand.

Offiziere empören sich nicht darüber, daß ein General vorab pensioniert wird, sondern über die Art, wie dies geschieht: Strichjungen aus der Kölner Szene werden zu Zeugen der Anklage; als Beweisstück dienen denunziatorische Unsinnigkeiten eines Admiralarztes, der sich wichtig tat mit der Behauptung, der General habe in der Praxis an den Genitalien manipuliert.

Mit solchen »Ungeheuerlichkeiten« (Schmückle) hat Wörner die Sympathien seiner Truppe verspielt. Die schlampig herbeigeschafften Recherchenergebnisse seines MAD konnte er nicht vorurteilsfrei bewerten: Einer wie Wörner, der keine Reserveübung und keine Gelegenheit zum Truppenbesuch versäumte, der sich gern in Fliegermontur im Cockpit zeigte, der stolz war darauf, stets »in vollem Einklang mit der militärischen Führungsspitze« zu handeln - er hat bei seiner wichtigsten Aufgabe versagt.

Es kommt nicht darauf an, daß der Verteidigungsminister einer Meinung ist mit den Militärs; er hat vielmehr die Generale, die Verwaltung, die Militärbürokratie zu kontrollieren. »Furchtbar, es bricht alles total zusammen«, stöhnt ein Kabinettsmitglied. »Er ist ein

Opfer seiner Verliebtheit in die Bundeswehr.«

»Manfred von der Bundeswehr« (so der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Joschka Fischer) wird womöglich selbst Opfer von Strichjungen; er muß zittern, ob seine Zeugen aus dem Milieu nicht wieder umfallen (siehe Kasten Seite 24).

Wörner hat sich zu sehr auf die Arbeit seines eigenen Geheimdienstes verlassen. »Ich kann wirklich und verbindlich sagen«, so Wörner im Fernsehen, »daß General Rogers oder irgendeine andere amerikanische Stelle damit nicht das mindeste zu tun haben.«

Nach den Dokumenten sieht die Lage anders aus. In einem Brief an das Bundesverteidigungsministerium (BMVg) vom 10. Januar schreibt Brigadegeneral Behrendt, Chef des MAD: »Auftragsgemäß wird berichtet: Am 27. 7. 1983 teilte ein Ministerialrat des BMVg einem Mitarbeiter des ASBw _(Amt für Sicherheit der Bundeswehr in ) _(Köln (mit der MAD-Zentrale). )

mit, daß ''General Dr. K. wegen seiner angeblichen homosexuellen Veranlagung von dem Nato-Oberbefehlshaber, General Rogers, nicht mehr persönlich empfangen werde. Er sei händchenhaltend mit einem Obersten gesehen worden''.«

Genau diese Passage war auch, nach einem MAD-Entwurf, als Sprechzettel für die Unterrichtung der Fraktionsobleute vorgesehen. Weiter hieß es da: »Auf Grund dieser Sachlage war das ASBw verpflichtet, durch geeignete Ermittlungen den bekanntgewordenen Sachverhalt aufzuklären und zu prüfen, ob und in welchem Umfang hierdurch Sicherheitsbelange berührt sind.«

Das Papier belegt eindeutig, was Wörner bestreitet: Erste Hinweise auf die angebliche Homosexualität Kießlings kamen aus der Nato-Zentrale in Brüssel.

In Schwierigkeiten geriet Wörner stets, wenn er begründen sollte, ob das gespannte Verhältnis zwischen Kießling und Rogers für seine Entscheidung von Bedeutung gewesen sei: Zuerst spielte das angeblich nicht »die geringste Rolle«, dann aber räumte der Minister ein, »das gestörte Verhältnis« Kießlings zu seinem Vorgesetzten habe »mein Vertrauen in seine Amtsführung erschüttert«.

Als fragwürdig erweist sich auch die ständige Behauptung des Verteidigungsministers, er habe nach Sachlage gar »keine Wahl« gehabt, weil ihm »gesicherte Erkenntnisse« vorlägen; »Fakten«, die einen »hinreichenden Verdacht begründeten«. Er hat immer vermieden, offen zu sagen, was er meinte: homosexuelle Veranlagung oder Aktivitäten des Generals.

