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»Ein furchterregendes Unterfangen«

Ein halbes Hundert Atomkraftwerke soll in der Bundesrepublik während der nächsten zehn Jahre errichtet werden: Jedes einzelne kann eine Millionenstadt mit Strom versorgen, aber auch -- wenn wider alle Berechnungen die Technik versagen sollte -- ganze Landstriche mit der 1000fachen Strahlung einer Hiroshima-Bombe verseuchen.
aus DER SPIEGEL 30/1975

Mit einer Kerze wollten zwei Elektriker bei den »Browns Ferry«-Atomkraftwerken in Athens, Alabama, nach dem Rechten sehen -- und beinahe wäre der Weh ein Licht darüber aufgegangen.

Mit der offenen Flamme hatten die beiden Handwerker einen Kabeldurchlaß im Reaktormantel auf Undichtigkeit prüfen wollen. Da, plötzlich, am 22. März dieses Jahres um 12.30 Uhr, fing die Abdichtmasse aus Polyurethan Feuer.

Mit der Taschenlampe zuerst und dann mit Putzlappen suchten die Männer den Brand zu ersticken. Aber er fraß sich im Kabelschacht weiter. Nach zehn Minuten schlugen im Reaktorkontrollraum die Meßzeiger aus. Die Ingenieure drückten auf den Knopf: »Scram« -- Reaktorschnellabschaltung für die Betriebseinheiten eins und zwei.

»Bizarr« nannte das amerikanische Fachblatt »Nuclear Engineering« den Unfall und meinte, er werde die Atomreaktorindustrie »wohl noch für die nächsten zehn Jahre im Schlaf verfolgen": Der Reaktorbrand von Browns Ferry -- die beiden Anlagen sind erst seit 1973/74 in Betrieb -- wirft gleichsam mit einem Lufthauch alle Wahrscheinlichkeitsberechnungen über den Haufen. mit denen die Befürworter der Atomenergie die Öffentlichkeit zu beschwichtigen suchen.

Atomphysikalische Eventualfälle sind von Computern unzählige Male durchgespielt worden; die Wahrscheinlichkeit von versagenden Ventilen wurde ebenso einkalkuliert wie das Risiko von Haarrissen im alternden Metall oder die Gefahr eines Erdbebens oder eines Flugzeugabsturzes auf die Reaktorhülle. Aber mit der Möglichkeit einer Katastrophe durch ein Talglicht in der Hand eines Arbeiters hat niemand gerechnet.

In Tausenden von Modellversuchen im Labor und im Computer ist simuliert worden, wie sich, wenn ein Reaktor »durchgeht«, die hochradioaktive Lava in seinem Innern wohl verhalten würde und wie sie mit einem sekundenschnell wirkenden Notkühlsystem womöglich noch zu bändigen wäre.

Doch bisher weiß kein Mensch, ob diese Notkühlung bei den über 100 in der Welt schon arbeitenden Reaktoren im Ernstfall funktioniert -- sie soll 1976 zum erstenmal wirklichkeitsgetreu erprobt werden. In Browns Ferry jedenfalls führte schon das simple Schmoren der Kabelisolation dazu, daß die Notkühlung für eine Reaktoreinheit in der Stunde X total, für die zweite teilweise betriebsuntüchtig war. Sie wurde, glücklicherweise, nicht gebraucht.

Der atomare Brennstoff, den es da im Zaum zu halten gilt, ist unscheinbar. Weniger groß als ein Daumennagel, 9,08 mal elf Millimeter, messen zum Beispiel die Uranpillen im Innern des bislang größten westdeutschen Atommeilers, der Ende letzten Jahres bei Bibus, nordöstlich von Worms, in Betrieb genommen wurde.

Aber 100 Tonnen solcher Minibriketts sind in den Brennstäben verschweißt, die den Reaktorkern zum Inferno aufheizen. 130 000 Kubikmeter Beton und« noch mal 13 000 Tonnen Stahl sind auf die Gurkenfelder zwischen Rhein und Bergstraße getürmt worden, um die Umwelt gegen das nukleare Feuer abzuschirmen.

