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Serie (2) | KARL, DER GROSSE EUROPÄER? Ein dunkler Leuchtturm

Nach dem Niedergang Roms begründete Karl der Große wieder ein europaweites Reich. Doch der Mythos vom großen Europäer stammt aus späterer Zeit - besonders nationalsozialistische Geschichtsschreiber machten den mittelalterlichen Kaiser zum Urahn eines von Hitler germanisch geeinten Kontinents. / VON JOHANNES FRIED
aus DER SPIEGEL 3/2002

Vater Europas« nannte den Kaiser schon zu Lebzeiten ein Hofdichter. »Die Geschichte Karls des Großen ist die Geschichte Europas«, heißt es auch in der neuesten Lebensbeschreibung aus dem Jahr 2000, von Dieter Hägermann. Dazwischen Beschwörungen über Beschwörungen, und alle Jahre wieder ein Aachener Karlspreis für hervorragende Verdienste um die Einheit Europas. Europa ohn'' Ende.

Mühsam ist da ein Mythos aufgebaut worden. Damals vor 1200 Jahren, am Hofe des angeblich so großen Europäers, spielte der viel zitierte Begriff in Wirklichkeit kaum eine Rolle. Bei seinem Biograf Einhard, der Jahrzehnte am Hof seines Herrn in Aachen verbrachte, oder in den »Reichsannalen«, den im Umfeld des so genannten karolingischen Hofes entstandenen Jahrbüchern des fränkischen Reiches: kein Wort über Europa. Wie es scheint, waren es vor allem gebildete Fremde, Iren und Angelsachsen, die von Europa sprachen, keine Franken.

Für den Angelsachsen Alkuin, einen der Lehrmeister Karls, war Europa nur ein geografischer Begriff. Ein anderer Angelsachse, Cathwulf, forderte den Herrscher in einem Brief um das Jahr 775 immerhin direkt auf, mit all seiner Heeresmacht und seinem ganzen Reich Gott die Ehre zu erweisen, »weil Gott selbst dich erhöhte zur Ehre der Glorie des Reiches Europas«. Was immer das heißen mochte, es war Panegyrik, nicht Programm aus den Zentren karolingischer Macht. Aufgegriffen hat der Frankenherrscher solche Wendungen nicht, obgleich er dazu fast vier Jahrzehnte Zeit gehabt hätte und seine größten Erfolge noch vor ihm lagen. »Europa« war keine herrschaftliche, geistige oder konzeptionelle Größe im Denken Karls und seines Hofes.

Der unbekannte Dichter eines nur fragmentarisch überlieferten Epos, auch er vermutlich fern vom Hof, trug die Bildsprache auf den höchsten Gipfel: »Nun«, so sang er, »treibt (der sanfte Südost) mich an, ausgreifenden Schrittes zur Höhe zu eilen, wo Europas ragender Leuchtturm hell erblinkt: wo König Karl seinen mächtigen Namen bis an die Sterne verbreitet. Wie die Sonne leuchtet mit ihren Strahlen: so erhellt David mit dem starken Licht seiner Huld die Erde«; dann das folgenreiche Wort vom »Vater Europas«.

Immer wieder beziehen sich moderne Historiker auf diese Verse, als ob sie den Schlüssel zur Deutung des Frankenherrschers böten, zu seinem König- und Kaisertum, seiner Herrschaftswaltung, seinem Glauben, seiner Sorge um die Kirche, seinem Bemühen um Schulen und Wissenschaften. Indes, mehr als Metaphern boten die Wendungen nicht: Leuchtturm Europas, Sonne, David, Licht der Erde, Vater Europas - damit wollte der Dichter die Größe Karls, nicht seine Ziele preisen.

Den »europäischen Gedanken« im Abendland, wie manche Historiker meinten, ließen jene Wendungen nicht aufleuchten. Karl betrieb so wenig Europapolitik, wie er Sonne war oder Licht. Der Franke besaß keinen Anlass, über »Europa« zu sinnieren. Auch ahnte er kaum, wie weit nach Norden und Osten sich dessen Räume erstreckten. Vage umschrieb sie der heilige Augustinus in seiner »Civitas Dei«, aus der Karl sich wieder und wieder vorlesen ließ. Der Erdteil reiche von Norden nach Westen, nehme gemeinsam mit Afrika (das von Süden nach Westen liege) die Hälfte der gesamten Erde ein, deren andere Hälfte vom Süden über den Osten nach dem Norden Asien umfasse.

Mehr dürfte auch Karl in diesen Erdregionen nicht gesehen haben. Solches Wissen bot kein Handlungsmotiv. Karl vielmehr betrieb wahre »Gottesverehrung«, diente der universalen Kirche, die sich über die Erde verbreiten sollte; gedachte nicht eines kommenden Jahrtausends, sondern des Jüngsten Gerichts. Da galt es, die Heiden dem rechten Glauben zu unterwerfen und das eigene Reich in rechter Weise zu ordnen. Solches Handeln hatte der heilige Augustinus den Königen geraten, um die ewige Seligkeit zu erlangen. So wäre der Kirchenvater, der Lehrer des »Pater Europae«, der eigentliche Vater Europas?

In den Krieg ziehen, erobern, um selig zu werden? Die Zeitgenossen wussten es gebührend zu würdigen: »Waffengewaltig«, »schwertgewaltig«, »kriegsmächtig« - so priesen sie den König. Machtstreben, Skrupellosigkeit und Verschlagenheit zeichneten ihn aus. Von Beginn seiner Regierung an führte Karl - den Zielen extensiver Herrschaft verpflichtet - Krieg.