Wäre Wörners Einlassung richtig, brauchte er nichts zu fürchten. Vor der Parlamentarischen Geheimdienst-Kontroll-Kommission aber wurde offenbar, was davon zu halten ist: Wörner mußte einräumen, daß die einzige Grundlage für den Rausschmiß des höchsten deutschen Nato-Offiziers ein dürftiger MAD-Bericht war, den Brigadegeneral Behrendt unter Tagebuch-Nr. 4152/83 »Geheim«, Az. 06-24-04, am 6. Dezember für den Verteidigungsminister so zusammenfaßte: _____« Betr. General Dr. KIESSLING, Günter » _____« 1. Ein Ministerialrat des BMVg äußerte im August 1983 » _____« gegenüber dem MAD, daß General Dr. KIESSLING homosexuell » _____« veranlagt sei. Diese Veranlagung des Dr. K. sei auch » _____« SACEUR, General ROGERS, bekannt. » _____« 2. Daraufhin durch den MAD veranlaßte Ermittlungen » _____« des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf » _____« bestätigten die behauptete Veranlagung des Dr. K. Er » _____« wurde in der Homo-Szene Köln eindeutig identifiziert. Das » _____« LKA ist gegebenenfalls bereit, durch polizeiliche » _____« Maßnahmen - Gegenüberstellung - die Beweisführung » _____« anzutreten. » _____« 3. Der geschilderte Sachverhalt ist nach ZDv 2/30 » _____« VS-NfD Teil C Anlage C 1 Nr. 3 ein Sicherheitsrisiko. » _____« Dabei ist erschwerend zu berücksichtigen, daß General Dr. » _____« K. seine homosexuelle Veranlagung bisher bestritten hat. » _____« Durch dieses Bestreiten und der dadurch möglichen » _____« Erpreßbarkeit wiegt das Sicherheitsrisiko schwer. » _____« Zusätzlich ist zu berücksichtigen, daß innerhalb und » _____« außerhalb seines Dienstbereiches Informationen über » _____« diesen Sachverhalt bekanntgeworden sind. Dadurch sind » _____« auch dienstliche Belange berührt. » _____« 4. Bei diesem Erkenntnisstand ist der » _____« Sicherheitsbescheid aufzuheben. Hierzu ist General Dr. K. » _____« gemäß ZDv 2/30 VS-NfD Nr. 2605 anzuhören. » _____« Obwohl allen Umständen nach durch die Anhörung keine » _____« neuen Erkenntnisse zu erwarten sind, ist sie der » _____« Vorschrift entsprechend unerläßlich. » _____« Bei weiterem Bestreiten der homosexuellen Veranlagung » _____« müßte Beweisführung durch Gegenüberstellung erfolgen. » _____« Dieses Verfahren könnte in der Öffentlichkeit bekannt » _____« werden und würde im Hinblick auf die exponierte Stellung » _____« des General Dr. K. dem Ansehen der Bundesrepublik » _____« Deutschland abträglich sein und schweren Schaden » _____« bewirken. » _____« Diese nicht auszuschließenden Folgewirkungen » _____« gebieten, die weitere Behandlung dieser Angelegenheit » _____« nicht an der üblichen Vorgehensweise zu orientieren. » _____« Überdies könnte eine formale Aufhebung der » _____« Sicherheitsbescheide und ein Bekanntwerden der dafür » _____« maßgeblichen Gründe auch für die von General Dr. K. » _____« angestrebte Anschlußverwendung (Professur) negative » _____« Auswirkungen haben. » _____« 5. Aus diesen Gründen und im Hinblick auf die » _____« vorgesehene vorzeitige Zurruhesetzung des General Dr. K. » _____« zum 31. 3. 1984 wird die Aufhebung des » _____« Sicherheitsbescheides für nicht zweckmäßig erachtet. » _____« Die Entscheidung über eine mögliche Aufhebung des » _____« Sicherheitsbescheides für General Dr. K. fällt zwar in » _____« meine Zuständigkeit, ich halte es jedoch in diesem » _____« besonderen Fall für geboten, eine Entscheidung durch die » _____« Ressortleitung herbeizuführen. » _____« BEHRENDT Brigadegeneral »

Entgegen allen Behauptungen, Wörner habe keine Wahl gehabt, ergibt sich

aus diesem Vermerk: Der Minister hätte sehr wohl nach seinem Ermessen handeln können; die vorzeitige Pensionierung zum Jahreswechsel hielt Behrendt für »nicht zweckmäßig«.

In einem Brief an die Leitung des Ministeriums faßte MAD-Chef Behrendt am 10. Januar und in einem weiteren, nur wenig differierenden Vermerk vom 17. Januar den Stand der Erkenntnisse zusammen. Daraus geht hervor, daß es mit den Informationen so weit nicht her war; Parlamentarier, die Wörner in der Kontrollkommission fragten, ob er weitere Nachforschungen eingeleitet habe, beschied er mit der Antwort, dazu habe er »keine Zeit« gehabt.

