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Ein letzter Tango

Von Carlos Widmann
aus DER SPIEGEL 15/1993

Als wollten sie die Güte des Stoffes prüfen, legen die kleinen braunen Hände sich streichelnd, kennerisch auf die Anzugbrust des Besuchers. Dann tastet sich der Präsident - zerstreut lächelnd und mit sanfter Stimme Komplimente schnurrend - über Schultern und Oberarme weiter, bis er auch den Rücken des Gastes erfaßt hat. Spielerisch gleiten seine Hände darauf noch an beiden Seiten des Rumpfes entlang, bis zu den Hüften hinunter.

Dies ist ein »abrazo«, eine Umarmung unter Männern, ausgeführt von Carlos Saul Menem. Die rituelle Begrüßung spielt sich ganz leger ab, vermittelt aber manchem das ungemütliche Gefühl, vom Staatschef Argentiniens nach Waffen oder versteckten Mikrofonen abgeklopft zu werden.

Sonst scheint Menem um seine Sicherheit unbesorgt. Anders als vor den meisten Regierungspalästen Lateinamerikas sind an der Casa Rosada von Buenos Aires weder Kampfanzüge noch Schnellfeuerwaffen zu erblicken. Blonde Gardegrenadiere nur, prächtig anzusehen in historischer Uniform, mit weißen Beinkleidern und Reitstiefeln bis zum Oberschenkel, halten Wache in den Portalen. Gelangweilt bohren sie die Spitzen ihrer Kavalleriesäbel in zierliche, eigens für diesen Zweck gefertigte Kissen.

Das Antichambrieren ist relativ kurzweilig, denn es gibt Ölgemälde von grasendem Rindvieh zu bewundern. Eine verdiente Ehrung: Den Viehherden vor allem hatte Argentinien seine Größe zu danken. Es mag heute schwer zu glauben sein, doch die Republik am La Plata - die fast so groß ist wie Indien, aber nur 33 Millionen Einwohner hat - galt gegen Ende der Belle Epoque als reichstes Land der Erde.

Menems manikürte Finger machen eine knappe, wegwerfende Geste. »Vergessen Sie die 40 Jahre des Niedergangs. Das ist abgeschlossen, Geschichte.« Seine Augen, goldbraun wie flüssige Nußschokolade, leuchten auf: »Schon 1991 sind wir aus der Bewegung der Blockfreien ausgestiegen. Das war nichts für uns. Argentinien gehört nicht mehr zu den Unterentwickelten. Der von mir begonnene Reformprozeß ist irreversibel. Unsere Rückkehr in die Erste Welt steht außer Frage.«

Leidenschaftlich hingefetzt oder mit beschwörender Insistenz vorgetragen, würden diese Sätze völlig unglaubwürdig klingen. Wer sich in der Zwölf-Millionen-Stadt Buenos Aires umgesehen hat, wo inzwischen über 40 Prozent der Einwohner weder fließendes Wasser noch Kanalisation haben (und wo ganze Vorstädte immer tiefer in die Dritte Welt einsinken), müßte den Redner für einen Phantasten halten oder für einen Schwindler.

Doch Menem spricht seine großen Worte leise, nachdenklich, fast nebenher. Er ist kein Demagoge der schrillen Sorte, dafür im persönlichen Gespräch von entwaffnender Chuzpe. »Der Name Argentiniens wird heute in Paris, London oder New York wieder mit Hochachtung ausgesprochen«, sagt der Präsident leise, mit verschleiertem Blick. »Es umgibt uns eine Note der Distinktion.«

Un toque de distincion: Das ist wie Reklame der Bekleidungsindustrie, die Sprache eines Emporkömmlings. In Menems Weltsicht hat sich der Wiederaufstieg des Landes (vorerst allenfalls ein Versprechen) zur Tatsache ausgewachsen: Argentiniens neue Statur ist eine Zwangsprojektion, eine Verlängerung seines persönlichen Aufstiegs.

Stolz weist der Präsident darauf hin, wie es ihm rückwirkend nun sogar gelinge, die Argentinier mit ihrer von Erbfehden zerrissenen Geschichte zu versöhnen. »Wer hätte sich das je vorstellen können, wir drucken jetzt Geldscheine mit den Porträts von Mitre, sogar von Rosas!« ruft Menem, die Brieftasche zückend.

