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AFGHANISTAN Ein dritter Weltkrieg

40 Nationen sind in Afghanistan in einen Krieg verstrickt, der nicht zu gewinnen ist. Wer mit den westlichen Soldaten durchs Land zieht, begreift, dass die Nato-Truppen verzehnfacht werden müssten, um dem Frieden ein bisschen näher kommen zu können. Von Ullrich Fichtner
aus DER SPIEGEL 22/2008

Dreizehn Tage vor dem nächsten Anschlag auf sein Leben kommt Hamid Karzai im Schwarm seiner Garden zur Kabinettssitzung, er zieht mit der rechten Hand den Hemdkragen zu gegen die regnerische Kälte in Kabul, es ist ein Montag, Mitte April, es gibt gute Nachrichten und viele schlechte. Die Kanadier fordern die Entlassung des Gouverneurs von Kandahar, der Uno fehlen 50 000 Tonnen Lebensmittel, der kasachische Botschafter verspricht Geld für ein Krankenhaus in Bamian. In Helmand hat sich ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt, Norwegens Verteidigungsministerin ist zu Gast in Kabul, im Süden des Landes hat die Opiumernte begonnen. Im Präsidentenpalast beginnt die Sitzung des Kabinetts.

Karzai kommt als Letzter, seine Minister haben sich lange vor ihm versammelt. Wer nur Besucher ist, muss vier Sicherheitsschleusen passieren, dreimal durch Metalldetektoren gehen, alle Taschen werden von Hunden berochen. Es dauert eine Stunde, bis der innerste Hof erreicht ist, dort findet sich Karzais Palast, Gul Khana genannt, ein Haus wie eine heitere Villa, in einem Garten, bestanden mit Zedern. Der Präsident betritt den Saal, es ist neun Uhr, alle erheben sich, 28 Männer und eine Frau, um den langen Konferenztisch. Sie regieren, heißt es, Afghanistan.

Zum Auftakt der Sitzung singt ein Imam lange Suren, danach hört Karzai den Bericht seines Verteidigungsministers, der von einer Reise nach Indien zurück ist. Karzai agiert mit königlichen Gesten. Er fragt nicht viel, er ordnet an. Er trägt keine Fellkappe, keinen bunten Mantel, er regiert im Hemd, und er verlangt nur Unmögliches. Von den Ministern fordert er sofortige Schritte gegen die hohen Lebensmittelpreise, er befiehlt dem Verkehrsminister, auf der Autobahn Kabul-Kandahar endlich für Sicherheit zu sorgen, er sagt: »Es regnet im Norden, das ist immerhin eine gute Nachricht.«

Ein Sekretär in Nadelstreifen betritt schweigend den Saal um 10.15 Uhr, er schleicht den Tisch entlang und schiebt dem Präsidenten einen Zettel hin. Karzai liest, nickt, der Diener geht wieder und bringt ein Telefon.

Karzai legt den Hörer ans Ohr, seine Stimme ist im ganzen Raum zu hören. »Wie? ... Pakistanische Truppen haben die Grenze überquert? ... Wo genau? ... Sie schießen mit Raketen? ... Es gibt Gefechte? ...« Die Nachricht fällt wie ein Hammer auf Karzais Gemüt. Er beendet das Gespräch, wischt sich mit der Hand über den kahlen Schädel, er sagt: »Gestern habe ich den Studenten an der Universität ihre Diplome überreicht ... das war ein guter, guter Tag.«

Es gibt davon nicht viele in Afghanistan, denn es herrscht Krieg - und nicht nur einer. Es wird gekämpft an vielen Fronten, harten und weichen, rund um die Uhr. Die Zeitungen, und es gibt in Kabul jetzt viele, blättern täglich einen chaotischen Bilderbogen auf, ihre Berichte handeln von Bomben oder von Trinkwasser, von Gotteskriegern oder Weizenpreisen, von Nato-Luftangriffen oder Schulbüchern, von Kindesentführungen, Flüchtlingen und Banditen.

Bald sieben Jahre sind seit dem Sturz des Taliban-Regimes vergangen, seit sieben Jahren müht sich die halbe Welt, diesem neuen Staat, der Islamischen Republik Afghanistan, eine bessere Zukunft und vor allem Frieden zu bringen. 40 Nationen beteiligen sich an der Nato-Militäroperation namens Isaf, es stehen über 60 000 fremde Soldaten im Land, die Uno ist mit 26 Organisationen vor Ort, Hunderte private und staatliche Agenturen pumpen Geld, Material und Know-how in die 34 Provinzen des Landes, aber wer nach Erfolgen sucht oder wer nach Misserfolgen fragt, stößt auf Berichte, die nicht aus demselben Land zu stammen scheinen.

Die Sicherheitslage, so heißt es in immer neuen Reden und Erklärungen westlicher Militärs, Diplomaten und Politiker, habe sich deutlich verbessert, die militärischen Erfolge seien unübersehbar, die Taliban so gut wie besiegt. Aber Frieden und Afghanistan, das sagen die Afghanen selbst, wenn sie zum heimischen Publikum sprechen, das sind noch immer zwei Wörter, die sich beißen.

Im vergangenen Jahr explodierten entlang afghanischer Straßen 1469 Bomben, das waren fast fünfmal mehr als im Jahr 2004. Es wurden 8950 bewaffnete Anschläge auf Truppen und zivile Helfer gezählt, zehnmal mehr als noch drei Jahre zuvor. 130 Selbstmordattentäter sprengten sich in die Luft, 2004 waren es 3.

Es herrscht kein Frieden in Afghanistan, nirgends, auch im Norden nicht, der immer wieder für befriedet erklärt wird. Wer das Land bereist, seine Ministerien abklappert, wer mit westlichen Botschaftern spricht, mit Uno-Direktoren, Isaf-Kommandeuren, Provinzgouverneuren, wer Frauenrechtlerinnen trifft, Drogenfahnder, Polizeichefs - der kommt mit vielen dunklen Fragen und der bösen Ahnung zurück, dass diese Mission eine Aufgabe nicht für Jahre, sondern für viele Jahrzehnte sei.

