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SPIEGEL Gespräch »Ein Abschalten ist für mich unvorstellbar«

PreußenElektra-Chef Hermann Krämer über die Zukunft der Atomenergie nach der Katastrophe von Tschernobyl *
aus DER SPIEGEL 21/1986

SPIEGEL: Herr Krämer, die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist, so will es die Bundesregierung, ein sowjetisches Problem. Spätestens seit die Radioaktivität im Regen schwand, sieht Helmut Kohl offenbar seine Hauptaufgabe darin, mit dem Zeigefinger nach Moskau zu weisen.

KRÄMER: Ich glaube nicht, daß die Dinge so einfach gesehen werden. Wir fühlen uns durch dieses schwere Unglück sehr betroffen; nicht nur, weil es eine Menge Opfer gab. Vor allen Dingen deshalb, weil beim normalen Bürger die Glaubwürdigkeit unserer Aussagen in Frage gestellt wird. Das berührt uns, weil gerade in unserem Lande beim Betrieb von Kernkraftwerken die besten Ergebnisse erzielt worden sind.

SPIEGEL: Wird der Verlust von Glaubwürdigkeit nicht durch allzu schnelle Gesundbeterei erst recht provoziert? Sie selbst zum Beispiel wußten schon am 29. April ganz genau: »Es wird keine neue Überprüfung unseres Sicherheitsstandards geben«

KRÄMER: Ich möchte das erläutern: Die Situation bei uns ist nicht so, daß wir bei Beginn der Kernenergienutzung den Sicherheitsstandard festgelegt haben und nun unverrückbar daran festhalten.

SPIEGEL: So klingt das, was die Kraftwerksbetriebe verlautbaren.

KRÄMER: Der Sicherheitsstandard wird bei uns durch die laufende Überprüfung aller Anlagen ständig weiterentwickelt. Jedes Vorkommnis, insbesondere jeder Störfall, wird daraufhin analysiert, welche Folgerungen daraus für die Sicherheit unserer Anlagen zu ziehen sind, gegebenenfalls wird nachgerüstet. Für uns ist dadurch gewährleistet, daß unsere Anlagen zu jedem Zeitpunkt dem letzten Stand der Technik entsprechen.

SPIEGEL: Also haben die tapferen Minister Zimmermann und Riesenhuber recht: In Deutschland ist alles okay, »absolut« sicher?

KRÄMER: Absolute Sicherheit gibt es nirgendwo, auch wir können einen Störfall nicht völlig ausschließen. Wir sagen jedoch, daß die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten eines schweren Störfalls bei uns um viele Größenordnungen niedriger ist. Darüber hinaus haben wir ein Sicherheitskonzept, das Störfälle geradezu unterstellt und deshalb in der Lage sein muß, ihre Folgen zu beherrschen. Hierin liegt der entscheidende Unterschied zu der Anlage in Tschernobyl. Ich schließe massive Spaltprodukt-Freisetzungen bei unseren Anlagen in die Umgebung aus.

SPIEGEL: Ein kühnes Wort. Sie stützen Ihre Zuversicht nicht zuletzt darauf, daß Ihre Reaktorkerne in einem tonnenschweren Gehäuse aus Stahl und Beton arbeiten. Aber wissen Sie wirklich, wie lange dies »Containment« hält, wenn in Stade oder in Obrigheim mal ein Kern durchschmelzen sollte?

KRÄMER: Die deutsche Risikostudie und umfassende experimentelle Untersuchungen, die in Karlsruhe auf der technologischen Basis unserer Anlagen durchgeführt werden, belegen eindeutig: Das hierzulande verwendete Containment bietet ausreichenden Schutz gegen

massive Freisetzung von Radioaktivität auch bei schweren Störfällen.

SPIEGEL: Vor sechs Wochen hätten die sowjetischen Konstrukteure wahrscheinlich ähnlich selbstbewußt geantwortet. Auch in den Bewertungen deutscher Experten und Beamten hieß es über den sowjetischen Reaktortyp, aufgrund seiner Konstruktion sei ein Behälterverschluß verzichtbar.

KRÄMER: Wir haben uns dazu nie geäußert. Ich füge aber hinzu, daß die bei uns über ein Jahrzehnt heftig geführte Kernenergie-Diskussion für die Entwicklung der Sicherheitstechnik unserer Anlagen letztlich hilfreich war.