Zunächst zog er gegen die Sachsen. Er wolle, so rechtfertigte er sich, Heiden zur Taufe zwingen. Doch galt es nicht minder, einen den Franken seit Jahrhunderten lästigen Feind auszuschalten. Der Widerstand des sächsischen Adels, längst den zivilisatorischen Verlockungen des Westens erlegen, war matt. Gewehrt hat sich vor allem das einfache Volk, das seine Freiheit liebte, zu deren Inbegriff ihm das Heidentum wurde.

30 Jahre zog sich der Krieg in die Länge, bevor der letzte Widerstand erlosch. Karl griff zu brutalsten Maßnahmen. Massenhinrichtungen wie das berüchtigte »Blutbad« zu Verden mit Tausenden von Toten, Deportationen und Exil, Umerziehungsdruck und kirchliche Kontrolle sollten dauerhaft schrecken. Der Erfolg blieb nicht aus. Nach einem Jahrhundert der Zugehörigkeit zum Frankenreich erkannten die Sachsen in Karl ihren Heilsbringer, den seligen Glaubensboten, der sie zu Christus geführt hatte.

Am Aufgang Europas stand die Gewalt. Niemals ruhte der König vom Krieg. Der sächsische Feldzug war kaum begonnen, da überfiel Karl, vom Papst ermuntert, das Langobardenreich, das Reich seines Schwiegervaters. Als Kriegserklärung sandte er ihm die Tochter heim. In einem Blitzsieg nahm er die Hauptstadt Pavia. Bis an die Grenzen des byzantinisch-römischen Reichs eroberte Karl Italien.

Damit gewann er auch Rom. Aus der Stadt der Apostelfürsten soll sich der große Konstantin in den Orient zurückgezogen haben, um sie dem Erben St. Peters, dem künftigen Stellvertreter Gottes auf Erden, zu überlassen. Düstere Wolken endloser Konflikte zogen deshalb am europäischen Horizont herauf. Karl freilich ahnte davon noch nichts.

Das nächste Ziel winkte: die Herrschaft in Bayern. Mit böser List bemächtigte Karl sich Tassilos, seines Vetters, eines erfolgreichen Herzogs, und dessen Familie. Fingierte Verbrechen wurden Tassilo zur Last gelegt, Treulosigkeit, auf die der Tod stand. Bald wurde er vor den König gerufen. Tassilo beugte sich: »Ich dien Euch, König, alle Zeit.« Karl gab sich als die Liebenswürdigkeit selbst.

Geblendet, genarrt, in die Falle gelockt, rief der Herzog seinen Sohn, seine ganze Familie, die Gemahlin, die Töchter, sie alle, nach Ingelheim ins Verderben. Tassilo sah sich zum Tode verurteilt, zu einem erbärmlichen Leben begnadigt, gemeinsam mit seinem Sohn vermutlich verstümmelt, um für alle Zeit regierungsunfähig zu sein, und ins Kloster gesteckt. Auch der Rest der Familie verschwand hinter Klostermauern, und niemand blieb, das Gedächtnis der Toten zu pflegen.

Gewalt, Gewalt, wohin man schaute. Jahr für Jahr rückte der König mit seinem Heerbann ins Feld. Kaum war Bayern gewonnen, lockte der nächste Feind, die Awaren, die in Pannonien, dem Raum des heutigen Ungarn, lebten. Auch sie wurden in mehreren Feldzügen besiegt. Mit der Zeit verleibte sich das karolingische Reich ihr Land ein - bis zur Save, ja, auch Dalmatien und die nördliche Adriaküste.

»Pannonien ist menschenleer und dort, wo der Sitz des Awarenkhans war, so verwüstet, dass keine Spur menschlicher Behausung mehr zu finden ist«, rühmte Einhard. Gewaltige Beute schleppte Karl von hinnen, dazu »Männer, Frauen und Kinder, eine zahllose Menge«; sie erwartete Sklavenlos. Entsteht Großes nur durch Gewalt?

Doch auch der mächtige Karl bekam die Launen des Kriegsglücks zu kosten. Vergebens rückte er nach Spanien vor gegen - wie es hieß - muslimische Mauren, in Wahrheit zur Zähmung christlicher Basken. Unverrichteter Dinge kehrte er um; die Nachhut wurde vernichtet. Das berühmte Rolandslied handelte davon. Es machte - ein Beispiel für Vergessen und Verdrängung der unliebsamen Vergangenheit - in der jüngsten Version Karl zum Kreuzfahrer und Glaubenskrieger, zum Heiligen gar, beschwor eine Geschichte, die niemals geschehen.

Erst Jahrzehnte später, im Jahr 801, gelang es Karls jugendlichem Sohn Ludwig, bis zum Ebro vorzustoßen und die »Spanische Mark« zu errichten. Für die künftige Geschichte Westeuropas hatte das weit reichende Folgen. Für fast ein halbes Jahrtausend, bis zum Pyrenäenfrieden 1258, unterstand (Alt-)Katalonien rechtlich dem westfränkisch-französischen König.

Karls Reich dehnte sich nun vom Ebro bis zu Schlei und Elbe, vom Ärmelkanal bis zur Adria und nach Süditalien. »Fast ganz Europa eilte zu dem Triumphator eines solchen Volkes« - nostalgisch erinnerte daran Notker der Stammler zwei Menschenalter nach Karls Tod, als alles verfallen. Verklärend schrieb Adam von Bremen ein Viertel Jahrtausend später von Karl, »der alle Reiche Europas unterworfen hatte«.