Ein Abgeordneter: »Wenn erst im Untersuchungsausschuß öffentlich wird, was wirklich geschehen ist, dann ist die Reputation der MAD-Spitze und teilweise auch der Bundeswehr-Spitze auf längere Zeit beschädigt.«

Das Behrendt-Schreiben enthüllt die Entscheidungsgrundlage, die Wörner angeblich »keine Wahl« ließ - in Wahrheit ein Dokument, das die Leichtfertigkeit eines Ministers authentisch festhält: _____« Am 31. 8. 1983 wurde MAD-Gruppe III (Düsseldorf) und » _____« am 29. 7. 1983 MAD-Gruppe S (Bonn) mit der Klärung dieses » _____« Sachverhalts beauftragt. Der zuständige Bearbeiter des » _____« ASBw wies den Bearbeiter der MAD-Gruppe III in einem » _____« persönlichen Gespräch am 31. 8. 1983 entsprechend ein. » _____« Der Bearbeiter der MAD-Gruppe III nahm am 2. 9. 1983 » _____« Verbindung zu einer Behörde auf und bat um Amtshilfe zur » _____« Identifizierung des Dr. K... Hierzu stellte er den » _____« Beamten ein Uniformbild der Dr. K. zur Verfügung. Um die » _____« Person des Dr. K. zu schützen, wurden auf diesem Bild die » _____« Uniformteile mit einem Filzstift anzugmäßig kaschiert. » _____« Die zuständige Behörde mischte dieses Bild mit sechs » _____« weiteren Bildern und legte diese in zwei einschlägig » _____« bekannten Homo-Lokalen vor. » _____« In einem Lokal wurde Dr. K. von dem Wirt ohne Zögern » _____« identifiziert. In dem anderen Lokal erfolgte die » _____« Identifizierung des Dr. K. als »Günter von der » _____« Bundeswehr« durch den Geschäftsführer; Barmann und » _____« Umstehende. » _____« Die Bearbeitung der Angelegenheit oblag zwei Beamten. » _____« Die Identifizierung an Hand der Lichtbilder hat einer der » _____« beiden Beamten vorgenommen, und zwar derjenige, der die » _____« Verbindung und den Zugang zu dieser Szene unterhält und » _____« der aufgrund der Erfahrungen aus dieser Zusammenarbeit » _____« auch in der Lage ist, die Glaubwürdigkeit der » _____« Auskunftspersonen eindeutig zu beurteilen. » _____« Dieses Ermittlungsergebnis wurde dem Bearbeiter der » _____« MAD-Gruppe III bereits am 8. 9. 1983 durch die Behörde » _____« mitgeteilt. » _____« Am gleichen Tag suchte der MAD-Ermittler der » _____« MAD-Gruppe III persönlich den Auftraggeber im ASBw auf » _____« und teilte ihm mit, daß die Identifizierung durch mehrere » _____« Personen zweifelsfrei erfolgt sei. Dr. K. ist demnach in » _____« einem Lokal als guter Gast bekannt, hat dort wiederholt » _____« zu »Strichern« Kontakt gepflegt. Er verkehrte dort häufig » _____« bis in die jüngste Zeit zeitweilig zwei bis drei Tage » _____« hintereinander. Weiter wurde aus diesen Feststellungen » _____« bekannt, daß Dr. K. dem Wirt des anderen Lokals bereits » _____« seit 12 Jahren bekannt ist, in letzter Zeit jedoch dort » _____« nicht mehr in Erscheinung trat. »

Geheimdienst-Experten sind entsetzt: »Pfusch«, »Dilettantismus«, »Schlamperei« - die Urteile sind vernichtend. Nicht die einfachsten Regeln des nachrichtendienstlichen Handwerks, noch weniger die einer vernünftigen politischen Bewertung wurden beachtet.

Unbegreiflich ist Fachleuten, wie der MAD sich nur auf die Recherche von Polizisten verlassen konnte, die mit

einem Photo in der Szene herumliefen.

Um einen hohen Offizier homosexueller Neigungen und daraus resultierender Erpreßbarkeit zu überführen, wären lange Observationen nötig gewesen; es hätte recherchiert werden müssen, wohin der Beschuldigte reiste, wo er nachts abstieg, ob er allein oder immer mit Fahrer unterwegs war. Der Fahrer hätte befragt, Filme und Photos hätten als Beweismaterial beschafft werden müssen.

Statt dessen wurde das »anzugmäßig« retuschierte Kießling-Photo inzwischen vom MAD als vermißt gemeldet.

»Wenn Sie mit einem Lichtbild von mir durchs ''Tom-Tom'' gehen«, höhnt ein Spitzenmann der Geheimdienst-Branche, »gibt es mindestens zwei, die sagen, den kenne ich.«

Weitere Flüchtigkeiten: In einem Behrendt-Vermerk (vom 17. Januar) ist von sechs zusätzlichen Vergleichs-Photos die Rede, in der Notiz vom 10. Januar heißt es, das Kießling-Bild sei »mit fünf weiteren« gemischt.

Und am 10. Januar schreibt Behrendt: »K. bestritt homosexuelle Veranlagung.« Im sonst fast identischen Vermerk, der eine Woche später auf den 10. Januar rückdatiert wird, heißt es an dieser Stelle: »K. bestritt Umgang in der Szene« - also nicht den Vorwurf, schwul zu sein?