SPIEGEL: Mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen wird den Menschen vorgegaukelt, eine Katastrophe könne nur alle paar hunderttausend Jahre einmal geschehen. Kann man das wirklich berechnen? Welche Rolle spielt der Mensch, der Fehler macht wie es offenbar in Tschernobyl geschehen ist, wie es in Harrisburg war, wie es bei der Explosion der Raumfähre Challenger war?

KRAMER: Ich denke, daß wir die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten von Störfällen mit ausreichender Sicherheit abschätzen können. Das ist aber nicht der Punkt. Ich erwähnte bereits, daß unsere Sicherheitsphilosophie das Eintreten jedes denkbaren Störfalles unterstellt und die Folgen beherrscht. Deshalb stützen wir uns auch nicht auf Aussagen, das Restrisiko hat die und die Größe.

SPIEGEL: Genau das besagt das Ergebnis der Risikostudien, die von der Bundesregierung bezahlt worden sind.

KRÄMER: Alle Analysen zeigen, daß bei uns das Restrisiko, aufgrund der beschriebenen Maßnahmen, weit unter vergleichbaren Lebensrisiken liegt und daher verantwortbar ist.

SPIEGEL: Aber wer kann sich darauf einstellen, daß Arbeitnehmer die automatische Schnellabschaltung von Hand überbrücken, um ein Stillegen des Reaktors bei einem Unfall, den sie falsch einschätzen, zu vermeiden? Ein solcher Vorgang hätte 1978 in Brunsbüttel zur Katastrophe führen können.

KRÄMER: Falsch, der Vorgang in Brunsbüttel hätte nie zur Katastrophe führen können. Dennoch war es ein bedauerlicher Vorgang, der umfassende Konsequenzen ausgelöst hat. Handeingriffe sind heute undenkbar.

SPIEGEL: Es wird immer wieder was anderes geschehen. Zudem ist jede neue, raffinierte Sicherheitsvorkehrung immer auch zugleich ein neuer potentieller Störfaktor.

KRÄMER: Dieser Beurteilung schließe ich mich nicht an. Das Sicherheitsniveau unserer Anlagen hat sich, seit wir die Kernenergie nutzen, stetig erhöht. Wir überprüfen unsere Anlagen laufend und führen entsprechende Nachrüstungen durch.

SPIEGEL: Der deutsche Kernenergie-Papst Professor Wolf Häfele, Promotor des Schnellen Brüters, ist 1980 zu der Erkenntnis gelangt, die Sicherheitsvorkehrungen seien zu aufwendig, zu kompliziert. Man müsse einen einfacheren Weg gehen, durch Einfachheit Zuverlässigkeit herstellen, wie etwa beim russischen Weltkrieg-II-Panzer T 34.

KRÄMER: Ich weiß nicht, ob er das so gesagt hat. Wir bekennen uns zu den Sicherheitseinrichtungen, die in den letzten Jahren in unseren Anlagen dazugekommen sind.

SPIEGEL: Das Bekenntnis war nicht immer so forsch.

KRÄMER: Einverstanden.

SPIEGEL: Wie steht es mit Ihrem schon etwas älteren Kernkraftwerk in Stade? Das ist immer wieder im Gerede.

KRÄMER: Leider und unberechtigt. Stade ist in den letzten zehn Jahren einer besonders intensiven Überprüfung unterzogen worden. Aus eigenen Stücken haben wir erhebliche Nachrüstmaßnahmen durchgeführt. Nach Aussage aller Fachleute ist Stade ebenso sicher wie jedes andere Kernkraftwerk.

SPIEGEL: Schon bei den herkömmlichen Leichtwasserreaktoren bleibt also ein Restrisiko; sie haben, wie jeder Atomreaktor, ein hohes Gefährdungspotential. Nun drängt die Kernindustrie darauf, den für sieben Milliarden Mark fertiggestellten Schnellen Brüter ans Netz gehen zu lassen. Dadurch wird das Risiko der Kernenergienutzung erhöht, ohne daß irgendein zusätzlicher Nutzen erkennbar wäre: Der Brüter ist auf Jahrzehnte hinaus unwirtschaftlich, technisch ist er schon jetzt ein Fossil.