Weiträumige Herrschaft über viele Völker hob Karl damals über andere Herrscher hinaus, bedeutete aber keine kontinentale Vaterschaft. Mit ähnlichen Worten wie den

großen Karl feierte wenig später der Geschichtsschreiber Widukind von Corvey Otto den Großen, »den Herrn fast ganz Europas«. Es darf nicht überbewertet werden. Alles war zudem räumlich gedacht, nicht institutionell oder kulturell, schon gar nicht im Sinne einer Integration. Zudem fehlten Skandinavien, die Slawen, Griechenland und Konstantinopel. Nicht einmal »Abendland« hätte man Karls Reich nennen dürfen. Dazu hätte es der Iren, der Bretonen, der Angelsachsen bedurft, denen der Westen so unendlich viel zu verdanken hatte; und eben auch der Basken.

Als König und Kaiser betrieb, an antiken und kirchlichen Vorbildern orientiert, Karl die innere Festigung seines Reiches. Sie begann mit vier oder fünf legitimen Ehen, um von den zahlreichen Kebsen zu schweigen. Jede Ehe entsprang einem Vertrag, befriedete den aufsässigen Adel und einte konkurrierende Verwandtschaftsgruppen. Karls erste Gemahlin war Fränkin, die zweite langobardische Königstochter, die dritte entstammte alemannischem Her- zogsadel, die vierte, die grausame Fastrada, einer rechtsrheinisch-germanischen Adelsfamilie, die fünfte endlich kam aus einem anderen Teil Alemanniens.

Die Konsolidierung setzte sich fort durch Ordnung der Kirche und der Verwaltung, durch Rechtsetzung und Rechtsprechung, durch Bildungs-, Münz- und Heeresreform, durch wirtschaftliche und soziale Maßnahmen, durch Friedenssicherung nach außen und nach innen. Hier erwies Karl sich in der Tat als einer der Großen der Weltgeschichte. Er erreichte einen seit römischer Zeit nicht mehr gekannten Ausbau der Herrschaftsinstrumente. Sie überdauerten Karls Regierungszeit in seinen Nachfolgereichen - Katalonien, Frankreich, Deutschland, Burgund und Italien.

Als sich Karl am Weihnachtstag des Jahres 800 von Papst Leo III. in Rom zum Kaiser krönen ließ, begründete er für seine Nachfolger eine spannungsgeladene Tradition. Es riss sie in mancherlei Auseinandersetzungen mit dem Papst hinein, verwickelte die Träger dieser Krone in endlose Kämpfe und Kriege mit fast allen Königen Europas. Das Kaisertum wirkte unablässig auf die politische, kirchliche, geistige Gestalt des europäischen Westens ein.

Doch geplant hatte Karl solches nicht. Auch entwickelte der Franke sich nicht Europas wegen zum Vorbild künftiger Herrscher. Eine »europäische« Würde verlieh die in Rom errungene Krone ohnehin nicht. »Allergnädigster, erhabener, von Gott gekrönter, großer, friedebringender Kaiser, der das Römische Reich regiert und durch Gottes Barmherzigkeit auch König der Franken und Langobarden ist«, so hieß Karl nun. Er strebte nach der Anerkennung durch den Basileus in Konstantinopel, den wahren »Kaiser der Römer«, respektierte das Reich des Kalifen in Spanien und hielt, was er zusammengebracht, durchaus für teilbar.

Für »römisch« galt Karl die Erneuerung des Imperatorentums im Westen - für »römisch« oder für »christlich«, nicht für »europäisch«. Die Idee Europa schlummerte noch auf Jahrhunderte im Schoß der Zukunft.

Seine Herrschaft in diesem so gar nicht europäischen Reich war hart. Die Besiegten bekamen es umgehend zu spüren. Karl spannte sie in die fränkische Reichsverwaltung ein. Widerstand brach unter den Streichen seiner Truppen schnell zusammen. Aufstände, deren es nicht mangelte, waren bald unterdrückt. Der König geizte nicht mit der Todesstrafe.

Selbst die eigenen Verwandten, der älteste Sohn, Pippin mit dem Buckel, die Söhne seines Bruders, bekamen es zu spüren. Sie verschwanden hinter Klostermauern oder im Grab.

Drei, vier Maßnahmenbündel sollten sich als besonders dauerhaft erweisen. Die Unterworfenen wurden der kirchlichen Hierarchie unterstellt, die Karl in seinem gesamten Reich konsequent - von den Pfarrkirchen über die Bistümer zu den erzbischöflichen Kirchenprovinzen - mit unnachgiebiger Härte durchzusetzen verstand. Wer eine Kirche niederbrannte, sollte den Tod erleiden; wer »zur Missachtung des Christentums« Fleisch verzehrte, nicht weiterleben. So drohte Karl anfangs den Sachsen; später wurden die Strafen milder. Die Macht in den eroberten Ländern übertrug er Franken, in Italien auch Alemannen und Bayern sowie einheimischen Kollaborateuren.

Ungewohnte Zwangsinstrumente bedrückten die besiegten Völker. Vasallentum und fränkisches Lehnswesen, eine fremde Feudalaristokratie hielten ihren Einzug in die unterworfenen Gebiete; sie wurden in ein Netz von Grafschaften eingebunden. Die Maßnahmen einten das Frankenreich und schufen eine feste Struktur. Sie hielt sich auch in jenen Reichen und Fürstentümern, die später auf dem Boden des einstigen Karlsreiches aufblühten oder andernorts durch Eroberer aus diesen Ländern entstanden.

So gelangten mit der Zeit, wenn auch in mancherlei Variationen, Lehnswesen und Grafentum auf die britischen Inseln, in das Normannenreich Süditaliens und Siziliens, nach Spanien, ja, in die Länder der Kreuzfahrer im Heiligen Land. Und so überschwemmte zugleich mit ihnen ein neuartiger Feudaladel das Land. Skandinavien, die slawischen Völkerschaften, die Griechen indessen blieben von derartiger Feudalisierung verschont. Das alles bewirkte Gemeinsamkeiten des europäischen Westens und grenzte den Osten und Norden aus. »Europa« stand dabei noch immer nicht im Blick, nicht der leiseste Schemen einer Europa-Idee.

