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TSCHECHOSLOWAKEI / OKKUPATION Ein Bad

aus DER SPIEGEL 43/1968

Jeden Morgen sammeln sich Prager Bürger am Moldau-Ufer. Vor dem Dienstgebäude des Zentralkomitees der KPC warten sie stundenlang -- um sich davon zu überzeugen, daß ihr Parteichef noch im Amt ist.

Alexander Dubcek kommt meist zwischen 9.30 und 10.15 Uhr in seiner schwarzen »Tatra«-Limousine (Kennzeichen: AN 97-34). Hundert bis zweihundert Frauen mit Einkaufstaschen, Studentinnen, Arbeiter in Drillichzeug umdrängen ihn, wollen ihm die Hand geben.

Dubcek ist blaß, sein braunes Haar zeigt weiße Strähnen. Er scheint gezeichnet von der doppelten Pflicht, das Vertrauen der Besatzungsmacht zu gewinnen und zugleich sein Volk nicht zu verraten. Wenn er -- worauf Moskau wartet -- doch noch aufgibt, folgt wahrscheinlich jenes Regime von Kollaborateuren oder fremden Militärs, das die Russen vor zwei Monaten erfolglos einzusetzen versuchten.

»Sollen wir unseren Posten verlassen und irgend jemanden irgend etwas tun lassen?« fragte Dubcek vorletzte Woche Prager Betriebsdelegierte. »Welche Alternativen haben wir?«

Alternativen haben nur die sowjetischen Besatzer. Vor zwei Monaten noch nannte das sowjetische Parteiorgan »Prawda« Dubcek einen Anführer »wortbrüchiger, verräterischer Aktionen«, hatten Sowjet-Soldaten ihn festgenommen und mit Hinrichtung gedroht, griffen Sowjet-Kollaborateure nach der Macht.

Die Hintergründe der tschechischen Tragödie blieben zunächst verborgen. Rußlands Rückfall in den Imperialismus dokumentierte sich am Gewaltakt selbst -- die Details wurden bewußt verhüllt. Jetzt erst, nach zwei Monaten, fügen sich die inzwischen aus Prager Quellen bekanntgewordenen Einzelheiten zum Gesamtbild eines Machtkampfes von unerhörter Härte.

Am Dienstag, dem 20. August, hatte der damalige moskautreue Chefredakteur des Prager Parteiorgans »Rudé právo«, Svestka, mit einem Leitartikel den Kampf gegen die Reformer eröffnet. Er behauptete, die Konterrevolution führe »einen großangelegten, durchdachten und breit entwickelten Angriff auf alle bisherigen Kommunisten, die sich in der Vergangenheit engagieren mußten«.

Gegen imaginäre »Konterrevolutionäre« schickte der Prager Sowjet-Botschafter Tscherwonenko einen angeblichen »Aufruf einer Gruppe von Mitgliedern des Zentralkomitees der KPC, der Regierung und der Nationalversammlung der CSSR« auf diplomatischem Weg in fünf Ostblockstaaten. Der Direktor der Prager Nachrichtenagentur Ceteka, Sulek, wollte einen ähnlichen Hilferuf von Kollaborateuren über Ceteka publizieren. * Am 25. August in Moskau.

Ceteka-Redakteure hinderten Sulek daran, als er -- obwohl offiziell im Urlaub -- am 21. August gegen 1.15 Uhr den Hilferuf in die Fernschreiber geben wollte.

Doch der Hilferuf wäre sowieso zu spät, die Hilfe zu früh gekommen. Denn um 1.15 Uhr ist das Ceteka-Gebäude bereits von Sowjettruppen besetzt: Bei der Abstimmung ihrer Aktionen -- Hilferuf und Einmarsch -- haben die Invasions-Planer offenbar den Unterschied zwischen Moskauer und mitteleuropäischer Zeit übersehen. Zur Stunde X (1.15 Uhr) Moskauer Zeit ist es in Prag erst 23.15. Als Sulek um 1.15 nach mitteleuropäischen Uhren die Retter rufen will, sind sie schon seit zwei Stunden auf dem Marsch.

