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»Ein Christ muß radikaler sein als andere«

aus DER SPIEGEL 48/1977

SPIEGEL: Weil die Synode der württembergischen Landeskirche der Evangelischen Studentengemeinde Tübingen wegen »linksradikaler Tendenzen und Aktionen« einen Zuschuß von 9800 Mark gesperrt hat, wollen Sie Ende des Jahres aus der Kirche austreten. Ist das nicht eine Überreaktion?

KÄSEMANN; Es ist das letzte Mittel, das mir als pensioniertem Professor ohne Amt und Mandat geblieben ist.

SPIEGEL: Was wollen Sie damit erreichen?

KÄSEMANN: Die Demaskierung eines unchristlichen Verhaltens. Es ist das erstemal seit den Zeiten der Deutschen Christen im Dritten Reich, daß kirchliche Maßregelungen ausschließlich politisch motiviert werden. Dabei erweist sich die Synode selber als zutiefst politisiert, nur eben im Sinne des hier herrschenden Trends. Einfach brutal den Brotkorb höher hängen, damit pariert wird -- das finde ich schändlich.

SPIEGEL: Die württembergische Landessynode ist ein demokratisch gewähltes Leitungsgremium. Dennoch sprechen Sie der Synode die Legitimation zu einem solchen Beschluß ab.

KÄSEMANN: Was heißt hier »demokratisch gewählt«. Die Wahlen zur Synode finden jeweils nach einem Sonntagsgottesdienst statt, in dem zunächst die Frommen zu finden sind. Wenn alle Kirchensteuerzahler wählen gingen, sähe die Synode völlig anders aus. Vor allem gibt es neben der demokratischen Legitimation für eine Synode noch einen anderen Maßstab: das Vorbild des gekreuzigten Nazareners. Dessen Vorbild ist die Synode untreu geworden und hat damit jede Legitimation verloren. Jetzt ist Widerspruch und Ungehorsam Pflicht.

SPIEGEL: Sie selbst fordern von den Synodalen Toleranz gegenüber den Studenten. Verhalten Sie sich selbst intolerant, wenn Sie mit Austritt drohen?

KÄSEMANN: Ich könnte die Entscheidung der Synode tolerieren, wenn sie sich vom Wesen des Christlichen her begründen ließe. Aber statt mit christlichen Maßstäben hat die Synode mit politischen gemessen. Daß die Radikalenpolitik Filbingers synodal unterstützt wird, ist schlimm. Damit hat die Synode die Freiheit all jener linken Gruppen verletzt, die Christus als ihren Herrn erkennen. Das ist protestantisch etwas wie Todsünde und war einmal Entstehungsgrund reformatorischer Kirchen.

SPIEGEL: Auch den Synodalen geht es um die Freiheit, allerdings um die, die sie bedroht sehen (lurch linke Gruppen mit marxistisch-leninistischer Ideologie. Offenbar sehen die Synodalen mit dem Marxismus das Chaos heraufziehen.

KÄSEMANN. Nur Gott und die Wahrsager wissen, von wo aus das Chaos auf uns zukommt. Das Chaos in unserer Welt war jedenfalls schon vor dem Marxismus vorhanden. Lesen Sie mal das Buch von Eduardo Galeano über die »offenen Adern Lateinamerikas«, dann wissen Sie, von wo seit 400 Jahren Kolonialherrschaft entsetzliches Chaos ausging und auf welcher Seite die Heuchler selbstgerecht die Augen davor verschließen. Der Marxismus aber hat mindestens mitgeholfen, dieses Chaos aufzudecken, was nur verdienstlich genannt werden kann.

SPIEGEL: Verschiedene Arbeitskreise der Tübinger Studentengemeinde haben Stellungnahmen aus teilweise marxistisch-leninistischer Sicht abgegeben. Was, wenn ein Arbeitskreis eines Tages -- Tenor westdeutscher K-Gruppen -- zu dem Ergebnis käme, die Bundesrepublik sei zu bekämpfen?

KÄSEMANN: Jede Forschung wird erstickt, wenn man ihre Risiken nicht in Kauf nimmt. Und es ist doch die Aufgabe junger Leute, sich Gedanken über Alternativen zum Status quo ihrer Väter zu machen. Man beschwört hier doch nur die Gefahren recht theoretischer Studien und Diskussionen. Damit verschiebt man die Gewichte und konstruiert Realitäten, in die jedenfalls die Studentengemeinden hier und anderswo nicht hineinpassen.

SPIEGEL: 28 Tübinger Theologiestudenten haben dem mutmaßlichen Buback-Mörder Günter Sonnenberg »beste Genesungswünsche« samt einem Textgemisch von Solidarisierung und Distanzierung geschickt. Die Tübinger Studentengemeinde hat den Brief nicht gebilligt, aber dafür ein gewisses Verständnis gezeigt. Auch konstruierte Realitäten?

KÄSEMANN: Die bedenklichste Realität ist heute die Polarisierung im politischen Raum. Eine Wohlstandsgesellschaft, die in allen Gruppen und Parteien ihren Status und materiellen Fortschritt auf Kosten anderer verteidigt, ihren akademischen Nachwuchs jedoch in Massen-Universitäten ohne Luft und Raum und Einzelbetreuung verkommen läßt, fordert extreme und auch unverantwortliche Reaktionen ihrer Kinder heraus. Es ist doch psychologisch völlig verständlich, wenn das häßliche Gesicht der westdeutschen Leistungsgesellschaft junge Studenten entsetzt.