Der König und Kaiser wusste jedoch auch von den eroberten Ländern zu lernen. Kaum hatte er Italien erobert, zog er Lehrer von dort an seinen Hof. Einst erschienen, so erzählte man sich später, zwei Iren im Gefolge bretonischer Kaufleute, »in den weltlichen und geistlichen Schriften unvergleichlich bewanderte Männer«. Auf dem Markt sollen sie der Menge ihr Wissen per Ausruf feilgeboten haben: »Wer Weisheit verlangt, komme zu uns!« Auch Karl vernahm ihren Ruf und schickte umgehend nach ihnen. Den Eroberer, diesen barbarischen Recken, dürstete nach Bildung für sich, sein Hofgefolge und sein ganzes Reich. Er drängte auf Mehrung des Wissens, auf die Erneuerung der Schulen, auf Wissenschaft.

Eine eigentümliche Gesellschaft versammelte sich da um den König. Karl selbst ließ sich von den Gelehrten ob seiner Bildung schmeicheln. »David« - so hörte er sich gerne nennen - »wünscht, Lehrer zu haben an seinem Hof, Weise im Geiste, zur Zier, zum Ruhm jedweder Wissenschaft, um eifrigen Geistes die Weisheit der Alten zu erneuern.« Das sangen die Dichter zum Preis ihres Herrn. Sie taten es zu Recht. Karls Reich mochte nach seinem Tod zerfallen. Der Bildungsstoff, das Schulwesen, die Beharrlichkeit, die er seinen Untertanen verordnete, formten eine leistungs- und bestandskräftige Wissensgesellschaft. Hierin, noch einmal, erwies er sich als einer der Großen der Weltgeschichte - wie überhaupt Wissen Politik überdauert.

An seinem Hof trafen sich Iren, Angelsachsen, Lango-

barden, Romanen aus Italien und Goten aus Spanien mit Franken, Alemannen, Bayern und Sachsen. Sie lehrten einander, was sie wussten, tauschten Handschriften aus, schrieben von den antiken heidnischen oder christlichen Texten ab, was ihnen in die Hände fiel, schufen unter Karls Aufsicht ein effizientes Schulwesen, welches das Wissen der genannten Völker und der Antike vereinte.

Freund waren diese Leute einander nicht. Eine streitsüchtige Grundstimmung durchwehte ihre Runde. Konkurrenzkampf und Neid, offener Hass ließen sie um die Gunst des allgewaltigen Herrschers buhlen. Alkuin, der Angelsachse, höhnte über den kleinwüchsigen Einhard, einen Franken. Mit dem Westgoten Theodulf kreuzte er in heftigen Streitgedichten von ätzender Schärfe die Klingen.

Zum Gespött wurden die Iren: »Säufer, sag uns, rasender Ire, Fresssack ... sag, du Blinder, du stinkendster Auswurf eines Esels ... Sag, du Rindvieh ohne Verstand, du gehörnte Ziege ... sag, du rasender Schädel ... du blödester Dichter, Gottloser, sag endlich, du betrogener Betrüger der Wissenschaft ...« - so ergoss es sich über einen von ihnen, dem es die Sprache verschlug. Karl aber amüsierte sich. Die Seele war rau, weit entfernt von jener »Höflichkeit«, die dann vom hohen Mittelalter an die Erziehungsprogramme europäischer Fürsten erfüllte.

Auch die Familie fand sich zu diesen Gesellschaften ein, die Söhne und die Töchter zumal. Karl gab ihrer keine aus dem Haus, so sehr soll er sie geliebt haben, wusste Einhard. Vielleicht fürchtete der König politische Ansprüche möglicher Schwiegersöhne. So lebten die Töchter, herangereift und schön, in freier Ehe am Hof, gebaren dem König nicht-erbberechtigte Enkel, so wie Karl minderberechtigte Söhne mit seinen Geliebten zeugte, einen nach dem andern.

Sein legitimer Sohn Ludwig, ein frommer Mann, schauderte vor diesem Sündenpfuhl und fuhr, eben zur Herrschaft gelangt, mit eisernem Besen durch das Haus seines Vaters. Jeder Höfling in Aachen sollte Gefolge und Gesinde aufs Strengste überprüfen, weder Nichtsnutz noch Dirne dulden. Der ganze Ort, die Gebäude der Gutsverwalter, die Wohnungen der Kaufleute, die Häuser der Bischöfe, Äbte, Grafen und Vasallen sollten nach ihnen durchsucht werden - in Abwesenheit ihrer Besitzer.

Aufgespürte »Dirnen« sollten öffentlich ausgepeitscht werden. Seine Schwestern - Dirnen auch sie? - und seine Halbbrüder, die Früchte freier Hingabe, steckte Ludwig ins Kloster, die »Dirnen« wurden ausgewiesen. Karl aber hatte sie offenbar, groß auch hier, alle geduldet, viele geliebt.

Latein bildete die Grundlage dieser Wissensgesellschaft bei Hof, das Studium der Grammatik. Dazu traten Rhetorik und Dialektik, mit denen an allen Schulen nicht zuletzt, ja gerade durch Karls Bildungsprogramm der intellektuelle Nährboden der abendländischen Wissenskultur geschaffen wurde. Sie boten dringend benötigtes Experten-, Handlungs- und Herrschaftswissen.

