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Ukraine Ein bißchen belastet

Der Atommeiler von Tschernobyl bleibt ein Gefahrenherd - die Bewohner kümmert das wenig.
aus DER SPIEGEL 42/1992

Die Geburtenrate in unserer Stadt ist hoch«, sagt Jelena Lasebna, 39, und schaukelt Tochter Anja, jüngstes von fünf Kindern, auf ihren breiten Schenkeln. Die Vorsitzende der Vereinigung kinderreicher Familien ist stolz: »So viele Kinder gibt es sonst nirgends in der Ukraine.«

Der Ort Slawutitsch ist ein Vorzeigeprojekt: Die Wohnungen sind größer und schöner als in den meisten Städten des ehemaligen Sowjetimperiums. Privilegierte wie die Lasebnas bewohnen gar ein Einfamilienhaus, fünf Zimmer, mit Garten. Aus der Umgebung kommen täglich Reisegruppen zu Hamsterkäufen.

Slawutitsch hat nur einen Nachteil: Es liegt 50 Kilometer östlich von Tschernobyl. Gebaut wurde die Siedlung nach dem Reaktor-GAU vor sechs Jahren, um Evakuierte aus dem strahlenverseuchten Ort Pripjat aufzunehmen - und vor allem die vielen Wissenschaftler, die aus allen Teilen der Sowjetunion zum Studium der Katastrophenfolgen herbeizitiert wurden.

Bei der Wahl des Platzes spielten ökologische Faktoren allerdings kaum eine Rolle. Entscheidend war die Lage an der Eisenbahnverbindung nach Tschernobyl - so können die Bewohner bequem und schnell zu ihrer Arbeitsstelle im Atomkraftwerk (AKW) gelangen.

»Der Wind kommt oft aus der Richtung von Tschernobyl«, sagt die Kinderärztin Larissa Belunina, 30, die nach ihrem Studium hierher zwangsversetzt wurde. Durch die Waldbrände im Sommer hat sich die Strahlenbelastung in der Region auf 20 Milliröntgen pro Stunde erhöht (Normalwert: 0,03).

Vier Kinder seien in Slawutitsch bisher an Leukämie erkrankt, sagt die Kinderärztin. Trotzdem ist sie keineswegs eine Verfechterin der sofortigen Stillegung der Atommeiler. »Bei uns gibt es keine Ersatzarbeitsplätze.« 5000 Menschen aus Slawutitsch arbeiten im AKW. Insgesamt 18 000 sind nach wie vor innerhalb der 30-Kilometer-Sperrzone rund um Tschernobyl beschäftigt.

Mehr als die Strahlung aber fürchten die Menschen den Verlust des Arbeitsplatzes. Nach der Beinahe-Havarie in Sosnowy Bor bei St. Petersburg im März wurden auch die Reaktoren in Tschernobyl abgestellt. Nun sollen die Blöcke 1 und 3 wieder ans Netz gehen. »Wir haben umfangreiche Nachrüstungsarbeiten durchgeführt«, prahlt Nikolai Sorokin, Direktor des AKW. Für die nächsten 20 Jahre sei der sichere Betrieb garantiert.

Von ukrainischen Atomexperten wird dieses Urteil angezweifelt. Wladimir Usatenko, Vorsitzender der Parlamentskommission für die wissenschaftliche Untersuchung der Tschernobyl-Katastrophe, kritisiert die Atomenergie-Politik der Regierung. Zwar gebe die Ukraine ein Sechstel ihres Jahreshaushalts für die Beseitigung der GAU-Folgen aus, doch ein Mechanismus für regelmäßige technische Inspektionen wurde nicht geschaffen.

Ernste Sorgen bereitet zudem der Sarkophag, der 1986 über dem explodierten Block 4 errichtet wurde. Die radioaktive Strahlung des geschmolzenen Reaktorkerns werde aus dieser Hülle etwa 30 Jahre lang nicht entweichen können, glaubten die sowjetischen Erbauer. Doch der Beton ist bereits heute rissig, die Metallstreben rosten. In der Nähe des Reaktors, so Usatenko, wurde Plutonium in hoher Konzentration im Grundwasser gemessen. Er will den sicheren Zustand der Betonhülle nicht einmal bis 1996 garantieren.

Die Bewohner von Slawutitsch indes spielen die potentiellen Gefahren herunter: Um den 15. Jahrestag der Inbetriebnahme des ersten Reaktorblocks von Tschernobyl zu feiern, lud die AKW-Leitung zu einer fröhlichen Schiffsfahrt auf dem Dnjepr ein. Zu den Gästen gehörte Anatolij Djatlow, einer der bei der Katastrophe verantwortlichen Ingenieure.

Der extrem abgemagerte Mann, der mit seinen 61 Jahren aussieht wie ein 80jähriger, wurde mit fünf weiteren AKW-Angestellten angeklagt und zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt. Wegen seiner angegriffenen Gesundheit wurde er vorzeitig entlassen. »Trotz der Katastrophe - ich bleibe ein Befürworter der Atomenergie«, sagt Djatlow.

Bisweilen grenzt die Lässigkeit, mit der die Menschen von Slawutitsch sich der Strahlenverseuchung aussetzen, an unverantwortlichen Leichtsinn. An den Wochenenden im Herbst gehen viele Familien auf Pilzsuche. Vater Sascha, 30, zwei Kinder, zeigt stolz die Ausbeute eines Tages: eine Tüte voller Maronen und Steinpilze. Der Ort, wo er sie fand, sei nur »ein bißchen belastet«.

Das ukrainische Parlament verfügte im Oktober 1991 die Stillegung des AKW Tschernobyl bis Ende 1993. Das allerdings geschah zu einer Zeit, als die Sowjetunion noch existierte und der gesamte Energiesektor der Zentralregierung unterstand.

Inzwischen fand im Kiewer Präsidentenpalast und in den Ministerien ein Umdenken statt. »Die Ukraine deckt 35 bis 40 Prozent ihres Energiebedarfs aus Atommeilern«, erklärte Präsident Leonid Krawtschuk. Die erneute Inbetriebnahme von Tschernobyl sei in diesem Winter unumgänglich. Den Verkauf von Atomstrom ins Ausland rechtfertigte der Präsident: »Die Ukraine braucht harte Währung.«

Unterdessen sind rund 1500 Menschen, überwiegend Alte, illegal in die Tschernobyl-Sperrzone zurückgekommen. Fedossija Jermolenko, 82, wohnt wie früher in ihrem Dorf Salessje, fünf Kilometer vom Reaktor entfernt.

In ihrem Obstgarten hängen die Äpfel noch am Baum, Kartoffeln und Kürbisse hat sie bereits eingekellert. Im Winter wird die zähe Alte ihr Haus mit Brennholz heizen, das auf den verwilderten Gehöften lagert. Tschernobyl interessiert sie nicht: »Ich bin eine einfache Frau«, sagt sie ruhig. »Ich will nur noch in der Heimat sterben.«

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