»Gegen Barzahlung«, heißt es weiter, habe Kießling auch »Kontakte zu sogenannten Strichern« aufgenommen - eine Angabe, die nirgendwo wieder auftauchte. Und: Trotz allem, so das MAD-Papier, »bestehe am Wahrheitsgehalt der Angaben keine Zweifel«.

Wirklich nicht?

Manipulationen am Glied, wenn es sie denn gab, seien »abartige sexuelle Handlungen«, heißt es im MAD-Papier für den Bundestag.

Nach SPIEGEL-Recherche steht fest: Bis zum 8. Januar hat der MAD über die zitierten Vermerke hinaus keinerlei Erkenntnisse gesammelt, die darauf hindeuten, General Kießling sei zum Sicherheitsrisiko geworden.

Erst danach gibt es plötzlich die Behauptung, der General sei mit falschem Ausweis in Berlin gewesen, habe sich zu häufig von seinem Dienstort Casteau/ Belgien entfernt oder sei schon in grauer Vorzeit wegen angeblicher Neigungen aufgefallen.

Der Geheimdienst, der Manfred Wörner jetzt zum Verhängnis zu werden droht, hat schon manche Affäre auf dem Buckel. Der MAD hat ein eigenes Informationsnetz quer über die Republik gespannt.

Wahllos sammelten die »Oberverdachtsschöpfer« (Bundeswehr-Spott) jahrelang, was ihnen an Daten und Namen in die Finger kam - vom Kleinkind bis zum Greis, vom Kabarettisten bis zum Hausbesetzer (siehe Seite 27).

Ungeniert mischten sich MAD-Schnüffler in Belange des Verfassungsschutzes ein. Mal lauschten sie in Dienstzimmern, mal klebten sie eine Wanze an eine öffentliche Telephonzelle, mal horchten sie durch ein Heizungsrohr von einer Dienstwohnung in die andere oder installierten eine versteckte Fernsehkamera im Büro eines Generalstabmajors.

Einmal sogar waren sie im badenwürttembergischen Pfullendorf in eine vom Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) gemietete Wohnung eingedrungen und hatten ein Mikrophon angebracht - ein Fall, der in seiner juristischen Qualität dem Rechtsbruch im Fall Traube nahezu gleichkam.

Obwohl das Ergebnis der aufwendigen Lauschoperationen erfahrungsgemäß dünn ist - echte Spione richten sich darauf ein -, entwickelte sich im MAD das Wanzen-Pflanzen zur gefährlichen Manie.

So ließ Brigadegeneral Paul-Albert Scherer, von 1972 bis 1977 Chef des MAD, sein eigenes Dienstzimmer im Kölner Amt für Sicherheit der Bundeswehr für den Besuch zweier SPIEGEL-Redakteure herrichten. Die beiden Journalisten hatten sich 1974, auf dem Höhepunkt der Affäre um den Kanzleramtsspion Günter Guillaume, zu einem Gespräch mit dem MAD-Chef und dessen Stellvertreter, Kapitän zur See Konrad Koch, angesagt. Scherer gab Order, ein Mini-Tonbandgerät in den Falten eines Fenstervorhangs zu verstecken.

Der Minispion wäre den SPIEGEL-Leuten beinahe auf den Kopf gefallen, als MAD-Vize Koch, der nichts von dem Geheim-Tonband wußte, den Vorhang zuziehen wollte, um einbrechendes Sonnenlicht abzuwehren. Mit dezenter Bewegung konnte ihn sein Chef gerade noch daran hindern.

Er habe, so begründete Scherer später die Operation, feststellen wollen, ob es im SPIEGEL Ostagenten gäbe. Anhand des Tonbands könne er kontrollieren, ob irgendwann aus dem Osten Informationen zurückliefen, die er in dem Gespräch mit den Redakteuren gestreut hätte.

Selbst das Verteidigungsministerium war vor Lauschaktionen nicht sicher. Im Referat ES (Ermittlungen in Sonderfällen) wurden 1978 gleich zwei Wanzen entdeckt, eine in einem Radiogerät, die zweite hinter der Rauhfasertapete neben der Couch.

Die Drähte führten in Nebenräume, wo in den sechziger Jahren Gespräche ohne Wissen der Besucher aufgezeichnet wurden. Pikanter Hintergrund: Das Referat ES untersuchte die Lockheed-Schmiergeldaffäre.

Auch im Ausland gingen die MAD-Fahnder illegal auf Pirsch: Mitte der 70er Jahre etwa belauschten sie die ehemalige Leber-Sekretärin Hildegard Holz in Tirol. Ihr Verdacht, Frau Holz sei eine Ostagentin, erwies sich später als Unfug.

