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Ein Jude verschwindet, eine Synagoge brennt...

Rolf Schneider über Carola Sterns Buch »In den Netzen der Erinnerung« Rolf Schneider, 54, lebt als Schriftsteller in Ost-Berlin. *
aus DER SPIEGEL 21/1986

Man kennt Carola Stern als eine beherzte Journalistin. Das Wort »beherzt« steht hier gleichermaßen für persönliche Courage wie für moralische Unverdrossenheit.

Im Pressebetrieb der Bundesrepublik, wo Zynismus als ein Qualitätsausweis gilt und die schönste Pointe jene ist, die das Geräusch einer klatschenden Ohrfeige erzeugt, wirkte Carola Stern, die von alledem so gar nichts hat, immer auf eine zarte Weise altmodisch. Sie hatte es darum lange Jahre in ihrer beruflichen Existenz nicht leicht. Zuletzt war sie Redakteurin beim Westdeutschen Rundfunk, der auch durch ihre unüberhörbare wie unübersehbare Präsenz in den Ruf eines Rotfunks geriet: Carola Stern war und ist, was man eine Sozialistin mit menschlichem Antlitz nennen darf.

Sie hat nun, inzwischen einundsechzigjährig, ihre Erinnerungen aufgeschrieben. Ihr Buch unterscheidet sich von vergleichbaren Memoirenbänden, indem es zugleich die Lebensgeschichte des Ehepartners mitteilt, in einem zweiten, die eigene Biographie ständig unterbrechenden und kontrastierenden Erzählstrang. Wohl dadurch bedingt, berichtet die Autorin von sich in der dritten Person. Die weibliche Zentralgestalt trägt den Namen Erika Asmus.

Es ist dies der Geburtsname Carola Sterns. Die Wahl ihres jüdisch klingenden Pseudonyms erfolgte unter dem Eindruck jüdischer Schicksale, von denen sie nach dem Kriege erfuhr- einige hatte sie auch, ohne alles recht zu begreifen, schon als Kind miterlebt. Das Generalthema dieser Erinnerungen ist damit angeschlagen. Hier versucht jemand alle auch nach vierzig, fünfzig Jahren noch vorhandenen Gefühle der - Mitbeteiligung und Mitschuld zu bewältigen: indem er freimütig davon spricht.

Schauplatz ist zunächst die vorpommersche Fischer- und Bäderinsel Usedom, der Ort heißt Ahlbeck. Erika Asmus, Halbwaise aus Kleine-Leute-Haus, erlebt ein deutsches Dutzend-Schicksal. Ihre zunächst die materielle Dürftigkeit streifende Kindheit wird genährt von Träumen, in denen allerlei Lichtgestalten Platz nehmen, Preußens Friedrich II., Romanfiguren von Walter Flex und der deutsche Führer Adolf Hitler. Gepeinigt von Ehrgeizigen und dem Gefühl, bloß ein häßliches Entlein zu sein erreicht sie schließlich eine mittlere Charge in der braunen Staatsjugend.

Sie sieht Juden verschwinden, eine Synagoge brennen, sie erschrickt darüber und beruhigt sich wieder, da auch ihre Umwelt sich beruhigt. Es kommen Krieg, Siegesrausch, Niederlage und Flucht, der erste alliierte Sieger, den sie sieht, trägt die rote Mütze eines kanadischen Fallschirmjägers. Es ist alles nichts Außerordentliches. Mit Lebenslinien dieser Art bestätigten Millionen Deutsche sich und der Welt, sie hätten doch bloß mitgemacht, gutwillig, in den Idealen betrogen; von den wahren Dimensionen des Schrecklichen hätten sie nichts gewußt.

Eben diese Entschuldigung mag sich Carola Stern nicht gestatten. Bei späterer Lektüre von Zeitungen jener Jahre erschrickt sie über das Ausmaß dessen, was da mitgeteilt und also auch zur Kenntnis genommen wurde. Man konnte fast alles erfahren: »Im Juli 1942 erklärte Gauleiter Stubenbaum auf Usedom, der Krieg habe »allein die Vernichtung der Juden und des ihm Hörigen zum Ziel« Dabei könne »im Innern wie im Waffengang kein Mittel scharf genug sein, die Vernichtung restlos durchzuführen« So gab es die Zeitung wieder«

Wie brachten es Millionen fertig, solche Informationen zu verdrängen? Carola Stern nennt ein paar Motive: Angst Anpassung, Opportunismus; sie erzählt die Geschichte ihres Lehrers Christian ehemals Sozialdemokrat, 1933 aus dem Schuldienst entlassen, später trägt er die braune Uniform, worauf er wieder unterrichten darf. Christian ist sehr beliebt seine Haltung wird maßstäblich für seine Schüler.

