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»Ein gutes Buch ist wichtiger als Politik«

SPIEGEL-Redakteur Wolfram Bickerich über Günter Gaus' Buch »Deutschland im Juni« *
aus DER SPIEGEL 20/1988

Ein Verlust ist zu beklagen, weil Björn Engholm eine Wahl gewonnen hat. Seit Sonntag, 8. Mai, 18 Uhr hat die Republik einen überzähligen, wenn auch preiswerten Berater mehr und einen passablen Schriftsteller weniger.

Günter Gaus, 58, hat ein halbes Leben lang - das produktive - die »a. D.s« hinter seinen Titeln gesammelt, als sei er niemals mit dem real Existierenden zufrieden: Programmdirektor (1969), Zur-Person-Fragesteller (1963 bis 1966), SPIEGEL-Chefredakteur (bis 1973), Staatssekretär im Kanzleramt (bis 1974), Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in der DDR (bis 1981), SPD-Wissenschaftssenator in West-Berlin (1981).

Seitdem schreibt er Bücher über deutsche Befindlichkeiten und begnügt sich nicht damit. Er schmückte sich mit dem Titel eines »deutschlandpolitischen Beraters« beim damaligen SPD-Vorsitzenden Willy Brandt, fragt wieder erfolgreich zur Person, wäre auch gerne wieder Chefredakteur geworden und ist nun statt dessen Engholms One-Dollar-Man für die Beziehungen zwischen Kiel und den Ostsee-Anrainerstaaten inklusive Island. Wie schade.

Denn sein jüngstes Buch »Deutschland im Juni« befördert nicht den verblasenen Anspruch, der Volkssturm-Generation von Gaus und Kohl die Gnade der späten Geburt zuzurechnen (wie in »Die Welt der Westdeutschen«, 1986); es beantwortet vielmehr plausibel und spannend die von Gaus schon (1983 als Buch) gestellte Frage »Wo Deutschland liegt": vor allem, dies nicht nur als Kalauer, dem Autor am Herzen; im übrigen aber auf 883 Quadratkilometern am 13. östlichen Längen- und 52. nördlichen Breitengrad, nämlich in Berlin.

Die berufsmäßigen West-Berliner hätten ja gerne - und meistens vergeblich -, daß sich in ihrem Kirchspiel die Weltpolitik versammelt; Gaus beschreibt, wie jedenfalls im letzten Juni zwei inzwischen sehr verschiedene Hälften einer deutschen Stadt ein sehr einheitliches Urteil über Deutschland erlauben - und das ist ja schon sehr viel.

Zu Pfingsten 1987 nämlich, das war der 6. bis 8. Juni, versammelten sich am Reichstag vor dem Brandenburger Tor Zehntausende junger West-Berliner zum Freiluft-Rockkonzert - und hinter dem Tor einige 100 Ost-Berliner, die im Laufe der Abende von Staatssicherheit und Volkspolizei äußerst unfreundlich behandelt wurden.

Ähnliche Situation, umgekehrtes Vorzeichen, am 11./12. Juni, als Polizei und Staatsmacht nach Demonstrationen ein ganzes Stadtviertel, nämlich Kreuzberg, für Stunden vom öffentlichen Leben absperren ließen, um dem Staatsbesucher Ronald Reagan einen vermeintlich störungsfreien Blick auf die »stolze Stadt« in »einer totalitären Umgebung« (Reagan) zu gewähren.

Unglaublich, widerlich, das polizeiliche Verhalten im Westteil - so klagenswert wie das rüde Verhalten der Staatsschützer-Kollegen im Ostteil. Im Westen freilich wird das identisch-deutsche Verhalten ganz anders wahrgenommen: Hier ist die Polizei gut, weil sie böse Gewalttäter in Grenzen hält; drüben ist die Polizei böse, weil sie gute Jugendrebellen am Aufstand gegen die Staatsgewalt hindert. Tatsächlich ist es doch, so Gaus bitter, aber treffend, in Ost und West »ganz und gar dasselbe«.

Wäre es wirklich nur und ausschließlich so, bliebe das Buch eine alberne Provokation. Der überzeugte - und wohl auch idealistische; das ist eins - Deutschland-Experte Gaus ergänzt seine Erkenntnis mit der These, die DDR-Gesellschaft entwickele sich hin zu mehr Liberalität oder wenigstens zu repressionsfreierem Umgang, während die BRD-Gesellschaft einfach »fertig« sei. Zum Beleg dient dem Chronisten der Evangelische Kirchentag in Ost-Berlin vom 24. bis 28. Juni, die seitdem immer wieder feststellbare Emanzipierung der DDR-Bürger vom alten Obrigkeitsverständnis: Daß da etwas heranwächst, was der DDR-Führung nicht geheuer ist, zeigt sich seit Monaten am komplizierten Umgang zwischen Staat und Kirche.

Und im Westen? Ist hier wirklich alles fertig?

Gaus, dem manierierte Eitelkeit ja nicht fern ist ("Der Juni-Chronist hat es in einem anderen Buch so beschrieben«, schreibt er von sich), irrt natürlich, wenn er Pars pro toto nimmt. Auch hier, gerade hier, ist die Gewaltfrage ungeklärt, sucht die nächste Generation ihr Verhältnis und ihr Auskommen mit dem Staat, wie seit Generationen vorher, momentan allenfalls etwas stiller.

Neu ist die Phasenverschiebung im geteilten Deutschland; neu ist die '88er Generation in der DDR - ein Zeitverzug von 20 Jahren. Mag sein, daß Gaus in 20 Jahren, wenn er dann noch schriebe, feststellen könnte, vorherrschende Tendenz in der DDR des 21. Jahrhunderts seien die Hinwendung zum Privaten und die freiwillige Rückkehr der Nischenbewohner ins Mittelmaß.

Das ist nicht Thema des Polit-Literaten, gehört auch mehr zur Polit-Astrologie.

Gaus liefert höchst politische Reportagen, schneidet sie gegeneinander, reizt den Leser dazu, ihn bei seinen Gedankenausflügen zu begleiten. Das ist ganz schön viel im Dickicht der sonst nur sogenannten politischen Literatur.

Ist es da wichtig zu fragen, ob der Herr Staatssekretär a. D. bei seinen Reportagen persönlich anwesend oder bloß kritischer Leser von Zeitungsausschnitten war? Ist es da wichtig, Lösung zu finden für das Rätsel, warum der Schriftsteller entgegen der Verlagsannonce nicht zu Fritz Sterns Rede am 17. Juni im Bundestag und nicht zu Willy Brandts Rücktritt vom SPD-Vorsitz Stellung bezieht, Daten, die in eine deutsche Chronik des letzten Juni gehören?

Der Literat Gaus, dies eine denkbare Antwort, hat die letzten 50 Seiten termingemäß nicht fertig gekriegt. Der Sozialdemokrat und Ex-Brandt-Berater Gaus, so eine andere Denkvariante, hätte sein Willy-Idol ohnehin nicht ehrfurcht- und weihelos in seine Chronik einordnen können.

Alles wahr. Und genauso zutreffend ist das Wort des anderen Brandt-Freundes Egon Bahr, der Gaus schon mal riet, ein »gutes Buch aus seiner Feder« sei wichtiger als Politik und Wahlkampfhilfe. Bahr zu Gaus - und meint es als Lob: »Du hast dir eine Dimension erschlossen, die du gewiß gern aufgeben würdest fürs unliterarische Regieren.«

Zwischen den Zeilen: Bleib beim Schreiben, Günter.

Wolfgang Bickerich
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