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Ein gewiegter Steuer-Mann

aus DER SPIEGEL 2/1947

Am 5.1.47 erhielt das Untersuchungsgefängnis Hamburg-Stadt, Abteilung B, einen prominenten Gast in Gestalt von Philipp Reemtsma, dem ehemaligen Konzerngewaltigen und Hauptinhaber des »Reemtsma-Konzerns«.

Durch eine Zwischenfrage, die der amerikanische Hauptankläger Jackson an Göring selbst richtete, war im März vorigen Jahres zur Sprache gekommen, daß der Zigarettenfabrikant Göring 7,276 Millionen Mark gezahlt hat, um eine Steuererleichterung zu erreichen.

Der Haftbefehl, auf Grund dessen Philipp Reemtsma am 3. Januar verhaftet wurde, ist aber »wegen Bestechung und Anstiftung zur Rechtsbeugung« erlassen. Dem Verhafteten wird vorgeworfen, Göring und dessen Staatssekretär Paul Körner zur Niederschlagung eines gegen ihn - Reemtsma - gerichteten Strafverfahrens (wegen Meineid, Betrug und Anstiftung zur Untreue) mit immensen Summen bestochen zu haben.

Auf Veranlassung des ehemaligen preußischen Ministerpräsidenten mußte der preußische Justizminister am 2. Februar 1934 eine Anordnung treffen, durch die die Voruntersuchung gegen Reemtsma niedergeschlagen wurde.

Seitdem der englische Sicherheitsdienst den jetzt 53jährigen im Mai 1945 in Hamburg verhaftete, konnte Philipp Reemtsma nur kurz die Freiheit genießen. Seine Stationen waren das Internierungslager Neumünster und das englische Lagerlazarett Rothenburg bei Bremen, aus dem er im August 1946 entlassen wurde.

Philipp Reemtsma antwortet beim Verhör mit normaler Stimme. »Er spricht genau wie Sie und ich«, erklärte Staatsanwalt Kramers Sekretärin, die die Verhöre stenographisch aufnimmt, einem neugierigen Reporter. Während des Verhörs darf Reemtsma, dessen Konzern 1938 75 Prozent des deutschen Jahresverbrauchs von 60 Milliarden Zigaretten fabrizierte, rauchen. (Die »Schwarzwälder Post« macht Reemtsma für die Schaffung der »schlechten deutschen Einheitszigarette« verantwortlich.)

Als der Verhaftete am Mittwochmittag nach einstündiger Untersuchung von seinem Wächter in seine Zelle zurückgeführt werden sollte, war dieser pflichtgetreue Beamte verschwunden. Der Staatsanwalt vermutete richtig, daß er eine notwendigen Gang gemacht hatte, der über das gewöhnliche Zeitmaß hinausging. »Man könnte Reemtsma ja ruhig allein gehen lassen, weglaufen kann er nicht«, sagte Staatsanwalt Kramer. Aber der Wächter kam zurück, und mit ihm schritt ein dezent gekleideter älterer Mann am Stock den dunklen Gang zur Zelle zurück - weglaufen konnte er nicht.

Als Flieger wurde Philipp Reetmsma, später Oberleutnant der Reserve der Luftwaffe, im ersten Weltkrieg verwundet, er legt heute aber großen Wert darauf, nicht als »Fliegerkamerad« Görings zu gelten, den er nach seinen Aussagen erst lange nach 1918 kennengelernt hat. Immerhin machte Göring ihn dann später zum Mitglied des Reichsjagdrates.

Die Untersuchung gegen Reemtsma wird voraussichtlich lange Zeit in Anspruch nehmen. Es ist nicht der erste Bestechungsprozeß, in den dieses »Mitglied der Akademie für deutsches Recht« verwickelt wurde. In Karlsruhe sagte er 1931 in eigener Sache als Zeuge aus. Der von Ihm wegen Erpressung angezeigte Harry Levita wurde zu Gefängnis verurteilt.

Beiläufig aber ergab die Beweisaufnahme, daß Reemtsmas Konzern an diesen und andere »Erpresser« sowie an verschiedene sonstige Personen fast eine Million Schweige- und »sonstige« Gelder gezahlt hatte - »da es besser ist, den ideellen und materiellen Schaden, der durch solch schmutzige Anwürfe droht, durch Geld abzuwenden, als sich auf den Ehrenschutz auf dem Wege von einstweiligen Verfügungen zu verlassen.« So rief er mit erhobener Stimme.