Biblis A liefert 1200 Megawatt elektrischer Leistung, genug, um eine 1,8-Millionen-Stadt wie Hamburg samt Industrie mit Strom zu versorgen. Aber Biblis Block B, C und 0 sind schon im Bau oder in der Planung. Und überall vom Oberrhein bis zur Elbmündung, bei bislang unbekannten Provinzorten wie Esenshamm, Krümmel oder Mülheim-Kärlich. aber auch im unmittelbaren Einzugsbereich von Großstädten wie Ludwigshafen oder Hamburg, entstehen nun die Kuben und Kuppeln der neuen Mammutmeiler:

* 40 Atomreaktoren, fast alle vom Kaliber Biblis, sollen bis 1985 in der Bundesrepublik zu den zehn schon bestehenden noch gebaut werden,

* 1500 Tonnen Uranbrennstoff pro Jahr, allesamt importiert, sollen dann auf westdeutschem Boden die gezügelte Kettenreaktion in Gang halten -- im Wettrüsten um die zivile Nutzung der Atomenergie liegt die Bundesrepublik mit ganz vorn.

Auch Alarmpläne liegen schon bereit. »Sofort die Häuser aufsuchen, Türen und Fenster schließen, kein Leitungswasser und keine frischen Lebensmittel zu sich nehmen -- von solcher Art sind die Durchsagen für den Katastrophen-Fall, wie sie bei den Innenbehörden der Länder und den Bürgermeistern der betroffenen Orte in den Schubladen liegen. Aber vorstellen als etwas Hinnehmbares kann ihn sich keiner, den »GAU«, den »größten annehmbaren Unfall«, oder gar den »Super-GAU«, mit dem die Experten auf dem Papier spielen, seit es Atomreaktoren gibt.

Für jeweils 100 in Betrieb befindliche Reaktoren, so eine jüngst veröffentlichte Wahrscheinlichkeitsberechnung der amerikanischen Atomenergie-Behörde (der vormaligen AEC), sei nur einmal in jeweils einer Million Jahre mit einem solchen Unfall (1000 oder mehr Tote) zu rechnen. Die Rechnung ist umstritten.

Doch wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich immer -- die Katastrophe hätte apokalyptische Ausmaße: Mit 100 000 Sofort-Toten und bis zu 1,67 Millionen »langfristig Sterbenden« wäre zu rechnen, wenn es im (geplanten) BASF-Reaktor bei Ludwigshafen zu einem GAU und zum gleichzeitigen Versagen der Sicherheitseinrichtungen käme (so eine Studie von Dr. Ing. Karl-Heinz Lindackers vom Technischen Überwachungsverein Rheinland).

Aber nicht nur die Vision vom »durchgehenden« Atomofen, dessen tödliche Schmelze ganze Landstriche verstrahlt, hat -- zum Verdruß der Atomstromlobby -- Ängste freigesetzt. Mit Statistiken erst recht nicht aus der Welt zu schaffen sind die Befürchtungen, die Strahlenbelastung könne gefährlich ansteigen.

In der Tat: Mit jedem neuen Atommeiler, mit jeder Halde von auch nur ganz schwach radioaktivem Erzabraum, mit jeder Wiederaufbereitungsanlage, in der radioaktives Krypton durch den Schornstein entweicht, mit jedem noch so gut gesicherten Transport radioaktiven Materials wächst das allgemeine Strahlenrisiko (siehe Graphik Seite 38). Und jede zusätzliche Strahlenbelastung führt zwangsläufig zu einer Zunahme etwa der Krebserkrankungen.

»Wir haben einen faustischen Pakt geschlossen«, meinte der amerikanische Atomphysiker Alvin M. Weinberg; eine Art »neuer Priesterkaste« werde vonnöten sein, wenn die Menschheit sich auf Dauer vor dem Höllenfeuer schützen wolle, das sie selbst in Gang setzte.

Bis heute gibt es kein praktikables Konzept dafür, wie der stark radioakti-

* Bei einer Demonstration am Ostermontag.

ve Müll lange und sicher genug zu kontrollieren wäre: Für Plutonium 239, dessen Halbwertzeit 24 400 Jahre beträgt, bedürfte es nuklearer Friedhöfe, deren Katakomben künftige Generationen zum eigenen Schutz eine halbe Million Jahre beaufsichtigen müßten.