Die Nachricht von der Invasion erhalten die tschechoslowakischen Führer während einer Sitzung des Parteipräsidiums. ZK-Sekretär Indra hat zusammen mit dem Präsidiumsmitglied Kolder eine »Stellungnahme« zur innenpolitischen Situation verfaßt, die alle Sowjetkritik am Prager Reformkurs für berechtigt erklärt und die Parteiführung spalten soll: In einer heftigen Diskussion unterstützen die Präsidiumsmitglieder Bilak und Rigo die »Stellungnahme« der künftigen Kollaborateure.

Um 23.40 teilt Premier Cernik -- der ans Telephon gerufen worden ist -- mit: »Armeen der fünf Staaten überschreiten die Grenze und besetzen uns.« Verstört liest Dubcek nun einen Brief vor, den er in der Nacht zuvor von Sowjet-Parteichef Breschnew erhalten hat -- mit schweren Vorwürfen an die Prager Genossen, aber ohne ein Wort über die Intervention.

Gegen die Simmen von Svestka. Bilak, Rigo und Kolder -- Indra ist als Sekretär nicht stimmberechtigt -- beschließt das elfköpfige Parteipräsidium einen Aufruf an das Volk: Der Überfall stehe nicht nur im Widerspruch zu den grundlegenden Prinzipien der Beziehungen zwischen sozialistischen Staaten«, sondern stelle auch »eine Verletzung der fundamentalen Normen des Völkerrrechts dar«.

Die ersten Sätze des Aufrufs werden noch im Prager Rundfunk verlesen, dann -- um 1.55 Uhr -- schaltet Informationschef Hoffmann ab: Er hat sich auf die Seite der Sowjets gestellt.

Parteichef Dubcek, Regierungschef Cernik, Parlamentschef Smrkovský, das Präsidiumsmitglied Kriegel und andere Prager Prominente werden von Sowjet-Soldaten verhaftet und mit Hubschraubern in die ukrainische Stadt Mukatschewo verbracht -- im Namen einer »revolutionären Arbeiter- und Bauernregierung Alois Indra«.

ZK-Sekretär Indra hat eine Liste mit den Namen aller möglichen Kollaborateure zusammengestellt -- teilweise ohne die Betroffenen zu fragen -- und seinen eigenen Namen an die Spitze gesetzt: Das sollte die Kabinettsliste einer Revolutionsregierung sein -- mit Indra als Chef.

In Begleitung des Sowjet-Generals Pawlowski erscheint Indra bei Präsident Svoboda. Er legt ihm die Liste und eine (gefälschte) Rücktrittserklärung des Kabinetts Cernik vor. Svoboda erklärt, er könne eine Demission nur von Cernik selbst entgegennehmen.

Indra geht ein zweites Mal zu Svoboda, begleitet von den Präsidiumsmitgliedern Svestka und Kolder -- und dem Organisator des Putsch-Unternehmens, dem Sowjet-Botschafter Tscherwonenko. Svoboda lehnt erneut jede Verhandlung ab und läßt sich telephonisch mit Moskau verbinden.

Erst am Freitag, dem 23. August, als die Russen noch immer keine Regierung aus Kollaborateuren gefunden haben, wird Svoboda nach Moskau geladen.

Um zehn Uhr fährt Svoboda mit dem slowakischen ZK-Mitglied Husák, Verteidigungsminister Dzúr, Justizminister Kucera, Präsidiumsmitglied Piller und den beiden Kollaborateuren Indra und Bilak in einem Konvoi von »Tatra«-Limousinen, angeführt von einem Jeep der CSSR-Armee, zum Flughafen Ruzyne.

Der Staatschef muß zwei Stunden warten, bis sein Flugzeug die Startgenehmigung nach Moskau erhält. Nach der Landung auf dem Moskauer Flugplatz lehnt der Präsident die üblichen Umarmungen ab und hält Breschnew mit einer Armbewegung auf Distanz. Als Filmdokumente vom Empfang werden später alte Aufnahmen vorgeführt.