KRÄMER: Diese Charakterisierungen stammen von Ihnen. Wir sagen, der Kalkar-Reaktor ist eine Demonstrationsanlage...

SPIEGEL: ... für eine Technik die man wohl nie wieder verwenden wird.

KRÄMER: Sie sprechen jetzt Einzelheiten der technischen Ausführung an. In Kalkar ist, wie bei jedem modernen Brüter Natrium-Kühlung vorgesehen und insoweit unbestritten. Deshalb soll Kalkar als Demonstrationsanlage zeigen, daß wir hier im Lande in der Lage sind, mit der Natrium-Technologie klarzukommen.

SPIEGEL: Also, der Nachweis der Natrium-Reife ist es wert - auch nach Tschernobyl -, beim Brüter weiterzumachen wie bisher, ungeachtet der Ängste in der Bevölkerung, und obwohl man diese Technik in den nächsten 30 Jahren gewiß nicht braucht, vielleicht sogar überhaupt nicht?

KRÄMER: Wer weiß wirklich, was wir in 30 Jahren brauchen? Ich glaube nicht, daß in der augenblicklichen Situation Kalkar die entscheidende Frage ist. Viel wichtiger ist doch die Frage, wird es eine Wende in der Bewertung der Kerntechnik schlechthin bei uns geben.

SPIEGEL: Nicht nur die Grünen fordern, diese Reaktoren abzuschalten. Was würde dann eigentlich passieren?

KRÄMER: Für mich ist ein Abschalten unserer Anlagen unvorstellbar. Kernenergie ist heute mit einem Anteil von 36 Prozent der stärkste Pfeiler in der öffentlichen Stromversorgung. Der Verzicht hätte unabsehbare Folgen für die Strompreisentwicklung, die konjunkturelle Entwicklung und die Entwicklung der Arbeitsplatzsituation.

Auf der Verliererstraße wäre auch der Umweltschutz. Da wir in einem solchen Falle alte, nicht nachrüstbare konventionelle Anlagen wieder entmotten müßten, wären die schon geleisteten enormen Aufwendungen für die Rauchgasreinigung in den Wind geschrieben. Im übrigen wäre der einseitige Verzicht auf eine fortschrittliche Technik ein fatales Signal für ein führendes Industrieland.

SPIEGEL: In der Sowjet-Union ist der angebliche Kostenvorteil der Atomenergie nach Tschernobyl gewiß auf Jahrzehnte hinaus hinfällig.

KRÄMER: Auch deshalb tun wir alles, um Störfälle so weit wie möglich auszuschließen.

SPIEGEL: Und was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Deshalb den Brüter ans Netz, deshalb Wiederaufarbeitung in Wackersdorf, obwohl man mit beiden Entscheidungen Jahrzehnte Zeit hätte, weil der Energiebedarf sich ganz anders entwickelt hat als prognostiziert.

KRÄMER: Ich sagte bereits, daß mit Kalkar die Kerntechnik bei uns keine neue Qualität bekommt. Die Entscheidung für den Bau der Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf ist die Antwort auf die politische Forderung und die von uns ebenfalls gesehene Notwendigkeit, die Entsorgung unserer Kernkraftwerke endlich zu realisieren.

SPIEGEL: Diese schon fast vergessene Diskussion haben Sie nun wieder auf dem Hals. Nicht nur die Sozialdemokraten sehen im Strom aus Leichtwasserreaktoren nur noch ein Zwischenspiel. Auch CDU-Vordenker Kurt Biedenkopf spricht plötzlich von einem langfristigen Ausstieg. Und der gewiß nicht linksverdächtige Industrielle Ludwig Bölkow sieht im Atomfeuer lediglich ein Zwischenspiel, um Zeit für ein Umsteigen auf erneuerbare Energien, vor allem auf Sonnenenergie, zu gewinnen.

KRÄMER: Energiepolitik kann nur mit langem Atem betrieben werden. Dementsprechend ist die Nutzung der Kernenergie entsprechend den politischen Vorgaben bei uns langfristig angelegt. Sie kann dies von der Versorgungssicherheit, der Wirtschaftlichkeit wie der Umweltverträglichkeit her auch leisten. Sollten in den nächsten Jahrzehnten neue Energiesysteme verfügbar werden, werden wir sie einbeziehen.