Doch Bartolome Mitre und Juan Manuel de Rosas, Staatschefs im 19. Jahrhundert, repräsentierten den Gegensatz zwischen Städter und Gaucho, sie sind von vorgestern. Wann kommen die Gestrigen dran, wann wird es Geldscheine mit den Porträts von Juan Peron und seiner Frau Evita geben? Die Frage irritiert Menem. »In 20 Jahren vielleicht«, erwidert der peronistische Präsident kurz angebunden.

Schlechtes Gewissen? General Peron hatte das riesige, von den Briten erbaute Eisenbahnnetz verstaatlicht; der Erbe Menem ist jetzt dabei, es stillzulegen oder dem Meistbietenden zu verkaufen. Unter Peron waren die Staatsbetriebe geschaffen worden, die nun ausländischen Konzernen überlassen werden. Peron baute den Gewerkschaftsbund auf, den Menem ein halbes Jahrhundert später als innenpolitischen Feind bekämpft.

Und doch hat der Präsident - wie es scheint: nicht ohne einen Anflug von Selbstironie - die Stirn, sich als Willensvollstrecker des legendären »hombre« zu bezeichnen. »Bei seiner Rückkehr aus dem spanischen Exil vor 20 Jahren hatte der General allerhand revolutionäre Neuerungen vor«, sagt Menem treuherzig, »doch er war gealtert und niemand hörte ihm zu. Ich tue jetzt genau das, was er als Präsident getan hätte. Ist das nicht wahr?« Der Hofstaat, kurz aufgeschreckt, nickt mit gut gespielter Nachdenklichkeit.

»Die Toten muß man ehren«, fügt Menem mit feinem Lächeln hinzu, »aber man muß sie auch beerdigen. Wahlen gewinnt man mit den Lebenden.«

Das Kosmeten-Kabinett des Präsidenten hat an diesem Morgen glänzende Arbeit geleistet. Es besteht aus zwei Friseuren, einer Visagistin und einem Masseur, denen sich weitere Fachkräfte hinzugesellen: zwei Schneider, ein Diätarzt, ein Schönheitschirurg, ein Zahnhygieniker und ein Sporttrainer. Auch aus nächster Nähe ist nicht auszumachen, welcher Teil des mächtigen Haupthaars von Menem aus Eigenwuchs besteht und welche Partien kunstvoll eingeflochten sind. In der Gesichtsbräune tritt das Rot der Lippen vielleicht eine Spur zu deutlich hervor.

Seine 62 Jahre jedenfalls sind Carlos Saul Menem nicht anzusehen. Er kam am 2. Juli 1930 in der kargen Nordwestprovinz La Rioja zur Welt, und zwar als »Türke": Sein Vater, ein fliegender Händler mit Warenkoffer (Nähzeug, Kämme, Parfüm, später auch Teppiche), war ein Syrer aus der Sippe der Munim; Einwanderer aus jener Weltgegend werden in Lateinamerika - da ihre Vorfahren noch mit Papieren des Osmanenreiches angekommen waren - etwas abwertend »turcos« genannt. Aus der Sicht der Oberklasse von Buenos Aires kommt Menem nicht nur von weit her, sondern auch von ganz unten. Doch die Oberschicht, die Peron und den Peronismus haßte, hat den Peronisten Menem arrivieren lassen, hat ihn an ihre Brust gedrückt. Wie ein Soziologe der privaten Universität San Andres formuliert: »Er betreibt eine Wirtschaftspolitik, die früher nur mit aufgepflanztem Bajonett durchzusetzen war. Er spielt Fußball mit Maradona, Tennis mit Gabriela Sabatini. Im Fernsehen zeigt er dem Volk, wie gut er Tango tanzt. Er fährt einen Ferrari, er steuert Düsenjäger, er vögelt die Frauen der Oligarchie. Wer kann ihm da noch ausreden, daß er größer ist als Napoleon?«

»Habibi« (arabisch: Liebster) pflegte ihn seine Frau Zulema Fatima Yoma de Menem zu rufen, von der er sich 1990 - durch brachialen Hinauswurf aus der Präsidentenvilla - vor den Augen der fernsehenden Nation trennte. Dabei war die Einheirat in den (ebenfalls »türkischen«, aber eine Generation früher eingewanderten) Clan der Yoma, den reichsten und mächtigsten von La Rioja, die Voraussetzung für Menems Aufstieg zum Caudillo gewesen.

Der argentinischen Gaststudentin Zulema Yoma hatte er sich erstmals 1964 in Syrien genähert; das gemeinsame Damaskus-Erlebnis wurde zwei Jahre später von einem Imam legalisiert. Zu Christus fand Menem erst später, aber rechtzeitig; in Argentinien können laut Gesetz nur Katholiken Präsident werden.