Die Bürger von Wyhl, dem mittlerweile weltbekannten Ort im Kaiserstuhl, haben näherliegende Sorgen. Mehr als 50 000 Tonnen Wasser pro Tag würden die 160 Meter hohen, an der Krone 80 Meter breiten Kühltürme des dort geplanten Atomkraftwerks in die Oberrheinebene abdampfen. Nebelschwaden. so fürchten die Weinbauern der windarmen Gegend wohl zu Recht, würden dann die Sonne öfter als bisher verfinstern -- der badische Spätburgunder. Ruländer, Müller-Thurgau verlöre etliche Öchslegrade.

Mit Wasserwerfern und Gummiknüppeln, mit Hunden und Panzerwagen waren die Ordnungshüter gegen die Bürger vorgegangen -- aber die Aufständischen von Wyhl hatten sich behauptet und schließlich im April dieses Jahres Aufschub bei Gericht erwirkt (siehe Seite 41).

Kein anderes Thema bisher hat Bürgerinitiativen so quer durch die politischen Parteien geeint und zu solcher Entschlossenheit beflügelt -- seit Monaten nun schon wird der Bauplatz von Wyhl besetzt gehalten. Und von Kaiseraugst in der Schweiz bis Flamanville in der Normandie, vom Dannenberger Zipfel nahe der Zonengrenze bis zum niederrheinischen Kalkar. wo deutsche und holländische Bauern sich zusammenfanden, hat das Virus des Widerstandes alle erfaßt. In den USA sind, wie kürzlich eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten nach einer Informationsreise berichtete, für neue Atomreaktoren praktisch keine Standorte mehr zu finden.

Eine Fehlinvestition wie beim Butterberg?

Keine andere Technologie der Nachkriegszeit auch nicht die Raumfahrt, nicht Computer oder Psychodrogen -- hat aber auch die Wissenschaftler zu so erbitterten Kontroversen angestachelt: keine andere technische Entwicklung hat so große Hoffnungen und Ängste geweckt, soviel Aussicht auf Gewinn und so viele Risiken eröffnet.

Saubere, praktisch unbegrenzt verfügbare und noch dazu billige Energie versprachen die einen wo die anderen, formiert in Naturschützerverbänden und wissenschaftsfeindlichen Sekten, schon den Untergang der Menschheit heraufziehen sehen.

18 Milliarden Mark westdeutscher Steuergelder wurden in den letzten zwei Jahrzehnten in Atomforschung und Kernreaktortechnik investiert aber die Gegner sagen, all das sei womöglich eine gigantische Fehlinvestition, vergleichbar dem Butterberg oder den für Wohnungshalde vergeudeten 30 Milliarden auf dem Bausektor.

»Zu viele wissen zuwenig über die Kernkraftwerke, über die Notwendigkeit, sie zu bauen » so lautet der Slogan für eine Anzeigenserie der westdeutschen Elektrizitätswirtschaft. Und auch im Etat der Bundesregierung sind in diesem Jahr 800 000 Mark für »Öffentlichkeitsarbeit zum Einsatz der Kernkraftwerke« ausgewiesen.

Die Errichtung von Kernkraftwerken, erklärte Bundespräsident Walter Scheel jüngst bei der Tausendjahrfeier der Stadt Lingen im Emsland, sei »zur Sicherung der Energieversorgung unerläßlich«. In einem 109-Seiten-Konvolut »zur friedlichen Nutzung der Kernenergie« befand auch die Bundesregierung am Freitag letzter Woche, »daß die Technologie der friedlichen Kernenergienutzung« nun »sicher beherrschbar ist«. Und da die Kernenergienutzung, so heißt es in dieser Antwort auf eine Große Anfrage im Bundestag weiter, »volkswirtschaftlich notwendig« sei, räume ihr die Bundesregierung »in ihrem Energieprogramm einen wachsenden Anteil« ein.

»In einem scharf organisierten Polizeistaat«, so umschrieb Professor Klaus Meyer-Abich, Mitarbeiter am Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen in der wissenschaftlich-technischen Welt, ein Bedenken, sei eine »Plutoniumwirtschaft« vielleicht sogar gefahrlos zu unterhalten, »aber wer möchte um dieser Art von Energieversorgung willen einen Polizeistaat in Kauf nehmen?«

Der SPD-Abgeordnete Gerhard Flämig, Mitglied des Energieausschusses im Europaparlament, erläuterte die Befürchtungen Meyer-Abichs: Wenige Gramm Plutonium, von Terroristen entwendet mit der Drohung, sie in irgendeine Talsperre zu werfen -- so etwas könne den Rechtsstaat an den Rand der Selbstaufgabe bringen. Und aus einigen Kilo Plutonium könnte eine Gruppe technisch Versierter jederzeit eine primitive Bombe basteln.