Es wird dabei, am Hindukusch und unter den gewaltigen Höhenzügen des Sefid Kuh, in den endlosen Wüsten von Kandahar und Helmand an einem dramatischen Kapitel der Weltgeschichte geschrieben. Die USA und Europa, sie sind mehr stolpernd als zielgerichtet in eine neue Art der Völkerschlacht geraten, an der fast alle heutigen Welt- und Regionalmächte teilnehmen. Was wird aus der Nato, wenn sie beim ersten Out-of-area-Einsatz ihrer Geschichte scheitert? Und wie steht die Uno da, wenn ihr dieser Großeinsatz in Sachen »nation building« misslingt?

Das Land steckt im Schwitzkasten globaler Interessenpolitik, es ist, wie so oft in seiner Geschichte, eine Figur auf einem Schachbrett, an dem viel mehr als nur zwei Spieler sitzen. Denn wenn die Großaktion der westlichen Gemeinschaft nicht so zügig Erfolge liefert wie erhofft, liegt das auch daran, dass die Bemühungen der einen Hälfte der Welt von den Anstrengungen der anderen Hälfte dauernd durchkreuzt werden.

Während die Nato sich müht, die Bevölkerung zu entwaffnen, reißt der Nachschub an Panzerfäusten und Gewehren aus Pakistan nie ab. Irans Regierung wird beschuldigt, den Handel mit afghanischem Opium und Heroin zu fördern, um dem Westen zu schaden. Russland wird unterstellt, seinen Einfluss aus Sowjetzeiten zu nutzen, um den alten Feind Nato auf afghanischem Boden zu schwächen.

China, Afghanistans äußerster östlicher Nachbar, hofft auf neue Rohstoffquellen in den Gebirgen nebenan. In Dubai, dem Liechtenstein des Nahen Ostens, wird schmutziges Geld gewaschen und geparkt. Es ist, als fände auf afghanischem Boden ein erster, kruder Weltkrieg des 21. Jahrhunderts statt, uneingestanden, unerklärt.

»Sehen Sie hier«, sagt Isaf-Kommandeur Dan McNeill, er steht mit Sonnenbrille auf Kabuls Militärflughafen neben einer kanadischen C-130-Maschine, bereit zum Start, »schauen Sie, machen Sie ein Foto, das hier ist es, wofür wir kämpfen.«

Der General bahnt sich einen Weg durch die Delegation, die er nach Helmand im Süden begleitet. Er drückt Zalmai Rassoul zur Seite, Karzais nationalen Sicherheitsberater, er schiebt stellvertretende Innenminister aus dem Weg und auch General Karimi, den afghanischen Heereschef. Es ist ein diesiger Tag, und hinter der Gruppe steht endlich eine Frau, eine geschminkte, unverschleierte Afghanin.

McNeill präsentiert sie wie eine Trophäe, er sagt: »Hier, bitte, das ist es.« Die Frau, um die vierzig, eine Mitarbeiterin der Regierung, lächelt scheu und sieht aus, als wäre sie lieber woanders. Der Vier-Sterne-General, im Kampfanzug, stellt sich zu ihr für ein Foto, es sind seine letzten Tage als Oberkommandeur der Isaf, er ist es gewohnt zu befehlen, er sagt: »Schreiben Sie das. Deshalb sind wir hier.«

Der Flug nach Helmand führt an Gebirgsketten südlich Kabuls entlang, es geht binnen einer knappen Stunde nach Camp Bastion, einem staubigen Landeplatz im Nichts einer großen, flachen Wüste. Die Delegation aus Kabul muss umsteigen in Hubschrauber, um nach Lashkar Gah zu kommen, Helmands Hauptstadt. Der neue Gouverneur wartet dort, Gulab Mangal, er hat zur großen Schura geladen, zur Versammlung der Ältesten, Oberen und Geistlichen.

Zwei »Sea Knight«-Helikopter nehmen die Reisenden auf, es geht in kaum 30 Meter Höhe in rasendem Flug Richtung Westen, vorbei an Feldern, auf denen weit und breit der Schlafmohn blüht.

Der Landeplatz ist ein Fußballfeld. Gepanzerte Geländewagen nehmen die Gäste in Dreiergruppen auf, sie müssen Schutzwesten anlegen, dann setzt sich der lange Konvoi in Bewegung für eine sehr kurze Fahrt. Das Ziel, der Amtssitz des Gouverneurs, liegt keine 300 Meter vom Fußballplatz entfernt, an der Straße stehen afghanische Soldaten und salutieren. McNeill hatte vor dem Ausflug nach Helmand noch reihenweise Erfolgsgeschichten und schöne Analysen ausgebreitet. Er sagte, dass »alle Nachbarstaaten an regionaler Stabilität« interessiert seien. Er sagte, dass vor Beginn der Isaf-Operation kein Kind in Afghanistan zur Schule gehen konnte, es jetzt aber über sechs Millionen Schüler gebe. Gewiss, sagte der General, man finde entlang der Grenze zu Pakistan noch »volatile Gebiete«. Aber die Sicherheitslage habe sich »deutlich verbessert«.

Die Terroristen seien aufs Ganze gesehen nur noch ein zersplitterter Haufen, nicht länger fähig zu substantiellen Angriffen. So sprach Dan McNeill, er versandte Botschaften an ein westliches Publikum, er trug seine Standardrede vor, geschrieben für Kanzlerinnen und Premierminister. Aber wenig von dem, was der General sagte, passt zu den Berichten, die er bei seinem Besuch in Helmand hört.

Der Gouverneur berichtet, hinter verschlossenen Türen, in einem Amtszimmer, vollgestellt mit geblümten Polstermöbeln, dass die Hälfte der Distrikte in seiner Provinz außer Kontrolle sei. Allianzen von Taliban und Drogenbaronen regierten die Dörfer, keine Fernstraße sei sicher vor Bombenanschlägen, Wegelagerern, Entführern. Pakistan habe überall die Finger im Spiel, von den Schulen, sofern sie nicht längst in Brand gesteckt wurden, würden die Lehrer vertrieben. Bauern würden mit Gewalt in den Opiumanbau gezwungen.

