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ABGEORDNETE Ein komisches Gefühl

Viele der erstmals gewählten Abgeordneten kommen nicht als Neulinge nach Bonn ins hohe Haus. Als Referenten, Lobbyisten und Funktionäre kennen sie sich seit Jahren in der Parlaments-Routine aus.
aus DER SPIEGEL 43/1976

Als sie das erstemal -- 1969 nach Bonn kam, stieg sie ganz oben ein: als beamtete Staatssekretärin residierte Hildegard Hamm-Brücher zweieinhalb Jahre lang -- bis zu ihrer Rückkehr ins bayrische Parlament -- im zwölften Stock des Bildungsministeriums. Seit dem 3. Oktober gehört die Liberale aus München wieder zur Bonner Szene -- vorerst freilich auf niederer Ebene: Als eine von 124 Parlamentsneulingen, als »Jungfer im Bundestag« will sie zunächst einmal »kleine Brötchen backen«.

Ebenso wie ihrer neuen Fraktionskollegin Ingrid Matthäus. die als ehemalige Jungdemokraten-Chefin und als Mitglied des FDP-Bundesvorstands schon »den ganzen Laden« zu kennen glaubt, fällt der FDP-Präsidin Hamm-Brücher der Start im Bundestag leichter als manchem schlichten Neuling aus der Provinz: »Ich weiß, was mir blüht. Von diesem Wissen können viele Parlaments-Novizen zehren, denn so mancher hatte seine Bonner Lektion längst gelernt, als er erstmals für ein Abgeordneten-Mandat kandidierte.

Ob sie wie die ehemaligen Juso-Vorsitzenden Wolfgang Roth und Karsten Voigt bei Tagungen des SPD-Parteirats schon häufig im Fraktionssaal gesessen haben und die Fraktionshierarchen seit langem kennen (SPD-Parteivorständler Roth: »Wehner kann mich nicht einschüchtern."); oder ob sie wie der einstige CDU-Bundesgeschäftsführer Ottfried Hennig und der bisherige CDU-Pressesprecher Willy Weiskirch als Parteigehilfen im Bundeshaus ein- und ausgingen. Sie wissen auf Anhieb, so Christdemokrat Hennig, »wo die Glocken hängen«.

Ihnen ist auch geläufig, wie man sieh ein Abgeordneten-Biiro beschafft, das Auto unterstellt, in welchen Ausschuß man geht, wo die Sitzungssäle liegen. Hennig: »Bei mir entfallen zwei Jahre, die ein Neuling sonst zum Einarbeiten braucht.«

Zwei von diesen Bonn-Profis, Friedrich Voss, persönlicher Referent von Franz Josef Strauß, und Haimo George, Geschäftsführer des CDU-Wirtschaftsrats, brauchen sogar nur innerhalb der Bannmeile des Bundeshauses ihr Büro zu wechseln. George hat schon einen Karton gepackt, um als erster Neuer sein Abgeordneten-Büro zu beziehen.

Den Wechsel von der Lobby zur Legislative bewältigt Geschäftsführer George gelassen: »Mein neuer Abgeordneten-Ausweis«, erzählt er, fliegt irgendwo rum.« Ins Hohe Haus gelangt er sowieso -- als Geschäftsführer des Wirtschaftsrats durfte er bislang schon an Fraktionssitzungen teilnehmen.

Ein immerhin »komisches Gefühl« und Stolz darüber, »daß ich es endlich geschafft habe«, überkam den Journalisten Hans ("Johnny") Klein, als ein Saaldiener den frischgewählten CSU-Parlamentarier bei der ersten Fraktionssitzung bat, sich doch in die Anwesenheitsliste einzutragen. Als Bonner Korrespondent hatte Klein, der 1972 als Pressechef der Olympischen Spiele auch eigene. Publicity betrieb, »an die hundert Mal« vor den Türen des Fraktionssaales gestanden.