»Kernenergie -- Seilakt ohne Netz?« fragte die »FAZ«. Das Jahr 1975 wird für das Tempo dieses -- längst begonnenen -- Balanceaktes entscheidend sein.

1985 soll in der Bundesrepublik rund die Hälfte des dann benötigten Stroms (entsprechend 15 Prozent des Gesamtenergiebedarfs) aus Atomkraftwerken stammen. Dazu aber müßten in diesem oder spätestens im nächsten Jahr für 13 weitere westdeutsche Atomreaktoren Standort- und Baugenehmigung erteilt werden: Durchschnittlich alle zwölf Wochen müßte in der Bundesrepublik während der nächsten zehn Jahre jeweils ein Kraftwerkblock im Ausmaß von Biblis A fertiggestellt werden (siehe Graphik Seite 40).

Desgleichen muß über den Bau erster Wiederaufbereitungsanlagen entschieden werden -- Fabrikationsstätten also, in denen aus abgebrannten Kernbrennstäben die Reste an spaltbarem Uran sowie das im Reaktor entstandene Plutonium zurückgewonnen werden. Hunderte von Tonnen strahlender Materie würden in den gespenstisch anmutenden »heißen Zellen« solcher Anlagen -- mit Batterien von ferngesteuerten Greifarmen hinter Bleischeiben -- jährlich verarbeitet.

In welchem Maß das eben erst ausgerufene atomare Zeitalter schon Gestalt annimmt, verdeutlicht das jüngst zwischen Bonn und Brasilien ausgehandelte Reaktorgeschäft: Für insgesamt zwölf Milliarden Mark soll die Bundesrepublik in den nächsten zehn Jahren den Brasilianern eine komplette Atomindustrie mit acht Kernkraftwerken liefern (SPIEGEL 26/1975). Weltweit, so in Pakistan und Puerto Rico, in Taiwan und in der sowjetischen Arktis, sind nun schon 355 Atomreaktoren in Betrieb oder im Bau. Nach den Planzielen der Atombefürworter sollen es um die Jahrtausendwende bereits mehr als 2000 sein.

Aber die Gegner der allzu raschen zivilen Atomaufrüstung haben in diesem Jahr an Boden gewonnen. »Realpolitisch immer einschneidender« werde der Widerstand der Bevölkerung. berichtete Ministerialdirektor Wilhelm Sahl vom Innenministerium auf der Nürnberger Reaktortagung im April.

Mit ähnlichen Eindrücken kam die beim Innenausschuß des Bundestages gebildete Arbeitsgruppe von Abgeordneten Mitte Juni aus den USA zurück: Wachsende Bedenken, so das Fazit der Informationsreise, seien auch bei amerikanischen Kongreßmitgliedern spürbar. Es gelte, so die dort vorherrschende Meinung, »den Drachen zu zähmen« -- die Umstellung auf Atomenergie zu verlangsamen.

»Das gefährlichste nichtmilitärische Abenteuer, das die Amerikaner je unternommen haben«, mit diesen Worten hatte Ende letzten Jahres der amerikanische Ökologe Paul Ehrlich ("Die Bevölkerungsbombe") den stürmischen Vormarsch der Atomtechnik kritisiert.

Und weltweites Aufsehen hatte es erregt, als im September Carl J. Uocevare bis dahin Experte für Reaktorsicherheit bei der US-Atombehörde, unter Protest zurücktrat: »Die ungelösten Fragen über die Sicherheit in der Kernenergie«, hatte Hocevar erklärt, seien »so schwerwiegend«, daß ein Baustopp für Atomkraftwerke zu erwägen sei. Bei Reaktor-Unfällen haften Versicherungen nur begrenzt.

