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»Ein deutlicher Hauch von Humbug ...«

Gerhard Mauz zur Verurteilung des »Serienmörders« Dennis Nilsen in London *
Von Gerhard Mauz
aus DER SPIEGEL 47/1983

Je mehr Menschen einer eigenhändig getötet hat, desto wichtiger ist es für die Gesellschaft, daß er für verantwortlich für seine Taten erklärt wird. Dennis Nilsen bemerkte, boshaft oder verblüfft, nachdem er als in vollem Umfang verantwortlicher Mörder verurteilt worden war: »Die Jury hat mich für normal befunden. Also müssen alle anderen anomal sein.«

Dennis Nilsen fehlt es an Einblick in die Verrücktheit der Normalen, so wie diese die partielle Normalität der Anomalen nicht erkennen. Dem einen wie den anderen ist das nicht vorzuwerfen. Denn zwischen ihnen sind die Psychiater tätig, die wenigen uneingeschränkt normalen Menschen, die es gibt.

Dennis Andrew Nilsen, der in dieser Woche 38 Jahre alt wird, hat innerhalb von vier Jahren 15 oder 16 Männer getötet. Ob es nur 15 oder vielleicht doch 16 waren, kann er nicht sagen, und er bedauert das sehr. Er hat den Überblick verloren.

Die Männer waren zwischen 20 und 30 Jahre alt, doch auch das ist nur eine Vermutung. Dennis Nilsen hatte sich der Überreste seiner Opfer zu entledigen, und er hat das, soweit das gelegentlich von 15 (oder 16) Leichen überhaupt möglich ist, ziemlich gründlich getan.

Eine Mutter, der immerhin mitgeteilt werden konnte, daß ihr verschwundener Sohn Dennis Nilsen zum Opfer gefallen ist (Gegenstände aus seinem Besitz wurden identifiziert), berichtete weinend, sie habe gehofft, ihr Junge werde nun wenigstens ein ordentliches Begräbnis bekommen: »Aber da ist nichts mehr zum Bestatten!«

Nur sechs Opfer, die zu Tode gekommen sind, und zwei, die entkamen, konnte die Anklage benennen, obwohl Dennis Nilsen seine Taten mit allen Einzelheiten zu Protokoll gegeben hat (von jenem, ihm selbst unklaren 16. Fall abgesehen).

Dennis Nilsen ist wegen Mordes in sechs und wegen versuchten Mordes in zwei Fällen verurteilt worden. Er erhielt die lebenslange Freiheitsstrafe, die frühestens nach 25 Jahren überprüft werden darf.

Die aus vier Frauen und acht Männern bestehende Jury, der ein einstimmiges Urteil nicht abverlangt worden war, kam in sieben von diesen acht Fällen mit zehn zu zwei Stimmen zum Schuldspruch. Es darf also vermutet werden, daß zumindest zwei Jurymitglieder dem Spruch ihrer Laien-Mitrichter, die Dennis Nilsen für schuldfähig erkannten, Widerstand geleistet haben.

Dennis Nilsen hatte sich nicht nur in den angeklagten, sondern in allen ihm erinnerlichen Fällen als Täter bekannt - allerdings hatte er vorgebracht, seine Verantwortlichkeit sei eingeschränkt gewesen.

Am neunten Sitzungstag wurde die Jury in die Beratung geschickt, die nicht glatt verlief, sondern insgesamt zwölf Stunden und 26 Minuten dauerte. Das hatte eine bemerkenswerte Folge: Sechs Londoner Tageszeitungen mutmaßten, die Jury werde rasch zu einem Spruch gelangen und kein Interesse daran haben, über Nacht in einem Hotel weggeschlossen zu werden. Doch die Jury wurde sich nicht einig. Um 11.33 Uhr am neunten Sitzungstag wurde sie in die Beratung geschickt. Nach fünf Stunden hatte sie noch immer keine ausreichende Mehrheit gefunden. Sie mußte für die Nacht ins Hotel.

Die Druckmaschinen konnten jedoch nicht mehr gestoppt werden. Und so erschienen am nächsten Morgen, bevor die Jury ihre Beratung wieder aufnahm, sechs Londoner Tageszeitungen mit umfangreichen Berichten über Dennis Nilsen und seinen Prozeß - die nach englischem Recht erst nach der Beratung der Jury hätten erscheinen dürfen.

»The Honourable Mr. Justice« Croom-Johnson, 69, der über den Prozeß gegen Dennis Nilsen wachende Richter, erkundigte sich denn auch sofort, was die Anklage gegen diese mit erheblichen Strafen bedrohte Berichterstattung zu unternehmen gedenke.

