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Ein Kardinal betet für Giuliano

aus DER SPIEGEL 29/1949

Ein seltsamer Zug bewegte sich durch die staubigen Straßen eines sizilianischen Städtchens. Geleitet von zwei Popen mit wallenden Bärten und hohen schwarzen Hüten und gefolgt von Carabinieri mit napoleonischen Zweispitzen segnete der Kardinal von Palermo die Menge, in reich mit Gold besticktem Gewande und mit der bauchigen Bischofskrone des griechisch-hatholischen Ritus auf dem Haupte. Ehrfurchtsvoll und dankbar beugten einige tausend Albaner vor ihrem Eparchen, ihrem Erzbischof, das Knie.

Genau fünf Jahrhunderte ist es her, daß die ersten Albaner auf der Flucht vor den Türken an den Küsten Siziliens landeten. Sie siedelten sich vor allem südlich von Palermo um das Städtchen Piana dei Greci an, das nun die Auslandsalbaner der ganzen Welt als ihre Hauptstadt ansehen.

Längst sind alle Albaner Siziliens italienische Staatsbürger geworden. Mit Francesco Crispi, der griechisch-katholisch getauft, im albanischen Seminar von Palermo erzogen wurde und der ebenso gut albanisch wie italienisch sprach, schenkten sie Italien einen seiner großen Staatsmänner.

Aber dabei blieben sie ihrem Volkstum und vor allem ihrer Religion stets treu. Der Vatikan tut sein möglichstes, um diese Albaner dem Stuhle Petri zu erhalten. Ganz Osteuropa soll es klar werden, daß die orientalischen Kirchen auch im Rahmen des Katholizismus ihre alten Bräuche beibehalten können. Selbst verheiratete Priester stehen auf der Liste der vatikanischen Konzessionen. Allerdings müssen die jungen Albano-Italiener schon auf dem Seminar die Ehe schließen. Nach dem Empfang der Priesterweihen ist es zu spät dafür.

Einmal im Jahr kommt der Kardinal-Erzbischof Ruffini aus Palermo selbst nach Piana dei Greci, um das wundertätige Bild der Madonna Odigitria zu krönen. Die Albaner verehren ihren Eparchen ebenso wie alle anderen Bewohner der Insel den »König von Sizilien«. Denn Kardinal Ruffini gilt heute als der beliebteste Kirchenfürst Italiens und dazu als einer der ersten Anwärter auf die Papsttiara.

Kein anderer hat aber auch soviel für sein Erzbistum getan wie der heute 61jährige Ernesto Ruffini. Der Norditaliener, in einem kleinen Dorf am Po in der Nähe von Mantua geboren, residiert seit fast vier Jahren in Palermo als Erzbischof in dem prächtig gelben Palast zwischen dem Schloß der Normannenkönige und dem Dom mit den Porphyrgräbern zweier Hohenstaufenkaiser.

Diese vier Jahre waren ein einziger Kampf gegen Armut und Analphabetentum. Für die Sizilianer ist der Kardinal einer der ihren geworden. Er verwendet sich tatkräftig für sie bei den weltlichen und kirchlichen Behörden in Rom. Dringt er nicht durch, so sorgt er selbst für Hilfe.

Vor drei Jahren kam der damalige Staatspräsident De Nicola mit einigen Ministern nach Palermo. Wie üblich wurden endlose Konferenzen über Schulhaus-, Lehrermangel und Analphabeten abgehalten. Die römischen Autoritäten machten die üblichen Versprechungen, wie die Sizilianer sie seit Jahrhunderten kennen. »Dann werde ich eben die Schulen schaffen«, erklärte Kardinal Ruffini unter dem ungläubigen Lächeln der Anwesenden. »Der Herr Erzbischof übertreibt«, zweifelte der Minister für Oeffentliche Arbeiten, Romita, und dachte an die gewaltigen Baukosten.

Doch der Kardinal schuf seine Schulen. In einer leeren Garage, auf einem Hinterhof, in einem Treppenhaus, unter einem Dach, zwischen Gartenbeeten, in einer Tischlerwerkstatt. Vor allem für Kinder zwischen acht und vierzehn Jahren. Im Verlauf von drei Jahren eröffnete der Kardinal 120 solcher Schulen. 112 von ihnen erhielten im vergangenen Jahr die staatliche Anerkennung.

Dazu kommen noch 66 Abendschulen für über zweitausend erwachsene Analphabeten. Doch noch immer kann die Hälfte aller Sizilianer nicht lesen und schreiben.

Ebenso schwer ist der Kampf des Kardinals gegen die Armut. Jeden Morgen fährt er in eines der ärmsten Viertel von Palermo, und arm sind sie fast alle. Dort geht er durch die engen, schmutzigen Straßen, auf denen das ganze bunte Leben der Palermitaner abrollt.

An irgendeiner Ecke läßt der Kardinal sich Tisch und Stuhl bringen, verteilt Geld, Segen und Madonnenbilder und steht jedem mit Rat und Trost zur Verfügung. Neben einem Fischstand, einem Abfallhaufen oder einer Ziegenherde. Ein wenig rücksichtsvoller Fotograf knipste den freundlich lächelnden Kirchenfürsten kürzlich sogar unter einigen zum Trocknen aufgehängten Büstenhaltern.

Selbst zu den Meldungen, die jetzt durch die italienische Presse liefen, daß er sich bei den Behörden für den Banditen Giuliano eingesetzt habe, lächelte der Kardinal nur freundlich. Nach Giulianos langer Verbrechensliste vermöchte heute auch der Kardinal nichts mehr für ihn zu tun, selbst wenn er wollte. Vor drei Jahren war das anders.

Damals versuchte Ruffini zwischen der Polizei und dem Banditen zu vermitteln. Zum Dank für seine Bemühungen ernannte Montelepre, die Hauptstadt von Giulianos »Königreich«, den Kardinal zum Ehrenbürger.

Dann las der Kardinal in der Kirche von Montelepre die Messe. Giulianos Familie war vollzählig erschienen. Vielleicht saß der Banditenkönig selbst in einer Ecke. Doch Giulianos Vater, den der Kardinal allein empfing, sagte, sein Sohn werde sich nie, auch unter den günstigsten Bedingungen nicht, der Polizei ergeben.

Heute weiß der Kardinal wie ganz Sizilien, daß Giuliano des Kampfes müde ist, daß er fast allein durch die Berge streicht, ohne jemanden anzugreifen, wenn er nicht selbst angegriffen wird, und daß er eine letzte Kugel für sich selbst bewahrt. Für den Kardinal ist Giuliano nur ein Schaf seiner großen und geliebten sizilianischen Herde und nicht das schlechteste. Allmorgendlich schließt deshalb der Kardinal in seiner Privatkapelle auch den Banditen in sein Gebet mit ein.

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