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EXPO 2000 »Ein hartes Stück Arbeit«

Interview mit Expo-Generalkommissarin Birgit Breuel über die Vorbereitungen zur Weltausstellung
aus DER SPIEGEL 8/1997

SPIEGEL: Damit die Expo sich rechnet, brauchen Sie 40 Millionen Besucher. Was macht Sie so sicher, daß sich so viele Menschen nach Hannover bemühen?

BREUEL: Für vier Millionen Karten haben wir schon Vorbestellungen. Und schauen Sie sich doch mal andere Großereignisse an. Bei der Reichstagsverhüllung, die bis zuletzt heftig umstritten war, wurden nur ein paar Stoffplanen heruntergelassen. Das war jeden Tag im Fernsehen zu sehen - doch die Menschen sind millionenfach dorthin gepilgert. Sie wollten es sehen, sie wollten es erleben, live dabeisein. Wenn unser Produkt nur einigermaßen gut wird, werden die 40 Millionen unser geringstes Problem sein.

SPIEGEL: Beim Reichstag wußten die Menschen, was sie erwartet. Für die Weltausstellung gibt es aber bisher nur wolkige Ankündigungen.

BREUEL: Ich gebe zu: Bei einigen Broschüren braucht es schon viel Liebe zum Detail, um sie zu enträtseln. Dabei sind unsere Planungen schon sehr viel konkreter.

SPIEGEL: Was erwartet die Besucher?

BREUEL: Um etwa über Klimaveränderungen zu informieren, präsentieren wir im Themenpark einen Gletscher. Es wird einen künstlich erzeugten, acht Meter hohen Tornado geben, in dessen »Auge« sich die Besucher begeben können. Der größte TeleskopSPIEGEL der Welt, übrigens ein deutsches Produkt, wird jedermann einen Blick ins Weltall erlauben, geboten wird auch eine Reise durch den Körper des Menschen.

SPIEGEL: Die bietet jede Wissenschaftssendung im Fernsehen.

BREUEL: Beim Fernsehen können Sie nur zusehen, bei uns werden Sie selbst aktiv. Sie können per Fahrsimulator durch die Blutbahnen rauschen.

Ein anderes Beispiel: Bilder aus dem Weltraum sind auch nichts Neues, aber bei uns können Sie live mit einem Kosmonauten in der Weltraumstation »Mir« reden und sich zeigen lassen, wo sich auf der Erde die Wüsten ausbreiten oder wie der Regenwald verschwindet.

SPIEGEL: Andere Projekte wirken reichlich provinziell, etwa wenn der Zoo in Hannover sich ein neues Elefantenhaus spendiert und das Ganze als Expo-Projekt »Zoo 2000« ausgewiesen wird.

BREUEL: Natürlich wird es Qualitätsunterschiede zwischen Expo-Projekten geben. Aber wir werden jedes Vorhaben bis zum Tag der Eröffnung kritisch begleiten und können immer sagen: So nicht.

SPIEGEL: Wer finanziert so teure Dinge wie die Standleitung zum Expo-Beauftragten im All?

BREUEL: Noch niemand. Genau dafür brauchen wir im Themenpark Sponsoren. Wenn ich ein aufstrebendes Kommunikationsunternehmen hätte, würde ich in die Hände spucken, um diese Chance zur Präsentation zu bekommen. Die Gelegenheit, mein Know-how fünf Monate lang einem Millionenpublikum beweisen zu können, kommt so schnell nicht wieder. Leider aber ist der Marktwert eines Expo-Auftritts noch nicht für jeden voll greifbar.

SPIEGEL: Sie müssen fast eine Milliarde Mark von Sponsoren einsammeln, um die Expo zu finanzieren. Was passiert, wenn Ihnen das nicht gelingt?

BREUEL: Im schlimmsten Fall stehen der Bund und das Land Niedersachsen mit einer Bürgschaft von 500 Millionen Mark gerade. Aber: Wir werden nicht nur eine schwarze Null erzielen, sondern wohl Gewinn machen. Daher suchen wir auch keine Mäzene, sondern bieten den Firmen was für ihr Geld: Das reicht von teuren, weltweiten Vermarktungslizenzen bis zu preiswerteren Engagements bei einzelnen Projekten und dem Firmennamen auf einer dezenten Tafel.

SPIEGEL: Solange es keine Inhalte für die Expo gibt, dürfen Sie sich doch nicht wundern, daß die Unternehmen nicht Schlange stehen.

BREUEL: Das Konzept der Expo steht. Wir können und wollen aber noch nicht alle Inhalte des Themenparks festlegen. Denn dann würden wir im Jahr 2000 den Stand von 1997 dokumentieren. Je näher wir dem Jahr 2000 rücken, desto konkreter werden die Inhalte.

SPIEGEL: Was kostet ein Quadratmeter im Themenpark?

BREUEL: Die Expo ist keine Messe. Kein Unternehmen kann sich einen Standplatz kaufen; wer aber etwa zum Thema Energie oder Wasserversorgung ein intelligentes Projekt oder Produkt hat, kann mitmachen. Unser Problem dürfte am Ende sein: Wer paßt hinein, und wen müssen wir wegschicken? Die Firmen jedenfalls müssen ihre Ausstellungsstücke selbst bezahlen, nur in Ausnahmefällen würden wir ein Projekt fördern.