SPIEGEL: Die Professoren Klaus Michael Meyer-Abich und Bertram Schefold haben eine Zukunft ohne Kernenergie durchgerechnet und mit der Alternative, dem Ausbau der Kernenergie inklusive Schneller Brüter und Wiederaufarbeitung, verglichen. Ihr Ergebnis: Die Entscheidung gegen die langfristige Nutzung des Atoms ist bei gleichem Wirtschaftswachstum, bei gleichen Kosten, ohne Komfortverzicht möglich.

KRÄMER: Wir kommen zum entgegengesetzten Ergebnis.

SPIEGEL: Im Alternativ-Szenario wird nicht mehr Kohle verbrannt als auf dem Atompfad.

KRÄMER: Weil massive Energiesparmaßnahmen vorausgesetzt werden, die wir in dieser weitreichenden Form in einer freien Gesellschaft nicht für durchsetzbar halten. Obgleich seit Jahren Energiesparmaßnahmen durchgeführt werden, steigt bei uns der Stromverbrauch weiter.

SPIEGEL: Aber wenn es eine andere Möglichkeit gäbe, durch Einsparungen, durch technisch pfiffige Nutzung der Sonnenenergie, der Windenergie, der landwirtschaftlichen Abfälle, der Abwässerwärme und vieler kleiner Einzelmaßnahmen, die Menschen mit Energie zu versorgen - warum sollte man dann das Restrisiko der Kernenergie eingehen, sei es auch noch so klein?

KRÄMER: Jedes System hat seine besonderen Risiken und Probleme.

SPIEGEL: Haben die Elektrizitätsversorgungsunternehmen nicht die Chance blockiert, kleinere Heizkraftwerke besser für die Stromerzeugung zu nutzen, die sogenannte Kraft-Wärme-Kopplung?

KRÄMER: Wenn wir in allen größeren Städten die Fernwärme massiv weiter ausbauen würden, könnten wir den heutigen Beitrag der Fernwärme zur Stromversorgung von ungefähr drei Prozent auf etwa zehn Prozent erhöhen. Das ist deshalb schon nicht möglich, weil die meisten Städte heute bereits weitgehend mit Gas versorgt sind.

SPIEGEL: Kleinvieh macht auch Mist. Die Alternative hat ja viele Komponenten. Auch bei Haushaltsgeräten und bei Fabrikrobotern könnte durch den Einsatz der Mikroelektronik viel Strom gespart werden.

KRÄMER: Viel Energie ja. Viel Strom nein. Jedenfalls in der Industrie. Im Haushaltsbereich ist die eindrucksvolle Reduzierung des spezifischen Stromverbrauchs bei vielen Geräten durch neue Anwendungsbereiche und durch die immer noch wachsende Zahl der Haushalte mehr als ausgeglichen.

SPIEGEL: Technisch ist erheblich mehr drin. Das rechnet sich nur nicht, weil Strom billiger ist. Da müßte der Staat, genauso wie bei der Gebäudeisolierung, entweder Rahmendaten setzen oder finanzielle Anreize bieten.

KRÄMER: Wir machen uns nicht zum Anwalt für teuren Strom.

SPIEGEL: Das will doch keiner. Aber die Einführung der Kernenergie hat den Steuerzahler doch auch ein paar Milliarden Mark gekostet.

KRÄMER: Sie wissen, daß unsere kommerziellen Anlagen davon wenig profitiert haben.

SPIEGEL: Trotzdem, ohne Geld aus Bonn stünden heute keine 17 Leichtwasserreaktoren in der dichtbesiedelten Bundesrepublik. Aber noch einmal: Halten Sie mittelfristig eine Energieversorgung in der Bundesrepublik bei gleichem Komfort ohne Nuklearstrom für realisierbar?

KRÄMER: Wenn Sie die Kosten in Ihrer Frage noch mit einbeziehen, nein. Das gilt für heute, noch mehr für morgen.

SPIEGEL: Wo liegen die wesentlichen Hemmnisse, wenn man 20 oder 30 Jahre weiterdenkt?

KRÄMER: Wir sehen langfristig bei Verzicht auf Kernenergie schwerwiegende Abhängigkeit von den internationalen Energiemärkten. Bei Prognosen, die über 20 bis 30 Jahre reichen, sind wir zurückhaltend.