Sorgfältig sein Frühstücksgetreide mit Erdbeerjoghurt löffelnd, schwärmt El Senor Presidente nun vom Heimatstädtchen Anillaco in der fernen Provinz La Rioja. »Dort wird jetzt ein Fünf-Sterne-Hotel gebaut, stellen Sie sich das vor, bei nur 2000 Einwohnern! Aber die Großgerberei, die wir dort hingestellt haben, ist ja auch ein Musterbetrieb. Sie bekommt Besuch aus aller Welt.«

Solche Unverfrorenheit gebietet fast schon Respekt. Jeder politisch interessierte Argentinier weiß: Jener Musterbetrieb gehört dem skandalträchtigen Familienclan der Yoma. Und wenngleich beide inzwischen die Scheidung eingereicht haben, so zeigen seine Worte doch, wie innig er weiterhin ihrer Sippe verbunden ist. Stört es ihn nicht, daß einige Yomas angeklagt sind, eigenhändig und massenhaft Millionen von Drogendollar aus Miami zur Geldwäsche nach Argentinien gebracht zu haben?

Daß er sich der anrüchigen Verbindung heute noch rühmt, zeugt von Menems Vertrauen in die eigene Unverwundbarkeit. Über die Korruptheit der Präsidenten-Entourage sind schließlich Bücher geschrieben worden, Bestseller. Aber was ist schon bedrucktes Papier? Solange die Fernsehsender seine permanente Selbstdarstellung als Argentiniens großer Macho unterstützen, fühlt Menem sich über Kritik erhaben.

Er weiß zudem: Sein internationales Prestige befindet sich auf einem Hochplateau. Wenn Lateinamerika in der Ersten Welt nicht mehr als hoffnungsloser Fall gilt, sondern wieder für Investitionen in Betracht kommt, ist das zu einem guten Teil sein Verdienst.

Ja, die 450 Millionen Latinos zwischen Mexiko und Feuerland bekommen nach einem verlorenen Jahrzehnt wieder gute Noten. Die Schuldenkrise der achtziger Jahre, welche die Banken der Industrienationen zu gefährden schien, gilt als überwunden. Es fließt wieder frisches Geld - nicht nur für den Zinsendienst. Das einst gefürchtete Wort »Reform« meint nun überall das gleiche: Marktwirtschaft, Privatisierung, Deregulierung.

Doch vor allem: Die Diktatoren sind weggefegt; freier Markt und Demokratie, so scheint es, gehören fortan auch in Lateinamerika zusammen.

Ohne Menem wäre diese Vision reinste Chimäre. Zu viele der Länder passen nicht ins Schema. Der Riese Brasilien, zwei Fünftel Lateinamerikas, ist nicht dabei: Dort endete der Honigmond von Demokratie und Marktwirtschaft unter dem Gauner-Präsidenten Collor im Desaster. Chiles Wirtschaftswunder wurde möglich unter der Diktatur des Generals Pinochet. In Mexiko verdankt der Reformer Salinas seine Macht der seit 1929 herrschenden Staatspartei PRI und dem institutionalisierten Wahlschwindel. In Peru kann sich der Reformer Fujimori gegen die alte Elite nur autoritär durchsetzen. In Uruguay wurden Privatisierungen durch eine Volksabstimmung sabotiert. Im ölreichen Venezuela erflehen darbende Massen den Putsch.

Um so heftiger klammert sich die Hoffnung westlicher Optimisten an den Wundermann Menem. »Argentinien zählt wieder«, verkündet das amerikanische Wirtschaftsmagazin Fortune. Und erst die Rhapsoden der Frankfurter Allgemeinen: »Nicht mehr Dritte Welt« sei Argentinien, verfügt eine Überschrift, Menem sei seit langem der »erste argentinische Präsident, der Staat und Gemeinschaft über die Interessen der Gruppen stellt«.

Daran ist vielleicht richtig, daß Menem die Demontage des Rechtsstaates primär im eigenen Interesse betreibt und nicht für irgendwelche Verbände. Was nicht bedeutet, daß »Gruppen« vernachlässigt würden: Als die Regierung bei der Privatisierung von Aerolineas Argentinas wegen »Unregelmäßigkeiten« zugunsten eines Interessenten verklagt wurde, ist der Fall dem zuständigen Richter abgenommen worden, noch bevor er Einsicht in die Akten nehmen konnte, und der Oberste Gerichtshof entschied im Eilverfahren zugunsten von Menem.

