Balkan »Ein Angriff wäre der Krieg«
SPIEGEL: Seit zwei Jahren führt Serbien Krieg gegen Bosnien. Droht auch Mazedonien eine militärische Aggression?
Gligorov: Übertriebene Angst habe ich zwar nicht, doch ich kann nicht ausschließen, daß sich dieser Konflikt auch nach Süden ausweitet.
SPIEGEL: Bereits im November 1992 forderten Sie Uno-Schutz an, seit Juli vergangenen Jahres patrouillieren amerikanische Blauhelme entlang der gemeinsamen Grenze zu Serbien. Garantiert dies den Frieden?
Gligorov: Diese Einheiten kamen, als die Kriegsgefahr akut war. Die Anwesenheit der Amerikaner sollte eine ausreichende Warnung an die Serben sein.
SPIEGEL: Die serbische Armee könnte in wenigen Tagen Mazedonien besetzen; im Bosnien-Krieg reagierte die Nato erst nach fast zwei Jahren. Täuschen Sie sich da nicht, wenn Sie glauben, Ihre junge Republik bei einem Belgrader Angriff verteidigen zu können?
Gligorov: Das Mazedonien-Problem ist viel komplexer als das bosnische. In Bosnien handelt es sich um einen Krieg in einer Enklave, der kaum Gefahr läuft sich auszuweiten. Ein Angriff auf Mazedonien wäre der Krieg an der Nato-Nordgrenze, in den alle Balkanstaaten verwickelt würden. Außerdem könnte es zum Konflikt zwischen den zwei Mitgliedstaaten Griechenland und Türkei kommen.
SPIEGEL: Im vergangenen Frühjahr kam Serben-Präsident Milosevic unangemeldet zu einer Kurzvisite an den Ohridsee. Was wollte er von Ihnen?
Gligorov: Er unterbreitete einen Vorschlag zur intensiven Zusammenarbeit; doch als ich ihn fragte, warum er denn dann nicht unsere Republik anerkenne, war seine Antwort: Dies geschehe erst, wenn Griechenland Mazedonien diplomatisch anerkannt habe. Denn Athen sei für ihn der einzige wahre Verbündete auf dem Balkan . . .
SPIEGEL: . . . mit dem Milosevic ja auch Mazedonien gern aufteilen würde.
Gligorov: Athens ehemaliger Ministerpräsident Konstantin Mitsotakis sagt, Milosevic habe ihm dies tatsächlich vorgeschlagen. Doch er habe abgelehnt.
SPIEGEL: Die Pläne sind wohl nicht vom Tisch. Vor drei Wochen besuchte der griechische Außenminister Papoulias Belgrad, um über die Renaissance des früheren Jugoslawien zu debattieren.
Gligorov: Wir werden uns einer neuen jugoslawischen Föderation um keinen Preis freiwillig wieder anschließen.
SPIEGEL: Geht es beim Streit zwischen Skopje und Athen wirklich nur um den Namen Mazedonien, den die Griechen für sich beanspruchen?
Gligorov: Ach was, dann wäre diese Frage schon vor 50 Jahren aufgetaucht. So lange tragen wir diesen Namen bereits, ohne daß es jemanden störte. In Griechenland regiert heute der Nationalismus.
SPIEGEL: Wie lange können Sie der Bedrohung aus dem Norden und dem Embargo aus dem Süden standhalten?
Gligorov: Wir warten ab. Unsere wirtschaftliche Lage ist schwierig, alternative Handelswege sind nicht vorhanden. Doch langfristig werden die Wege nach und über Griechenland wieder offenstehen.
SPIEGEL: Befürchten Sie Spannungen mit der albanischen Minderheit, die immerhin ein Drittel der Bevölkerung Mazedoniens ausmacht?
Gligorov: Selbst in unseren schlimmsten Zeiten hatten wir keine Probleme mit den albanischen Mitbürgern. Nur die Forderung gewisser Kreise, sie zum zweiten staatstragenden Volk Mazedoniens zu ernennen, lassen wir nicht zu. Wir gewähren der albanischen Minderheit alle Rechte, wie sie in der Helsinki-Schlußakte verbrieft sind.
SPIEGEL: Wird das radikale Albaner davon abhalten, langfristig eine Vereinigung mit dem albanischen Mutterland anzustreben?
Gligorov: Daß auch die Idee eines Großalbaniens besteht, ist kein Geheimnis. Aber all diese Träume von einem Großserbien, Großkroatien, Großalbanien - wohin führen die? Y _(* Mit dem von Athen beanstandeten ) _(Staatswappen, dem Stern von Vergina. )
Präsident Gligorov*: »In Athen regiert Nationalismus«
* Mit dem von Athen beanstandeten Staatswappen, dem Stern vonVergina.