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Ein Mann geht durch die Luft

aus DER SPIEGEL 25/1948

Die Zugspitzbahn hatten einen ganzen Sonderzug von Presseleuten hochgeschleppt. Man erwartete einen Grenzübertritt an der Zugspitze, wie er so leicht nicht alle hundert Jahre vorkommt. Amerikas hochaktuelle, hochinteressante Zeitschrift »Life« will eine ganze Seite mit Titelbild davon haben.

Hans Zimmer, Chef der Camilla Mayer-Hochseiltruppe, hatte die Idee ausgeheckt, eine tolle Idee: Vom österreichischen Westgrat der Zugspitze bis zum Turmgebäude der Seilschwebebahn auf dem deutschen Gipfel ein 130 m langes Seil spannen und darauf in einem Auf-Leben-und-Tod-Gang in 2976 m Höhe balancieren.

Hans Zimmer, heute ein vitaler 60er mit einem stets bereiten Lächeln, hatte es von jeher mit der Artistik. Bis 1933 mehr theoretisch: Er schrieb über den Zirkus. Nach einer Gestapo-Haft fing er als Arbeiter bei der Seiltruppe Camilla Mayer an. Als Camilla, der Star der Truppe, 1939 in der Deutschlandhalle tödlich abstürzte, unternahm es Hans Zimmer, unter ihrem Namen und in ihrem Sinne das artistische Unternehmen fortzuführen.

Von den 40 Schülern, die sich anfangs in seiner Breslauer Artistenschule zusammenfanden, waren nach ein paar Wochen fünf übrig. Zwei blieben bei der Balance-Stange: Sigwart Klotzbach, kurzweg Bach genannt, und Gisela Lenort. Beide kannten sich von Kindheit an.

Der Krieg trieb die Breslauer Artisten und ihre Helfer auseinander. 1945 fanden sie sich in Dresden wieder zusammen, nicht nur die Seilakrobaten, sondern auch die wichtigen Spezialtechniker Neue Masten wurden beschafft, es wurde geprobt und hart gearbeitet, und die Camilla Mayer-Truppe hatte bald einen Namen, nach einer erfolgreichen Frankreich-Tournee auch im Ausland.

»Und heute sind wir höher gekommen als je zuvor«, sagt Hans Zimmer angesichts der auf die Zugspitze getriebenen hohen Seilkunst. Es soll die Abschiedsvorstellung der in Garmisch-Partenkirchen gastierenden Truppe sein. Die Quäker haben sie nach USA eingeladen. Der Erlös der Vorstellungen wird zum Ankauf von Lebensmitteln für deutsche Kinder und für die Arbeiterwohlfahrt verwendet werden.

Für den Zugspitz-Seilakt waren beträchtliche Vorbereitungen notwendig. Zunächst reichten die Seile nicht aus, denn es waren parallel zum Laufseil zwei Abschirmseile zu spannen und darüber wieder Querseile mit daran befestigten Bremsklötzen der Zugspitzbahn. Die Amerikaner spendeten ein Quantum und München zwei Tonnen Seil dazu.

Die Techniker kletterten mit einheimischen Bergsteigern im steilen Grat herum, um die Verstrebungen in die Felswände einzubetonieren. Vier Tage lang riskierten sie Kopf und Kragen.

Am Tage vor der endgültigen Vorstellung fand ein Probelauf statt. Ursprünglich hatte Gisela Lenort mit ihren 18 Jahren den Gang über die 1000 m tiefe Schlucht tun sollen. Aber angesichts der außerordentlichen körperlichen Anstrengungen, die dieser Grenzübergang mit sich bringen würde, war der 19jährige Sigwart Bach für sie eingesprungen.

Vorsichtig wagte sich Sigwart, die 60 Pfund schwere Balancestange in den Händen, über den Abgrund hinaus. Nach 30 m kehrte er um. Das Seil schwankte. Es hatte einen Ausschlag von fast 50 cm.

Die Bremsklötze wurden eingeholt und je 40 m des Laufseils am Anfang und Ende verstrebt. Gelernte Bergsteiger hielten die Taue in der Felswand straff. Auf österreichischer wie auf deutscher Seite war je ein Polizist dabei.

Um 10 Uhr vormittags bestieg Sigwart Bach das Seil, um endgültig das Wagnis zu beginnen. Ein verhältnismäßig starker Wind trieb dichte Nebelwolken vor sich her, so daß der Reporter von Radio München noch immer von Vorbereitungen sprach, als Sigwart bereits 40 m des Seils hinter sich hatte.

Er war am schwierigsten Punkt des Seilgangs angelangt. Er hing über dem Abgrund und vor den im Nebel verschwimmenden Alpengipfeln wie ein Anhängekreuzchen zwischen Himmel und Erde.

Anstatt des gewohnten Fußanschlags am Seil setzte er von oben her Schritt für Schritt voran. »Nicht bewegen«, schrie er, als ein Zuschauer seinen Platz verließ.

Gisela Lenort lief ihm auf dem Seil entgegen. Sie kniete nieder. Vorsichtig stieg Sigwart über sie hinweg und lief geradenwegs Hans Zimmer in die Arme.

Die Männer schämten sich nicht ihrer Tränen. Sigwart war trotz Blumen und jubelnder Begeisterung das, was man fix und fertig nennt.

»Ich würde das noch einmal machen«, sagte er später, »aber nicht unter diesen Umständen«. Er hat es inzwischen noch einmal gemacht, und in der Tat unter anderen Umständen. Erstens war das Wetter nun völlig ruhig, und außerdem ging Sigwart diesmal rückwärts bis zur Mitte des Seils.

Gisela folgte ihm. Sie kniete wieder einen Meter vor ihm auf der Seilmitte nieder, Sigwart stieg über sie hinweg und ging zu seinem Ausgangspunkt zurück. 7 1/2 Minuten dauerte es, bis Gisela und Sigwart wieder festen Boden unter den Füßen hatten.

Es waren nur geladene Vertreter von Presse, Rundfunk und Film bei dieser Höchstleistung anwesend. Herr Klotzbach sen., Sigwarts Vater, der als Beamter in Landshut lebt, hatte den Zug versäumt und war zum ersten 3000-m-Hochseillauf des Sohnes zu spät gekommen. Die Mutter war lieber gleich daheim geblieben.

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