Weniger spektakulär, aber gründlich nahmen Wissenschaftler der Universität Bremen in einer 192-Seiten-Broschüre die Beschwichtigungs-Argumente der westdeutschen Atomindustrie auseinander. Und letzten Monat erschien, verfaßt von zwei österreichischen Wissenschaftlern, eine Studie, die sich speziell mit der Strahlungsgefährdung befaßt, die von Atomanlagen ausgeht*. Die Zahl der »Concerned Scientists«, der in diesen Fragen skeptischen Wissenschaftler, wächst.

Sie werden als moderne Maschinenstürmer abgewertet -- von einem starken Gegner. Nur in einer vierteiligen Serie und mit Hilfe ganzseitiger Schaubilder vermochte die Zeitschrift »Atomwirtschaft« noch das international verfilzte Geflecht von Industrieunterneh-

* Autorengruppe des Projekts SAIU an der Universität Bremen: »Zum richtigen Verständnis der Kernindustrie -- 66 Erwiderungen«. Oberbaumverlag Berlin; 192 Seiten; 6 Mark.

** P. Weish, E. Gruber: »Radioaktivität und Umwelt«. Gustav Fischer Verlag Stuttgart; 160 Seiten; 12.80 Mark.

men, Elektrizitätswerken, Banken und Staatsbeteiligungen darzustellen, das alle Bereiche des Kernenergie-Systems vom Uranbergbau über die Fertigung von Gebläsen und Schmiedestücken bis zum schlüsselfertigen Kraftwerk umspannt.

Und manchmal sitzen die Politiker (so Baden-Württembergs Ministerpräsident Hans Filbinger und sein Wirtschaftsminister Rudolf Eberle) gleich in den Aufsichtsgremien der interessierten Unternehmen (hier der Badenwerk AG, die das Kernkraftwerk in Wyhl in Auftrag gab).

Wo Politiker nicht von vornherein Partei sind, bleiben sie einstweilen im Dilemma. Einem »schier undurchschaubaren Dschungel« gleiche das Pro und Contra der Wissenschaftler-Meinungen, etwa im Hinblick auf Strahlengefahren und atomare Störfallrisiken, erläuterte Ministerialdirigent Sah] in Nürnberg. Das Hearing zur Reaktorsicherheit, das der Innenausschuß Anfang Dezember letzten Jahres mit mehr als 30 Sachverständigen abhielt, sei der »Neuzeit-Auflage einer babylonischen Sprachverwirrung« gleichgekommen. Für »überstürzt« halte er den forcierten Bau von Kernkraftwerken, hatte damals Professor Dieter von Ehrenstein erklärt, Inhaber des Lehrstuhls für experimentelle Physik der Universität Bremen. Nur »Ignoranz oder Zynismus« könnten einer Beschleunigung der Genehmigungsverfahren für neue Atomkraftwerke das Wort reden, meinte sein Kollege, der Soziologe Manfred Hinz. Der Generalbevollmächtigte der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke, Günther Scheuten, wiederum hielt der »nuklearen Opposition« entgegen, sie betreibe »ein Geschäft mit der Angst«.

Um eine »vernachlässigbare Quantität« handele es sich bei der Umweltbelastung durch radioaktive Strahlung, erklärte Professor Emil Heinz Graul, Direktor der Klinik für Nuklearmedizin in Marburg. »Panikstimmung« zu erzeugen sei »unverantwortlich«.

Doch ein Graul-Kollege, der Privatdozent Bodo Manstein aus Konstanz, konterte: »Irreführung.« Eventuelle Spätschäden, insbesondere Krebs, seien »ganz sicher« nicht vorauszuberechnen. Die Menschheit befinde sich »in einem kurzfristig angelaufenen lebensgefährlichen Großexperiment.

»Die Frage der nuklearen Sicherheit ist zu wichtig, als daß wir sie den Experten überlassen könnten«, meinte denn auch Herbert S. Denenberg, ein amerikanischer Versicherungsmathematiker, und wies auf einen bemerkenswerten Umstand hin: Zwar spreche das Atomestablishment stets von »kaum nennenswerten« Risiken -- aber für die Versicherungsgesellschaften sei das Atomrisiko offenbar nach wie vor ein heißes Eisen. In der Bundesrepublik übernehmen die Versicherungen eine Haftpflichtdeckung je Reaktor bis maximal 500 Millionen Mark: das entspricht gerade der Deckungssumme von 500 Kfz-Versicherungen -- für höhere Schäden (bis einer Milliarde Mark) steht dann noch der Staat ein.