Der Sohn eines Kantinenwirts übernahm 1919 die kaufmännische Leitung der kleinen Fabrik in Erfurt, die sein Vater Bernhard Reemtsma sich 1910 gekauft hatte. Er machte sich die Inflation zunutze, das Reich stundete ihm langfristig die Ablieferung der Steuerbeträge, so daß er sie mit entwerteter Mark abtragen konnte.

Nacheinander kaufte er Zigarettenfabrik um Zigarettenfabrik: Mokri, Muratti, Eckstein, Adler, Kasanowa, Zuban, Batschari - Batschari kaufte er für 2 1/2 Millionen Mark. Das Werk hatte 14 Millionen Mark Steuerschulden, die Reemtsma aber, wie er in Karlsruhe selbst erklärte, »auf Grund eindringlicher Vorstellungen verschiedener Reichstagsabgeordneter, Verbände und Gewerkschaften« nicht zu zahlen brauchte.

Im Jahre 1928 war eine kleine unbekannte Firma im Verlauf von vier Jahren zur Zentrallmacht des deutschen Zigarettentrusts geworden, während über hundert kleine aber an sich lebensfähige Zigarettenfirmen ins Gras beißen mußten. Wie war das möglich?

Im Jahre 1929 behauptete ein Mann namens Tetens in Karl von Ossietzkys »Weltbühne« und anderen Journalen, daß ein hoher Beamter des Finanzministeriums, der »Tabakdezernent« Geheimrat Schröder alles das anordne, was sein ehemaliger Untergebener, Regierungsrat Dr. Flügler, Konzernsyndikus bei Reemtsma, von ihm verlange. Der Reichstagsabgeordnete Franz Holzamer ging daraufhin ins Ministerium und fragte Schröder, wann und wie er gegen diese Behauptungen einzuschreiten gedenke. Schröder äußerte, wie Holzamer vor Vertretern der Zigarettenindustrie öffentlich erklärte, Bedenken da der Verfasser des Artikels sich auf Paragraph 193 (Wahrung berechtigter Interessen) berufen könne.

Der »Fridericus"*) warf Reemtsma vor, daß er, der Millionenschuldner des Reiches, sich einen Herrensitz im Werte von 10 Millionen RM habe bauen lassen. Er wiederholte noch einmal die Behauptungen, nach denen Reemtsma Zigarettenstaub in Hülsen stopfen ließ und als angebliche Exportware in die Ostsee versenkte, um vom Staat die Tabaksteuer-Rückvergütung zu erhalten. Bei einer Steuerrevision habe er 12 Millionen Zigaretten einige Tage in Hamburg spazieren gefahren, um 108 000 Reichsmark Steuer zu sparen. Auch die »Tägliche Rundschau« vom 5.4.46 weiß von abenteuerlichen Skandalen und unglaublichen Korruptionen zu berichten. 1932 schrieb T.H. Tetens wieder in der »Weltbühne« unter anderem folgendes:

»Im Reichswirtschaftsrat war man sich schon 1928 darüber im klaren, daß Reemtsma nicht nur die fahrlässig gehandhabten Steuergesetze, sondern auch durch einflußreiche Beziehungen die maßgebenden Stellen der Reichsfinanzverwaltung rücksichtslos für das Machtstreben seines Konzerns ausnutzte.«

Diesmal fand ein Prozeß statt, der am Abend vor dem Termin (22.12.32) auf unbestimmte Zeit vertagt wurde, obwohl Tetens auf sofortige Anberaumung eines neuen Termins drang. Eine gerichtliche Voruntersuchung gegen Reemtsma und verschiedene Beamte des Reichsfinanzministeriums wurde als gegenstandslos niedergeschlagen.

Dann kam die Machtübernahme 1933. Am 5. April gab der preußische Justizminister die fragwürdige »Korruptionsliste« heraus, auf der unter Nr. 5 Philipp Reemtsma mit 22 anderen Namen neben Dr. Konrad Adenauer und dem jetzigen Innenminister des Landes Hannover, Dr. Günther Gereke, auftaucht. Hand in Hand damit kamen neue Angriffe der Nazipresse und des Justizministeriums. Ein Verfahren wurde eingeleitet aber am 3.2.34 niedergeschlagen. »Der Nationalsozialismus schaut vorwärts und nicht rückwärts« hieß es in Görings diesbezüglichem Erlaß.

Nun befindet sich Philipp Reemtsma wieder in Haft. Noch ist nichts bewiesen worden. Man konnte oder wollte ihm noch nie etwas beweisen.

*)Rechtsnationales Skandalblatt, antisemitisch,

Viele Anschuldigungen, wenig Beweise Philipp Reemtsma kannte das Gesetz

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