SPIEGEL: Vor wenigen Jahren war die Industrie mit Voraussagen nicht so pingelig.

KRÄMER: Auch wir lernen. Wir haben für die für uns vorhersehbare Zukunft zu planen und zu sorgen. Unsere Planungshorizonte reichen über zehn, maximal 20 Jahre. Angesichts der Situation in Frankreich, der Schweiz und in den skandinavischen Ländern sehen wir in dieser Zeit keine Möglichkeit, in der Bundesrepublik auf die Kernenergie zu verzichten. Schon heute fordert die Chemie Kernenergiestrom aus Frankreich.

SPIEGEL: Vielleicht hat die Bundesrepublik ja auch Erfolg, wenn sie jetzt den Schwerpunkt auf die Entwicklung von Solarzellen legt.

KRÄMER: Vielleicht, wir haben nichts gegen Solarzellen.

SPIEGEL: Wenn Ihre Anlagen älter werden, stehen Sie vor der Entscheidung, neue Kernkraftwerke neben die alten zu setzen oder etwas ganz anderes zu machen. Wenn es in den sechziger Jahren einen Wechsel von der Kohle zum Atom gegeben hat, warum nicht in den achtziger und neunziger Jahren einen Wechsel zur Sonne?

KRÄMER: Wenn wir in neue Anlagen zu investieren haben, werden wir alles was uns die Technik bietet, vorbehaltlos prüfen. Wenn in fünf Jahren jemand kommt und sagt, wir haben Solarzellen, die unter unseren klimatischen Verhältnissen funktionieren, die wirtschaftlich und haltbar sind, dann sind wir die letzten, die nicht darauf setzen.

SPIEGEL: Auch wenn die Solarzellen eine dezentrale Technik sind, an der die Elektrizitätsversorgungsunternehmen nicht so interessiert sein würden?

KRÄMER: Sie verkennen doch ein wenig unsere Aufgabe. Wir sind Dienstleistungsunternehmen. Wir bringen den Strom dezentral in jedes Haus - in jedes Haus! Bei den heutigen Technologien ist es allerdings richtig, Strom vorwiegend zentral zu erzeugen. Wenn dafür geeignete wirtschaftliche Technologien zur Verfügung stehen, werden wir auch dezentrale Anlagen betreiben.

SPIEGEL: Ist das für einen Strom-Mann kein verbotener Gedanke?

KRÄMER: Wir kennen keine verbotenen Gedanken.

SPIEGEL: Herr Krämer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch *KASTEN

Hermann Krämer *

ist Chef der Hannoveraner PreußenElektra AG, des nach dem RWE zweitgrößten Energieversorgungsunternehmens in der Bundesrepublik. Schon während seines Studiums (Physik und Mathematik in Freiburg, London und München) arbeitete Krämer als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Physikalischen Institut München sowie im Forschungszentrum CERN und war dort mit den Problemen der Kernkraft befaßt. Nach seiner Promotion wechselte der gebürtige Ulmer zur Kernforschungsanlage Jülich. Seit 1976 ist Krämer, 51, in Energieversorgungsunternehmen tätig - zunächst bei der Norddeutschen Kraftwerke AG (NWK) in Hamburg, dann im Vorstand der Preußischen Elektrizitäts-Aktiengesellschaft in Hannover. Aus dem Zusammenschluß dieser beiden Unternehmen entstand im September 1985 die PreußenElektra AG; Krämer wurde Vorstandsvorsitzender des neuen Energiekonzerns. Zu seinem Imperium gehören unter anderem die Atommeiler von Stade, Brunsbüttel, Krümmel und Brokdorf. Die PreußenElektra, eine hundertprozentige Tochter des Veba-Konzerns, produziert über 70 Prozent des Stroms mit Kernreaktoren.

[Grafiktext]

UNAUFHALTSAMER ANSTIEG Anteile der Energieträger an der Bruttoerzeugung der Kraftwerke für die öffentliche Versorgung in der Bundesrepublik; Angaben in Prozent Steinkohle Braunkohle Erdgas Heizöl Wasser, Müll, erzeugte Gase Quelle: VDEW

[GrafiktextEnde]

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