Im Kreml findet Svoboda bereits die konservativen Genossen Svestka, Barbírek, Rigo, Jakes, Koucký -- Botschafter in Moskau -- sowie die zwischen Reformkurs und Kollaboration schwankenden Mlynár (ZK-Sekretär) und Lenárt (Präsidiumskandidat) vor.

Svoboda weigert sich, ohne die verhafteten Chefs von Partei. Regierung und Parlament zu verhandeln. Die Russen glauben, mit Svoboda umgehen zu können wie die Nazis im März 1939 mit dem tschechischen Staatspräsidenten Hácha, der sich unter Drohungen damit abfand, daß die Tschechoslowakei sich Deutschland unterwarf. Der alte General Svoboda, Träger des Ordens »Held der Sowjet-Union«, aber droht, er werde sich in der Sowjet-Machtburg -- erschießen und erklärt: »Mein Name ist nicht Hácha.«

Am Abend gibt das Sowjet-Politbüro nach: Die Gefangenen Dubcek -- der später dunkel von »Schlägen« und »einem Bad« spricht -, Cernik und Smrkovsky werden herangeschafft. »Ich kann Ihnen versichern, daß sich diese Genossen bei uns befinden und daß sie an der Vorbereitung der künftigen Verhandlungen teilnehmen« -- diese Erklärung Svobodas verbreitet »Radio Freie Tschechoslowakei 1« am Samstagabend um 22.43 Uhr.

Die Konferenz mit den Führern einer Großmacht, die zur Eroberung des Weltraums antritt, gleicht einem mittelalterlichen Schauerstück. Das Haupttor der alten Zarenburg ist geschlossen worden, Besucher mit Taschen werden nicht eingelassen, weil sieben junge Russen vor der Kreml-Mauer für die Tschechoslowakei demonstriert haben.

Hinter den Mauern reden die Mitglieder des sowjetischen Politbüros die Nächte hindurch auf die vorgeführten Tschechoslowaken ein. Svoboda berichtet später voller Abscheu, meist sei die Hälfte der sowjetischen Teilnehmer betrunken gewesen.

Breschnew läßt außer Svoboda kaum einen Tschechoslowaken zu Wort kommen, unterbricht, winkt böse mit der Hand ab. Dubcek bringt sogar schweigend den sowjetischen Parteichef derart in Erregung, daß Breschnew ihn am Kragen faßt.

Als die Nachricht eintrifft, US-Präsident Johnson wolle sich zum Wochenende auf seine Farm begeben, höhnt Breschnew, niemand werde sich für das Schicksal der Tschechoslowakei engagieren. Er verlangt eine Regierung aus Kollaborateuren, droht, eine Militärregierung einzusetzen und die Slowakei an die UdSSR anzugliedern.

Aber außer Indra ist niemand mehr zur Kollaboration bereit. Am Ende der Verhandlungen deutet Breschnew, so berichten Teilnehmer später, resigniert auf Indra, Kolder und Svestka: »Und die da nehmt mit und macht mit ihnen, was ihr für richtig haltet!« Indra bricht zusammen und wird in ein Moskauer Krankenhaus gebracht, erst vier Wochen später kehrt er nach Prag zurück.

Das Schlußkommuniqué, gegenüber dem sowjetischen Entwurf drastisch gekürzt, weist den »Verräter« Dubcek wieder als »Ersten Sekretär« der Kommunistischen Partei aus -- ranggleich mit Breschnew,

Die Tschechoslowaken müssen effektive Maßnahmen im Interesse der sozialistischen Macht, der führenden Rolle der Arbeiterklasse und der kommunistischen Partei« versprechen. Aber -- es ist die Reformpartei. deren Führungsrolle festgelegt wird.

Und was die Russen in den Abmachungen von Cierna und Preßburg vor ihrem Einmarsch noch nicht zugesichert hatten, unterschreiben sie zynisch jetzt: die »Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten der CSSR«.

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