Bedenkenlos setzte sich der MAD im Fall Holz auch über das Grundgesetz hinweg: Scherer ließ in der Bonner Wohnung der Sekretärin ein Geheimmikrophon montieren - ohne jede Rechtsgrundlage. Erst zwei Monate später beantragte der MAD-Chef die Genehmigung für eine legale Telephonkontrolle nach Artikel 10 der Verfassung.

Verteidigungsminister Leber war von den eigenmächtigen Aktionen des MAD oft gar nicht unterrichtet, häufig - wie im Fall Holz - wurde er erst Jahre danach informiert. Der Minister schätzte es, wie die meisten seiner Vorgänger und Nachfolger, wenn ihn der Abschirmdienst möglichst wenig behelligte.

So bestellte Leber in den Jahren 1972 bis 1977 seinen Geheimdienstchef lediglich dreimal zum Vortrag ins Ministerium. Lebers Begründung: »Man darf nicht zu tief nach unten führen«, das habe er schon als Rekrut gelernt.

Diese laxe Praxis wurde dem Minister schließlich zum Verhängnis: Als Anfang 1978 die gesetzeswidrigen Methoden des MAD herauskamen, handelte Leber, wie es in Demokratien korrekter Brauch ist: Er übernahm »die politische Verantwortung für das, was geschehen ist« - und trat zum 16. Februar zurück.

Mit Lebers Philosophie korrespondierte das Konzept seines MAD-Chefs aufs Feinste. Von den »fachlichen operativen Zügen und Maßnahmen«, so Scherers Motto, brauche der Minister nichts zu wissen. Er könne dem ohnehin überlasteten Bundeswehrchef doch nicht noch »einen zusätzlichen Rucksack« aufpacken.

Doch der MAD-Ranzen war häufig leer. In den fünf Jahren seiner Amtszeit, von 1972 bis 1977, in denen Scherer das MAD-Budget von 40 auf über 80 Millionen Mark im Jahr hochtrieb, geriet die militärische Abwehr mit Erfolgsmeldungen bei der Agentenjagd selten, durch dilettantisches Vorgehen jedoch häufig in die Schlagzeilen.

Auch im Fall Lutze machte der MAD keine gute Figur. Die DDR-Spionin Renate Lutze schleppte, bis zu ihrer Verhaftung im Juni 1976, aus dem Vorzimmer eines Ministerialdirektors im Verteidigungsministerium Kopien von Geheimakten ab. Mindestens 17 streng geheime Dokumente, darunter Pläne des Nato-Pipelinesystems, landeten in der Spionagezentrale des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Ehemann Lothar-Erwin Lutze, Bundeswehrangestellter, transportierte monatelang bündelweise Akten aus der Rüstungsabteilung im Kofferraum seines Wagens nach Hause, um sie dort in Ruhe zu kopieren.

Für den MAD war die Affäre besonders peinlich, weil seine Spezialisten bei der Sicherheitsüberprüfung des Ehepaares offensichtlich geschludert hatten. Ein Untersuchungsausschuß des Bundestages urteilte über die Qualitätsarbeit der militärischen Abwehr: »Der MAD war im Fall Lutze nicht einmal in der Lage, eine Spionin zu entlarven, auf deren Verdächtigkeit er aus ihre r Umgebung mehrfach hingewiesen wurde.« Dabei seien die Lutzes keineswegs Meisterspione, eher stümperhaft arbeitende Zufallsagenten gewesen.

Die Ursache für die MAD-Schlamperei sahen die Abgeordneten vor allem in dem ständigen Streit um Zuständigkeiten zwischen dem Ministerium in Bonn und der MAD-Spitze in Köln: »Er dauert jetzt 20 Jahre, und ein Ende ist nicht in Sicht.«

Eine andere MAD-Affäre reicht in die Mitte der siebziger Jahre zurück und zeigt auffällige Parallelen zum Fall Kießling. Während zwei Jahren überwachte die Abwehr einen Fregattenkapitän im Fernmeldeamt der Bundeswehr in Ahrweiler. Der Offizier, einer der wichtigsten Geheimnisträger der Armee, hatte Zugang zu sämtlichen Nato-Codes. Das Kölner Amt ließ den Nachrichtenspezialisten und dessen Frau verhaften: Spionageverdacht. Erst bei der Festnahme informierte der Geheimdienst die Generalität auf der Bonner Hardthöhe über den Vorgang. Die Beweislage war jedoch so dürftig, daß sich der MAD schriftlich für die miserable Recherche entschuldigen mußte. Der Offizier, inzwischen auf einen anderen Posten abgeschoben, wurde rehabilitiert.

In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, den Skandal-Jahren des MAD, war das Betriebsklima beim Abschirmdienst so gereizt, daß interne Meinungsverschiedenheiten mehrfach vor Gericht ausgetragen wurden. Amtschef Paul-Albert Scherer, SPD-Mann, und sein Stellvertreter Konrad Koch, der CDU zugerechnet, zankten sich in drei Verfahren und beschäftigten schließlich sogar das Bundesverfassungsgericht mit ihrem Kompetenzgerangel.

