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»Ein Dummkopf oder ein Selbstmörder«

aus DER SPIEGEL 37/1993

SPIEGEL: Herr General, Sie haben stets erklärt, das von Ihnen 1981 verhängte Kriegsrecht habe eine militärische Intervention des Warschauer Pakts in Polen verhindert. In dem jetzt bekanntgewordenen Protokoll des Moskauer Politbüros vom 10. Dezember 1981 heißt es aber, Sie hätten selbst einen Einmarsch gewünscht, falls Sie mit der Solidarnosc nicht mehr fertig würden. Sie stehen jetzt als Hochverräter und Lügner da.

Jaruzelski: Statt diese harten Worte zu gebrauchen, hätten Sie lieber die Aussage des sowjetischen Parteichefs Breschnew im SPIEGEL-Gespräch vom November 1981 und auch seine Ausführungen vom 1. März 1982 während meines Staatsbesuchs in Moskau nachprüfen sollen. Breschnews Schärfe bestätigte meine Befürchtungen. Dieses jetzt aufgetauchte Moskauer Protokoll erscheint mir wie ein surrealistisches Theater, es enthält Widersprüche und Aussagen, die mit anderen Dokumenten nicht übereinstimmen.

SPIEGEL: Haben Sie den Sowjets Anlaß zu Mißverständnissen gegeben?

Jaruzelski: Damals gab es ein großes taktisches Gezerre, wir tasteten uns gegenseitig ab. Nicht zufällig sprechen Politbüro-Mitglied Suslow und ZK-Sekretär Russakow von meinem Versuch, sie zu überlisten.

SPIEGEL: Haben Sie um Intervention gebeten, um herauszufinden, wie weit die Russen gehen würden?

Jaruzelski: Diese Interpretation lehne ich kategorisch ab. Ich habe niemals um Intervention gebeten. Man darf sich nicht allein auf aus dem Zusammenhang gerissene, oft widersprüchliche Zitate berufen, die nicht das gesamte Drama widerspiegeln. Man kann so etwas nicht statisch betrachten. Im August 1968 küßte Breschnew den Prager Parteichef Dubcek in Bratislava, zwei Wochen später ließ er die Tschechoslowakei besetzen.

SPIEGEL: Gleich drei sowjetische Spitzenpolitiker sprechen aber laut Protokoll davon, daß Sie um Intervention gebeten hätten. Wie kamen die dazu?

Jaruzelski: Zwei, der Verteidigungsminister Ustinow und der Chef-Ideologe Suslow, drücken faktisch das Gegenteil aus. KGB-Chef Andropow spricht von einer Bitte um indirekte militärische Hilfe. Er meint wohl unser Ansinnen um Unterstützung für den Fall, daß unser Transportwesen durch die Streiks lahmgelegt worden wäre. Gemeint waren große Lastwagen, Ersatzteile, strategische Rohstoffe. Diese Gespräche wurden in meinem Auftrag, unter anderen vom ehemaligen Generalstabschef, geführt.

SPIEGEL: Die Russen haben das doch nicht erfunden.

Jaruzelski: Wenn ich um Intervention gebeten hätte, wäre ich entweder ein extremer Dummkopf oder ein Selbstmörder gewesen. Wir wußten zu diesem Zeitpunkt, daß wir das Kriegsrecht selbst durchsetzen konnten, das hat ja auch die Geschichte bestätigt. Hätte ich die Russen geholt, wären Kämpfe innerhalb der polnischen Armee und ein Volksaufstand ausgebrochen.

SPIEGEL: Halten Sie das Dokument aus Moskau demnach für eine Fälschung?

Jaruzelski: Das Protokoll ist möglicherweise authentisch, aber es ist nicht glaubwürdig. Ich habe selten solch Pharisäertum gesehen. Suslow erklärt darin zum Beispiel, daß die Sowjets von Anfang an die polnischen Ereignisse passiv beobachtet hätten. In Wirklichkeit quälten sie uns mit Pressionen und Anklagen. Das war auch eine Art Intervention.

SPIEGEL: Sie behaupten stets, der Einmarsch hätte bevorgestanden, doch laut Protokoll wollten die Russen gar keine Intervention riskieren. Hatten Sie die Lage nicht doch falsch eingeschätzt?

Jaruzelski: Ich habe immer gesagt, daß eine mögliche Intervention auch für die UdSSR ein schwarzes Szenario gewesen wäre. Uns wurde angekündigt, daß vom 1. Januar 1982 an die Rohstoff-Lieferungen drastisch gekürzt würden - eine Katastrophe, die einer Intervention gleichgekommen wäre. Die Russen haben die Betonköpfe in unseren Reihen unterstützt. Auf einer Sitzung unserer Armeeführung am 9. Dezember 1981 spürte ich: Falls wir nicht das Kriegsrecht verhängen, könnte mir ein Teil der Offiziere den Gehorsam verweigern. Im Sicherheitsdienst, wo naturgemäß konservativere Kräfte saßen, war die Situation noch schlimmer. Jeden Moment hätte wie in Afghanistan irgendein Babrak Karmal auftauchen können.

SPIEGEL: Halten Sie es für möglich, daß solche Leute bereits Hilferufe an Moskau gerichtet hatten?

Jaruzelski: Ja, das folgt aus einigen der jetzt veröffentlichten Dokumente. Y

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