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Ein Brief von Frau Stieff

aus DER SPIEGEL 1/1956

Von seinen eigenen Geburtstagsstrapazen kaum erholt, wird Kanzler Konrad Adenauer Anfang nächster Woche mit dem Vorstand des. »Personalgutachter-Ausschusses für die Streitkräfte« konferieren. Ziel des vertraulichen Gespräches ist es, einen Modus zu finden, der dem Ausschuß und der Bundesregierung künftig Pannen a la Fett erspart.

Denn durch den Fall des Obersten im Generalstab außer Diensten Kurt Fett ist deutlich geworden, wie eine schlechte Prozedur ein gutes Prinzip in Frage stellen kann.

Gerade jene Kräfte, die um der demokratischen Kontrolle der Armee willen das Sieb des Gutachter-Ausschusses erhalten möchten, das vom Obersten aufwärts undemokratische Spreu vom demokratischen Weizen trennen soll, haben in den letzten Wochen begreifen müssen, wie leicht die Verfahrensmängel bei der Gutachterei dazu führen können, daß die ganze Einrichtung diskreditiert wird.

Wenn aber der Gutachter-Ausschuß durch, seine Verfahrensmängel erst einmal soviel Fehlurteile gefällt hat, daß seine

Existenz überhaupt in Frage gestellt ist, dann wird kein anderer Damm mehr die aufgestaute Flut militärischer Restauration aufhalten können, schon gar nicht der in den. Händen seiner Militärs zu Wachs gewordene Arbeitersohn Theo Blank.

Wie leicht diese Verfahrensmängel, deren Ursprung die Ausschuß-Geschäftsordnung ist, Fehlurteile ermöglichen, dafür lieferte nun jene Affäre Fett anschauliches Material genug. Kurt Fett, »Organisationsgenie« und einer der engsten' Mitarbeiter Theo Blanks, wurde von den Personalgutachtern einstimmig abgelehnt wegen:

* seiner Haltung nach dem 20. Juli 1944,

* seiner Haltung gegenüber dem Feldmarschall von Manstein in der Gefangenschaft (SPIEGEL 51/1955).

Zu beiden Punkten lagen dem Ausschuß teils richtige, teils unvollständige Informationen vor, die von dem Betroffenen selbst weder durch seine Aussage noch durch Zeugenbenennung entkräftet beziehungsweise ergänzt werden konnten, weil dem Obristen die gegen ihn erhobenen Vorwürfe nicht bekanntgemacht wurden.

Mein Fall ist in Ordnung

So bot sich beispielsweise der Fürst Salm-Salm, der als Ordonanzoffizier in der Organisationsabteilung des Heeresgeneralstabs und im britischen Gefangenenreservat Schleswig-Holstein mit Fett unmittelbar zusammengearbeitet hatte, erst dann schriftlich dem Gutachter-Ausschuß als Kronzeuge an, als ihm aus dem SPIEGEL die gegen Fett vorgebrachten Bedenken bekanntgeworden waren.

Fett selbst hatte in dem Verfahren vor dem von General Westhoven geleiteten Unterausschuß der Gutachter seinen Lebenslauf geschildert. Zwischenfragen der Gutachter gab es dabei nur zur technischen Klarstellung, wenn der Generalstäbler einmal allzusehr im militärischen Slang gefachsimpelt hatte. Als Fett seinen Bericht beendet hatte, meinte Westhoven in militärischer Manier: »Hat einer der Herren noch eine Frage?«

Keiner hatte. Fett kehrte ins Verteidigungsministerium zurück und meldete seinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem Generalleutnant Heusinger: »Mein Fall ist in Ordnung. Nicht eine Frage wurde mir gestellt.«

Es wäre besser gewesen, die Gutachter hätten gefragt. Dann wäre ihnen und Fett in den folgenden Wochen manches erspart geblieben. Denn was die Gutachter aus erster Hand gehört hatten und dessen sie sich so sicher waren, daß sie den Obersten selber dazu nicht weiter ausforschten, war dies:

* daß Kurt Fett nach der Kapitulation als Chef des Stabes bei General von Stockhausen im britischen Gefangenenreservat Schleswig-Holstein nicht der Bitte des Feldmarschalls von Manstein gefolgt und nicht zur Stelle war, als der Feldmarschall von britischer Militärpolizei im Schloß Weißenhaus an der Ostsee verhaftet wurde und sich und seinen Marschallstab gern in besseren Händen gewußt hätte.