Carola Stern erzählt, wie anfängliches Entsetzen in kleinbürgerlichem Geschwätz versickert:

»In Ahlbeck wird der Ortsklatsch um das Fragespiel bereichert, wer im Ort nun eigentlich Jude sei. Kaufmann Wenisch, glauben einige zu wissen. Nein, der sei Armenier, sagen andere. Über die Juweliersfrau wird gemunkelt, daß sie als Halbjüdin zu gelten habe. Jedermann bekannt ist der Jude Mührberg der in der Seestraße ein Textilgeschäft besitzt. Seine beiden großen Söhne, Kuno und Karl-Heinz, bringt Herr Mührberg schnell in Sicherheit, wie es heißt, nach Palästina. Er selbst bleibt mit seiner Frau und Rosemarie, der kleinen Tochter, zunächst einmal daheim. Nach der Faustregel der Ella Asmus gehört der ihr gut bekannte Mann zu den anständigen Juden, die nichts dafür können und zu bedauern sind.«

In solchen von Bequemlichkeit, Feigheit, Beschwichtigung und Selbstbetrug bestimmten Schritten ging ein gesamtes Volk schließlich den Weg ins kollektive Verbrechen.

Hätte man anders gekonnt? Man hätte durchaus, sagt schuldbewußt Carola Stern und gibt als Beispiel die Geschichte ihres Lebensgefährten Heinz Zöger.

Er, 1916 geboren, Vollwaise, wird adoptiert von einem Leipziger Polizisten und wächst auf im Dunst deutschnationaler Kleinbürgerei. Durch seinen leiblichen Bruder wird er eingeführt in die Gefühlswelt und das Denken der deutschen Kommunisten. Von Beruf ist er Schriftsetzer, und er wird Mitglied der Antifaschistischen Jungen Garde, das ist die Jugendorganisation des Rotfront-Kämpferbundes; eine ihrer Führerfiguren hieß übrigens Erich Honecker. Nach dem Beginn von Adolf Hitlers Kanzlerschaft druckt der junge Zöger Flugblätter und verteilt aus dem Ausland herbeigeschmuggelte Zeitungen. Seine erste

Verhaftung erfolgt noch 1933, die erste Verurteilung im Mai 1934: neun Monate Gefängnis.

Nach seiner Entlassung gerät er in einen anderen Kreis Gleichgesinnter, dem vor allem Intellektuelle angehören. Der kommunistische Widerstand unter Hitler war nicht bloß die auf äußeren Effekt zielende tiefernste Versammlung von durchpolitisierten Plebejern. Er war auch so etwas wie eine in sich selbst verliebte Gegenkultur. Es konnte Einsprengsel von Boheme, sogar von bourgeoiser Mondänität geben.

Die alte KPD war, unter anderem, die politische Partei der expressionistischen Künstler und der fortgelaufenen Großbürger-Kinder gewesen, was sich noch bis in die Illegalität hinein erhielt. Man weiß davon aus der Geschichte des berühmtesten kommunistischen Widerstandskreises, der Roten Kapelle. Hier erfährt man, daß es bei den Zirkeln linker Hitler-Gegner in Leipzig und Dresden vergleichbar zuging.

Der Kommunist Heinz Zöger wird ein zweites Mal verurteilt, es ist jetzt das Kriegsjahr 1942. Er ist Häftling im Zuchthaus Waldheim, dann gelangt er nach Halle an der Saale. Dort wird er befreit durch die US-Armee, ein knapp dreißigjähriger Mensch, der auf einem geliehenen Fahrrad in seine zerstörte Heimatstadt Leipzig zurückkehrt. Sein bisheriges Leben hat aus Armut, Illegalität, Zuchthaus bestanden, aus dem miterlebten qualvollen Sterben seiner Gefährten und aus der Strahlkraft einer Emanzipationsidee, die ihm half, alles zu überstehen.

