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DER ERSTE WELTKRIEG »Ein Hammerschlag auf Herz und Hirn«

Historiker widerlegen die Legende von der Kriegsbegeisterung der Volksmassen im Herbst 1914.
Von Jochen Bölsche
aus DER SPIEGEL 9/2004

Gerade erst hat sich der Abiturient an der Münchner Universität einschreiben lassen, da wirft er all seine Pläne um. »Auch für mich gibt es nun kein Halten mehr«, schreibt Andreas Wilmer am Abend des 1. August 1914 seiner Mutter: »Wie alle meine Kommilitonen habe ich mich sofort freiwillig gemeldet.«

Nie werde er die Eindrücke jenes Tages vergessen, die ihn wie all die anderen Erstsemester zu den Fahnen eilen lassen: »Vor der Feldherrenhalle stand ein Trommlerkorps mit blitzenden Pickelhauben. Als ein Feldwebel die Kriegserklärung verlas, jubelten alle; Strohhüte flogen in die Luft.«

Glockengeläut, Choräle, wildfremde Menschen, die sich in die Arme fallen - jahrzehntelang galt als gesichert, dass die Volksmassen frohlockten, als der Krieg ausbrach. »Nur wenige Vorstellungen sind so tief in unserem historischen Bewusstsein verankert wie die Kriegsbegeisterung von 1914«, urteilt der Geschichtswissenschaftler Wolfgang Kruse.

Ein Volk, das plötzlich keine Parteien mehr kennt, sondern nur noch Deutsche; siegesgewisse Soldaten in karnevaleskem Übermut; Sommerblumen in den Gewehrläufen; Truppentransporte in Waggons mit kriegerischen Kreideparolen - fast ein Jahrhundert lang prägten diese Bilder vom Kriegsbeginn die kollektive Erinnerung der Nation. Und doch: Sie spiegeln allenfalls die halbe Wahrheit wider.

Tatsächlich belegen Unmengen von Quellen, dass die gelenkte Presse und die gezielte Kriegspropaganda sowie später die NS-Ideologen die These von der Kriegsbegeisterung zum »Mythos« aufgeblasen haben.

Überall in Deutschland haben sich mittlerweile Profis wie Hobby-Historiker auf Spurensuche begeben. In Kirchen- und Stadtarchiven, Tagebüchern und Feldpostbriefen finden Lokalforscher Belege, die das so lange kolportierte Bild vom Kriegsbeginn relativieren.

Selbst im Zentrum der Hauptstadt Berlin - wo Dokumentaraufnahmen den Zeitgenossen wie den Nachgeborenen alles beherrschende Begeisterung suggerierten - hielt sich die Hurra-Stimmung in Grenzen. »Viele Frauen mit verweinten Gesichtern«, notierte ein Augenzeuge, der »Ernst und Bedrücktheit« registrierte: »Kein Jubel, keine Begeisterung.« Wohl vernahm der Tagebuchschreiber »Hochrufe und singende Gruppen vor dem Kronprinzenpalais«. Aber: »Die Weiterwegstehenden passiv.«

Während das Großbürgertum feiert und junge Studenten sich kriegerische Abenteuer in fremden Ländern erhoffen, herrscht in Arbeiterfamilien Zukunftsangst: Wer soll sie ernähren, wenn der Ernährer in den Krieg zieht?

Im Berliner Arbeiterviertel Moabit hält ein Pfarrer fest: »Die eigentliche Begeisterung, ich möchte sagen, die akademische Begeisterung, wie sie sich der Gebildete leisten kann, der keine Nahrungssorgen hat, scheint mir doch zu fehlen. Das Volk denkt sehr real, und die Not liegt schwer auf den Menschen.«

Auch in der Landbevölkerung dominieren Beklemmung und Niedergeschlagenheit. Aus Südbayern melden Gendarmen, Schulmeister und Pfarrer »gedrückte ernste Stimmung« (Pfarrkirchen), »offensichtliche Beklemmung« (Ering) und »große Betrübnis« (Aretsried).