»Kann ein Kernreaktor wie eine Atombombe explodieren?« fragten rhetorisch die deutschen Elektrizitätswerke in ihrer Info-Anzeigenserie. Antwort: Nein, das ist atomphysikalisch nicht möglich« -- der Anreicherungsgrad des Urans im Reaktor reicht nicht aus. Anzeigentext: »Drei Prozent Dynamit mit 97 Prozent Sand vermischt können auch nicht explodieren.«

Die Auskunft trifft zu. zumindest für die jetzige Reaktorgeneration. Doch was den Super-GAU, das theoretisch denkbare Ausbrechen radioaktiver Schmelze aus dem Reaktor, angeht, so neigten weder die deutschen noch die amerikanischen Atompromoter zu übertriebener Offenheit.

Jahrelang wurden beispielsweise die 1965 in einer AEC-Studie errechneten GAU-Daten (45 000 Tote, 100 000 Verletzte, Strahlenverseuchung eines Gebiets halb so groß wie die Bundesrepublik) geheimgehalten. Dann wieder, mit ihrer Studie »WASH-1400« vom August letzten Jahres, bedienten sich die AEC-Leute eines Tricks. Statt das schreckliche Szenario eines möglichen GAU durchzuspielen, berechneten sie

* Für verstrahlte Zonen im Kernforschungszentrum Karlsruhe.

nur mehr dessen statistische Wahrscheinlichkeit -- und kamen so zu eher harmlos klingenden Zahlen: Eine Katastrophe großen Ausmaßes, hieß es, sei etwa durch Erdbeben, herabstürzende Meteoriten oder sonstige Naturereignisse 10 000mal wahrscheinlicher als durch ein Versagen atomarer Technik.

Verschwiegen wurde wieder, was bei einem solchen Super-GAU mit welcher Wahrscheinlichkeit auch immer -- wirklich passieren könnte:

Geht der Reaktor durch und versagt die Notkühlung, so »verbiegen und zerbersten die Brennstabhüllen«, sie blockieren die Kühlwasseranlage, das Notkühlwasser kann nicht mehr heran. Nach wenigen Minuten, bei etwa 3000 Grad Celsius, schmilzt der Reaktorkern. Nach etwa 30 bis 60 Minuten »hat der einige hundert Tonnen schwere geschmolzene Reaktorkern die den Kern umgebenden Schutzbauten durchdrungen«. Er sinkt, mit einer Geschwindigkeit von zwei bis vier Metern pro Stunde, in den Erdboden. Die Menge der Strahlung, die dabei freigesetzt werden kann, »entspricht in der Größenordnung der Abfallproduktion von 1000 Hiroshima-Bomben«.

Westdeutschlands größte Stadt von Atomreaktoren umringt.

Die Schilderung, gegeben von Physikern an der Uni Bremen, wurde in der Zeitschrift »Atomwirtschaft« jüngst in einer Randnotiz bestätigt. Auch eine Studie des Bonner Forschungsministeriums, hieß es da. habe gezeigt, »daß mit einem Versagen des Bodens des Reaktordruckbehälters (im GAU-Fall) gerechnet werden muß«. Ähnlich konstatierte auch die American Physical Society als Fazit einer Drei-Millionen-Dollar-Studie: Mehr Aufmerksamkeit als bisher müsse dem Notkühlsystem gewidmet werden.

Gefahren herunterzuspielen bemüht sich die Atomlobby auch beim Problem der langfristigen Strahlenbelastung. »Ein Bruchteil der Mengen, die wir ohnedies zu verkraften haben«, sei da zu erwarten, hieß es wieder in der E-Werk-Anzeige, »auf Bergwanderungen zum Beispiel, beim Fernsehen, bei Röntgenaufnahmen, bei Flugreisen«.

Dabei freilich sind wieder Rechentricks im Spiel. Zum einen gehen solche Berechnungen von den relativ wenigen schon in Betrieb befindlichen Reaktoren aus, nicht von ganzen Reaktorbatterien« wie sie schon geplant sind.