Die Delegierten aus Kabul hören zu und trinken Tee, sie kennen diesen Text, es sind Berichte für die afghanische, nicht für die westliche Öffentlichkeit, ungeschönt, rau.

McNeill sagt dem Gouverneur Unterstützung zu, er könne jetzt in Helmand über 3200 U. S. Marines zusätzlich verfügen, sagt er, die Briten seien jetzt vollzählig in der Provinz, es gehe voran, es werde vorangehen. Karzais Leute versprechen Geld und demonstrieren guten Willen.

Man knabbert Nüsse und Rosinen aus Schalen, nach zwei Stunden verebbt das Gespräch. »Wenn Sie wollen, dass die Leute Melonen statt Heroin produzieren, dann müssen Sie ihnen einen Markt für Melonen geben«, sagt ein Beisitzer des Gouverneurs. Der Satz bleibt im Raum stehen, niemand versucht eine Antwort. Es wird Essen gebracht, Suppe, Salat, Fladenbrot, Kebab an langen Spießen. Draußen rangieren die Geländewagen. Die Gäste müssen zurück nach Kabul.

Seit dem Sturz des Taliban-Regimes vor fast sieben Jahren ist die Opiumernte im Land fast in jedem Jahr reicher ausgefallen. Im vergangenen Jahr stammten 93 Prozent

des weltweit gehandelten Heroins aus Afghanistan. Auf 193 000 Hektar wurde 2007 der Schlafmohn angebaut, das waren noch einmal 17 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Isaf schaut dabei tatenlos zu, vorsätzlich.

Aus Angst, die Zivilbevölkerung gegen die fremden Armeen aufzubringen, hatte man früh verabredet, dass die Afghanen ganz allein für den Anti-Drogen-Kampf zuständig sein sollten, ohne jede Beteiligung der Nato. Polizei und einheimische Armee rücken deshalb ab und an zu symbolischen Drogenverbrennungen aus, und manchmal steigen sie wirklich in die Felder, um ein paar Pflanzen zu köpfen. »Eradication«, Ausrottung, heißt diese Operation, und sie zählt zu den gefährlichsten dieses Krieges.

Regelmäßig geraten die Drogenbekämpfer unter feindliches Feuer, die Milizen der Drogenmafia, die Taliban, al-Qaida, sie starten perfekt geplante Gegenangriffe, als hätte ihnen jemand vorab die Einsatzpläne gefaxt. Die Droge und die Korruption gehen Hand in Hand in Afghanistan, ein Polizist verdient im besten Fall 200, 300 Euro im Monat. Wenn die Ernte beginnt, legen selbst Armeeoffiziere die Uniform ab und gehen als Pflücker auf die Felder. Lehrer verdingen sich als Schmuggler, Bürgermeister unterhalten Heroinlabore, Provinzgouverneure sind schon gestoppt worden mit 150 Kilogramm reinen Heroins im Kofferraum ihrer Autos.

»Wir gehen davon aus, dass 500 000 Familien die Hände im Spiel haben«, sagt General Mohammed Daoud, er war einst ein junger Kommandeur des legendären Mudschahidin-Führers Ahmed Schah Massud, jetzt ist er stellvertretender Innenminister, zuständig für die Exekution der Anti-Drogen-Politik. »Wenn Sie dazu noch annehmen, dass eine afghanische Familie mindestens sechs Mitglieder hat«, sagt Daoud, »dann haben Sie drei Millionen Menschen, die in unserem Land vom Opiumanbau leben.« 3 Millionen von 30 Millionen. Es ist Afghanistans mit Abstand größte Armee.

Daoud hat 2500 Mann, um den Kampf gegen sie zu führen. Im vergangenen Jahr hat seine Abteilung 820 Schmuggler verhaftet, 20 korrupte Armeeoffiziere überführt, 63 Heroinlabore zerstört und tonnenweise Heroin vom Markt genommen.

Wenn Daouds Leute ein paar Kriminelle einfangen, sind das vor allem symbolische Taten. Afghanistan hat nie ein Justizsystem ausgebildet, das den Namen verdient gehabt hätte. Es gibt keinen geregelten Strafvollzug, kaum Anwälte, kaum Richter, es gibt jetzt angeblich 1500 Staatsanwälte im Land, aber davon hat die Hälfte nie Jura studiert. »Wir haben schon Leute überführt und zu 19 Jahren Gefängnis verurteilt«, sagt Daoud, »aber die waren alle am nächsten Tag schon wieder frei.«

Es sind noch zehn Tage bis zum nächsten Anschlag auf das Leben Hamid Karzais, es geht gegen Ende April, es gibt gute Nachrichten und viele schlechte. In Zabul und Ghazni sterben Dutzende Taliban-Kämpfer im Gefecht mit regulären Truppen, Afghanistans Frauennetzwerk äußert sich besorgt über die wachsende Zahl zwangsverheirateter Kinder. In Nimruz sprengt sich ein Attentäter vor einer Moschee in die Luft und bringt 23 Menschen

um. Deutschland verspricht weitere Millionen Euro mehr für die Polizeiausbildung. Und im Maiwand-Distrikt von Kandahar rüsten sich Soldaten der B-Kompanie des 3. Bataillons des britischen Fallschirmjägerregiments für eine Patrouille.

Die Einheit hat Warnungen erhalten, dass der Feind nordöstlich von Hutal, im Planquadrat 9951, fernzündbare Bomben gepflanzt habe. Hutal ist eine kleine Distrikthauptstadt mit kaum 7000 Einwohnern in Lehmhütten ohne Strom und fließend Wasser. Es gibt in Hutal einen Basar entlang der Durchgangsstraße, eine Schule, einen Tierarzt und im Norden ein altes Fort, um das die Briten schon im 19. Jahrhundert vergebliche Schlachten schlugen.

