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Italien Ein Medienmagnat als Zauberer

aus DER SPIEGEL 8/1994

Und das Wort ward Video. In einer Kulisse von luftigem Himmelblau, auf dem zarte Zirruswolken schweben, erhebt sich ein gewaltiger weißer Block. Aus dem spricht, 16fach vergrößert, das elektronische Antlitz Silvio Berlusconis.

Das Rednerpult davor bleibt leer. Der Mann, dessen Abbild den Bildschirm füllt, schlendert derweil locker über die Bühne einer Messehalle im Hafen von Ancona. Doch an dem Tele-Altar, von dem überlebensgroß die Bildschirmreproduktion des Medienmagnaten strahlt, geht er nicht vorbei. Und nur ganz selten stellt er sich hinters Pult, als sollte seine leibhaftige Präsenz auf der Wahlkundgebung die Macht seiner stärkeren Anwesenheit in der virtuellen Wirklichkeit des Videos nicht mindern.

Denn die braucht er zum Zaubern. Nichts anderes nämlich als ein »neues italienisches Wunder« hat Silvio Berlusconi, 57, mit seiner Bewegung »Forza Italia« (Vorwärts Italien) dem Wahlvolk versprochen, als er sich vor kaum vier Wochen aufs politische Schlachtfeld begab.

Herrlichen Zeiten wird Italien da entgegengehen. Das Land, welches Berlusconi den Bürgern verspricht, soll »gerecht und barmherzig gegenüber den Schwächeren sein, wohlhabend und heiter, modern und effizient«; die Steuern werden gesenkt, die Renten erhöht, die Kriminalität wird besiegt und die Drogen werden es auch.

Vor allem aber wird Berlusconi, nach seinem Titel »Cavaliere«, der Ritter, genannt, Italien vor dem Gespenst des Kommunismus retten. Vor dem drohenden Sieg einer unverbesserlichen Linken, die »nicht an den Markt, an die Privatinitiative, an den Profit, an das Individuum« glaube - so sprach es der Mogul Ende Januar auf eine Videokassette, die er dem italienischen Fernsehvolk zu besten Sendezeiten präsentierte.

Und dem gefallen die gesammelten Wunschträume seines Medienfürsten, der zwei der größten italienischen Leidenschaften bedient: Fußball und Fernsehen.

Silvio Berlusconi herrscht über die drei wichtigsten Privatsender Italiens, produziert Werbung und Spielfilme, bestimmt im Verlagshaus Mondadori, das einflußreiche Zeitschriften wie Panorama und Epoca herausgibt; er besitzt Einkaufszentren, Kaufhausketten und außerdem den berühmten Fußballklub AC Milan. Berlusconi verfügt über eine Wirtschafts- und Medienmacht, die in anderen Ländern schon gesetzlich kaum möglich wäre.

In einem Maß, das vor wenigen Wochen noch niemand erträumt hätte, hob daher auch seine neue politische Bewegung ab. In Quantensprüngen mehren sich die Klubs Forza Italia, die Ortsverbänden von Parteien gleichen. 6840 waren es Anfang Februar, 9622 nur eine Woche später.

Darin spiegelt sich die Macht des Fernsehens. Die erste öffentliche Veranstaltung Berlusconis am 6. Februar in Rom strahlte ein ihm gehörender TV-Sender in voller Länge aus und wiederholte sie am nächsten Tag. Schon findet Italiens Mega-Unternehmer in Umfragen unter den Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten die weitaus höchste Zustimmung.

Forza Italia, die Berlusconi-Bewegung, hat mit möglichen 25 Prozent der Wähler bereits die Partei der Demokratischen Linken, die ehemaligen Kommunisten, überflügelt. Die Allianz der Linken droht an ihren inneren Widersprüchen zu zerbrechen. Im Zentrum streiten sich die größte Restformation der Christdemokraten, die Italienische Volkspartei, mit Mario Segnis Reformbewegung Pakt für Italien. Auf der Rechten dagegen gelang es Silvio Berlusconi, Feuer und Wasser zusammenzufügen.

Er schloß ein Wahlbündnis mit Umberto Bossis Nordliga für den nördlichen Teil Italiens, mit der rechten Nationalallianz des Neofaschisten Fini für den Süden. Zahlreiche Ideen Bossis und Finis, zum Beispiel die über die Rolle von Staat und Nation, sind unvereinbar. Doch solange beide nicht anfangen, sich über ihre Differenzen öffentlich zu fetzen, könnte der rechte Dreierbund die Wahlen am 27. März gewinnen.

Berlusconis Aufstieg in die Spitzen der italienischen Politik scheint unaufhaltsam zu sein. Vorbilder gibt es.