So war das ja auch gedacht, als der Präsident die Zahl der Oberrichter von fünf auf neun erhöhen ließ; dies gab Menem die Möglichkeit, sechs Richtersessel mit seinen Spezis zu besetzen. Seither ist es üblich, daß der Gerichtshof die Zuständigkeit an sich reißt, wenn Handlungen der Exekutive von einem Richter durchleuchtet werden könnten.

Nicht jeden Tag freilich wird die dritte Gewalt so kraß manipuliert wie im Fall Amira Yoma. Menems Schwägerin und einstige Vorzimmerdame wird seit zwei Jahren wegen einer Anklage in Spanien gesucht - ihr wird Drogengeldwäsche vorgeworfen. In Argentinien aber wurde der Fall einer Vertrauten Menems übertragen, der Richterin Maria Servini. Diese traf sich umgehend mit dem Präsidenten und kooperierte fortan so intensiv mit den Anwälten Frau Yomas, daß ihre Amtsenthebung gefordert wurde. Wie zum Hohn begnügte sich der Oberste Gerichtshof mit einer Geldbuße von 60 Pesos.

Gegen Amira Yoma, die in der Casa Rosada Menems Terminkalender führte, wurde schließlich Untersuchungshaft verhängt; gegen Kaution kam sie auf freien Fuß - obwohl ihr früherer Ehemann Ibrahim el-Ibrahim, ebenfalls auf Kaution frei, diese Chance zum Verschwinden genutzt hatte.

Ibrahim war, wenngleich syrischer Staatsbürger und dazu noch Offizier im Dienste des Diktators Assad, von Menem zum Zollamtschef des internationalen Flughafens von Buenos Aires ernannt worden. In dem Job ist Schmuggeln ein Kinderspiel: Wie viele Drogenmillionen Amira und Ibrahim innerhalb von zwei Jahren nach Argentinien gebracht haben, ist ebenso ungeklärt wie die Frage, wieviel der Präsident davon gewußt hat.

Fest steht dagegen, daß Menem persönlich dem saudischen Finanzier Gaith Pharaon einen ständigen Wohnsitz in Argentinien verschafft hat - einem Hauptaktionär der berüchtigten Bank of Credit & Commerce International (BCCI), die sich unter anderem als weltweit operierende Waschmaschine für Drogengelder einen Namen gemacht hat. Gaith Pharaon, gegen den in New York Haftbefehl besteht, ist der Eigentümer des neuesten und luxuriösesten Hotels von Buenos Aires.

Geld aus trüben Quellen hatte von Anbeginn nötig, wer Erbe Perons - oder Erbschleicher des Peronismus - werden wollte. Der alte Caudillo Vicente Saadi aus Catamarca, auch er ein »Türke«, zapfte um 1988 für seinen Protege Menem eine potente Finanzgruppe an: die linksradikale, sich auf Peron berufende Stadtguerilla der Montoneros. Die hatten einen Nibelungenschatz gehortet, allein durch Entführung Prominenter: Das Lösegeld für die Gebrüder Born (vom Mischkonzern Bunge & Born) betrug 60 Millionen Dollar.

Aus dieser Quelle wurde ein gigantischer Nachfahre des Papstmobils bezahlt, das immer luxuriöser werdende »Menemovil«, das 1989 mit angeschlossenen Karawanen auf Wahlkampftour durch Argentinien zog. Das Geld floß ohne ideologische Auflage: Die Guerrilleros waren fett und unpolitisch geworden im Exil, es ging ihnen nur noch um Amnestie, um Heimkehr. Diese Zusicherung an die Terroristen war eine der wenigen Wahlkampfversprechungen, die Menem gehalten hat.

Über 10 000 Menschenleben hatte die Blutorgie verschlungen, die von den Militärs im Jahrzehnt nach Perons Tod zelebriert wurde. Wohl ein Zehntel der Gemordeten waren Terroristen; die übrigen standen nur im Verdacht, verdächtig zu sein. Bisweilen dringt noch das Rauschen des Protests in die Casa Rosada - ein später, für den Präsidenten kaum vernehmbarer Nachhall der blutigen Jahre: Die »Mütter und Großmütter der Plaza de Mayo« verhelfen den »desaparecidos«, den für immer Verschwundenen, noch zu einer Stimme.