»Wende dich den Regeln der Beweisführung zu, die ich für alles am wichtigsten halte, damit jeder seine Sache verfechten kann.« Das verlangte Karl zum Beispiel von Alkuin in der für ihn bestimmten »Rhetorik«. Der nach Beweisregeln operierende Verstand wird in der Tat die heraufziehende abendländische Vernunftkultur beherrschen, den Aufstieg des Abendlandes einläuten.

Das Kalenderwesen bot seit Karl den Einstieg in erste naturwissenschaftliche Forschung des Westens. Anderes wie beispielsweise Mathematik, Rechtswissenschaft, Theologie oder Philosophie - grundlegende Disziplinen der westlichen Wissenschaftskultur - erfuhren ihre Wiedergeburt nach der Antike erst seit dem 12. Jahrhundert. Erst die Nachfahren Karls gaben dieser lateinischen Geisteswelt ein einheitliches, fast schon europäisches Gepräge - von Irland bis Italien, von Spanien bis zu den Sachsen und bald darüber hinaus bis zu Polen und Ungarn.

Indes, der Große blieb im Gedächtnis fast nur bei Franzosen und Deutschen - als Gesetzgeber und Richter, als gefeierter Vorgänger und Vorfahre des eigenen Königsgeschlechts, als Stifter des Kurfürstenkollegs oder der Universität, als Kämpfer gegen die Heiden, als Kreuzfahrer und Heiliger - kurzum als Inbegriff alles dessen, was für gut galt seit alters.

Das alles zeichnete Karl vor den übrigen Kaisern und Königen aus, machte ihn aber bloß zum Heros der Franzosen und der Deutschen. Kein Däne, kein Pole, kein Ungar, Grieche oder Russe feierte ihn, obgleich bei den Slawen sein (oder seines gleichnamigen Urenkels) Name zum Herrschertitel »Krol« umgeformt wurde. Wie also verwandelte sich der Franke in einen »Europäer«? Wann bemächtigte sich die Idee »Europa« des großen Karl?

Europa ist eine Erfindung mit einer langen Geschichte. In der Antike von ionischen Naturphilosophen ersonnen, vereinte es zunächst die Hälfte, sodann ein Dritteil der ihnen bekannten Welt. Zu keiner Zeit in Antike und Mittelalter wurde dieses gelehrte Konstrukt als eine politische oder kulturelle Einheit verstanden.

Wann also tauchte die Idee »Europa« auf? Wer brachte sie mit Karl in Verbindung, dass er »für«, nicht bloß »in« Europa handelte? Wer war das Sprachrohr dieses Konzepts? Die Antwort darauf ernüchtert noch einmal. Sie enteilt dem Karolinger um ein volles Jahrtausend. Denn die Karls-Schau verdankte sich der deutschen Romantik und verbreitete sich - durch die braune Propaganda.

Zwar sahen sich Karl und Europa vereinzelt schon seit dem Mittelalter in einem Zug genannt, doch geschah es ohne nähere kulturelle oder politische Konnotation des Kontinents. Und als Historiker und Philosophen begannen, »Europa« als derartige Einheit zu konzipieren, nach dem Dreißigjährigen Krieg und im Zeitalter der Aufklärung, da galt es, das Hegemoniestreben Einzelner zugunsten der Gleichheit aller Staaten abzuwehren.

Der fränkische Reichsschöpfer, der fremde Völker unterworfen hatte, taugte da wenig zum Vorbild. Ausdrücklich verwies beispielsweise der große Verehrer des Staatsgründers Karl, Montesquieu, der in Europa eine Nation erkannte, die sich aus mehreren zusammensetzte, auf die Kooperationsbedürftigkeit Frankreichs oder Englands mit Polen oder den Moskowitern, überhaupt jeder Region mit den anderen. Dieses Europa bestand aus unabhängigen Nationen und überstieg weiträumig das Reich Karls des Großen; sein »Vater« war der Franke nicht. Erst später entdeckte man im Vielvölkerreich des Karolingers oder genauer: in seinem Verfall - gleichsam in nuce - die Wiege des multinationalen Europa.

Erste Ahnungen finden sich 1769 bei dem schottischen Hofhistoriografen William Robertson. Doch erst im Zeitalter Napoleons gewannen diese Vorstellungen von Europa kräftigere Konturen. Napoleon dünkte sich, ein neuer Karl zu sein, nachdem er die Lombardei erobert hatte: »Je suis Charlemagne.« Von »Europa« war keine Rede. Wie es scheint, hat erstmals Friedrich Schlegel, der deutsche Romantiker, das Bild von Karl dem Europäer, dem »Gesetzgeber für das ganze abendländische Europa«, in seinen Wiener Vorlesungen von 1810 »Über die neuere Geschichte« skizziert. Der große Korse mag heimlich Pate gestanden haben. »Europa«, so war Schlegel bewusst, »ist eine Idee.« Aber Karl verlieh ihr Gestalt als einem »christlichen Verein aller abendländischen Nationen«, begründete eine »europäische Republik«. Der junge Historiker Leopold Ranke stürzte sich - in den Jahren des Wiener Kongresses und der »Heiligen Allianz« - auf diese Wendung: »Aber wenn es kein Traum war, was Karl der Große gedacht hat von einer europäischen Republik, so ist''s ja möglich, dass auch ihr, eins geworden, all ihr Völker, mit euch selbst, eure Eigentümlichkeit, eure innere Natur wechselseitig an einander erkennt und schätzt. Wie ein jedes leben kann, so lebe es denn: aller Leben wird etwas Gemeinsames haben. Das ist Europa.« Diese Idee beherrschte den Geschichtsschreiber ein Leben lang.