Parteipolitisches Hickhack hatte bis dahin im MAD kaum eine Rolle gespielt - aus gutem Grund: Von Anfang an war der Dienst eine unbestrittene Domäne der Union.

1956 hervorgegangen aus der Sicherheitsgruppe im Amt Blank, dem nachmaligen Verteidigungsministerium, fristete der MAD zunächst ein eher bescheidenes Dasein, im Schatten des Verfassungsschutzes und des Bundesnachrichtendienstes. Der ursprüngliche Auftrag, »Personal, Einrichtungen, Anlagen und Ausrüstung der Bundeswehr im In- und Ausland gegen sicherheitsgefährdende Kräfte abzuschirmen«, ließ wenig Raum für ambitionierte Nachrichtenprofis.

Einer jedoch hat die Bedeutung eines hauseigenen Nachrichtendienstes früh erkannt und ihn auch bedenkenlos für seine Interessen eingesetzt: der damalige Verteidigungsminister Strauß.

1962, im Jahr der SPIEGEL-Affäre, schickte der Verteidigungsminister drei Observierungsgruppen seines Dienstes nach Hamburg, um SPIEGEL-Redakteure zu beschatten, die an einer Titelgeschichte über die Bundeswehr ("Bedingt abwehrbereit") arbeiteten. Am Abend des 26. Oktober, als die Polizei auf Betreiben des Verteidigungsministers die SPIEGEL-Redaktion besetzte, sichtete als erster ein MAD-Oberst das beschlagnahmte Material und fahndete nach für Strauß abträglichen Unterlagen.

Der MAD, plötzlich in eine politische Intrige verwickelt, sah sich vom Minister als Instrument benutzt. Die Folge: Die Abwehr schottete sich immer mehr gegenüber dem Verteidigungsministerium ab und führte ein von politischer Kontrolle kaum beeinträchtigtes Eigenleben.

Anfang der siebziger Jahre, in den ersten Jahren der sozialliberalen Koalition, entwickelte die Abwehr, von den anderen Diensten argwöhnisch beobachtet, den Ehrgeiz, ein richtiger Geheimdienst zu werden.

Doch schon erste Versuche gerieten zur Pleite: Die MAD-Späher wollten die verschlungenen Pfade des östlichen Waffenhandels auskundschaften. Mittelsmänner sollten zu diesem Zweck bei der Prager Außenhandelsfirma Omnipol Gewehre einkaufen. Im MAD-Etat fehlten bald 170 000 Mark. Die Waffen trafen nie im Westen ein.

Um das Geld wieder hereinzubekommen, inszenierten die Laienspieler vom

Kölner Amt eine Agentenstory, die im September 1974 als Straßenräuber-Klamotte endete. Einer Gruppe von internationalen Waffenschiebern, mit dem Osten im Geschäft, drehten die Kölner einen bei Krauss-Maffei ausgeliehenen Leopard-Motor als »streng geheimes« Spionagegut an - obwohl die Maschine nie als geheim eingestuft worden war.

Der Coup brachte dem MAD zwar 150 000, aber keinerlei verwertbare Erkenntnisse. Die Waffenschieber tauchten unbehelligt unter.

1980 wagte sich der MAD so weit aufs politische Terrain vor, daß er von seinem Dienstherrn, Verteidigungsminister Apel, zurückgepfiffen werden mußte.

Der Kommunistische Bund Westdeutschland (KBW) plante eine öffentliche Gelöbnisfeier der Bundeswehr in Bremen zu sprengen. Statt dem dafür zuständigen Verfassungsschutz die Ermittlungen zu überlassen, schleuste der MAD einen V-Mann ein. Ohne von der Aktion des militärischen Geheimdienstes etwas zu wissen, plazierten die bremischen Verfassungsschützer im April 1980 ebenfalls einen V-Mann in der KBW-Tagung, getarnt als Juso - der einzige »Juso«, der daran teilnahm.

Der MAD-Spitzel berichtete daraufhin seiner Zentrale, die Jungsozialisten schmiedeten zusammen mit den Kommunisten ein Komplott gegen die Bundeswehr.

Aber auch persönliche Affären haben den einst soliden Ruf des MAD ruiniert. Ende der 70er Jahre war der stellvertretende Geheimdienstleiter Konrad Koch wegen einer Frauengeschichte abgelöst worden. Im Herbst letzten Jahres mußte MAD-Chef Elmar Schmähling gehen, weil er sich »in Abhängigkeiten« (MAD) begeben hatte - nicht von einem östlichen Geheimdienst, sondern von einer Frau.

