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»EIN FLANKENHEINRICH NACH DEM ANDEREN«

aus DER SPIEGEL 39/1968

Wer umfaßt, setzt sich der Gefahr aus, selbst umfaßt zu werden.

Heeresdienstvorschrift 100/1

Statt militärischer Einsatzbefehle vernahmen die bei Dillingen an der Donau manövrierenden Bundeswehrsoldaten plötzlich Beat-Rhythmen aus ihren Kopfhörern. Die Tanzmusik, so orteten die eilig alarmierten Funkpeiler, kam aus einer zivilen Limousine. Als sich die Soldaten dem Wagen näherten, preschte er davon.

So erfuhr die Manöverleitung nie, wie die Insassen des Privatwagens den taktischen Funkverkehr zu stören vermochten. Nur eins klärte die Bundeswehr auf: Der schnelle Wagen ist auf die sowjetische Militärmission in Frankfurt am Main zugelassen, ein Relikt aus der Besatzungszelt.

Die musikalische Aktion der Sowjets behinderte das Manöver so gut wie gar nicht, aber knapp zwei Monate zuvor hätten die Russen die Felddienstübung durch eine politische Aktion beinahe verhindert. Sie schossen aus allen Propagandarohren gegen den »Schwarzen Löwen«.

Aus Furcht, die Sowjets könnten den Aufmarsch deutscher und alliierter Truppen auf den Truppenübungsplätzen Grafenwöhr und Hohenfels (nur 30 bis 50 Kilometer von der tschechoslowakischen Grenze entfernt) als Vorwand für eine Invasion der Roten Armee ins Reich Alexander Dubceks nützen -- sie fanden dann einen anderen -, wallten Bonner Politiker ihren Löwen an der Kette behalten. Dann entschied Kanzler Kiesinger aber, daß der Löwe loszulassen sei, nur 200 Kilometer weiter westlich.

Generalleutnant Karl Wilhelm Thilo, 57, Kommandierender General des II. Korps der Bundeswehr und Manöver-Chef, mußte seine Übungspläne nach dem Bonner Verdikt in den Papierkorb werfen. Seit Oktober vorigen Jahres hatte er daran getüftelt und das Manöver nach dem Wappentier der Stauffer, das die Soldaten der 10. Panzergrenadierdivision als Abzeichen auf dem linken Oberarm tragen, »Schwarzer Löwe« benannt. An den weißen Löwen im Staatswappen der CSSR hatte Thilo dabei nicht gedacht.

Nun mußte er binnen sieben Wochen neue Pläne ausarbeiten, denn Verteidigungsminister Schröder wollte das Herbstmanöver nicht auch noch zeitlich verschieben. Aber gegen den »Schwarzen Löwen neuer Art« machten die Bayern mobil. Nach dem sowjetischen Überfall auf die CSSR reiste Ministerpräsident Goppel von München nach Bonn und trug dar Regierungsspitze vor, daß eine auch nur vorübergehende Verlegung von Bundeswehrverbänden aus dem bayrisch-böhmischen Grenzraum nach Westen die bayrischen Menschen beunruhigen müsse. Sie wären dann schutzlos einer Aggression ausgesetzt.

Kanzler Kiesinger willfahrte: Die grenznahen Truppen blieben in Ihren Garnisonen und fielen fürs Manöver aus. Als Lückenbüßer diente die Gebirgsjäger-Brigade 22 aus dem weniger gefährdeten Mittenwald an der österreichischen Grenze.

Ebenso nervös wie Goppel reagierten bayrische Landräte, als die 2. Brigade der 4. amerikanischen Panzerdivision aus Franken sich nach Westen in Bewegung setzte, um ihren Manöver-Verfügungsraum südlich Würzburg zu erreichen, Im Bonner Verteidigungsministerium liefen Alarmtelephonate auf: »Die Amis ziehen weitere Truppen ab.«

Zusammen mit drei deutschen Divisionen und einem französischen Aufklärungsregiment trat die US-Panzerbrigade dann am Montag zum Platzpatronenkrieg beiderseits der Donau zwischen Lech und Neckar in Aktion. 42 000 Soldaten sowie 15 000 Rad- und Kettenfahrzeuge absolvierten, unterstützt von Verbänden der Luftwaffengruppe Süd, Im Olympia-Jahr eine Woche lang ein Korpsmanöver, das schneller, höher, weiter angelegt war als alle bisherigen Bundeswehr-Übungen.