Die Kirchen sind überfüllt, allgegenwärtig scheint die Ahnung, auch dieser Krieg werde mit den zu erwartenden Opfern selbst bei »gutem Ausgang« eine »schwere Heimsuchung« bedeuten. Ein Gottesdienst geht als »Sacktüchleinpredigt« in die Chronik der Pfarrei Osterbuch ein: »Die Männer weinten, die Weiber schluchzten.«

Auf die düstere Stimmung auf dem Lande geht am 2. August 1914 auch ein »Aufruf der Königin Marie Therese an die Frauen und Jungfrauen Bayerns« ein, doch bitte zur Notlinderung beizutragen: »Draußen fließt Blut, herinnen fließen Tränen.« Entsetzen herrscht im Badischen, nahe der Westgrenze: »Das wuchtete wie ein Hammerschlag auf Herz und Hirn«, heißt es im Freiburger Stadtarchiv. Aus Ebingen in Hohenzollern ist eine ähnliche Reaktion überliefert: »Grauen erfüllt die Seelen.«

Es gibt Ausnahmen von der Regel. Ledige junge Männer erhoffen sich von dem vermeintlichen Blitzkrieg ("Weihnachten sind wir wieder zu Hause") Prestigegewinn und Abwechslung. »Jetzt kommen wir auch einmal hinaus« - aus solchen Äußerungen folgert der Historiker Benjamin Ziemann, der Krieg habe für junge Burschen auch »einen touristischen Aspekt«. Die Kriegsfreiwilligen erwarten eher Auseinandersetzungen im Stil dörflicher Raufereien als jenes Gemetzel, das binnen vier Jahren 15 Millionen Tote fordern soll.

Als die jungen Soldaten in den Tagen der Mobilmachung in naiver Begeisterung die Züge zur Front besteigen, kommt es vielerorts auf dem Land zu Jubelkundgebungen. Auf den Bahnsteigen bemühen sich die Honoratioren, den Soldaten einen repräsentativen Abschied zu bereiten und ihnen Mut zuzusprechen. Deshalb, so Ziemann, werden »die Reservisten dann in festlicher Stimmung verabschiedet« - obgleich es vielen Angehörigen schwer fällt, die Tränen zu unterdrücken.

Mit einer merkwürdig anmutenden Melange aus Beklommenheit und Aufatmen reagieren manche Menschen auf die Mobilmachung. Nach Wochen quälender Ungewissheit und »ewigem Hin und Her« zwischen Kriegsängsten und Friedenshoffnungen löst die »schlimme Gewissheit« des Kriegsbeginns so etwas wie Erleichterung aus - lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende.

Erfahrene Beobachter reagieren auf den Jubel der Jungen mit Entsetzen. »Es war ein unbeschreibliches Gefühl, diese singenden jungen Männerstimmen durch die Nacht zu hören und dabei zu wissen, sie ziehen ja alle in den Tod«, beschreibt Ernst Ludwig, Großherzog von Hessen, den Kriegsbeginn: »Es war oft kaum auszuhalten.«

Der Abiturient Wilmer, der sich, von Begeisterung übermannt, am 1. August als Freiwilliger registrieren lässt, schreibt knapp ein Vierteljahr später aus Flandern nach Hause: »Mit welchen überschwänglichen Gefühlen bin ich in diesen Krieg gezogen, liebe Mutter. Und jetzt sitze ich hier, von Grauen geschüttelt ...«

Im November 1914 trifft ihn bei Langemarck ein Lungensteckschuss, und er diktiert im Lazarett einen weiteren Brief an seine Mutter: »Die Hölle konnte nicht schlimmer sein.« Wenig später meldet ein Oberstabsarzt der Familie per Feldpost den Exitus des jungen Studenten: »Er starb für Gott und Vaterland.«

JOCHEN BÖLSCHE

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