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Briefe

Ein anderer Mensch
aus DER SPIEGEL 15/1980

Ein anderer Mensch

(Nr. 13/1980, Zeitgeschichte: Die »versiegelte Abteilung« des Trotzki-Archivs der amerikanischen Harvard-Universität wurde geöffnet)

In Ihrer Kolumne ist ein gravierender Fehler. »Freundliche Briefe« hat Leo Trotzki nicht an die Genossin Margarete Buber-Neumann geschrieben. Ich kann mir Ihre klammheimliche Freude vorstellen, daß nun endlich eine Erklärung für meine Verhaftung in Moskau gefunden ist. Schon die Kommunistinnen im KZ Ravensbrück mutmaßten, daß nur eine Abweichlerin im glorreichen Sowjetrußland verhaftet werden konnte. Aber ich muß Sie enttäuschen.

Grete Neumann ist ein anderer Mensch, eine Frau, die in Österreich lebt oder lebte. Sie begegnete mir nie persönlich, aber ihre Bücher wurden in vielen Bibliotheken der westlichen Welt auf meiner Karteikarte notiert. Nur dadurch erfuhr ich von ihr. Ich habe die kommunistischen und nationalsozialistischen Diktaturen von ihrer schrecklichsten Seite erlebt. Das machte mich stark, ein Leben lang für die Freiheit zu kämpfen. Die mörderische Bedrohung unserer freien Welt -- einer Welt, in der man eigentlich sogar im »Bayernkurier« publizieren darf, ohne eingesperrt zu werden -- ist das Thema eines halben Dutzends Bücher, die ich schrieb, und zahlloser Vorträge und Artikel. »Die alte Dame neigt nunmehr Franz Josef Strauß zu.« Richtig. Vielleicht erträgt das unsere Demokratie -noch.

Frankfurt MARGARETE BUBER-NEUMANN

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