In verwirrendem Wechsel von Angriff, Abwehr und Verzögerung, in einer Kette von Flankenangriffen, vertikalen Umfassungen durch die Luft und in Kämpfen um Gewässer (wie Lech, Mindel, Iller, Riß und Donau) konnte die Truppe ihre taktische und technische Beweglichkeit zeigen.

General Thilo brachte es fertig -- abweichend von üblichen Manövern, in denen die eine Partei angreift und die andere abwehrt -. beide Parteien fünf Tage lang meist in Angriffsgefechten durchs Gelände zu scheuchen. So entstand ein Gewirr von Flanken- und Umfassungsangriffen, das der Truppe den Atem verschlug. Ein Panzerbataillons-Kommandeur: »Hier weiß kein Ans mehr, wer wen umfaßt. Wir machen einen 'Flankenheinrich' nach dem anderen.«

Dem »roten« Angreifer gelang es am ersten Tag, nach Durchbrechen »blauer« Grenzsicherungen die Donau zu überschreiten und den Lech-Abschnitt zu gewinnen.

Nördlich des roten Einbruchs wehrte die blaue Armee weitere Angriffe ab und zog die 10. Panzergrenadierdivision als Armeereserve in den Raum westlich Rothenburg ob der Tauber heran. Diese Division erhielt den Befehl, den über Lech, Mindel und Iller auf Stuttgart vorstoßenden Feind In seiner rechten Flanke zu packen. Aber der »Flankenheinrich« kam zu spät. Rot hatte schon die Iller und die obere Donau südwestlich von Ulm überwunden und in der Nacht zum Dienstag auch noch eine Fallschirmjägerbrigade südwestlich Nürtingen abspringen lassen.

Unter dein eindruck, nun seinerseits umfaßt zu sein, brach der Führer von Blau den Kampf ab und versammelte seine Verbände zu erneutem Angriff gegen die rechte Feindflanke.

Auf dem Truppenübungsplatz Münsingen, so hoffte der Kommandeur der 10. Panzergrenadierdivision, müßte es gelingen, den Feind noch in letzter Minute zu vernichten, ehe er seine Angriffsziele südlich Stuttgart gewinnt. Dort auf dem Übungsgelände, wo kein teurer Flurschaden entstehen konnte, kam die Sache zum Schwur: Der blaue Angriff gelang, der rote Aggressor mußte sich nach Süden über Donau und Riß zurückziehen. Die Landeshauptstadt Stuttgart war gerettet.

Schwabe Eugen Gerstenmaler, mit Feldmütze und Gummistiefeln im Gelände, zeigte sich befriedigt und jovial. Bei den Landsern biederte er sich an: »Mir ist es recht, von meinem Schreibtisch wegzukommen und wieder mal unter Männern zu sein.«

Wie jedes Manöver lief auch der »Schwarze Löwe« weithin unkriegerisch ab, um die Flurschäden niedrig zu halten. Für die Gefechtsausbildung der Truppe war er somit unergiebig, aber er vermittelte der Führung zweckdienliche Hinweise: Im Felde gibt es mehr Mißverständnisse und Fehlerquellen, als es sich Offiziere am Schreibtisch vorstellen können.

Die Erkenntnis kostete die deutsche Kriegskasse rund sechs Millionen Mark. Auf Einwände von Kritikern hat General Thilo einen Trost parat: »Gemessen an den Übungen der Ostblockstaaten finden Großverbandsübungen in der Bundesrepublik selten genug statt.«

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