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* 8. Die Zukunft der Kultur * 8.2. Technik und Ästhetik EIN MAUSKLICK, UND DIE KASSE STIMMT

Die Digitaltechnik verändert Hollywood und die Filmkultur.
Von Christian Habbe
aus DER SPIEGEL 45/2000

Eine Welt jenseits unserer Vorstellungskraft« verspricht Wald Disneys neuester Zeichentrickfilm: Vorn brüllen die Echsen, und im Hintergrund entrollt sich spektakulär das Urweltpanorama.

Der Lichtstrahl für das Kinobild kommt aus dem kleinen Loch vor dem Vorführraum wie immer - aber nicht mehr von der Filmrolle. Eine schimmernde Fläche aus 1,3 Millionen mikrofeinen Reflektoren flirrt hinter der Optik des Projektors: Durch elektrostatische Kräfte bis zu 5000-mal pro Sekunde bewegt, lenken die winzigen Spiegel ihre Lichtpunkte auf die Leinwand.

Disneys »Dinosaurier« sind Vorboten des Kinos von morgen. Vom Drehort bis zur Wiedergabe funktioniert alles nur noch digital. Der Film kommt nicht mehr in der Blechbüchse ins Kino, sondern als Datei - und bald wohl gar als Satelliten-Beam direkt aus Hollywood.

Die Technik für vollelektronisches Kino läuft weltweit schon in rund 30 Lichtspielhäusern, unter anderem in Berlin, Düsseldorf und Köln. Ausrüster rechnen damit, dass »E-Cinema« in zwei Jahren überall eingeführt wird - ein historischer Akt, denn damit fiele, so der Sony-Manager Horst Niederehe, »die letzte Bastion analoger Informationstechnik«.

Die Branche freut sich auf den Boom: Den Ausrüstungsbedarf bei den Abspielstätten schätzen Branchendienste allein in der Bundesrepublik auf 2,5 Milliarden - anderthalbmal so viel wie der Jahresumsatz in deutschen Kinos.

Die Umrüstungskosten können Produzenten und Verleiher leichten Herzens aufbringen, denn mit der neuen Technik geraten sie in eine »win win win«-Situation, wie Sony-Manager Niederehe glaubt. Allein für Herstellung und Transport von Kopien gibt die Filmwirtschaft bisher jährlich über zehn Milliarden Mark aus; davon könnte sie künftig an die 90 Prozent sparen. Hollywood will in den nächsten vier Jahren jeden Film auch im digitalen Format anbieten, die Ufa-Kinowerbung will in Deutschland fürs Erste 500 Abspielorte mit digitaler Technik für Satellitenübertragung ausrüsten.

Noch erreicht auch die hochauflösende E-Technik neuesten Standards nicht immer die Schärfe und Farbtiefe einer frisch vom Negativ gefertigten Erstkopie. In der Praxis allerdings kommen statt dieser »Sahneversion« (Filmregisseur Wim Wenders) nur Massenkopien ins Kino, deren Qualität von der neuen Elektronik, zumindest im Urteil des Publi-

kums, allemal erreicht wird. »Sie lieben es«, beobachtete Disney-Manager Phil Barlow bei E-Vorstellungen.

Unter Filmemachern ist das Echo dagegen geteilt - nicht zuletzt aus Sorge vor noch mehr Hollywood-Dominanz: Der technische Vorsprung in der E-Film-Sparte stärkt auch bei den Inhalten die Vorherrschaft der US-Studios.

Zudem: Bei Innenaufnahmen weichen die Ergebnisse von herkömmlicher Technik und elektronischen 24p-Kameras wie Sonys »HDW-F 900« noch voneinander ab. Das Fachblatt »Filmecho-Filmwoche« fand sogar, dass es sich nach wie vor »um zwei unterschiedliche Medien handelt«.

Michael Ballhaus, Professor beim »Filmstudium« der Hamburger Universität und gefragter Kameramann bei Qualitätsprojekten, empfiehlt den Studenten, sich auf die »Technik der Zukunft« einzustellen, möchte selbst aber weiterhin »bestimmte Sachen lieber auf Film drehen«.

Regisseur Wim Wenders hat sich die einst verhasste »Todfeindsprache« der digitalen Bilder schon angeeignet. Wenders, der seinen Kuba-Film »Buena Vista Social Club« teilweise mit digitalen Amateur-Camcordern gedreht hat, erwartet sogar neue Impulse für die Kinokultur: Theoretisch könne mittels einfacher Digitalausrüstung »jeder Filmstudent, der etwas auf dem Kasten hat«, alle Kinos der Welt erreichen.

Allerdings wird die bevorstehende Kinovernetzung auch schärfere Erfolgskontrolle erlauben. Angaben über Anzahl und Reaktion der Zuschauer erreichen dann auf direktem Weg die Verleihzentrale. Zielgruppengenaue Kinoreklame würde möglich. Kein Problem mehr, Angebot und Präsentation der Werbung auf das »soziale Umfeld« des Kinos zuzuschneiden - und warum dann nicht gleich als Einblendung wie beim Autorennen?

Zudem rückt ein Alptraum der Filmemacher näher: korrigierende Eingriffe des Produzenten noch im Kino. Bisher entscheiden, bei aller Einflussnahme der Geldgeber auf Drehbücher und Schnitt, einzig die Zuschauer über den Geschäftserfolg, sobald die Filmrollen erst einmal im Umlauf sind.

Dieses ärgerliche Restrisiko der Studios lässt sich beim »E-Cinema« noch beseitigen. Floppt ein Film wider Erwarten, lassen sich die umsatzstörenden Passagen nachbessern und die Dateiänderung umgehend an alle Digitalkinos übermitteln. Ein Mausklick, und die Kasse stimmt wieder. CHRISTIAN HABBE

* Beim Nachbearbeiten eines Videoclips der Toten Hosen.

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