Den Sprung ins Parlament schaffte er, den sein Parteivorsitzender Strauß einstmals als »aufreißerischen Mann« tituliert hatte, erst beim zweiten Versuch. Vor vier Jahren hatte er noch geglaubt, sein olympischer »Sex-Appeal« und seine vermeintlich guten Beziehungen zum CSU-Chef würden ihm die Knochenarbeit in seinem Wahlkreis München-Mitte ersparen: »Da mußte ich umlernen.«

Leichter hatte es da Friedrich Voss, der Strauß bis nach China begleiten durfte und der in heiklen Angelegenheiten den Journalisten im Namen seines Herrn ausweichende Antworten zu geben pflegt. Der 45jährige Rheinländer wurde -- ohne jemals Wahlveranstaltungen im Bayrischen bestritten zu haben -- nach sieben Jahren im Dienst des CSU-Chefs mit einem sicheren Platz auf der umkämpften Landesliste belohnt. Und mit Hilfe von Strauß soll Voss sogar in die Fraktionsgeschäftsführung aufsteigen und dort den Aufpasser für seinen Schirmherrn spielen. »Was können wir schon dagegen tun?« fragt ein altgedienter CSU-Mann resignierend.

Der CSU-Mann aus Düsseldorf und die liberale Hildegard Hamm-Brücher, die schon als Kandidatin für einen Staatssekretärs-Job gehandelt wird, sind die einzigen Parlaments-Neulinge, die auf rasche Karriere hoffen dürfen. Der 27jährige Matthias Wissmann dagegen, als Vorsitzender der Jungen Union (JU) und erfolgreicher Wahlkreis-Kandidat nicht ohne Hausmacht, gibt sich ganz bescheiden. Er spricht von »mühevoller Kleinarbeit«, die ihn in der Bundeshauptstadt erwarte, vom »jugend- und familienpolitischen Bereich«, um den er sich kümmern will, und von der »nicht unwichtigen Erleichterung«, daß er nun als Abgeordneter mit einem Freifahrschein die Bundesrepublik bereisen darf. In diesem Punkt unterscheidet sich der JU-Chef kaum von dem einstiger Juso-Vorsitzenden Karsten Voigt, der schon immer »etwas in Bonn« war, nun »etwas mehr in Bonn« sein wird und sich glücklich schätzt, »nicht mehr jede Fahrt aus der eigenen Tasche bezahlen zu müssen«.

Allzu großen Erwartungen seiner Juso-Freunde hat der Südhesse Voigt beizeiten vorgebeugt: »Ich werde meine Meinung nicht dadurch dokumentieren, indem ich anders als die Mehrheit abstimme.

Extratouren und Alleingänge sind nicht Sache der Parlaments-Youngsters. Sie fürchten, daß es ihnen den Job kosten kann, wenn sie zu vorwitzig sind. »Um in Bonn ein Sandkorn zu bewegen«, philosophiert CDU-George, »braucht man die Kraft und Ausdauer, um ein Gebirge zu bewegen.« Deshalb will der bislang publizitätsfreudige und streitbare Lobbyist vier Jahre lang die Hinterbank drücken »und schweigen«.

Selbst der wortreiche Klein wird kleinlaut, wenn er seinen parlamentarischen Einfluß abschätzt: »Da ist man wie ein Beamter, der etwas verhindert und wenig bewirkt.«

Forschheit ist in Bonn, besonders bei Neulingen, nicht gefragt. Als Ingrid Matthäus in der Wahlnacht noch vor der FDP-Prominenz der Union im Fernsehen eine Koalitions-Absage für Hessen erteilte, wurde sie von ihrer Parteifreundin Hamm-Brücher prompt gerüffelt: »Keine Interviews.«

Dabei ist die FDP-Dame nach 22 Oppositionsjahren im bayrischen Landtag eigens nach Bonn gekommen, um »auch einmal Waderln zu beißen«. Doch welche Waderln gebissen werden dürfen, darüber bestimmen nicht die Neulinge, sondern die Fraktions-Manager.

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