Sie sind erst Ende März hier eingerückt, die ersten westlichen Truppen überhaupt in der Gegend. Die Kanadier, eigentlich zuständig für Kandahar, hatten nicht ausreichend Kräfte, um alle Distrikte der Provinz zu besetzen. Als die Briten ankamen rechneten sie eigentlich mit Widerstand. Sie brachten 500 Mann, Fahrzeuge und Gerät auf den Boden, am 26. März standen sie nördlich von Hutal in gähnender Wüste und wandten sich westwärts in Operationszonen, die auf ihren Karten »Birmingham«, »Camberley«, »Thailand« hießen. Nichts geschah.

Sie fuhren und marschierten vier Tage lang, suchten den Kontakt mit dem Gegner, aber sie fanden nur Generatoren in »Burma«, die sie beschlagnahmten, und sie stießen auf eine Radiostation des Feindes in »Malaysia«. Die Krieger selbst, Taliban oder andere, spürten sie nirgends auf. Sie wandten sich Hutal zu, um dort ihren Stützpunkt zu gründen, man wies ihnen drei verfallene Betonbauten der Polizei zu. Es ist ein zugiger, sandiger Außenposten, die Männer haben sich seit fünf Wochen nicht rasiert, haben sich kaum gewaschen, sie lungern herum und trinken Instant-Tee aus aufgeschnittenen Plastikflaschen.

»Sie verstecken sich«, sagt Major Stuart McDonald, ein Kompaniechef mit Jesusgesicht, 35 Jahre alt, vor drei Tagen hat seine Tochter zu Hause ihren dritten Geburtstag gefeiert, »das bricht mir das Herz«. Er steht mit seinen Offizieren zusammen auf einer räudigen Veranda, die mit Sandsäcken verbaut ist, sie besprechen den Ablauf der Patrouille, Richtung Nordosten, wo vielleicht die Bomben liegen, wo sich vielleicht ein Feind endlich aufstören lässt.

»Wir wissen, dass sie da draußen irgendwo sind«, sagt McDonald, »sie beobachten uns, aber sie verstecken sich, es ist ziemlich jämmerlich.« Seine Einheit, in Großbritannien nur »3 Para« genannt, zählt zur Elite der königlichen Armee.

Am Beginn der Woche haben seine Leute einmal das Feuer eröffnet auf einen Halbstarken, der mit einem kleinen Bruder auf dem Moped sinnlos in ihre Richtung gerast ist. Sie konnten ihn nur für einen Selbstmordattentäter halten, denn er ignorierte alle Gesten, alle Rufe, er fuhr einfach weiter, immer weiter auf sie zu. Später versorgte der Truppenarzt seine Wunden, jetzt läuft er wieder durchs Dorf, aber die Stimmung ist schlechter geworden seither. Die Leute sagen jetzt, die Fremden schießen auf unsere Kinder.

Die 6. Abteilung der Kompanie rückt aus, 30, 35 Mann, sie verlassen das Camp in lockerer Reihe, die Gewehre im Anschlag, sie wenden sich Richtung Nordost. Seit die Schüsse auf das Moped fielen, wissen die Leute, dass sie besser anhalten, wenn sie Soldaten sehen. So erstirbt das Leben jetzt, wo die Briten gehen, Autos stoppen, Menschen verharren. Nur auf der Fernstraße rollen die Laster und Busse weiter. Busse mit Wanderarbeitern, die zur Opiumsaison kommen, aus dem ganzen Land, rund um die Uhr, Hunderte Busse bei Tag und bei Nacht, oft mit deutschen Schriftzügen auf dem Blech, »Prima Tours Günther«, »Alpina-Express«. Die Soldaten queren ein breites, trockenes Flussbett, Grabstätten sind hier aufgerichtet, über denen Fahnen der Trauer und die grüne Farbe des Propheten flattern, es ist heiß, es riecht nach Verwesung. Vor den Behausungen an der Strecke versammeln sich Kinder, Frauen und Alte, sie stehen still und schauen. Manchmal werfen ihnen die Ausländer Kaugummis hin, Schokolade, jedes Kind kann schon den Satz: »Mister, give me one Dollar.«

Bald ist die Wüste erreicht, Sand und Steine bis zum Horizont, feindliches Land, unweit davon die Straße, die womöglich vermint ist, Planquadrat 9951. Die Fallschirmjäger machen Rast, es ist heiß, sie tragen 60 Pfund Ausrüstung mit sich herum, sie knien sich in den Sand, trinken aus Feldflaschen, dann marschieren sie, ohne Feindkontakt, in einem weiten Bogen zurück ins Camp.

Die Taliban und ihre Verbündeten haben gelernt, dass sich Kämpfe Mann gegen Mann mit der Nato nicht auszahlen. Wer ein US-Platoon oder eine britische Abteilung direkt attackiert, hat binnen Minuten die vernichtende Feuerkraft von »Apache«-Hubschraubern gegen sich. So ist ein geisterhafter, indirekter Krieg in Gang gekommen, ein Krieg per Fernsteuerung, geführt mit Sprengfallen, Landminen, gebasteltem Feuerwerk, mit Autos, umgebaut zu Bomben. Es ist ein ungleicher Kampf.

Die westlichen Truppen, größtenteils noch immer ausgebildet, um Landkriege wie am Beginn des 20. Jahrhunderts zu führen, treffen auf einen Gegner, der die Guerillataktik auf die Spitze treibt. Die Taliban, wer immer sie sind, sie folgen keiner Nato-Doktrin und gewiss nicht der Genfer Konvention. In ihrer Logik kann der Massenmord an Zivilisten ein Sieg sein. Eine gesprengte Hochzeitsfeier kann strategische Vorteile bringen, und Fernsehbilder getöteter Kinder werden zur schmutzigen Bombe im Kampf um die öffentliche Meinung.

Wenn der Abend kommt, spielen die Briten Volleyball in ihrem Lager, das Feld ist mit Bändern in den Dreck gezeichnet, in einem Erdloch daneben verbrennt schwelend der Müll. Jeder vierte Soldat hier leidet an chronischem Durchfall, Sonnenbrand haben sie alle, Major McDonald ist froh, sagt er, »dass dieser Urlaub hier bald vorbei ist«.

