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EIN HAUSHALTSMANN IN RIGA

aus DER SPIEGEL 17/1963

Im Koblenzer Prozeß gegen den ehemaligen Chef des Landeskriminalamtes von Rheinland-Pfalz, Dr. Georg Heuser, wurde der Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und ehemalige Ministerialdirektor im Bundeskanzleramt, Dr. Friedrich Karl Vialon, als Zeuge gehört. Vialon war vom Mai 1942 bis zum Oktober 1944 als Regierungsdirektor Leiter der Finanzabteilung bei der Behörde des Reichskommissars für das Ostland in Riga. Er sollte in Koblenz zu zwei von ihm im Auftrage unterzeichneten Erlassen (vom 27. August 1942 und vom 25. September 1942) Stellung nehmen.

Vialon 1942

»Im Falle der ganzen oder teilweisen Auflösung des Gettos werden die Häuser und Grundstücke wie der Grund und Boden außerhalb des Gettos von den zuständigen Stellen oder Eigentümern bewirtschaftet.«

»Alle Gold- und Silberwaren sind genau zu erfassen, näher zu beschreiben und durch Absendung an die Reichskreditkasse in Riga zu meiner Verfügung zu stellen. Eine Doppelschrift des Bestandsverzeichnisses ist mir vorzulegen. Die Ablieferung an die Verwertungsstelle in Berlin wird zentral von Riga aus durchgeführt.«

»Die anfallenden Spinnstofferzeugnisse sind, soweit sie nicht von den Beschaffungsabteilungen übernommen werden, der örtlich zuständigen Hauptstelle

der Ostlandfaser GmbH anzubieten.«

»Die Nutzung der Arbeitskraft der Juden geht in zweierlei Form vor sich:

a) durch Vermietung an öffentliche oder

private Arbeitgeber,

b) durch Betrieb von Werkstätten

(Regie-Betrieb).

Die Vermietung der jüdischen Arbeitskräfte wird im Auftrag des Stadt- und Gebietskommissars durch das örtlich zuständige Arbeitsamt durchgeführt. Dieses weist dem Arbeitgeber die angeforderten Juden zu und teilt dies der Vermögensverwaltung des Gettos ... mit.« (27. August 1942)

»Im Interesse der Erhaltung der Arbeitseinsatzfähigkeit der Juden bitte ich, dafür Vorsorge zu treffen, daß aus dem angefallenen jüdischen Vermögen, Wäsche, Kleidung, Schuhwerk und sonstige für den notdürftigen Lebensunterhalt erforderlichen, Gegenstände in ausreichender Menge zurückgehalten und gelagert werden. Es ist dabei darauf zu achten, daß nur minderwertige Gegenstände für diesen Zweck ausgewählt und an die Juden ausgegeben werden.« (25. September 1942)

Vialon 1963

»Ich bin Haushaltsmann gewesen, und das ist bei weitem der Hauptteil meiner Tätigkeit gewesen. Die Vermögensverwaltung war nur ein Teil meiner Tätigkeit.«

»Ich kannte nur den Tatbestand der Kasernierung der jüdischen Bevölkerung und der Einziehung des jüdischen Vermögens.«

»Der Tatbestand der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung ist mir nicht bekannt gewesen. Ich habe das, was da passiert ist, nach dem Kriege - ich möchte sagen: wie jeder andere - erfahren. Es ist damals (in Riga) nur gemunkelt worden über

Einzelausschreitungen von SS-Angehörigen.«

»Ich gehöre nicht zu den Leuten, die davon

hörten, ich bin als Berufs- und Fachbeamter dort hingekommen.«

»Ich hatte zwar von Einzelaktionen oder Ausschreitungen gehört, von planmäßiger Vernichtung habe ich nichts gewußt.«

»Mir ist bekannt, daß solches Vermögen (Gold und Silber) abgeliefert worden ist ... Entscheidender Gesichtspunkt war die Verhinderung der Bereicherung Dritter.«

»Ich kann nicht behaupten, daß das Schreiben (v. 27.8.42) gefälscht ist ... Ich betone aber ganz klar, daß ich mich an diesen Erlaß nicht erinnere, ich habe keine Kenntnis von ihm. Wenn er echt ist und trägt meine Unterschrift, dann trage ich die Verantwortung hierfür und muß dafür einstehen.«

»Das (der Ausdruck »minderwertige Gegenstände") war wohl eine politische Floskel, das Mindeste, was man damals in ein solches Schriftstück hineinschreiben mußte.«

Vialon

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