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Ein Lehrstück in Sachen Ehre

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 52/1999

RUDOLF AUGSTEIN

Unter allen Menschen, die den Staat bestohlen haben, bleibt Helmut Kohl eine seltene Ausnahme: Er hat sich selbst, so weit man das irgend sehen kann, nicht bereichert. Dennoch hat sein Gebaren im Wurzelreich der Demokratie ärger gewütet als alle Skandale und Skandälchen um Geld und Gut vorher.

Der Vergleich mit der SPIEGEL-Affäre des Jahres 1962, wie Gunter Hofmann ihn in der »Zeit« anstellte, geht meines Erachtens fehl. Sicher, das war damals die erste Staatsaffäre der Nachkriegszeit, aber sie wurde von zwei Demokratoren angezettelt und beendete den Machiavellismus der beiden führenden Unionspolitiker Adenauer und Strauß. Beide wurden beschädigt, der eine, Strauß, sogar abgestraft. Ein Erwachen des Bürgertums aus einer Art Narkose war unverkennbar.

Der Fall Kohl liegt anders und bleibt das Millennium-Rätsel: Kohl lebte nicht zuletzt davon, dass er als redlicher Mann galt. So ist zu fragen, wie konnte ein derart erfahrener und durchsetzungskräftiger Politiker sich dazu verstehen, ein ganzes System der Geldentwendung quasi in einem Schattenreich zu unterhalten - ein Nebelheim. War er nur naiv? Die Antwort fällt leicht: Alles andere als das.

Was war es dann, was ihn trieb? Es war sein selbstbesessener Machthunger, der ihn dazu brachte, seine ohnehin starke Stellung unter Tage weiter auszubauen und seine Machtpositionen zu verstärken. Er scheute die ihm ganz sicher bekannte Illegalität nicht. Über seine Bimbeskonten machte er sich diejenigen gefügig, von denen er glaubte, dass er sie legal nicht erreichen könne.

Kanzler geworden, wollte er großherzig »die geistig-moralische Wende« herbeiführen. Sie blieb aus. Das System Kohl kam an ihre Stelle, ein System, das alle korrumpieren musste, die mit ihm in Berührung kamen. Es wirkte ansteckend.

Offenkundig bekannte Tatbestände, wie die undurchsichtigen Geschäfte des Kohl-Intimus Horst Weyrauch und andere trickreiche Finanzmanöver der CDU, die der SPIEGEL schon 1995 enthüllte, wurden von der Kanzlerpartei und ihren bayerischen Amigo-Kumpanen so selbstbewusst totgeschwiegen, als wäre der große alte Häuptling Adenauer noch im Amt. Die heute anklägerischen Wortführer in der Union hielten damals ebenfalls dicht oder wollten von diesen Schatullen nichts wissen.

Seinem oft gerühmten Aussitzen blieb Kohl auch diesmal treu. Er hätte der CDU und sich selbst einen Dienst erwiesen, wenn er jetzt rechtzeitig abgetreten wäre. Aber er beschloss, wie er es nannte, »zu kämpfen«. Das führte die Union nicht in eine Krise, sondern in einen Schlamassel.

Kein führender Politiker, ob nun Staatsmann oder nicht, wurde je von einem Generalsekretär derartig abgebürstet wie Helmut Kohl von seiner Generalsekretärin Angela Merkel in der vergangenen Woche - brüsk und ohne jeden Schnörkel. Allerdings ist die Union dafür bekannt, dass sie kein Mitleid kennt, wenn Wahlen anstehen und einer ihrer Anführer den Erfolg gefährdet.

Zwar ist der Wählerwille unberechenbar und auch durch Umfragen nicht genau abzuschätzen, aber ziemlich sicher ließ sich vor dem Kohl-Desaster voraussehen, dass Kanzler Schröder Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen verlieren würde. Schröders jetzige Koalition hätte sich dann nicht mehr halten können.

Es mag aber auch sein, dass das Wahlvolk ganz anders reagiert, als es derzeit den Anschein hat. Es könnte dieser größten Staatskrise nach dem Motto »Legt's zu dem Übrigen« auch mit Wahlenthaltung begegnen. Traditionell würde das jetzt der SPD zugute kommen.

Die Grünen werden unter Joschka Fischer jeden Kompromiss mitmachen, der sie den nächsten Bundestagswahlen näher bringen könnte. Ihr Selbsterhaltungstrieb wird sie noch in den Abgrund treiben. So hat Kohl seiner Ehre zwar Abbruch getan, aber wenigstens für zwei spannende Wahlkämpfe gesorgt.

Kohls und Gorbatschows Rolle in Sachen Wiedervereinigung wird ohnehin überschätzt. Man könnte ebenso gut die Außenminister Schewardnadse und Genscher und vor allem James Baker nennen. Kein denkbarer deutscher Kanzler hätte in einer solchen Situation anders handeln können.

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