Hier endet Carol Sterns Bericht. Was danach kam, wird kaum angedeutet, überwiegend verschwiegen, obwohl es erheblich ist:

Heinz Zöger machte nach dem Krieg Karriere im Propaganda-Apparat von KPD und SED. Schließlich wird er einer von zwei Chefredakteuren des kulturpolitischen Wochenblattes »Sonntag«, das im Ost-Berliner Aufbau-Verlag erscheint. In diesem Haus ereignet sich 1956 etwas, das in Zeitgeschichtsbüchern, wenn überhaupt, als Harich-Affäre vermerkt ist.

Es handelt sich dabei um ein gravierendes innenpolitisches Ereignis der DDR; Wolfgang Harich, Verlagsdirektor, Philosophie-Dozent und glänzender Publizist, war wohl einer der prominentesten, nicht aber der kardinale Teilhaber. Der war vielmehr Walter Janka, damals Verlagsleiter, davor Interbrigadist im spanischen Bürgerkrieg und führendes Mitglied des mexikanischen Emigrationszentrums deutscher Kommunisten.

Wie viele seinesgleichen war er während seines Exils mit dem Hilfskomitee des Amerikaners Noel H. Field in Berührung gekommen. Um das Jahr 1950 wurde dieser Field zum jüdisch-amerikanischen Top-Agenten ausgerufen, durch Josef Stalin, worauf eine gesamte Serie von politischen Hochverratsprozessen in Osteuropa losbrach, die Hauptangeklagten hießen zum Beispiel Slansky und Rajk. Auch in der DDR sollte es einen solchen Prozeß geben. Es kam nicht mehr dazu, da im Frühjahr 1953 Josef Stalin starb. Ein Jahr später, mit der beginnenden Entstalinisierung, wurde dann auch, eher nebenher, Noel Field rehabilitiert.

Da setzte bei einigen Kommunisten in der DDR ein geradezu wütendes Auskunftsbegehren ein nach den historischen Wahrheit ihrer eigenen Partei, mitsamt dem Wunsch nach praktischen Konsequenzen. Die Ereignisse hätten womöglich einen anderen Verlauf genommen, wäre es nicht, übrigens aus vergleichbaren Anlassen, zu den Erosionen im Budapest des Imre Nagy gekommen. Hiermit war, wie es im Leninisten-Jargon heißt, die Machtfrage gestellt. Walter Janka und seine Freunde wurden festgenommen. Sie wurden zu Haftstrafen in unterschiedlicher Höhe verurteilt.

Einer der Betroffenen war Heinz Zöger. Man ersparte es ihm nicht, wie auch übrigens nicht Walter Janka, daß er seine Haft in der nämlichen Vollzugsanstalt Bautzen abbüßen mußte, in der er schon einmal, als von Hitler gejagter Kommunist, Gefangener gewesen war. Nach seiner Entlassung passierte er die damals noch offene Inner-Berliner Grenze, er wurde also nicht »freigekauft«, wie »Zeit«-Rezensent Gerd Bucerius mutmaßt.

Auch Erika Asmus hatte nach 1945 ihr Liebesverhältnis mit dem Leninismus, bis sie, 1951, ernüchtert den einen deutschen Staat gegen den anderen tauschte. Man darf darüber rätseln, weshalb Carola Stern alle diese Ereignisse vernachlässigt. Eigentlich gibt es dafür nur eine Erklärung: Sie mochte nicht noch eine Beichte liefern über die Abkehr von dem Gott, der keiner war. Bücher dieser Art existieren genug, ihre Alibifunktion für Ewiggestrige ist erwiesen. Carola Stern wollte vielmehr ein Buch schreiben über jenen Zeitabschnitt, der ihr wichtiger war, für sie selbst und für die Deutschen.

Mit den historischen sind zugleich die moralischen Prioritäten gesetzt. Das Reich des Bösen ist der Faschismus. Der Gott, der keiner war, trägt jedenfalls keine Fratze, Stalin hin oder her; über dem Buch hängt ein Hauch von Volksfront. Einmal notiert Carola Stern, »der Gedanke, es könne irgendwelche Ähnlichkeiten zwischen den Nazis und ihm, den sie verfolgten, geben, ist für Heinz absurd«. Der Behauptung wird von vielen widersprochen werden, was doch nichts daran ändert, daß sie die Wahrheit ist.

Rolf Schneider

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