»Karl der Große«, so schrieb Leopold Ranke in seiner Weltgeschichte, »ist nicht allein der Vorgänger der Könige einzelner Reiche; er ist der Patriarch des Kontinents, dessen innere Entwicklungen eben auf dem Boden erwuchsen, den er gegründet hatte.«

Vier »leitende Ideen« seien durch Karl wirksam geworden: »1. Vereinigung von Kirche und Staat, 2. Bildung der Nationalitäten, 3. Verbindung des gesamten Europa, 4. Gründung der Kultur auf dieser Grundlage«. Vier Ideen - doch bei Lichte besehen traf keine zu. Kirche und Staat

waren seit der Spätantike vereint; gerade ihre Trennung seit dem hohen Mittelalter wird die europäischen Nationen prägen. Diese Nationen, ihre »Eigentümlichkeit und innere Natur« entfalteten sich erst lange Zeit nach dem großen Franken.

Die »Verbindung des gesamten Europa« verfestigte sich seit dem 11. und 12. Jahrhundert und dann seit dem Dreißigjährigen Krieg. Allenfalls die Begründung der geistigen Kultur ließe sich für Karls Väterlichkeit geltend machen. Aber der Geist bedurfte früherer Zeugung und steter Wiedergeburt. Karl also kein »Patriarch des Kontinents«? In der Tat, nicht einmal Rankes Schüler übernahmen sein Urteil. Auch französische, englische oder italienische Autoren griffen es nicht auf.

Erst das Nazitum verschmolz diesen Helden in neuer Weise mit der Europa-Idee. Für Hitler war Europa ein »blutsmäßig bedingter Begriff«. Ein für die Partei und andere Nazi-Organisationen empfohlenes Lehrbuch behauptete: »Der Frankenkönig Karl erkennt die Sicherung des germanischen Europas als das große politische Ziel seines Lebens«, ein »germanisches Einheitsreich unter der Vorherrschaft der Franken«. Indes, »das germanische Weltreich, Kaiser Karls gewaltige Schöpfung, brach in Scherben« - um dann mit Hitler wiederzuerstehen.

Hitler selbst bemühte Karl nach den ersten Erfolgen des von ihm vom Zaun gebrochenen Krieges für seine eigene Geschichtslogik. In seinen Tischgesprächen im Führerhauptquartier, aufgezeichnet von Henry Picker, warnte er seinen Chefideologen Alfred Rosenberg, »einen Heroen wie Karl den Großen nicht als Karl den Sachsenschlächter zu bezeichnen. Geschichte müsse immer aus ihrer Zeit heraus verstanden werden«. Sonst käme in 1000 Jahren vielleicht »irgend so ein verrückter Gymnasialprofessor« auf den Gedanken, »ihn (Hitler) als Ostmarkschlächter zu bezeichnen, weil er bei der Heimführung des deutschen Österreichs alle habe an die Wand stellen lassen, die das Unternehmen zu hindern versucht hätten. Ohne Gewalt hätte man die deutschen Stämme mit ihren Dickschädeln und ihrer Eigenbrötelei weder zur Zeit Karls des Großen noch zu seiner Zeit zusammengebracht«.

Es bedurfte keiner 1000 Jahre, um in Hitler den Schlächter zu erkennen. Der Sohn eines Zöllners liebte den Vergleich mit dem mittelalterlichen Kaiser; er diente der Verbrämung der eigenen Verbrechen. An pompösen Gesten mangelte es nicht. 1943 stiftete Hitler einen Platzteller aus Sèvres-Porzellan; sein Dekor zeigte die bekannte Reiterstatuette Karls aus dem Louvre und trug die lateinische Inschrift: »Das Reich Karls des Großen / das seine Enkel teilten / im Jahr 843 / verteidigt Adolph Hitler / gemeinsam mit allen Völkern Europas / im Jahr 1943«. Wer immer hier der Aggressor war, Hitler erschien als Schutzherr des Karlsreiches, dem die europäischen Völker dienen. Den Teller bekamen vorzugsweise Angehörige der SS-Division Charlemagne, die sich aus französischen Freiwilligen zusammensetzte. Die Europa-Politik des braunen Regimes missbrauchte den großen Franken als integrierende Symbolgestalt für die eigene Machtchimäre. Karl war ein Europa-Mythos von Hitlers Gnaden.

Historiker wie Theodor Mayer beeilten sich, den Mythos mit Substanz zu füllen: »Karl der Große hat die mitteleuropäischen germanischen Völker und Stämme staatlich zusammengeschlossen, er hat Europa vom Ebro und Unteritalien bis zur Elbe und Eider und bis Ungarn geeint, er hat das germanische Europa geschaffen.« Doch nur das »Kerneuropa, das deutsche Reich, hat immer europäisch, und zwar im Sinne einer europäischen Ordnung, gedacht«. Nur Deutschland, nicht »Randstaaten« (wie offenbar England) seien zur Führung Europas berufen. »Der Sinn des gegenwärtigen Weltkrieges ist ein positiver, aufbauender. Er soll der letzte Krieg europäischer Völker untereinander sein und soll zu jener europäischen Ordnung führen, die allein die Sicherheit und den Bestand Europas und

der europäischen Völker gewährleisten kann.«

Karl der Europäer überstand den Zusammenbruch von 1945 unbeschadet. Ja, er trat glänzender denn je in Erscheinung. Die berühmt gewordene Aachener Karls-Ausstellung von 1965, die zehnte Ausstellung des Europarates, galt, so ihr Organisator, der Kunsthistoriker Wolfgang Braunfels, »dem ersten Kaiser, der Europa zu vereinen wusste«.

Als geistige Einheit indessen, als Handlungsrahmen, als politisches Ziel entsprang Europa den Visionen einer viel jüngeren Zeit und erst unserer eigenen Epoche. Denn wir sind Europäer geworden.