Die professionelle Qualität des Abschirmdienstes wird seit langem skeptisch beurteilt. Experten im Kanzleramt, der Koordinationsstelle für Bundesnachrichtendienst, Verfassungsschutz und MAD, amüsieren sich oft über die bürokratische Akribie der Geheimen vom Militär.

Gewiß trägt es nicht gerade zur Motivation der MADler bei, daß spektakuläre Erfolge rar sind. Der Karriereknick eines Soldaten, der in der Sicherheitsüberprüfung hängenblieb - das ist nichts für die Öffentlichkeit. Und auch bei der Spionageabwehr wird mancher Fall ganz still erledigt - etwa wenn Bundeswehrangehörige, die von östlichen Diensten kontaktiert wurden, sich dem MAD offenbaren und so zur Aufklärung beitragen. Ein Staatsschützer: »Mit dem MAD ist es wie beim Werkschutz, da sieht man auch immer nur die Pannen.«

Das schlechte Image bringt Mangel an qualifiziertem Personal mit sich. Gut die Hälfte der über 2000 Geheimen sind Militärs, und die wiederum stellen, so ein Admiral, »eher eine Negativ-Auslese« dar: »Zum MAD schiebt man

Leute ab, mit denen man nichts Rechtes anzufangen weiß.«

Im Dienst selbst herrscht seit den Affären, die Leber das Amt kosteten, der Frust. Denn damals wurden dem MAD enge Fesseln angelegt: Die Kontrolle des zuständigen Hardthöhen-Staatssekretärs wurde auf operative Details ausgedehnt; nachrichtendienstliche Mittel dürfen nur bei begründetem Spionage-Verdacht eingesetzt werden. Sonst sind die Abwehrleute gehalten, bei ihren Aktivitäten offen unter dem Firmennamen aufzutreten. »Früher haben wir auch schon mal in den Briefkasten gelangt«, beschreibt ein Insider die Lage, »heute geht nichts mehr.«

Nun kommt zum Frust wieder ein Skandal. Wie Hohn klingt, was MAD-Behrendt in der Januar-Ausgabe der »Truppenzeitschrift Heer« über die Anforderungen an seine Leute sagte. Nach seiner Ausbildung müsse der Ermittler, so der Brigadegeneral, »in der Lage sein, selbständig komplexe Sachverhalte zu beurteilen, komplizierte Fragen im Gespräch zu klären und über die Ermittlungsergebnisse treffende Berichte abzufassen«.

Nach allem, was vor der Parlamentarischen Kontrollkommission letzte Woche auf den Tisch kam, muß Behrendt wohl träumen. Die Urteile der Bonner Parlamentarier über die MAD-Ermittlungen in Sachen Kießling reichten von »stümperhaft« bis »katastrophal«. SPD-MdB Gerhard Jahn im Fraktionsvorstand: »Ein Abgrund von Sumpf hat sich aufgetan.«

Aber Wörner merkte von alledem nichts. Als Behrendt am 14. September 1983 seine Ermittlungsergebnisse der Spitze des Hauses vorgetragen hatte, überkam Wörner-Staatssekretär Lothar Rühl zwar die richtige Ahnung: »Mein Gott, eine zweite Affäre Fritsch können wir uns nicht leisten.« Aber damals wußten die Herren noch nicht, daß sie genau in diese Richtung marschierten - hin auf eine Neuauflage des Skandals um den zu Unrecht der Homosexualität verdächtigten Heeres-Oberbefehlshaber.

Rühl fragte nur, ob etwa eine Verwechslung oder eine »intrigante Denunziation« möglich sei. Behrendt verwechselte zwar die Kölner Polizei mit dem Bundeskriminalamt, blieb aber dabei, die Beweise seien stichhaltig, ein Irrtum ausgeschlossen.

Die angeblichen Beweise, die Art der Beschaffung, niemand stellte die dubiosen Praktiken in Frage. Brav ließ der Minister sich einreden, es sei jetzt bei Verdacht der »abartigen Veranlagung« zwingend geboten, dem General den Sicherheitsbescheid zu entziehen, ihm den Zugang zu militärischen Geheimnissen wegen seiner Erpreßbarkeit zu versperren.

Die »elegante Lösung« (Rühl) wurde erfunden - und damit geriet der Minister vollends auf die schiefe Bahn.

Der ohnehin amtsmüde General sollte am 31. März 1984 auch auf eigenen Wunsch pensioniert und bis dahin krank geschrieben werden. Doch als dann der Staatssekretär Joachim Hiehle bürokratische Bedenken gegen die Entscheidung erhob und die MAD-Prüfung wieder in Gang setzte, gab Wörner wieder nach: Die Pensionierung wurde auf Ende des Jahres vorgezogen.

