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Ein Mann macht Kunstbriefmarken

aus DER SPIEGEL 18/1948

Er sei kein Fälscher, er sei ein Künstler, hatte Jean de Sperati erklärt. Briefmarkensammler und Briefmarkenhändler in aller Welt waren gespannt, was das Gericht dazu sagen würde.

Jean de Sperati ist der Erfinder dessen, was er die »Briefmarkenkunst« nennt. Man kann bedenkenlos annehmen, daß er der bekannteste Mann in französischen Philatelistenkreisen ist. Es ist durchaus zweifelhaft, daß diese Kreise ihn zu ihren liebsten Bekannten zählen.

Seit 1945 kamen in Paris und Marseille wertvolle seltene Briefmarken zu spottbilligen Preisen auf den Markt. Sie waren gefälscht, Imitationen. Die Händler hielten sie anfangs für echt, und die Marken waren in der Tat hervorragend gefälscht. Sie waren so schön geraten, daß man von ihrem Hersteller als dem Rubens der Philatelie sprach. Selbst gewiegte Experten erkannten nicht immer, daß es sich um Nachahmungen handelte.

Im Oktober 1947 wurde der Mann verhaftet, der bei der Imitation seltener Briefmarken eine so penible Kunstfertigkeit an den Tag gelegt hatte: Jean de Sperati, ein Italiener, der in Annecy in Savoyen ansässig ist, eine Mann aus angesehener Familie. Man ließ ihn auf freien Fuß, wegen seines schlechten Gesundheitszustandes. De Sperati ist schwer lungenkrank.

Jean de Sperati entwickelte ein Verteidigungssystem, das auf den ersten Blick einer gewissen Logik nicht entbehrte. »Es gibt«, erklärte er, »kein Gesetz, das die Nachahmung von Briefmarken zu Sammlerzwecken verbietet. So wenig wie ein gesetzliches Verbot besteht, Möbel der verschiedensten Stile nachzumachen.«

Im übrigen habe er seine Marken, die von ihm hergestellten Imitationen, nie zu den Katalogpreisen der echten verkauft, sondern nur 1 Prozent der Katalogpreise genommen. Es sei ihm darum zu tun gewesen, daß jeder Sammler, auch der kleine unbegüterte, sich in seinem Album billige Exemplare von Briefmarken erlauben könne, deren Originale ein Vermögen wert seien.

Er habe nie an Briefmarkenhändler direkt verkauft. Wenn seine Marken indirekt in die Hände von Händlern gelangt seien, die sie für echt gehalten, sie im guten Glauben als echt verkauft und dabei ein gutes Geschäft gemacht hätten, so sei das ihre Sache.

»Daß ich stolz auf meine Schöpfungen sein kann und ein Künstler bin, geht schon daraus hervor, daß die Briefmarkenexperten sich heute noch wegen der Echtheit dieser Marken streiten«, argumentierte Jean de Sperati weiter. Er sei überhaupt darauf ausgewesen, den anerkannten Fachphilatelisten ihre Unzulänglichkeit nachzuweisen.

Der Verband der französischen Briefmarkenhändler zeigte diesen Darlegungen eine außergewöhnlich kalte Schulter. Er erklärte rundheraus, daß es sich um vorsätzlichen Betrug handele und um nichts sonst.

Auch das Pariser Gericht, vor dem der Fall jetzt nach einer Reihe von Verhandlungen entschieden wurde konnte sich nicht entschließen, den Gedankengängen Jean de Speratis zu folgen. Es verurteilte ihn zu einem Jahr Gefängnis. 100 Francs Geldstrafe und zur Zahlung von 300000 Francs an die Organisation der Briefmarkenhändler.

Die klippklare Auffassung des Gerichts war: Die Herstellung und der Verkauf von Fälschungen stellen eine betrügerische Handlung dar. Den französischen Briefmarkenhändlern fiel ein Stein mittlerer Größe vom philatelistischen Herzen.

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