Die Hymnen auf den »Vater Europas«, die »Kontinentalisierung«, die Karl bewirkt haben soll, sind Relikte eines Mythos, der schließlich sogar politisch ausgenutzt wurde, als Hitler Europa in einem mörderischen Krieg zertrümmerte. Indes, wer gedenkt dessen noch heute?

So hat auch dieser Mythos seine Vergangenheit bewältigt, gerüstet fortan zur geistigen Integration? Oder bedarf das Europa von den Orkneys bis Gibraltar, von Connemara bis Kreta, das Europa der Katholiken und Protestanten, der Orthodoxen, Muslime und Juden nicht mehr als nur eines einzigen Vaters?

EUROPAS ERBE

Das Deutsche Reich

* Als Karl der Große im Petersdom durch den Papst zum »Kaiser der Römer« gekrönt wurde, begann für Europa die Verbindung von weltlicher Gewalt und Kirchen - sie dauerte ein ganzes Jahrtausend. Auf Karl als Reichsgründer beriefen sich spätere europäische Herrscher zwar gern, aber sein Imperium hielt nicht lange. Im Jahrhundert nach Karls Tod spalteten sich aus dem kaiserlichen Herrschaftsgebiet die östlichen Stammesherzogtümer der Franken, Sachsen, Schwaben und Bayern ab: Deren ostfränkisches Staatsgebilde hieß 100 Jahre nach Karl regnum teutonicum, deutsches Reich. Seit Kaiser Friedrich I. (Barbarossa) firmierte es ab 1157 als heiliges römisches Reich. Den förmlichen Titelzusatz deutscher Nation erhielt es erst Jahrhunderte später.

HIMILTRUD UND DIE ANDEREN

Karl der Große und die Frauen

Polygamie war im frühen Mittelalter noch durchaus üblich in Deutschland. Auch Karl der Große nutzte die germanisch-heidnische Tradition der »Friedelehe«, der nicht kirchlich abgesegneten Verbindung mit der Geliebten ("friedila"). Seine erste Frau Himiltrud war ihm nur in dieser rechtlich minderen Form angetraut, und Karl verstieß sie schnöde für eine politisch bedeutsame Eheschließung.

Auf Drängen seiner Mutter Bertrada heiratete Karl eine Tochter des Langobardenkönigs Desiderius. Damit sollten die bisher miteinander verfeindeten Stämme ausgesöhnt werden. Zugleich war es ein trickreicher Schachzug gegen Karls Bruder und Rivalen Karlmann, der im Westen des Frankenreiches herrschte und durch die Verbindung mit den Norditalienern eingekreist wurde.

Als Karlmann jedoch nach Karls Heirat plötzlich starb, sah der überlebende Bruder auch keinen Grund mehr für die Ehe mit der Königstochter - und schickte sie wegen angeblicher Unfruchtbarkeit an den Vater zurück.

Seine nächste Ehe mit der alemannischen Herzogstochter Hildegard war wohl wieder eher erotisch als politisch motiviert, 13 Jahre zählte die Schöne bei der Heirat. Während ihrer neun Schwangerschaften bis zu ihrem frühen Tod mit 24 Jahren vergnügte sich Karl freilich auch noch mi t einer adligen Konkubine.

Fastrada, die nächste Ehefrau, galt als kränkelnd und zänkisch, hatte aber die Hofhaltung und die Schatzkammer im Griff. Die Königin vertrat Karl während seiner häufigen Abwesenheiten von den Pfalzen, den wechselnden Wohnsitzen seines Hofes, und nahm regen Anteil an seiner Politik. Nebenfrauen ließen Karl die »Grausamkeit« und »rücksichtslosen Handlungen« seiner Gattin - so der Chronist Einhard - besser ertragen. Vier Konkubinen sind namentlich überliefert: Madelgarda, Gersuinda, Regina und Adallindis.

Wie alle Frauen Karls starb auch Fastrada jung, ihre Nachfolgerin, die Alemannin Luitgard, überlebte sechs Jahre an seiner Seite. Kurz vor der Kaiserk rönung an Weihnachten 800 war Karl schon wieder Witwer - und verzichtete fortan auf weitere Ehen.

EUROPAS ERBE

Der Denar

* Im Frankenreich war neben Maßen und Gewichten auch das Zahlungswesen reglementiert. Ein staatliches Münzmonopol fabrizierte in mehreren Prägestätten einheitliche Geldstücke mit zwei verschiedenen Werten - aus einem »Karlspfund« Silber (heute 408 Gramm) stanzten sie 20 Schillinge, die größere Zahleinheit, oder 240 Denare, die zum fränkischen Hauptzahlungsmittel wurden. Dieser Edelmetallstandard war eine echte Europa-Währung, selbst das englische Königreich nahm teil. Benannt war der Denar nach der Hauptmünze des alten Rom. Karls Silbergeld hielt für nahezu 500 Jahre, ehe - parallel zum Niedergang des Reichs - immer mehr lokale Kleinherrscher sich zu Münzherren aufwarfen.

PIPPIN DER BUCKLIGE

Königssohn und Verschwörer

um 770 bis 811

Sein Name verhieß Großes. Nach dem Großvater, dem ersten Karolinger-König, nannte Karl seinen Erstgeborenen Pippin. Doch der Beiname, den er durch die Geschichte tragen musste, war hässlich wie sein weiteres Schicksal: Das Kind der Himiltrud, schreibt Chronist Einhard, war »schön von Angesicht, aber bucklig«. Die Behinderung war vermutlich nicht angeboren, sondern Folge einer Rachitis oder Rückgratverkrümmung durch Skoliose im Kindesalter.