SPIEGEL: Und die Besucher müssen eine Art Volkshochschule absolvieren?

BREUEL: Der Themenpark soll durchaus sinnlich wie ein Film inszeniert werden, eine Erlebniswelt mit unglaublichen Bildern - ohne daß Sie beim Eintritt Ihr Abiturzeugnis vorzeigen müssen. Natürlich werden im Themenpark ernste Probleme behandelt - Umwelt, Energie, Zukunft der Arbeit, Gesundheit. Für die Diskussionen, die wir anstoßen wollen, müssen die Menschen schon eine gewisse Offenheit mitbringen.

SPIEGEL: Und wenn die Expo ihre Pforten schließt, sind alle Probleme der Welt gelöst?

BREUEL: Nein, natürlich nicht. Es wäre absurd, wenn wir diesen Anspruch erheben würden. Wir zeigen, welche verschiedenen Lösungen es im Jahr 2000 gibt. Ob und wie die nachher umgesetzt werden, können wir nicht mehr beeinflussen. Allerdings hoffen wir, daß möglichst viele der durch die Expo angeschobenen Projekte weiterleben.

SPIEGEL: Sie sind für den zentralen deutschen Expo-Beitrag, den deutschen Pavillon, verantwortlich. Wie wird sich die Bundesrepublik der Welt präsentieren?

BREUEL: Ja, das ist das ganz große Geheimnis. Nein, jetzt mal im Ernst: Da sind wir einfach noch nicht soweit.

SPIEGEL: Woran liegt das?

BREUEL: Bund, Länder und Wirtschaft, die den Pavillon mit 280 Millionen Mark finanzieren, hätten eigentlich schon Anfang dieses Jahres eine gemeinsame Trägergesellschaft gründen sollen. Da müssen wir noch drauf warten, weil so viele Einzelinteressen unter einen Hut gebracht werden müssen. Am schwersten haben es da die Länder. Die müssen 16 Stimmen immer auf eine Meinung bringen.

SPIEGEL: Die Länder sind sich durchaus einig - vor allem in der Furcht, zwar zahlen, aber kaum mitreden zu dürfen.

BREUEL: Die Inhalte des Pavillons werden vom Aufsichtsrat der Trägergesellschaft bestimmt - und in dem sind die Länder stark vertreten. Die Aufsichtsräte berufen einen Intendanten, der ihnen kurzfristig einen Entwurf für eine ganzheitliche Präsentation Deutschlands vorlegt.

SPIEGEL: Auch die deutsche Wirtschaft fürchtet, für ihren 50-Millionen-Mark-Beitrag zuwenig Einfluß zu haben. Sind deshalb erst sechs Millionen Mark eingesammelt, weil die Firmen sich nicht einem Intendanten unterordnen wollen?

BREUEL: Unterordnen ist das falsche Wort. Der Intendant muß seinen Entwurf ja vom Aufsichtsrat genehmigen lassen, dort hat die Wirtschaft Einfluß. Natürlich gibt es auch innerhalb der Industrie eine unterschiedliche Expo-Begeisterung. Die Chemiefirmen sind beispielsweise sehr interessiert, während etwa der ganze Bereich Anlagenbau sich noch ziemlich zurückhält.

SPIEGEL: Wer haftet, wenn der Pavillon teurer wird als 280 Millionen Mark?

BREUEL: Wir haben ja Luft in unseren Rechnungen gelassen. Ich kann mir beispielsweise nicht vorstellen, daß 16 Länderkabinette zusammentreten, um Nachschuß zu bewilligen. Wir dürfen eben nicht teurer werden, auch wenn es ein hartes Stück Arbeit wird.

SPIEGEL: Ist die Akzeptanz der Expo nicht noch ziemlich gering?

BREUEL: Sie steigt. Aber wir müssen noch klarmachen, daß Deutschland noch nie so viele Besucher erwartet hat, und wenn wir gute Gastgeber sein wollen, fängt das nicht auf dem Expo-Gelände an, sondern schon beim Zöllner an der Grenze. Wir werden im Expo-Jahr einige tausend Kinder aus aller Welt einladen. Ein von mir gegründeter Verein kümmert sich um Anreise und Krankenversicherung. Für die Unterbringung in Familien und Praktika in Betrieben sollen Vereine, Verbände und Firmen sorgen. Besser kann ein freundliches Deutschlandbild kaum in die Welt getragen werden.

SPIEGEL: Zum Deutschlandbild gehört auch die geplante Darstellung von zehn Jahren Einheit im deutschen Pavillon. Soll das ein Jubelszenario werden?

BREUEL: Seit 1995 rede ich darüber regelmäßig mit einer Gruppe ostdeutscher Bürgerrechtler. Darunter sind der zur CDU gewechselte ehemalige Bündnis-Grüne Günter Nooke, der Sozialdemokrat Richard Schröder und Bärbel Bohley. Da können Sie gewiß sein, daß auch die Fehler bei der Einheit zur Sprache kommen.

SPIEGEL: Auch die der Treuhand unter ihrer damaligen Chefin Birgit Breuel?

BREUEL: Sicher. Es hat auch dort genügend gegeben. Da wird nichts verschwiegen.

[Grafiktext]

Aus dem Themenkatalog der Weltausstellung

[GrafiktextEnde]

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Aus dem Themenkatalog der Weltausstellung

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