Die Fallschirmjäger werden weiterziehen nach Helmand, um sich dort U. S. Marines anzuschließen. Ins Camp von Hutal rückt eine portugiesische Kompanie nach. Zwei ihrer befehlshabenden Offiziere waren am Mittag zu Besuch, seitdem hat Major McDonald deutlich schlechtere Laune.

Die Portugiesen waren nicht zufrieden mit dem Zustand des Camps. Sie fragten die britischen Kollegen, ob es nicht möglich sei, bis zur Ankunft ihrer Leute noch ein Internet-Café einzurichten, außerdem verlangten sie eine Eismaschine und einen Geldautomaten. »Ein Internet-Café«, sagt McDonald, »eine Eismaschine, das ist wirklich beeindruckend.«

Es sind noch neun Tage bis zum nächsten Anschlag auf das Leben Hamid Karzais, heiße April-Tage gehen über Kandahar hin, die Portugiesen rücken in Hutal ein. Eine Vorhut ist am frühen Morgen da, sie kommen in »Humvees«, an deren Antennen Portugals Fahne flattert, sie fahren ein wie Sieger in Feindesland.

Sie stellen sich in Gruppen vor ihre Fahrzeuge und machen Fotos für daheim, sie führen sich auf wie Urlauber. McDonald, der Major, steht angewidert dabei. Er übergibt die Stellung seinem Nachfolger, dem Portugiesen Antonio Cancelinha, beide schütteln sich die Hand und sehen dabei aus, als hofften sie, einander möglichst nie wieder zu begegnen.

Wer vor der Karte Afghanistans steht, auf der die fünf Regionalkommandos der Isaf, der International Security Assistance Force, schraffiert sind, muss zu dem Schluss kommen, das Land sei unter Kontrolle. Bunte Fähnchen signalisieren Präsenz überall, man sieht die deutschen Farben im Nordosten, die italienischen im äußersten Westen, Stars and Stripes bedecken den Osten, der Union Jack und Kanadas Ahornblatt stecken im Süden, dazwischen sind die Banner der Türken zu sehen, der Niederländer, Litauer, Australier, der Schweden und der Spanier. Aber es ist eine Illusion.

Isaf-Kommandeur McNeill selbst hat erklärt, dass nach der gültigen Anti-Terror-Doktrin 400 000 Mann nötig wären, um Afghanistan nachhaltig zu befrieden. Tatsächlich hat er nur 47 000 Soldaten, weitere 18 000 kämpfen im Rahmen der Operation Enduring Freedom an ihrer Seite, und vielleicht gibt es dazu bis Ende des Jahres wirklich 75 000 vernünftig ausgebildete afghanische Armeesoldaten. Es wären zusammengezählt dennoch 260 000 Mann zu wenig.

Im Stab des Isaf-Hauptquartiers in Kabul hängen breite, vielfach unterteilte Tabellen, in denen markiert ist, welche Truppe welchen Landes für welche Operationen überhaupt verwendbar ist - oder eben nicht. Die wenigsten Einheiten sind für alles und auch für Kampfeinsätze verwendbar. Im Gespräch sagt General McNeill, die Nato laufe in Afghanistan »auf Reserve«. Ansonsten funktioniere die Zusammenarbeit »unter dem Strich sehr gut«.

Sieben Tage vor dem nächsten Anschlag auf Hamid Karzais Leben beginnt in Kabul eine Impfkampagne der Weltgesundheitsorganisation und von Unicef, binnen drei Tagen wollen sie sieben Millionen afghanische Kinder gegen Polio impfen. Es gibt gute Nachrichten und viele schlechte.

In Pakistan hat die Armee damit begonnen, das fast 30 Jahre alte Flüchtlingslager von Jalozai zu schleifen, Notasyl für 80 000 Afghanen, auch sie werden jetzt in die Heimat zurückdrängen, im Strom von Millionen anderer Flüchtlinge, in Kandahar tötet eine Sprengmine fünf Polizisten. Die Taliban entführen in Paktia zwei Laster mit Militärgerät, in Khost streiken an 15 Schulen die Lehrer, weil sie seit Monaten keinen Lohn bekommen. Im Kabuler Serena-Hotel sitzt eine kleine Frau in der Teestube, Habiba Sarabi.

Sie ist die Gouverneurin von Bamian, die einzige Frau im Land, die an die Spitze einer Provinz berufen wurde. Ihre Region ist im Armenhaus eines der traurigsten Zimmer, die Landschaft zu bergig für vernünftigen Ackerbau, das Wetter zu kalt für gute Ernten, im Winter ist die Region oft vier Monate lang von der Außenwelt abgeschnitten, und auch im Sommer ist sie nur schwer zu erreichen.

In manchen Distrikten von Bamian können 99 Prozent der Einwohner weder lesen noch schreiben. Reich ist, wer ein Maultier besitzt, und verloren, wer schlimmer krank wird. 90 000 Menschen leben so.

Die Italiener haben versprochen, eine neue Straße nach Kabul zu bauen, über den Hajigag-Pass hinein in die Provinz Wardak, es ist noch kein Spatenstich getan. Habiba Sarabi sagt: »Wir brauchen Weisheit, um diese Chance zu nutzen, sonst werden wir wieder scheitern, und dieses Mal für immer.«

Die Chance, sagt sie, ist das jetzige Interesse der Welt an Afghanistan, es werde nicht von Dauer sein.

Die Menschen seien müde, sagt sie, selbst ehemalige Taliban-Leute hätten die Waffen niedergelegt. »Es findet eine Entwicklung statt, aber sie hat »bei null begonnen«, sagt Sarabi. Sie ist keine Einheimische in Bamian, sie stammt aus Masar-i-Scharif, sie ist eine Hazara, eine gute Frau, die auf einfache Fragen einfache Antworten geben kann und nichts schönredet. 1996 floh sie, nach einem Medizinstudium in Kabul und Indien, vor dem Regime der Taliban mit ihrer Familie nach Peschawar. Dass die Taliban später in Bamian die Buddhas aus dem Fels gesprengt hatten, las sie in der Zeitung.

