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»EIn Feuersturm erschüttert die Berge«

Achtzehn Monate nach dem Pariser Abkommen, das beiden Gegnern im Vietnam-Krieg strikte Waffenruhe vorschrieb, beschloß Hanoi die alles entscheidende Generaloffensive. Aus Furcht vor Spionen in den eigenen Reihen inszenierten die militärischen Führer sogar ein Geisterstück, um ihre Abwesenheit aus Hanoi zu tarnen. Der unerwartete Angriff im Süden trieb die Thieu-Armee zur panischen Massenflucht und brachte das vorzeitige Ende des Krieges -- ein Jahr früher, als von den Nordvietnamesen erwartet. Diese bislang unbekannten Einzelheiten enthüllte jetzt erstmals der Hanoier Generalstabschef Van Tien Dung in einem Artikel für die Armee-Zeitung »Nhan Dan«. Der Bericht in Auszügen:
aus DER SPIEGEL 19/1976

Von Juli bis Oktober 1974 waren die Dienststellen des Generalstabes emsig an der Arbeit. Die Situation auf dem Schlachtfeld veränderte sich zu unseren Gunsten.

Das Politbüro und das zentrale militärische Partei-Komitee beriefen eine Konferenz ein, auf der der Generalstab seinen strategischen Kampfplan vorlegen sollte. Auf dieser Konferenz wurde ein Problem heftig diskutiert: Würden die Vereinigten Staaten in der Lage sein, ihre Truppen in den Süden zurückzuschicken, wenn wir groß angelegte Offensiven eröffneten?

Genosse Le Duan* zog eine wichtige Schlußfolgerung, die dann als Resolution akzeptiert wurde: Nachdem die USA bereits aus dem Süden abgezogen waren, konnten sie kaum wieder Truppen dorthin entsenden. Wie auch immer sie eingreifen würden, die Saigoner Regierung würde sie nicht vor dem Zusammenbruch bewahren können.

Die Konferenzteilnehmer billigten einstimmig den vom Generalstab entworfenen Plan, der das Zentrale Hochland als Haupt- Kampfplatz für die Großoffensive 1975 vorsah.

Diese strategische Entschlossenheit fand in einem Zweijahresplan 1975/76 ihren Niederschlag. Nach diesem Plan sollten 1975 groß angelegte Überraschungsangriffe stattfinden, um damit die Generaloffensive und Erhebung 1976 vorzubereiten. Dann würden wir die Großoffensive und Erhebung beginnen, um den Süden völlig zu befreien.

Der Feind schätzte unsere Absichten falsch ein. Er glaubte, wenn wir das Zentrale Hochland angriffen, würden wir es

* Parteichef der nordvietnamesischen KP

im Norden tun. Daher konzentrierte der Gegner seine Streitkräfte auf die Verteidigung von Pleiku und Kontum und beließ weniger Truppen in Darlac im Süden des Hochlandes. Ban Me Thuot, die Hauptstadt der Provinz Darlac, war ein politisches und wirtschaftliches Zentrum des Feindes.

Als die Entscheidung, Ban Me Thuot anzugreifen, endgültig gefallen war, traf ich eiligst die notwendigen Vorkehrungen. Ich organisierte unverzüglich eine Kadergruppe, die mich in das westliche Hochland begleiten sollte. Die Gruppe trug den Kodenamen »A -- 75«.

Angesichts der Bedeutung der Offensive mußten meine Schritte streng geheim bleiben. Es war geplant, daß die Presse nach meiner Abreise zahlreiche Berichte über meine Aktivitäten bringen sollte, um den Eindruck zu erwecken, ich sei noch in Hanoi.

Jeden Tag sollte die »Wolga«-Limousine um 7 Uhr morgens und 2 Uhr nachmittags von meinem Haus zum Hauptquartier fahren, pünktlich um 12 Uhr mittags und um 5 Uhr nachmittags vom Hauptquartier zu meinem Haus. Am späten Nachmittag sollten die Soldaten auf dem Hof meines Hauses wie üblich Volleyball spielen, weil ich es gewohnt bin, nach der Arbeit mit ihnen Volleyball zu spielen.

Mein persönlicher Sekretär, der mit seiner Familie in einer Volkskommune wohnte, sollte am Vorabend der Abreise eine ernste Erkrankung vortäuschen. Ein Krankenwagen sollte ihn ins Krankenhaus bringen. Am nächsten Morgen dann sollte er seine Reise vom Krankenhaus aus antreten.