Menem hat die Massenmörder begnadigt: er, der im Wahlkampf geschworen hatte, er könne sich Gnade für die Schergen »nicht einmal denken«. Zu Silvester 1990 wurden sie freigelassen, und die Nation durfte zuschauen, wie der Diktator Videla, der jahrelang Folterknechten freie Hand gegeben hatte, dankbar zur Kommunion ging. 71 Prozent der Argentinier waren gegen die Amnestie. Doch jene Minderheit, die ihre Empörung auch artikulierte, irrte in einem Punkt: Die Begnadigung brachte keine Aufwertung der Militärs.

Nachdem Menem die alten Blutsäufer in die Freiheit entlassen hatte, strich er den Wehretat weiter gnadenlos zusammen. Ein Drittel des Offizierskorps ist in den vorzeitigen Ruhestand getreten; selbst aktive Offiziere müssen sich heute ein Zubrot in Zivil verdienen. »Ein Staatsstreich wird mit jedem Jahr unwahrscheinlicher«, räumt der Oppositionspolitiker Horacio Jaunarena ein.

Erstmals seit 1930 sind die Militärs kein politischer Faktor. Ihre Schuld aus dem »schmutzigen Krieg« gegen die Linke - sowie die Schande des gegen England verlorenen Falklandkriegs - nutzte Menem zu seiner Seelenmassage. Die Entsendung zweier argentinischer Kriegsschiffe in den Golfkrieg diente nicht nur der Anbiederung gegenüber George Bush, sondern auch der Beschäftigungstherapie für seine Soldaten.

»Menem lechzt unentwegt nach dem Beifall von der richtigen Seite«, behauptet ein Amerikaner, der es wissen muß. Es sei der Traum des Präsidenten, demnächst als erster Staatschef Südamerikas in Bill Clintons Weißem Haus empfangen zu werden. Totale Erfüllung indessen dürfte der »Türke« erst finden, wenn er im Buckingham Palace - unter den Blicken von Argentiniens alter anglophiler Aristokratie - der Queen seine Aufwartung machen darf.

Ist dieser Menem wirklich personengleich mit jenem linksperonistischen Provinzgouverneur, der 1986 nach der Bombardierung libyscher Ziele durch die Amerikaner den Abbruch der Beziehungen zu Washington verlangt hatte _(* Im Hintergrund ein Bild von Evita ) _(Peron. ) und der sich im Wahlkampf 1989 von einer Woge des Antiimperialismus tragen ließ und einstimmte in den rohen Rhythmus alter Peronisten-Lyrik: »Wir Argentinier trinken unseren Wein/Die Coca-Cola steckt euch hinten rein«?

Wenige Peronisten hatte es stutzig gemacht, daß ihr Kandidat viele Reden mit einem Refrain von wundersamer Beliebigkeit abschloß: »Für die armen Kinder, die Hunger leiden. Für die reichen Kinder, die traurig sind. Für die Rentner, die Arbeiter ohne Arbeit, die Familien ohne Brot. Folgt mir, ich werde euch nicht betrügen.«

Besonders Rentner erinnern sich jener Sprüche, denn Menem hat ihre Lebensgrundlage vernichtet. Zeitungsgeschichten über eine Selbstmordwelle unter Pensionären wurden bald abgelöst von der Meldung, die Altersversorgung werde jetzt privatisiert.

Dennoch hat die Realitätsflucht, die so typisch ist für Buenos Aires, derzeit keine Konjunktur. Wo bleiben denn die Rentnerinnen, die sonst immer vor der Gruft von Carlos Gardel ihre Nostalgie pflegen? Verwelkte Blumen stecken zwar noch unter dem einen Arm seines Standbilds, doch die zwei Finger der rechten Hand warten vergebens auf die gewohnte Zigarette. Die Verehrerinnen des größten Tangosängers aller Zeiten kamen früher bei jedem Wetter in den Friedhof Chacarita, um eine anzurauchen und sie dem Denkmal ihrer Jugendliebe zwischen die Finger zu schieben.

Sein Lächeln, im Grünspan gefroren, wirkt nicht so gewinnend wie auf alten Fotos. Nach seiner Verehrerschaft zu urteilen, stellt Gardel eine Kreuzung aus Richard Tauber und Rodolfo Valentino dar, ist aber schon 58 Jahre tot: verbrannt 1935 in einer Ju-52 auf dem Flughafen von MedellIn, auf der Höhe seines Weltruhms. Wer Argentinier fragt, warum sie noch die alten Gardel-Platten auflegen, bekommt zur Antwort: »Aber er singt doch immer besser . . .«

Könnte es sein, daß der Totenkult in Buenos Aires seinen alten Schwung verloren hat? Vor einer bescheidenen Gruft in Chacarita liegt nicht einmal eine Blume, und ein Friedhofswärter fuchtelt zum Spaß mit dem Staubwedel über die Plaketten: Der hier begrabene Generalleutnant Don Juan Domingo Peron könnte irgendwer gewesen sein. Vor ein paar Jahren noch, als Frevler aus Gruft und Sarg seine Hände entwendeten, brach Katzenjammer aus; es gab einen »Sühne-Gottesdienst«, mit herzzerreißenden Szenen.