Als Präsident Karzai ihr das Gouverneursamt anbot vor drei Jahren, zögerte sie nicht. Dass seitdem Morddrohungen zu ihrem Leben gehören, dass andere Gouverneure nicht mit ihr, einer Frau, verhandeln, beeindruckt sie nicht. »Wir werden die Hirne der Männer auch in Afghanistan verändern«, sagt sie, »es wird lange dauern, aber es wird geschehen.«

Sechs Tage vor dem nächsten Anschlag auf das Leben Hamid Karzais werden in Khost zwei US-Militärlaster mit Raketen beschossen, in Faizabad stürzt ein Lieferwagen mit 9000 Schulbüchern in den Kokcha-Fluss. Die Polizei entschärft eine Autobombe in Paktia, in Kabul geht Chris Alexander, der politische Direktor der afghanischen Uno-Mission Unama, über den Markt und dann zum Abendessen ins Restaurant »Boccaccio«.

Alexander ist 39, ein jungenhafter Kanadier, ihm wird zu Hause eine große politische Karriere vorausgesagt. Er war schon Botschafter seines Landes hier in Kabul, er hat lange in Moskau gearbeitet, das Weltwirtschaftsforum in Davos hat ihn zu einem »Young Global Leader« gekürt, er lacht darüber schüchtern. Er bestellt Rinder-Carpaccio und Pizza, mit Freunden am Tisch debattiert er die Lage.

Sie trinken Chianti, vier Freunde, junge Unternehmer, Diplomaten, sie grüßen mit Seitenblicken Minister der Regierung, die auch gern im »Boccaccio« dinieren, an den Tischen ringsum schneiden amerikanische Geheimdienstler in Steaks, schwedische Botschaftsmitarbeiter drehen Spaghetti, Bodyguards aus Neuseeland trinken Corona-Bier. Kabuls Parallelwelt ist versammelt, Abgesandte des vieltausendköpfigen Heers der Helfer und Söldner, nach dem Essen zieht man weiter auf einen Cocktail ins »La Cantina«, auf einen Nachtisch ins »Bella Italia«. Kabul, die räudige Stadt, kennt heitere Nischen, bevölkert fast ausnahmslos von Fremden aus aller Welt.

Alexander erzählt, dass im vergangenen Jahr 40 Konvois des Welternährungsprogramms verschwunden sind, irgendwie, irgendwo, ganze Lasterkolonnen beladen mit Lebensmitteln und Arznei. 40 zivile Helfer seien getötet worden, 89 entführt.

Ja, sagt er, es gebe viele schlechte Nachrichten, aber eben auch gute. »Wir hatten 2001 nicht einmal 1000 Schulen hier, jetzt sind es 9000, das ist doch ziemlich beachtlich.«

Bald dreht sich das Tischgespräch um Karzais Regierung: seit sechs Jahren am Werk, ohne vorzeigbaren Erfolg. Zwei Drittel der Ministerien hoffnungslos korrupt, das Kabinett entlang der Ethnien gespalten und Karzai, sein Name allein erntet Gelächter: nur ein schwacher, paranoider Führer.

Fünf Tage vor dem nächsten Anschlag auf das Leben Hamid Karzais verbrennen Anti-Drogen-Polizisten in Baghlan 300 Flaschen Schnaps, 94 Kilogramm Opium, 93 Kilogramm Haschisch und 13 Kilogramm Heroin. Am Nachmittag sagt Rangin Dadfar Spanta, Afghanistans Außenminister aus deutschem Exil, der Unglaube an die Demokratie in seinem Land sei für ihn »ein persönlicher Alptraum«. Und der für die Anti-Drogen-Politik zuständige Minister, General Khodaidad, fährt ins Land hinaus.

Khodaidad thront in einem gepanzerten Toyota Land Cruiser, vier Tonnen schwer, er begibt sich auf eine mühselige Zwei-Tages-Tour, tausend Kilometer über Landstraßen, Buckelpisten, steile Bergpässe.

Der General besucht die Gouverneure von Sar-i-Pol und Jowzjan ganz oben an der turkmenischen Grenze, er hat Parlamentarier aus beiden Regionen an Bord, es geht durch die kalte Pracht der Salang-Berge, durch Baghlan, Samangan, Balkh, es ist die Strecke, die die abziehende Sowjetarmee nahm, nach fast zehn Jahren vergeblichen Kämpfens.

Khodaidad war Teil von ihr, ein sowjetischer Befehlshaber aus Afghanistan, für Afghanistan. Er kennt jedes Tal, jeden Schlupfwinkel hier, er kennt die Schleichwege, die nie ein amerikanischer »Humvee« befahren wird. Massud war sein Gegner im Pandschir-Tal und auch der Mudschahidin-General Daoud, der heutige Vize-Innenminister, mit dem er jetzt gemeinsam den Opiumanbau bekämpft. »Das verstehen Sie nicht, wie? Dass wir zusammenarbeiten? Aber die Erklärung ist einfach: Wir haben dieses Land gemeinsam ruiniert, nun müssen wir es auch gemeinsam wieder aufbauen.«

Khodaidad hat viel Musik eingepackt, er ist ein kleiner, verschmitzter Mann mit Augen, die sich hinter fleischigen Lidern verstecken. Seine Brille sitzt so schief, dass er mit einem Auge durchs Glas und mit dem anderen über den oberen Rand schaut, er lässt die Liebeslieder von Nashenas aus dem Kassettenrecorder brüllen.

Zwischendurch redet er in ein Walkie-Talkie mit den anderen Fahrern des Konvois, fünf Land Cruiser, 22 Soldaten beschützen seine Tour. An den Fenstern zieht bald ein besseres, friedlicheres Afghanistan vorbei, der Norden, die Erde ist bestellt, das Leben hat Rhythmus, Dromedare grasen, dazwischen Kinder, die aussehen, als hätten sie Zeit zum Spielen.