Im übrigen war der Ausbruch von sechs Londoner Zeitungen während der Beratung der Nilsen-Jury und nach dem Urteil über Dennis Nilsen nicht mehr als das Rülpsen eines Vulkans, vergleicht man ihn mit den Leistungen der englischen Presse nach der Festnahme von Peter Sutcliffe und rund um seinen Prozeß im April und Mai 1981.

Zwar ist Peter Sutcliffe als Spitzenreiter im Buch der Rekorde, er hatte 13 Frauen getötet, von Dennis Nilsen abgelöst worden. Doch der Fall Nilsen hielt sich in der veröffentlichten und in der öffentlichen Meinung - vergleichsweise - in Grenzen.

Dennis Nilsen hat »nur« Männer getötet, keine Frau. Selbstverständlich steht jedermann den Beziehungen zwischen Männern »ohne Vorurteil« gegenüber. Doch was diese Vorurteilslosigkeit in der Praxis wert ist, zeigt sich auch im Interesse an einem Mann, der halt nur Männer getötet hat.

Dennis Nilsen kam 1945 in einem schottischen Fischerstädtchen zur Welt. Er hat einen älteren Bruder, dessen Meinung über den jüngeren in der englischen Presse genauso zu lesen war wie das, was die Mutter der beiden zu sagen hatte. Dennis Nilsen war zwei Jahre alt, als sein Vater die Familie verließ. Die Mutter hat später wieder geheiratet, doch für drei Jahre war das Kind Dennis dem Großvater anvertraut.

Auch diese Beziehung, sie scheint für das Kind sehr wichtig gewesen zu sein, endete mit einem Eingriff in seine Entwicklung: Der Großvater, ein Fischer, auf dessen Rückkehr er immer drunten am Hafen gewartet hatte, blieb auf

See. Dennis Nilsen wurde ein Einzelgänger. Er blieb für sich in der Schule, und auf dem Sportplatz saß er mit dem Zeichenblock und einem Gedichtband abseits. Mit 15 Jahren überraschte er seine Familie mit dem Entschluß, zur Army zu gehen. Er wurde Koch und erhielt auch eine Ausbildung als Schlachter. 1972 entlassen, ging er zur Polizei.

Er fiel allenfalls dadurch auf, daß er nun schon ein ausgeprägter Einzelgänger war. Nur einmal machte er von sich reden, als er ein Amok laufendes Pferd ganz allein einfing und ein Unglück verhinderte. Er wurde dafür belobigt und schied bald - ohne ersichtlichen Grund - aus dem Dienst aus. Doch wenig später befand er sich wieder auf »seiner« Wache, inzwischen war er auf dem Arbeitsamt angestellt - diesmal zum Verhör, in einer Zelle.

Mehrmals ist Dennis Nilsen, bevor er im Februar dieses Jahres festgenommen wurde, in den Verdacht tätlicher Angriffe auf Jugendliche oder junge Männer geraten, doch nie nahm der Verdacht Gestalt an, nicht zuletzt weil Anzeigen nicht erstattet oder zurückgezogen wurden.

1975 begegnete er dem sechs Jahre jüngeren David Gallichan, seiner großen Liebe. Die beiden Männer wohnten zusammen, und Dennis Nilsen, auch David Gallichen hat selbstverständlich der Presse seine Jahre mit Dennis erzählt, erwies sich als ein Liebender voll pädagogischer Absicht, als ein Lehrer von Benehmen bis zum Wissen. Dies gefiel seinem Partner endlich nicht mehr, Dennis Nilsen wurde von ihm verlassen, und das scheint ein Einschnitt in seiner Biographie zu sein.

Sind die Morde, die erst nach David Gallichans Auszug 1977 begannen, ein Racheakt? Die Deutungsversuche sind zahlreich und allesamt unbefriedigend. Dennis Nilsen ist ein schmaler, schlanker Mann mit einem Anflug von Intellektualität. In den Protokollen und in Briefen weiß er sich auszudrücken.

Nichts macht spürbar, welche Gefahr er ist. Er hält sich gepflegt. David Gallichan berichtet, er habe sich nicht nur morgens, sondern auch nach der Rückkehr von der Arbeit und noch einmal vor dem Zubettgehen geduscht.

Dieser Mann hat 15 (oder gar 16) Männer getötet, wenn sie schliefen oder betrunken wehrlos waren, er hat sie erdrosselt, aber auch mit eigenen Händen erwürgt oder ertränkt. (Daß er schwankt, ob er 15 oder 16 tötete, ist darauf zurückzuführen, daß von seinen 16 Krawatten noch eine übrig ist; doch, wie gesagt, er hat ja nicht nur mit dem Schlips erdrosselt.)