Es war beschlossen worden, daß Genosse Vo Nguyen Giàp* in allen Mitteilungen, Informationen und Diskussionen während dieser Kampagne »Chien« und ich »Tuan« genannt werden sollte.

Unterwegs stießen wir auf die Division 316, die sich auf dem Weg zum Einsatz befand. Für den Transport zum Kampfplatz hatte diese Division zum ersten Mal 500 Lastwagen. benutzt. Diese Division hatte einen Befehl erhalten: Von dem Zeitpunkt, da sich die Leute in Bewegung setzten, bis zur Eröffnung des Feuers war ihnen jeglicher Funkkontakt untersagt. Wir fingen einen Funkspruch des Feindes auf, in dem es hieß, die Division 316 sei nicht mehr zu sehen und niemand wisse, welchen Weg sie eingeschlagen habe.

Bei der Ankunft im Zentralen Hochland richtete ich den Kommandostand westlich von Ban Me Thuot ein. Wir hatten in einem grünen Wald Stellung bezogen. Die trockenen Blätter der Bäume bedeckten den Boden wie ein gelber Teppich. Schon ein kleiner Funken hätte den Wald in Brand setzen können.

* Nordvietnamesischer Verteidigungsminister und Oberbefehlshaber

Immer wenn ein Feuer ausbrach und die Fernmeldeleitungen vernichtete, machten sich die Soldaten an die Arbeit und löschten das Feuer. Ein weiteres Problem bildeten Herden von 40 bis 50 Elefanten, die nach den Leitungsdrähten schnappten.

Ein Vergleich mit der Kampfstärke des Feindes im gesamten Gebiet des Feldzuges zeigte, daß unsere Infanterie der des Feindes nicht sehr stark überlegen war. Da wir jedoch die Mehrzahl unserer Truppen auf das Hauptgebiet des Feldzuges konzentrierten, erzielten wir in diesem Gebiet eine Überlegenheit. Bei der Infanterie betrug das Kräfteverhältnis 6,5 zu 1. Bei den Panzern und gepanzerten Fahrzeugen 1,2 zu 1 und bei schwerer Artillerie 2,1 zu 1.

Einer unserer Kämpfer war verwundet und mit seinen Tagebuchaufzeichnungen gefangengenommen worden. Ich dachte: »In vier Tagen werden wir Ban Me Thuot angreifen. Was wird der Feind in den nächsten Tagen tun? Bislang hat er uns hinsichtlich der Hauptoffensive mißverstanden, aber wenn sich Zwischenfälle, bei denen unsere Geheimnisse enthüllt werden, wiederholen, wird der Feind die Situation sicherlich überdenke n.«

Am 10. März, Punkt zwei Uhr morgens, kündigte das Feuer der Pioniereinheiten, das auf Hoa Binh und den Flugplatz der Stadt gerichtet war, den Beginn der Offensive zur Eroberung Ban Me Thuots an. Artillerie begann mit der Zerstörung militärischer Ziele in der Stadt.

An einem Punkt, 40 Kilometer von Ban Me Thuot entfernt, setzte unsere Panzereinheit ihre Maschinen in Gang, bahnte sich einen Weg durch die Bäume und bewegte sich auf Ban Me Thuot zu. Moderne Fähren wurden für Panzer, gepanzerte Fahrzeuge, Flak und Pak auf dem schnellsten Wege zusammengezogen, während die Berge und Wälder des Zentralen Hochlandes von einem Feuersturm erschüttert wurden.

Im Grunde genommen war die Schlacht am 11. März um 10.30 Uhr beendet. Die Begeisterung unserer Leute läßt sich gar nicht beschreiben. Ich sagte zu unseren Männern: Die Tatsache, daß wir nur wenig mehr als einen Tag und eine Nacht brauchten, um eine so große Stadt anzugreifen und zu besetzen, beweist, daß der Feind keine Mittel aufbieten kann, um unserer Stärke Widerstand zu leisten.

Wir erhielten einige Kommentare westlicher Rundfunksender. Eine amerikanische Nachrichten-Agentur berichtete, der Preis eines Tickets für den Flug von Pleiku nach Saigon sei auf 48 000 Piaster gestiegen. Warum bemühten sich am 15. März so viele Menschen um Flugtickets nach Saigon?

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