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MINISTER Ein grüner Volltreffer

Auf Staatsbesuch in Südafrika zeigte Umweltminister Jürgen Trittin ungewöhnliches diplomatisches Geschick - als grüner Handelsvertreter.
Von Gerd Rosenkranz
aus DER SPIEGEL 50/1999

Der Minister wankt - und strahlt. Mit strategischem Geschick hat Jürgen Trittin auf dem Sonnendeck des Schnellboots nach Robben Island, wo einst Nelson Mandela den größten Teil seiner 26 Jahre Haft absaß, die Spitzenposition gekapert. Nun müht der Niedersachse sich, bei mittelschwerem Seegang mit der Kleinbildkamera die erhabene Schönheit des Tafelbergs einzufangen.

Der grüne Schreck auf großer Fahrt am Kap der Guten Hoffnung: An der Spitze einer mehr als 50-köpfigen Delegation aus Vertretern von Wirtschaft, Umweltverbänden und Medien versuchte sich der vormalige Linksradikale vergangene Woche in Südafrika vier Tage lang in der ungewohnten Rolle als Umwelt-Außenhandelsminister.

Mit wachsendem Vergnügen widmet sich der ehemals notorische Brandredner seiner neuen Passion, dem demonstrativ nachdenklichen Dozieren und der hohen Kunst

der Diplomatie. Als wolle er seinem Parteifreund, dem deutschen Chefdiplomaten Joschka Fischer, Konkurrenz machen, verhandelt Trittin in Kapstadt, Pretoria und Johannesburg in akzentfreiem Englisch mit südafrikanischen Amtskollegen, referiert vor der Wirtschaftselite des Landes und stärkt Vertretern einheimischer Umweltorganisationen den Rücken.

Ob bei der Eröffnungsfeier der südafrikanischen Niederlassung der Freiburger Solarfabrik, beim Pressebriefing oder dem Empfang des deutschen Botschafters Harald Ganns im Garten der Residenz - stets gefällt sich Trittin in der Rolle des Staatsmanns. Er verteilt Komplimente, hört zu, lockt mit Argumenten und verknüpft gekonnt Relikte des linken Internationalismus früherer Tage mit den globalen Umweltherausforderungen der Zukunft.

Allein der rot-grüne Atomkampf in Deutschland überschattet gelegentlich von fern des Ministers Lehr- und Lernstunden. Gerade als der bekennende Gourmet im Park des historischen Guts Groot Constantia nahe Kapstadt die Delegation in die Feinheiten des Weinbaus einführen will, reicht die Entourage das Handy.

Frank-Walter Steinmeier ist dran, der Kanzleramtschef. Er soll vom Kap aus unterrichtet werden, wie man in Berlin kolportierte Gerüchte totlaufen lässt, die Stromwirtschaft sei unter bestimmten - für Trittin inakzeptablen - Bedingungen bereit, vier Atommeiler noch in dieser Wahlperiode abzuschalten. Trittins Lieblingsfeind, Wirtschaftsminister Werner Müller, hatte den Ausflug des Grünen mal wieder für ein Solo mit Freunden genutzt.

Gleichsam im Gegenzug drängt sich Trittin in Müllers Geschäftsbereich. Denn im Zentrum der viertägigen Fernreise stand ein für einen grünen Minister eher ungewöhnliches Motiv. Mit seinem Besuch will Trittin Türen öffnen für die mitgereisten Wirtschaftsvertreter.

So folgte dem Minister eine eigentümlich multikulturelle Delegation: Propagandisten von Wind- und Solarenergie trafen auf Abgesandte der in der Kraftwerksbranche führenden Weltkonzerne Siemens oder ABB, die Spitzen der meisten großen Umweltorganisationen auf Vertreter der Industrie- und Handelsverbände und der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke.

Deren Hauptgeschäftsführer Eberhard Meller konferierte noch nächtens während des Rückflugs, irgendwo zwischen Nairobi und Kairo, angeregt mit dem Minister über Details eines möglichen Atomausstiegs - »Unterredungen zur Vertrauensbildung«, wie Meller sich morgens erinnerte.

Es war die Mischung aus Ökonomie und Ökologie, die der Mission den Kick des Ungewöhnlichen verlieh. Manche Delegationsteilnehmer wollten schon die ersten Konturen einer umweltorientierten Außenhandelspolitik erkennen - die Kollege Fischer bislang nicht durchgängig praktizierte.

Seinen schnellsten Erfolg feierte Trittin im Township Khayelitsha, wohin seit dem Ende der Apartheid zwischen 800 000 und eine Million Menschen vornehmlich aus der bitterarmen Transkei zugezogen sind.

Die Jungens vom lokalen Fußballverein »City Hillites« waren von Trittins Gastgeschenk, einem Dutzend nagelneuer Lederbälle, noch mehr hingerissen als von den Torwartkünsten des langen Blonden.

Der Minister ist stolz, dass er ein noch von der Kohl-Regierung im März 1998 unterzeichnetes bilaterales Umweltabkommen endlich mit erstem Leben füllen kann. Verabredet sind mit dem südafrikanischen Kollegen Valli Moosa Kooperationen beim Klimaschutz, in der Abfallwirtschaft, im Tourismus und bei einer ökologisch orientierten Energieversorgung.

Sogar die grüne Wirtschaftsförderung hatte ein Vorzeigeobjekt. Der Freiburger Photovoltaik-Pionier Georg Salvamoser durfte im Beisein Trittins seine Niederlassung in Pretoria gründen und kehrte zwei Tage später bereits mit Aufträgen für solarbetriebene Straßenlaternen und Wasserpumpen nach Deutschland zurück.

Auch andere konkrete Geschäfte bahnen sich nach zwei »Wirtschaftskontaktbörsen« in Kapstadt und Johannesburg an. »Ein Volltreffer«, schwärmte Salvamoser, »das tut uns gut und das tut den Grünen gut.« GERD ROSENKRANZ

* Mit Bewohnerinnen von Khayelitsha in einerKleingarten-Versuchsanlage, am vergangenen Montag.

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