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Ein Clown erinnert sich

aus DER SPIEGEL 47/1947

Grock, der Mann, der die Welt zwischen Oslo und Buenos Aires aus dem Häuschen brachte, der Clown, über dessen Späße eine Königin sich ins Kindbett lachte, ist dabei, seine Memoiren zu schreiben. »Erinnerungen eines Spaßmachers« will er das Buch nennen.

Grock sagt dazu, daß er keine Konkurrenz mit der »großen Dame Literatur« beabsichtige. Er erzähle nur ganz einfach sein Leben.

Das ist ein Leben, aus dessen nun bald 68 Jahren sehr viel zu erzählen ist, und aus dem Grock, vor 17 Jahren, auch schon einiges erzählt hat: in seinem Erinnerungsbuch »Ich lebe gern«. Es ist das vernügliche und optimistische Buch eines Mannes, der nichts von Tristam Shandys Meinung hält, von allen Welten, die gemacht wurden, sei diese die garstigste. Sie sei vielmehr besser als ihr Ruf.

Grock ist eigentlich Adrien Wettach, ein Schweizer, geboren in einem Dorf im uhrengesegneten Berner Jura. Er hatte eine zarte Mutter aus französischem Hugenottengeschlecht und einen originellen, unverwüstlichen Vater, der sich auf das Ausmisten eines, Kuhstalles so gut verstand wie, auf die feinste Damenuhr und aufs Jodeln so gut wie aufs Turnen.

Das alles blieb nicht ohne Folgen für den Sohn, der als Clown eine ungewöhnliche Erscheinung in einer Familie von Sennen und Bauern wurde. »Fröhlich sind zuweilen die Launen des Schöpfers« sagt Grock.

Er entdeckte sein Spaßmacherherz sehr früh, wenn er sich zuerst auch in bürgerlichen Berufen versuchte, mit hervorragendem Mißerfolg zumeist. Er war Lehrling im Uhrenfedermachen und bei einem Weinhändler, Piccolo in einem unscheinbaren Etablissement am Genfer See und Französisch Hauslehrer beim Grafen Bethlen, Ungarns späterem Premier.

Es war nur eine Frage der Zeit, daß der junge Mann, der sich als Knabe schon als Musikal-Clown und als Schlangenmensch produziert hatte, ganz in das Scheinwerferlicht des Zirkus und des Varietés sprang. Er arbeitete die ersten Jahre im Duo mit anderen Clowns. Damals legte er sich den Namen Grock zu, und damals geschah es im noch monarchischen Madrid, daß das spanische Königspaar seinen Späßen zusah, danach aber überstürzt aufbrechen mußte.

24 Stunden darauf kam eine Infantin von Spanien zur Welt. »Die Königin hatte so gelacht, daß die Wehen sie übermannten, sie wurde vom Zirkus weg ins Wochenbett gebracht«, erzählt Grock.

Später arbeitete er allein, hatte nur noch einen musikalischen Stichwortbringer. Grock wurde eine Weltberühmtheit, deren Namen die Lichtreklamen der größten Varietés mit Riesenbuchstaben in den Himmel und die Direktoren mit Riesengagen in ihre Kontobücher schrieben.

Kahlköpfig, das Gesicht zu einer lächelnden Grimasse von herzlicher Albernheit geschminkt, angetan mit einem viel zu weiten Mantel, unter dem später ein viel zu kleiner Rock zum Vorschein kommt, latscht er in seinen Clownschuhen auf die Bühne.

Nach und nach macht er sich über seine Instrumente her. Er spielt ausgezeichnet, obwohl er niemals eine regelrechte musikalische Ausbildung hatte. Er besteht seine Abenteuer mit dem Flügel, der Konzertina, der Klarinette und der klitzekleinen-Geige, die er aus einem Violinkasten von abnormaler Größe holt.

Grock entdeckt unerhörte Möglichkeiten, mit Dingen, die sonst einen vernünftigen und nützlichen Zweck haben, ein harmloses, tolles Vergnügen zu haben. Mit verzückter Miene und verklärtem Augenaufschlag, erstaunt über so viel wundersame Ueberraschungen, flüstert er sein »Nit mööglich«.

Man hat natürlich zu bestimmen versucht, was es denn eigentlich sei, was an Grock die Leute lachen und bis ins Herz hinein heiter macht. Grock, hat man gesagt, spielt den Leuten das Kind vor, das noch in den ältesten von ihnen heimlich steckt. Dies Kind ist immer wieder verwundert und entzückt, wenn die Dinge, die sich eben noch so abscheulich ernst und vernünftig oder gar höchst widerspenstig gebärdeten, mit phantastischer Leichtigkeit zu großartigen Spielgefährten werden.

Grock selbst legt keinen Wert auf solche »intellektuellen« Deutungen. Er schätzt seine bürgerlichen Tugenden. In seiner Villa in Oneglia an der italienischen Riviera geht er ihnen nach, wenn er dort, fern von den Schminktischen der Garderoben, neun von zwölf Monaten mit seiner Frau, seiner klavierspielenden Tochter und anderer Verwandtschaft zubringt.

Es gibt da eine Schreiner-, eine Schlosser-, eine Uhrmacherwerkstatt für Herrn Adrien Wettach. Der züchtet Blumen, sammelt Uhren, ist ein gewiegter Amateurphotograph und ein Wünschelrutengänger von hohen Fähigkeiten: »Die Bodengewalt sitzt in mir.«

Der »Grock, der nicht, Grock ist«, raucht täglich 40 Zigaretten, trinkt sein Glas Bier, trägt Patentunterwäsche und bittet vor allem um etwas Ruhe.

1930 zog sich Grock nach Oneglia zurück! Nach zwei Jahren stand er wieder auf der Bühne. Er hatte ein Vermögen an einen Grock-Film gewandt und es verloren. Er machte sich daran, es wiederzugewinnen. Geld ist ihm so wenig gleichgültig wie die Superlative, die die Presse für ihn übrig hat.

Nach dem Kriege begann Grock in Paris wieder eine Tournee, ein grauhaariger Mann nun, aber immer noch der große Spaßmacher. Es scheint indessen, daß er das Dasein nicht mehr ganz so optimistisch sieht wie damals, als er »Ich lebe gern« schrieb.

»Das Leben«, sagt er in Paris, »ist lausig. Die meisten der alten Clowns sind tot, und es sind keine neuen gekommen, weil diese Generation nicht gut ist. Wir sind nicht mehr ein zivilisiertes Volk, sondern Kannibalen. Die Leute fressen sich gegenseitig auf, alles ist zur Hölle gegangen«.

Nit mööglich: Grock Eine Königin lachte sich ins Kindbett

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