Was die Gutachter nicht wußten, von Fett selber aber leicht hätten erfahren können, war dies:

* daß Kurt Fett wenige Wochen vorher

nicht nur seinen Dienst-Steyr zur Verfügung gestellt hatte, als der Marschall zu seiner ersten Star-Operation ins Krankenhaus geschafft werden mußte, sondern daß er bei der Verhaftung des ebenso großen wie nachtragenden Strategen auch gar nicht von dessen Bitte um eine Rücksprache informiert worden war; selber isoliert und bewacht,

hätte Fett außerdem auch gar keine Möglichkeit gehabt, dem sich nur schwer in der Gefangenschaft zurechtfindenden Marschall zu helfen.

Noch aufschlußreicher sind die Mißverständnisse zwischen den Gutachtern und dem Obersten über den Komplex 20. Juli. Kurt Fett hatte darüber dem Ausschuß in soldatischer Kürze berichtet. Den Gutachtern waren zwei Tatsachen zu Ohren gekommen, die ihr Klient in diesem Vortrag weder bestritt noch besonders hervorhob:

* daß Fett sich nach dem 20. Juli freiwillig der Gestapo zur Verfügung gestellt habe und am 9. November, vier Monate später, turnusgemäß vom Oberstleutnant zum Obersten befördert worden war.

Beide Angaben waren richtig. Was die Gutachter indessen heute aus ergänzenden Informationen wissen, ergibt dennoch einen ganz anderen Sachverhalt, als die beiden isolierten und zusammenhanglos berichteten Tatbestände erkennen lassen.

Vierzehn Tage im Gestapo-Keller

Als unmittelbar nach dem 20. Juli der später hingerichtete Mitverschwörer und Sprengstoff-Beschaffer, der Chef der Organisationsabteilung im Generalstab des Heeres, Generalmajor Stieff, verhaftet worden war, rückte dessen Stellvertreter Kurt Fett auf Befehl des neu ernannten Generalstabschefs Guderian in die frei gewordene Stelle ein.

Fett sah voraus, daß die Arbeit der Organisationsabteilung in den folgenden Wochen und Monaten durch dauernde Vernehmungen, Verhaftungen und andere Untersuchungseingriffe der Gestapo in gefährlicher Weise lahmgelegt zu werden drohte. Darum bot er Guderian an, sich als rangältester Offizier der Abteilung: freiwillig der Gestapo zu stellen, um eine solche Entwicklung durch umfassende und klärende Aussagen zu verhindern. Guderian stimmte zu. Sagt Fett.

Zwölf Stunden lang wurde Fett von den Gestapobeamten einem Dauerverhör unterzogen, dann freigelassen und noch am selben Tag wegen »Verdachts der Mitwisserschaft und Verdachts von Verschleierungsversuchen« wieder verhaftet. Es folgten vierzehn Tage in den Kellern des Hauptquartiers der Gestapo an der Berliner Prinz-Albrecht-Straße. In jener Zeit erfuhren die Offiziere der Organisationsabteilung von Gestapobeamten, daß noch viel mehr von ihnen festgenommen worden wären, »wenn nicht der Oberstleutnant Fett verstanden hätte, das zu verhindern«.

Nach seiner Entlassung sollte Fett - wie alle unsicheren Kandidaten - zunächst an die Front als Regimentskommandeur abgestellt werden. Da qualifizierte Generalstäbler jedoch Mangelware waren, verblieb er schließlich in der Führungszentrale.

Allein, auf der Beförderungsliste für den 9. November 1944 fehlte sein Name, obgleich er turnusmäßig dran gewesen wäre. Erst die Intervention von Kameraden und Vorgesetzten beim Personalamt führte zu dem Ergebnis, daß ihm doch noch am Abend des gleichen Tages gegen zehn Uhr zwischen Tür und Angel seine Beförderung vom Oberstleutnant zum Obersten mündlich mitgeteilt wurde.

Alle diese Einzelheiten sind den Personalgutachtern erst jetzt bekanntgeworden, ebenso wie die Existenz eines Briefes, in dem die Witwe des nach dem 20. Juli hingerichteten Generalmajors Stieff dem Kurt Fett anbietet, ihn mit ihrer Aussage gegen jeden Vorwurf »unkameradschaftlichen Verhaltens« gegenüber ihrem Mann in Schutz zu nehmen.

Fett schweigt sich über die Existenz dieses Briefes aus. Er will keine Dame in die Affäre hineinziehen.

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