Im Münchner Bundeswehrkrankenhaus teilte Hiehle dem General auch den Grund mit: Verdacht der Homosexualität. Weshalb er aber nicht noch drei Monate länger, wie geplant, im Dienst bleiben könne, erfuhr Kießling nicht.

Wörner beteuerte seither, er habe sich persönlich nicht an dem Wust von Indiskretionen beteiligt, an der Schlammschlacht um Schwule und Schwüles. Sein Ministerium aber fütterte die Journalisten in den letzten Wochen eifrig mit angeblich Enthüllendem.

Was immer Kießling tat oder nicht tat - schonungslos wurde alles gegen ihn verwandt. »So, so«, habe der General bei einer ersten Konfrontation mit dem Homosexualitäts-Vorwurf nur gesagt; den Tränen sei er nahe gewesen - auch das wird gegen ihn benutzt.

Über eine angebliche Äußerung, er habe einmal in einer schwierigen Situation alles zugegeben, diesen Fehler werde er nicht wiederholen, ist gar ein Streit mit Wolfgang Altenburg entbrannt. Der Generalinspekteur beharrt darauf: »Das nehme ich auf meinen Eid.« Kießling dagegen bestreitet die Worte.

Und wenn er sie gesagt hätte? Was wäre bewiesen? 1962 hatte der damals 36jährige Offizier Kießling in Hamburg eine Liaison mit der 19jährigen Petra Langguth, Tochter eines Luftwaffengenerals - Grund dafür, daß Kießling von dem Generalstabslehrgang ausgeschlossen wurde.

Dem geschaßten General wird vorgehalten, er sei - entgegen der Abrede mit Wörner - in Uniform auf einer Fete in der bayrischen Landesvertretung in Bonn erschienen. Die Veranstaltung, so stellte sich inzwischen heraus, fand schon vor der gemeinsam verabredeten Beurlaubung statt; da hatten sich Intriganten wohl im Datum geirrt.

Auch der Verdacht, Kommunisten oder Spione seien am Werk, darf nicht fehlen: Sollen mit den Hinweisen auf Homosexualität eines Militärs Wörner und die Bundeswehr diskreditiert werden?

Wörner selber erzählte plötzlich vor dem Ausschuß, er habe auch »zu berücksichtigen«, daß Kießling sich »für seine Reisen nach Berlin um einen Sonderausweis mit einem Decknamen bemüht hatte«, weil er angeblich das Grab seiner Eltern besuchen wollte. Richtig: Den Ausweis besorgte er sich im persönlichen Gespräch mit dem damaligen BND-Präsidenten Klaus Kinkel.

Kommentar eines Abgeordneten: »Eine ganz abgeschmackte Geschichte, die erst viel später nachgeschoben wurde, um dem Ganzen noch einen Hautgout von Spionage zu geben.«

Ein solcher Verdacht ist offen niemals erhoben worden, er gehört ins Gebräu jener Un- und Halbwahrheiten, mit denen Wörners Entscheidung nachträglich gerechtfertigt werden soll. Nach dem Palmström-Motto, daß nicht sein kann, was nicht sein darf, hat Kießling weiterhin als Sicherheitsrisiko, als homosexuell, als schuldig zu gelten. Aber nicht den geringsten Beweis dafür hat Wörner beigebracht.

Kießling zeigte sich letzten Samstag versöhnlich. In einem offenen Brief in »Bild« bot er Wörner an, »aufeinander zuzugehen«. Allerdings verlangte er nochmals: »Geben Sie mir meine Ehre wieder.«

Kanzler Kohl kamen Ende vergangener Woche Zweifel, ob er seinen Verteidigungsminister noch lange im Amt halten kann. Erst einmal ließ er sich in Luxemburg mit dem höchsten Regierungsorden bekränzen; dann will er in dieser Woche seine Israel-Reise hinter sich bringen und bei Rückkehr sehen, ob und wie weit sich die Empörung gelegt hat. Sollte klar werden, daß nichts an den Vorwürfen gegen Kießling dran sei, daß Wörner seine Sorgfaltspflicht gröblich mißachtet hat, dann mag auch Kohl nicht mehr zu Wörner stehen.

Seinen Zapfenstreich hätte der seit kurzem glücklose Verteidigungsminister dann schon vorab erhalten. Beim Berliner Abend der CDU/CSU-Bundestagsfraktion am vorigen Montag, auf dem sich auch Abgeordnete künstlerisch betätigten, kündigte CDU-MdB Horst Günther »ein Lied für unseren Freund Wörner« an. Mit vollem Bariton schmetterte Günther dann los: »Es steht ein Soldat am Wolgastrand, hält Wache für sein Vaterland, in dunkler Nacht allein und fern, es leuchtet ihm kein Mond, kein Stern ...«

Letzte Woche vor dem Bundeswehrkrankenhaus in München.Amt für Sicherheit der Bundeswehr in Köln (mit der MAD-Zentrale).

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