Khodaidad macht auf dieser Reise Politik, und das heißt vor allem, dass er sich einfach zeigt. Die Gouverneure, die er trifft, mit denen er Tee trinkt, Nüsse knabbert, Kebab von Spießen zieht, mit denen er sich barfuß ganze Abende lang auf Teppiche setzt, sie sagen, sie hätten seit zwei Jahren keinen Minister mehr in ihrer Provinz gesehen. »Wer Kabul nicht verlässt«, sagt Khodaidad, »verliert seine Verbindungen. Aber was ist Politik in Afghanistan? Nichts als Verbindungen. Haben Sie schon gehört, wie Karzai genannt wird? Die Leute nennen ihn den ,Bürgermeister von Kabul'...«

In Sar-i-Pol, am späten Abend, sitzt Khodaidads Chef für laufende Operationen, Mohammed Ibrahim Azhar, im Garten des Gästehauses der Provinzregierung. Im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer ist einer seiner Brüder gefallen, er hat drei Cousins im Krieg gegen die Russen verloren, er selbst schmuggelte Waffen und Geld für die Mudschahidin aus Pakistan ein. Ehe er ins Ministerium wechselte, hat er für die UNODC gearbeitet, die Uno-Organisation für den Kampf gegen Drogen und Kriminalität, einmal die Woche sitzt er jetzt mit Isaf-Leuten und Amerikanern zusammen, um die Strategie zu besprechen. Viel zu sagen haben sie sich nicht.

Die Amerikaner, sagt Azhar, wollten nicht verstehen, dass es für viele Afghanen keine Alternative zum Opiumanbau gebe. »Es gibt keinen Markt für Weizen, keinen für Reis, keinen für Früchte, für Gemüse. Wir importieren das alles, aus Pakistan, Iran, China. Was wollen Sie einem Bauern sagen, der mit einem Hektar Opium 4000 Dollar und mit einem Hektar Weizen 300 Dollar verdient? Im Jahr!«

Sein Telefon klingelt, es spielt den Triumphmarsch aus »Aida«. Er hat noch einmal Leute aus Nangarhar am Apparat. Dort hat am Nachmittag ein Selbstmordattentäter eine Vernichtungsaktion in den Opiumfeldern gesprengt. 25 Polizisten sind tot.

Drei Tage vor dem nächsten Anschlag auf das Leben Hamid Karzais sitzt US-Botschafter William Wood in seiner großen Wohnung in der Festung der Botschaft, er bittet die Fotografin, ihn nicht zu fotografieren, während er raucht. Wood ist im vergangenen Jahr aus Kolumbien gekommen, er versteht vom Drogenanbau viel, aber von Afghanistan wenig, sein Spitzname ist »Chemical Bill«, weil er sich beharrlich dafür einsetzt, die Mohnfelder großflächig aus der Luft mit Chemikalien zu besprühen und auszurotten.

Wood sagt, aus der »Drogentragödie« Afghanistans speise sich auch die Tragödie des Terrors. Die Isaf-Staaten sollten sich klarmachen, dass sie mehr Bürger durch Heroin verlieren als hier auf dem Schlachtfeld. Im Übrigen sei 2007 ein gutes Jahr gewesen, alles in allem, von der Korruption vielleicht abgesehen. Alle Nachbarstaaten seien an regionaler Stabilität interessiert. Über sechs Millionen Kinder gingen jetzt in die Schule. Er klingt, als trüge er die Folien McNeills vor.

Zwei Tage vor dem nächsten Anschlag auf das Leben Hamid Karzais sagt Najia Zewari von der Uno-Frauenorganisation Unifem, auf dem Papier stehe Afghanistan eigentlich sehr gut da. Die Frauenrechte stünden in der Verfassung, sie seien Teil der Benchmarks für die künftige Entwicklung, ein Viertel der Mitglieder des Parlaments seien Frauen, »aber die alltägliche Realität sieht leider anders aus«.

Es würden wieder mehr 9- und 10-jährige Mädchen verheiratet. Außerhalb Kabuls müssten praktisch alle Frauen über 13 die Burka tragen. Mädchen gingen nicht zur Schule. Niemand zähle die Entführungen, die Vergewaltigungen. »Verstehen Sie mich nicht falsch«, sagt Najia Zewari, »es ist großartig, dass der Terror der Taliban vorüber ist. Aber das heißt nicht, dass ihre Regeln verschwunden wären. Ihre Regeln, das sind die afghanischen Regeln.«

Die afghanischen Regeln, sie sind für den Fremden nicht leicht zu verstehen.

Der Sturz der Taliban ist erst knapp sieben Jahre her. Bis weit in die neunziger Jahre bekriegten sich die Warlords und Mudschahidin in immer neuen Koalitionen und führten, um Kabul, ihre Form des totalen Krieges. Der Abzug der Sowjettruppen liegt noch keine 20 Jahre zurück. Die Wunden, die all diese Kriege schlugen, sind noch frisch. Das Land hätte viel Geschichte aufzuarbeiten, viel Elend zu verdauen, viel Trauer nachzuholen, das vor allem.

Aber schon sind wieder Stimmen zu hören - bis in Karzais Kabinett hinein, im Parlament sowieso, in den stadtfernen Provinzen -, die eine Konkurrenz der Ethnien behaupten, die um Macht kämpfen, um Einfluss, um Geschichtslegenden.

Alte Krieger mit weltweit klingenden Namen wie Dostam, wie Hekmatjar sind weiter aktiv, es will sich die Schere zwischen den Völkern des Südens und des Nordens wieder öffnen. Je länger die Erfolge der neuen Zeit ausbleiben, desto größer wird wieder das gegenseitige Misstrauen. Rivalisierende Stämme führen schon jetzt ihre Kleinkriege und Fehden, Afghanistan bleibt ein brennbares Land, ein mögliches Schlachtfeld, der Bürgerkrieg ist noch immer eine Option. Und manche führen ihn schon wieder.