Und er hat, trotz seines pedantischen Reinlichkeitskults, in zwei von ihm gemieteten Wohnungen mit dem Geruch und den Teilen der von ihm zerlegten Leichen, mit Leichenteilen unter der Diele, im Feuer im Garten, mit Leichenteilpäckchen, die er in der Umgebung abwarf (was schließlich zu ihm führte), gelebt. Er hat Köpfe in einem Topf zerkocht.

Doch er soll strafrechtlich voll verantwortlich sein. Richter Croom-Johnson gab in seiner Belehrung der Jury vor ihrer Beratung das Fiasko der drei psychiatrischen Sachverständigen perfekt wieder. Kein Psychiater habe gesagt, Dennis Nilsen sei krank. Nur von Abnormität sei die Rede gewesen. »The Times« kommentiert nach dem Urteil, »ein deutlicher Hauch von Humbug« habe während der zehntägigen Verhandlung über Court Number One im berühmten Old Bailey gelegen. Wie aus dem Prozeß gegen Peter Sutcliffe (auch er wurde als schuldfähiger Mörder verurteilt) sei die Psychiatrie aus dem Nilsen-Prozeß »mit Dreck im Gesicht aufgetaucht«.

Derzeit will es der Psychiatrie im Strafprozeß in aller Welt nicht gelingen, deutlich zu machen, wieviel Normalität ein zutiefst gestörter, abnormer Mensch an den Tag legen kann. Sie läßt sich auf die Beantwortung der Frage »Krank oder gesund?« ein (was im Englischen mit »mad or bad?« besonders schön klingt). Und da kann sie in der Regel nur sagen, daß beispielsweise Schwachsinn nicht vorliegt und eine andere seelische Störung sich im körperlichen Befund nicht feststellen läßt. So kommen denn Urteile zustande, die dem Verurteilten vorwerfen, er habe seine Gestörtheit nicht kundgetan und nicht Hilfe gesucht. Man wirft dem Feuer vor, daß es nicht den Feuermelder bediente, als es ausbrach.

Freilich - was die Psychiatrie zu sagen hätte, ist unpopulär und setzt einen dem Verdacht aus, ideologisch motiviert, ein Veränderer und ein triefender Aufweicher zu sein. Es wäre nämlich zu sagen, daß die Frage, ob eine schwerwiegende seelische Störung so tief greift, daß auf Minderung der Schuldfähigkeit oder gar Schuldunfähigkeit zu erkennen ist - eine politische Entscheidung, ein Entschluß der Gesellschaft ist, wie weit sie in ihrem Verständnis gehen will.

Dennis Nilsen, der meinte, alle anderen seien anomal, wenn er normal ist, erkennt die Verrücktheit der sogenannten Normalität nicht.

Würde man anerkennen, daß einer, der 15 (oder gar 16) Männer tötete, nicht normal sein kann - so gäbe die Gesellschaft ihr Privileg preis, darüber zu befinden, was als Schuldunfähigkeit gelten darf. Die sogenannte Normalität ist nicht zuletzt deshalb verrückt, weil sie darauf besteht, darüber zu entscheiden, was sein kann und was nicht sein darf.

Die Wissenschaft hat immerhin die feinsinnige Unterscheidung zwischen Massenmörder und »Serienmörder« parat. Serienmörder nennt man Täter, die nicht aus Eifersucht, Geldgier, in einem Streit oder in den Dschungeln von Familienhader töten. In den Vereinigten Staaten vermutet das Justizministerium gegenwärtig etwa drei Dutzend von ihnen am Werk. Solange man darauf besteht, daß diese Serientäter um so normaler sind, je mehr Menschen sie umbringen, solange wird man vorbeugend gegen derartige Täter nichts unternehmen können. Man wird nach Monstern fahnden statt nach Menschen, die zutiefst anomal sind, sich aber durchaus normal geben können.

Richter Croom-Johnson sagte, als er das Strafmaß festsetzte, sein Urteil wäre genauso ausgefallen, wenn er Dennis Nilsen als vermindert Schuldfähigen nur wegen Totschlags hätte verurteilen können. Denn er sei nicht mit Aussicht auf Erfolg zu behandeln und darum ungeeignet für die Aufnahme in eine Spezialklinik. Das war ein offenes Wort. Mit zutiefst gestörten Menschen, denen nicht zu helfen ist, wissen wir nicht, wohin wir mit ihnen sollen, seit wir sie nicht mehr hinrichten. Wir haben keine behütende Verwahrung für sie. In der Strafanstalt werden sie wenigstens, so meinen wir, mit dem geringsten Risiko für unsere Sicherheit weggesperrt.

In London wurde am Rand des Nilsen-Prozesses bekannt, daß von den Opfern des Dennis Nilsen (ob 15 oder 16) nur eines durch Vermißtenanzeige gesucht worden ist.

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