SPIEGEL: Verständlich in Ihren Augen also auch der Terrorismus? KÄSEMANN. Terrorismus ist, global und tiefenpsychologisch betrachtet, der Ausdruck reiner Verzweiflung an dieser Gesellschaft. Eine Verzweiflung übrigens, an der die Gesellschaft und wohl auch Christen Mitschuld tragen.

SPIEGEL: Verzweifeln können Menschen wohl an jeder Gesellschaft, auch an einer kommunistischen -- nur würde Terror dort in einer Weise eliminiert, wie es sich der Westen nie erlauben könnte. Wie stehen Sie zum Sozialismus östlicher Prägung?

KÄSEMANN. Wenn nach Jahrhunderten des Hungers heute 853 Millionen Chinesen nicht mehr hungern und wenn aus dem zaristischen Rußland in 60 Jahren ein ernsthafter Rivale Amerikas geworden ist, dann kann man doch imponierende Erfolge des Sozialismus nicht leugnen oder abwerten, auch wenn man persönlich dort nicht leben möchte. Solange der Beweis noch nicht erbracht wurde, daß angesichts des Elends etwa in der Dritten Welt die Wirtschaftsordnung des weißen Mannes menschenwürdig genannt werden darf, ist ein Zweifel daran, ob menschenwürdiger Marxismus praktikabel sei, unfair und zutiefst unsachlich.

SPIEGEL: Halten Sie denn Kommunismus für möglich, der in der Praxis nicht umschlägt in die Diktatur einer Partei oder in Staatsmonopolismus und Staatskapitalismus?

KÄSEMANN: Die Erfahrung hat mich gelehrt, daß Ideale und Ideologien immer umschlagen, sobald sie an die Macht kommen. Auch die westliche Kultur kann sich ja nur sehr bedingt der Humanität rühmen. Auch wir sind in unserem Jahrhundert aus Idealismus in Barbarei gestolpert. Warum sollten Kommunisten den Gesetzen menschlicher Besessenheit nicht unterliegen? Ein Protestant muß lernen, als Sünder unter Sündern zu leben -- hüben wie drüben.

SPIEGEL: Wem steht das Christentum näher, dem Marxismus oder dem Kapitalismus?

KÄSEMANN: Eine Affinität wirklichen Christentums zum Kapitalismus würde ich schlechtweg leugnen. Eine Affinität zum Marxismus ist durch bestimmte biblische Grundeinsichten. aber auch durch die Rivalität der beiden Heilslehren gegeben. Das müßte allerdings sorgfältig nach pro und contra entfaltet werden.

SPIEGEL: Marx wäre also Pflichtlektüre für Christen?

KÄSEMANN: Das Verhältnis von Christentum und Sozialismus gehört heut auf die Tagesordnung nicht nur jeder Studentengemeinde, sondern jeder christlichen Gemeinschaft.

SPIEGEL: Kann ein Christ ohne weiteres Marxist sein?

KÄSEMANN: Wer fragt, ob ein Christ ohne weiteres Marxist sein könne, muß sich genauso fragen lassen, ob ein Christ ohne weiteres Nationalist, Glied der Bourgeoisie, CDU-Mitglied, Fußballfan und vieles andere sein kann. Ein Christ ist nach meiner Ansicht nie und nirgends etwas ohne weiteres, sondern höchstens in kritischer Partnerschaft, die jederzeit kündbar bleiben muß. Daß er so nicht auch Marxist sein könnte, ist deshalb nicht ohne weiteres abzulehnen.

SPIEGEL: Wie ordnen Sie sich selbst politisch ein?

KÄSEMANN: Meine politische Überzeugung und Aktivität geht Sie zwar nichts am umgekehrt habe ich aber auch nichts zu verbergen. Ich bin davon überzeugt, daß evangelisches Christentum politische Konsequenzen hat und haben muß.

SPIEGEL: Welche Konsequenzen? KÄSEMANN. Ich bin auf Grund meiner Erfahrungen immer radikaler geworden. Eine bundesrepublikanische Partei zum Beispiel ist für mich nicht mehr wählbar, Ich kann nach dem Eintreten unserer Regierung für die westliche Leistungsgesellschaft auf der Welthandelskonferenz in Nairobi 1976 nicht einmal mehr für unseren Sozialismus votieren. Nach meiner Überzeugung muß ein Christ radikaler sein als andere und hat in dieser Gesellschaft die Aufgabe, Unruhe zu verursachen. SPIEGEL: Sind Sie Marxist? KÄSEMANN: Nein. Ich kann es nicht sein, sofern der Marxismus Heilslehre zu sein beansprucht. SPIEGEL: Was sind Sie dann? KÄSEMANN: Ich muß dem SPIEGEL doch nicht die Falten meines Herzens auftun.

SPIEGEL: Gewiß müssen Sie nicht. KÄSEMANN: Ich fühle mich als Freibeuter.

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