Zum anderen ist nicht der ganze Brennstoffkreislauf berücksichtigt. einschließlich Erzabbau sowie Abfallagerung und vor allem Wiederaufbereitung spaltbaren Materials. Die Gegenrechnung: Allein das derzeit noch ungehemmt entweichende radioaktive Edelgas Krypton 85 würde im Jahre 2000 die (nach amerikanischen Standards) für die Bevölkerung zulässige Strahlenbelastung um 100 Prozent übersteigen.

Das Risiko wächst, je mehr Atommeiler in der Nähe von Ballungszentren errichtet werden: Kein Kernkraftwerk in Westdeutschland, bei dem nicht in einem Umkreis von 20 Kilometern wenigstens 100 000 Menschen leben. Geradezu umzingelt von Atommeilern wird die größte Stadt des Bundesgebietes, Hamburg: Stade ist in Betrieb, Brunsbüttelkoog und Krümmel sind im Bau, Brokdorf, Cuxhaven und Laßrönne in der Planung. Außerdem ist die Hansestadt auch Heimathafen des Atomfrachters »Otto Hahn«.

Wer noch abseits der Atomanlagen wohnt, dem wird die Radioaktivität auf Straße und Schiene begegnen. Ständige Sternfahrten bleigepanzerter Transporter sind zu gewärtigen, die das nukleare Brennmaterial und dessen strahlungsaktive Asche über Land schaffen.

Von den rund 100 Tonnen Spaltstoff, mit denen jeder neugebaute Meiler anfänglich beschickt wird, muß jedes Jahr ein Drittel ersetzt und aufgearbeitet werden. Die Mengen radioaktiven Mülls, die dabei anfallen, werden im EG-Bereich schon 1980 rund 30 000 Kubikmeter jährlich und insgesamt bis zur Jahrhundertwende mehr als zwei Millionen Kubikmeter betragen.

»Die atomare Rose verliert viel von ihrer Pracht.«

Verlassene Salzbergwerke -- so versuchsweise in dem Höhenzug Asse im Harz-Vorland -- haben sich einstweilen als sicherste Verwahrstätte für den atomaren Müll erwiesen. So soll denn auch die westdeutsche Wiederaufbereitungsanlage nach Möglichkeit direkt über einem Salzstock errichtet werden -- der strahlende Müll fiele wie bei einem Plumps-Klo in die Tiefe.

Einen Sieg haben die Atomgegner Anfang Mai in den USA errungen: Für vorläufig drei Jahre soll die Verwendung von Plutonium als Reaktorbrennstoff ausgesetzt werden -- Plutonium ist die gefährlichste Substanz im ganzen Atomgeschäft, einer der stärksten Krebsauslöser und noch dazu weit giftiger als das stärkste Nervengift.

Das US-Moratorium, so umschrieb ein Umweltschützer in Washington, »gibt der Welt eine Atempause, in der es uns erspart bleibt, Plutonium einzuatmen«.

Überhaupt scheint in den USA der Marschtritt zur Atomenergie etwas verlangsamt. An die hundert schon erteilte Orders zum Bau neuer Atomkraftwerke wurden in den letzten Monaten entweder storniert oder um Jahre verschoben. »Die atomare Rose verliert viel von ihrer Pracht«, meinte John O'Leary, ehemals Direktor bei der AEC. O'Leary bezog sich dabei auch auf die schier endlose Serie kleinerer oder größerer technischer Pannen, von denen die Atomstrommeiler in den letzten Jahren heimgesucht wurden. Ein Teil der Atomkraftwerke mußte solcher Pannen wegen für mehr als die Hälfte der Zeit stillgelegt werden.

Insgesamt lieferten alle Kernkraftwerke der Welt 1973 nur während 58 Prozent ihrer möglichen Betriebszeit Strom. Auch die fünf bundesdeutschen Kernkraftwerke, die 1973 in Betrieb waren, mußten Ausfallzeiten hinnehmen. So fielen in Stade zwei Hauptkühlmittelpumpen aus. Reinigungsarbeiten am Reaktorkern von Gundremmingen dauerten fünf Wochen. Den Meiler Obrigheim legte erst ein Leck, dann ein Blitzschlag lahm.