Am Tag des Anschlags auf Hamid Karzai, Mudschahidin-Tag, Paradetag, nationaler Feiertag in Afghanistan, liegen drei Männer seit mindestens 36, wahrscheinlich seit 72 Stunden in einem Gästehaus kaum 500 Meter vom Kabuler Paradeplatz entfernt auf der Lauer. Sie haben sich von außen einschließen lassen, ein Vorhängeschloss verriegelt die Tür, es soll aussehen, als wären die Bewohner nicht da. Die Attentäter haben sich eingedeckt mit Energiedrinks, Wasser, Keksen, sie pinkeln in Flaschen, sie verschicken kurze Textnachrichten an Telefonnummern in Pakistan.

Das Zimmer, im dritten Stock, mit freiem Schussfeld auf die Tribüne, wo gleich die Regierung Afghanistans mit Präsident Karzai an der Spitze, der Generalstab, die Geistlichkeit, Parlamentarier und ausländische Gäste, Botschafter, Isaf-Kommandeure, Uno-Direktoren Platz nehmen werden, ist schon seit 45 Tagen angemietet. Einer der Angreifer, ein Turkmene, hat sich als Händler mit Teppichen ausgegeben, der auf dem nahen Basar zu tun hat. In den Teppichrollen sind die Waffen versteckt.

Spitzel des Verteidigungsministeriums sind seit Wochen schon rund um den Festplatz unterwegs, sie befragen Anwohner nach verdächtigen Umtrieben, nach Fremden, die neu in der Gegend sind. Die Polizei geht in alle Häuser, sie schaut in Zimmer hinein, aus Fenstern hinaus, auch das Gästehaus, wo sich die Attentäter verschanzen, bekommt Besuch, auch noch kurz vor dem Anschlag, ein, zwei Tage zuvor. Aber die Tür ist verriegelt, von außen, der Besitzer des Gästehauses sagt, die Leute seien nicht da, er habe sie länger schon nicht mehr gesehen, unnötig, die Tür deshalb gleich aufzubrechen.

Niemand ahnt, dass ein Polizeioberst Teil der Verschwörung ist, die Taliban haben einen Maulwurf im Herzen des Sicherheitsapparats, vielleicht lenkt ihr Mann die Vorbereitungen auf die Parade in die falsche Richtung, vielleicht streut er falsche Fährten aus.

Er jedenfalls besorgt die Waffen für den Anschlag. Scharfschützengewehre bekommt er nicht, aber er kann, gegen Schmiergeld, Sturmgewehre kaufen. Sie werden von korrupten Handlangern auf die Seite gelegt in einem Trainingslager der afghanischen Nationalarmee, hinter dem Rücken der Amerikaner, auch eine Panzerfaust lässt sich organisieren und ein Granatwerfer.

Von 8 Uhr an am 27. April treffen die Gäste ein auf dem Paradeplatz. McNeill kommt und Uno-Direktor Chris Alexander. US-Botschafter Wood steht mit dem britischen Kollegen Sherard Cowper-Coles zwischen den Stühlen, sie scherzen miteinander. Auf der zentralen Tribüne versammelt sich die Regierung Afghanistans.

Karzai steht um diese Zeit unten in der Luke eines »Humvees« und erwartet seinen Auftritt. Um 9 Uhr fährt er im Schritttempo die Tribünen entlang, dann biegt der Wagen ein zu den Ehrenformationen, die sich gegenüber vor der Id-Gah-Moschee aufgebaut haben, 1000 Mann, vom Westen trainiert, dazu ausersehen, ab August ganz allein für die Sicherheit Kabuls zu sorgen.

Um 9.25 Uhr ist Karzai von der Ehrenrunde zurück. Er nimmt seinen Platz ein auf der Tribüne. Die Attentäter warten, beobachten noch, keine 500 Meter entfernt. Sie wollen in die Klänge der Nationalhymne hineinfeuern, das gibt einen besseren Effekt.

Um 9.45 Uhr dröhnt die Hymne aus den Lautsprechern. »Dies ist das Land Afghanistan, der Stolz aller Afghanen. Ein Land des Friedens, ein Land des Schwerts, ein Land der mutigen Söhne.« Es wird Salut geschossen, eine lange Reihe, erst ein Kanonenschlag, dann zwei, dann drei, vier, fünf. Die Attentäter gehen in Stellung, sie legen die Gewehre an.

»Dieses Land wird leuchten für immer«, jetzt platzt Maschinengewehrfeuer in die Parade, drei Parlamentarier werden getroffen auf der Tribüne, 25 Meter rechts unterhalb von Karzai, Panzergranaten detonieren auf dem Asphalt, ein Kind in der Schusslinie stirbt, ein Polizist.

Es beginnt ein Rennen und Drängen auf dem Platz, auf den Tribünen, Sicherheitsleute schließen Ringe um ihre Prominenten und führen sie weg, die Sitzreihen hinauf, hinter das Stadion, aber dort wird ebenfalls geschossen, eine zweite Gruppe Angreifer nimmt die Flüchtenden ungenau unter Feuer, es ist jetzt ein Ducken und Warten, Rennen und Hocken, es ist nationaler Feiertag in Afghanistan, er produziert Weltnachrichten, keine guten, nur sehr schlechte, chaotische, katastrophale.

US-Botschafter Wood wird am folgenden Tag sagen, »die ganze Sache war nach 120 Sekunden vorbei«. Das ist die geschönte Version für das westliche Publikum. In Afghanistan wissen sie, dass tatsächlich 25, vielleicht 30 Minuten lang geschossen wird, mit Panzerfäusten und Maschinengewehren, Granaten. Es sind bald Hubschrauber in der Luft, es ist ein Gefecht, die Präsidentengarden erwidern das Feuer, sie töten die drei Angreifer am Ende, und sie jagen drei weitere Verschwörer durch die Stadt.

Es sind Bilder vom Krieg im Zentrum Kabuls, im Herzen Afghanistans, wo sich die halbe Welt müht, einem geschundenen Land Frieden zu bringen, seit fast sieben Jahren, aber es wird gekämpft, in den Tälern, den Bergen, in den Städten, den Wüsten, an vielen Fronten, harten und weichen, Tag für Tag.

* Kurz vor dem Anschlag am 27. April in Kabul. * Nach dem Anschlag am 27. April in Kabul.

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