Der Leichnam Evitas, blond wie in den Jahren des Triumphes, doch bei der Einbalsamierung geschrumpft zur Größe einer Zwölfjährigen, hat nach langer Irrfahrt endlich seine letzte Ruhestätte gefunden: nicht in Chacarita an der Seite des Generals, sondern ausgerechnet in der Recoleta, dem Friedhof der Oligarchie, wo Evas Bruder der Erwerb einer Gruft gelungen war. Hier, unter ihren Hassern, dürfte die Haßliebende Frieden gefunden haben.

Symptome von Nekrophilie sind nicht festzustellen: keine auf den Knien rutschenden Betschwestern, keine gramgebeugten Kaffeehausproleten, keine Kerzen, keine Blumen. Könnte es sein, daß Menems Rechnung aufgeht, daß er als Usurpator triumphieren wird über Argentiniens große Toten?

Der Stenz als Staatsmann. Menem hat sich den absurden Backenbart stutzen lassen, und seine Anzüge erinnern nicht mehr an den Berufsstand des Zuhälters. Und doch hätte der Kreuzzug für Marktwirtschaft und Demokratie keinen unwahrscheinlicheren Protagonisten finden können als diesen früheren Linksperonisten und Virtuosen des Wortbruchs, der sich den Rechtsstaat untertan macht.

Ob die ordoliberale Roßkur seines dynamischen, in Harvard ausgebildeten Wirtschaftsministers Domingo Cavallo Erfolg haben wird, muß sich erst zeigen. Vorerst werden noch Milliarden gescheffelt durch den Ausverkauf des staatswirtschaftlichen Familiensilbers; da fällt es leicht, sich vor der internationalen Bankenwelt eine Zeitlang als Musterschuldner zu bewähren.

Die andere Trumpfkarte ist die Eindämmung der Inflation: nur noch 18 Prozent im letzten Jahr, obwohl sie vorher jährlich Tausende von Prozent ausmachte. Das wurde erreicht mit einem klassischen Mittel: Die Zentralbank darf nicht mehr Pesos in Umlauf bringen, als sie an Devisen und Gold einnimmt. Zusätzlich mit der Zwangsparität zum Dollar macht das Argentinien zum teuersten Land der Region - für Empfänger kleiner Gehälter, die nicht hinreichend angepaßt werden, ist das schlimmer als schmerzhaft.

Am krassesten wirkt sich die Überbewertung des Peso auf die Außenhandelsbilanz aus: Argentiniens Importe nahmen um fast 80 Prozent zu, wogegen die Exporte der Exportnation stagnierten; das Defizit von knapp drei Milliarden Dollar wird in Buenos Aires durchaus als Unheilssignal bewertet.

Tiefer greifend aber ist die »Kulturrevolution«, die Menem in Argentinien in Gang gebracht hat: Er gibt selber zu, daß er den Wilden Westen keineswegs als abschreckendes Beispiel empfindet und den Kampf aller gegen alle - bei möglichst wenig Staatspräsenz - als optimalen Urzustand betrachtet.

Ohne Überheblichkeit, eher mit einem Unterton des Bedauerns, kann Menem verkünden: »Offen gestanden, ich sehe leider keine Alternative zu mir.« 1956, ein Jahr nach seinem Sturz, schrieb Peron aus dem Exil in Panama: »Ich hatte befürchtet, daß nach mir ein durchtriebener Bursche an die Macht gelangen könnte.« Erst jetzt, 37 Jahre und 16 Präsidenten später, ist dieser Ernstfall in Argentinien eingetreten.

Es fragt sich nur noch, ob Carlos Saul Menem durchtrieben genug sein wird.

[Grafiktext]

_165_ Argentiniens Wirtschaftsstabilisierung: Saldo Handelsbilanz

_____ Argentiniens Wirtschaftsstabilisierung: Inflation

[GrafiktextEnde]

* Im Hintergrund ein Bild von Evita Peron.

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