Pippin der Bucklige wurde von der Erbfolge ausgeschlossen, als Karl mit seiner dritten Frau Hildegard weitere Söhne bekam. 781 taufte Papst Hadrian I. in Rom den vierjährigen Sohn Karlmann sogar nachträglich auf den geschichtsträchtigen Namen Pippin. Die Legitimität der ersten Ehe mit Himiltrud wurde angezweifelt, Einhard schmähte sie als »Konkubine«. Der eigentliche Grund für die Zurücksetzung war aber wohl, dass ein körperlich Behinderter auf dem Thron nicht gewünscht war. Karl ließ zwei Hildegard-Söhne vom Papst salben und krönen und damit als seine Nachfolger bestimmen.

792 rächte sich der enterbte Pippin. Zusammen mit fränkischen Adeligen plante er einen Anschlag auf den Vater und die Halbbrüder, um sich selbst an die Spitze des Reiches zu setzen. Der Langobarde Fardulf, Kapellan im Gefolge Karls und nebenbei auch Dichter, verriet die Verschwörung. Der König belohnte ihn dafür mit dem Amt des Abtes am berühmten Kloster St. Denis bei Paris.

Pippin und den anderen wurde in Regensburg öffentlich der Prozess gemacht. Die Mitverschwörer wurden je nach Schwere ihres Tatbeitrags enthauptet, gehängt, geblendet oder gegeißelt. Der missratene Königssohn, so die Lorscher Chronik, musste »sich dem Dienst Gottes unterziehen, weil der König nicht wollte, dass er getötet würde«. Er kam nach Prüm in der Eifel ins Hauskloster der Familie und starb dort 811 noch vor seinem Vater.

EUROPAS ERBE

Das Wissen

* Der Wissensrückstand der Deutschen war erschreckend: Selbst viele Bischöfe und Äbte konnten zu Zeiten Karls des Großen nicht lesen. Der Kaiser, der selbst erst spät das Schreiben erlernte, nahm die erste Bildungsreform in Europa in Angriff. Er berief führende Köpfe aus ganz Europa an seinen Hof, darunter Dichter und Geschichtsschreiber, aber auch Gelehrte der Orthografie und der Grammatik. Die schöngeistige Tafelrunde, an der, mit dem Pseudonym »David«, auch Kaiser Karl teilnahm, wurde von dem irischen Geistlichen Alkuin dominiert. Den Theologen, vom Rang her lediglich Diakon, betraute Karl mit der Führung des Klosters St. Martin in Tours. Aus seiner Hofschule - prominenteste Eleven: die kaiserliche Familie - gingen einflussreiche Intellektuelle wie Karl-Biograf Einhard oder der Mainzer Erzbischof und Pädagogik-Gelehrte Hrabanus Maurus hervor.

EINHARD

Der Chronist des Kaisers

um 770 bis 840

Ohne ihn wäre Karl der Nachwelt kaum so groß erschienen. Einhards »Vita Caroli Magni«, die erste Biografie des Mittelalters, die sich nicht einem Heiligen, sondern einem Politiker widmete, ist bis heute die Hauptquelle der Historiker. In den zwanziger Jahren des 9. Jahrhunderts verfasst, also ein Dutzend Jahre nach Karls Tod 814, sollte die Chronik dem Kaiser ein Denkmal setzen und seinem schwächlichen Nachfolger Ludwig dem Frommen zur Mahnung dienen.

Einhard orientierte sich am Stil der Cäsaren-Biografien aus der Antike. In der Schilderung mischte er überschwängliche Heldenverehrung mit nüchterner Beobachtung: »So bot seine Gestalt im Stehen wie im Sitzen eine höchst würdige und stattliche Erscheinung, wiewohl sein Nacken feist und zu kurz, sein Bauch etwas hervorzutreten schien.« Im Alter wurde Karl laut Einhard zum ruhelosen Nachtmenschen. Vier- bis fünfmal wachte er auf, zog sich an und holte seine Hofleute zu Geschäften aus dem Bett. Er sprach Urteile, oder er zog unter dem Kopfkissen »Tafel und Büchlein hervor, um in müßigen Stunden seine Hand an das Nachmachen von Buchstaben zu gewöhnen«, so der Chronist: Der edle Greis lernte schreiben.

Der Mainfranke Einhard war im Kloster Fulda erzogen worden und hatte dort als Urkundenschreiber gearbeitet. Am Aachener Hof erlangte er durch seine umfassende Bildung ebenso wie seine umtriebige Geschäftigkeit bald die Gunst des Herrschers. Karl machte ihn zum Leiter der Hofschule und Bauwerkstätte. Eine romantische Affäre des kleingewachsenen Gelehrten mit der Karl-Tochter Emma ist eine Verwechslung späterer Historiker - seine Frau hieß Imma.

Die Säuberungen, mit denen Ludwig der Fromme nach dem Tod seines Vaters das angeblich sündige Leben am Hofe austrocknen wollte, überstand der allseits geschätzte Einhard unbeschadet. Doch bald war er vom Nachfolger enttäuscht und zog sich in das Kloster Seligenstadt zurück.

JOHANNES FRIED lehrt mittelalterliche Geschichte an der Universität Frankfurt am Main und war von 1996 bis 2000 Vorsitzender des Verbandes der Historiker Deutschlands. Mit seinem Werk »Der Weg in die Geschichte« löste Fried, 59, eine heftige Kontroverse über die Bewertung Karls des Großen aus.

* Gemälde von Ary Scheffer aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.* Buchmalerei aus den Grandes Chroniques de France (1450).* Gemälde von Wassilij Wereschtschagin (1892/96).* Anlässlich des 1100. Jahrestags der Reichsteilung durch denVertrag von Verdun.

Johannes Fried
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