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ENGLAND / BROWN Ein Kuß

aus DER SPIEGEL 46/1967

Europa-, Alkohol- und Frauen-Freund George Brown, Englands ungewöhnlicher Außenminister, tafelte mit rund 100 Personen beim Zeitungszar Lord Thomson im Londoner Savoy Hotel.

Der Lord wagte zu scherzen: Ein gewisser George Brown habe von seinem Arzt den Rat erhalten, wenn er hundert Jahre alt werden wolle, müsse er das Rauchen, das Trinken und die Frauen aufgeben. Er werde dann zwar auch keine hundert Jahre alt werden -- aber es werde ihm so vorkommen.

»Brown, der Clown« ("Daily Mirror") schlug zurück: Thomsons »Sunday Times« verrate den Sowjets, was England plane. Und: »Mein lieber Roy, Sie sind der einzige Mensch, der mich je im Leben betrogen hat.«

Nach Tisch wütete Brown weiter gegen Englands Zeitungen -- nach seinen Worten »die sich am meisten prostituierende Presse der Welt«. Dem Reporter des »Daily Express« entwand er den Bleistift und schleuderte ihn auf die Tischplatte.

Anfang Oktober bereits, auf dem Parteikonvent der Sozialisten in Scarborough, hatte sich Brown mit 20 Photographen angelegt. Als er Frau Sophie zu einem Tänzchen aufs Parkett führte, wollten sie die ministerlichen Samba-Schritte im Bild festhalten.

Brown: »Ich will hier nur mit meiner Frau tanzen, und ihr alle versucht, irgendein blödes Bild von mir zu machen. um 50 Pfund dafür zu kassieren. Sprachs, nahm seine Frau, klopfte einem Lichtbildner auf die Finger und verließ den Ballsaal.

Denn Tanzbilder von Brown ärgern Brown: Auf der »Queen Mary« tanzte Brown nach Mitternacht -- und Alkoholgenuß -- Frug und Watusi. Blitzlichter flammten auf -- das Bild des leicht derangierten Ministers erregte die Briten.

»Das Problem mit Mr. Brown«, so schrieb damals der »Daily Mirror«, »ist nicht. daß er zuviel trinkt. sondern daß er überhaupt trinkt.

Brown im Fernsehen: Ihr müßt mich nehmen, wie ich bin. Außerdem pflegte Winston Churchill auch zu trinken.« Brown aber hatte nicht nur getrunken, sondern auf der »Queen Mary« auch einer Dame das Ohr geküßt.

Prinzessin Margaret bat er wenigstens noch um einen Kuß und blitzte ab. Mädchen von niedrigerem Stande hingegen küßt er, ohne zu fragen.

Hinter der Sekretärin Daphne Anderson ("Hallo, Blondie") lief er her und küßte sie auf beide Wangen. Auch Janet Fairbrother, 20, »Miss Labour Party«, und Sheila Whitall, 19, die Vize-Miss, mußten die Miss-Wangen hinhalten.

Einen Kuß erhielt sogar Browns holländischer Kollege Luns. Nach einem Zwiegespräch verabschiedete sich Brown -- mit Handkuß. Frankreichs de Gaulle küßte er nicht, hakte sich aber bei ihm unter, als wäre er Madame.

Mit anderen Politikern ging er weniger liebevoll um. Als Kreml-Kossygin beim Staatsbesuch in London kalifornischen Pfirsich aß, lästerte der Brite: »Wissen Sie eigentlich, daß Sie damit den Vietnamkrieg unterstützen? Was ist das für eine Moral?«

Und auf Amerikas McNamara stürmte er mit den Worten zu: Sie alter Kriegstreiber.« Später küßte er den Amerikaner auf beide Wangen.

»Solch ein Luxus wie George Brown als Außenminister«, höhnte schon im Sommer der Publizist Peregrine Worsthorne, »ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Großbritannien immer noch über seine Verhältnisse lebt.«

Diesen Luxus, so entrüstete sich Englands Presse nach dem jüngsten Brown-Benimm. könne sich Großbritannien nun wirklich nicht mehr leisten. Fast alle Insel-Zeitungen forderten George Browns Rücktritt.

Brown nimmt alles fatalistisch: »Wenn ich Glück habe, werde ich in aller Stille vergessen. Wenn nicht, stürze ich ab -- ohne Fallschirm.«

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