Lingen mußte Anfang September 1973 abgeschaltet werden, weil durchlöcherte Dampfumformer Radioaktivität austreten ließen; die Anlage fährt erst seit Oktober letzten Jahres wieder volle Last. Und zu einer ganzen Serie massiver Fehler, darunter Leckage-Unfällen im Reaktorkühlkreislauf, kam es beim Kernkraftwerk Würgassen, das im November 1972 erstmals in Betrieb genommen worden war.

Die Anlage war zunächst nur für sechs Monate in Gang gekommen -- gleich 13mal im Laufe des Jahres 1973 verzeichnete das Betriebsdiagramm das Notfall-Kürzel »RESA« (Reaktorschnellabschaltung). Von Februar 1974 bis April dieses Jahres war die Anlage, nach einem besonders schweren Störfall, außer Betrieb. Allein im letzten Jahr fuhr Würgassen dem geplagten Energiekonzern Preußenelektra 60 Millionen Mark Verlust ein.

Wie unsicher der Umgang mit dem strahlenden Brennstoff immer noch ist, zeigen auch die Berichte aus den USA: Zwischen dem 1. Juli 1973 und dem 30. Juni 1974 verzeichneten die Inspektoren der AEC insgesamt 3333 Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften. 98 davon fielen in die Kategorie »besonders schwer«. Zwei Unternehmen wurde die Lizenz entzogen, sechs weiteren wurden Bußgelder in Höhe von insgesamt 37 000 Dollar auferlegt.

»Mich ärgert die Arroganz, mit der die AEC von Sicherheit redet«. kommentierte unlängst Henry W. Kendall, Atomphysiker am Massachusetts Institute of Technology, die zahlreichen Zwischenfälle »Near Misses«, Beinahe-Katastrophen, habe es nun auch in der Atomindustrie weiß Gott genug gegeben.

Und die Atompannen sind teuer. Sieben Monate lang arbeiteten insgesamt 700 Männer (weil sie wegen der Strahlenbelastung immer wieder ausgewechselt werden mußten), um eine lädierte Dampfrohrleitung am »Indian Point«-Kraftwerk der New Yorker Elektrizitätsgesellschaft Con. Edison zu reparieren. Kosten: eine Million Dollar.

Eine vergleichbare Reparaturarbeit in einem konventionellen Kraftwerk hätte von 25 Leuten in zwei Wochen erledigt werden können. »Ist womöglich«, fragte der »Christian Science Mosonst in vieler Hinsicht den bestehenden Technologien überlegen wäre: den Hochtemperatur-Reaktor, wie er etwa am Kernforschungszentrum Jülich entwickelt wird. Er würde weit weniger Sicherheitsprobleme aufwerfen als derzeit gängige Reaktoren oder gar die Brüter. Der Jülicher Reaktor, bei dem der in Kugelbriketts aus Graphit eingeschlossene atomare Brennstoff mit Gas gekühlt wird, böte außer höherer Sicherheit und vergleichsweise geringer Strahlungsabgabe noch einen weiteren Vorteil: Wenn in einigen Jahrzehnten das Uran zur Neige geht, könnte er mit (reichlich vorhandenem) Thorium betrieben werden.

Nicht zuletzt, weil sieh solche zumindest risikoärmeren Entwicklungen abzeichnen, plädieren viele Experten dafür, energiepolitische Weichenstellungen noch hinauszuzögern. Zwar ist ohne die neuen Energiequellen auf lange Sicht nicht auszukommen aber sich weiter hektisch in das Atom- oder gar Plutonium-Abenteuer zu stürzen brächte zu große Gefahren mit sich.

»Nur noch bedingt«, meint Wachstumsprofessor Pestel, dürfe man »auf Kernkraft bauen«. Aber was statt dessen? Der Rückgriff auf Kohle brächte neue Umweltsorgen, Zurückschrauben des Bedarfs bedeute Stagnation. Eine gewisse »Hilflosigkeit und Konfusion« mache sich bei den Experten bemerkbar.

Paul Ehrlich, entschiedener Verteidiger der irdischen Lebenssphäre, äußerte sich dezidiert: »Sparsamer Umgang mit den fossilen Brennstoffen könnte uns als Brücke ins 21. Jahrhundert dienen -- wenn vielleicht andere Technologien, von der Sonnenenergie bis hin zur Kernverschmelzung, möglich werden«.

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