Der Renaissance-Potentat Cola di Rienzo (1313 bis 1354) war aus dem sozialen Nichts zum zeitweiligen Herrscher Roms avanciert. Von dem Traum besessen, einen Staat nach antikem Vorbild zu bilden, war er der größte politische Showmaster seiner Zeit. Er faszinierte das Volk, schrieb der Publizist Luigi Barzini in seinem Klassiker »Die Italiener«, mit »Symbolen, Pomp, Zeremonien und Umzügen«.

In ihren Methoden der Volksverführung fand Barzini erstaunliche Ähnlichkeiten zwischen Cola di Rienzo und dem faschistischen Diktator Mussolini. Beiden gleicht in diesem Sinn auch Silvio Berlusconi.

Zugleich erinnert der Medienmagnat an die großen Gestalten des amerikanischen Kapitalismus zur Zeit des Wirtschaftsfaustrechts, an einen Rockefeller, einen Carnegie, deren oft skrupellose Methoden beim Aufbau ihrer Imperien später im milden Glanz ihrer großzügigen Stiftungen vergessen wurden.

Ein wirklicher Selfmademan ist Silvio Berlusconi freilich nicht. Ohne den Kontakt mit den politisch entscheidenden Männern, ohne die Protektion des Sozialisten Bettino Craxi zum Beispiel hätte Berlusconis machtvolles Medienreich nicht aufblühen können.

Zugleich pflegte der Unternehmer, der sich gern als Einzelgänger ausgibt, enge Kontakte zu notorischen Drahtziehern der italienischen Nachkriegsgeschichte. Etwa zu Licio Gelli, dessen Geheimloge P2 Italiens Staatsorgane und Wirtschaft unterwandert hatte. Berlusconis Verbindungen zu undurchsichtigen Finanzkreisen in der Schweiz werfen beunruhigende Fragen auf nach der Herkunft der Mittel für den Aufbau seines Imperiums.

Berlusconis Vater arbeitete als Prokurist in einer kleinen Mailänder Privatbank, der Banca Rasini. Luigi Berlusconi war ein pingeliger Mann, der sich von seinen Angestellten die Stummel der Bleistifte zurückgeben ließ, bevor er neue herausrückte. Seine Söhne Silvio und den um 13 Jahre jüngeren Paolo schickte er als externe Schüler auf das strenge humanistische Gymnasium des Salesianer-Ordens in Mailand.

Sein Jurastudium finanzierte Berlusconi mit allerlei Jobs, von denen Spuren in seine Zukunft wiesen. Die Überredungskunst nutzte ihm als Staubsaugervertreter. Er tingelte als Sänger in einer Band auf Kreuzfahrten vor der italienischen Küste, sammelte Medienerfahrungen als Fotograf auf Hochzeiten und Beerdigungen und wurde schließlich, noch während des Studiums, gutverdienender Angestellter einer Baufirma.

In diesen frühen sechziger Jahren rollt in Italien das erste Wirtschaftswunder an. Unbehindert von gesetzlichen Auflagen boomt die Bauwirtschaft wie einst die Goldgräberei im Wilden Westen. Berlusconi erkennt seine Chance.

Sofort nach dem Abschluß des Studiums (mit einer Arbeit über rechtliche Aspekte der Werbung) realisiert Silvio Berlusconi 1961 sein erstes Bauprojekt, ein Wohnhaus am Stadtrand von Mailand.

Die Finanzierung vermittelt die Bank seines Vaters. Die kleine Privatbank Rasini, die Berlusconi auch bei späteren Projekten zur Seite steht, kommt in den achtziger Jahren ins Gerede. Ihr werden Verbindungen zur Mafia der weißen Kragen nachgesagt, die schmutzige Gelder, vornehmlich aus dem Rauschgifthandel wäscht.

Nach zwei Jahren gelingt dem ungewöhnlichen Jungunternehmer ein Coup: in Brugherio im Norden Mailands zieht er ein Wohnviertel für 4000 Einwohner hoch. Kaum 30 Jahre alt, errichtet er eine ganze Satellitenstadt für 10 000 Menschen - Milano 2. Keine triste Peripherie sollte das werden, sondern komfortable Zuflucht aus dem Chaos der Großstadt für den aufsteigenden Yuppie.

Nach skandinavischen Modellen trennt Berlusconi in Milano 2 die Ebenen für Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer. Die 2500 großzügig geschnittenen Eigentumswohnungen verteilt er über weitläufiges Grün; zwischen Parkanlagen mit künstlichen Seen entstehen Tennisplätze, Schulen, Kindergärten und Geschäfte. Auch über ein rudimentäres internes Fernsehsystem verfügt Milano 2 - der Anfang des späteren Medienimperiums von Berlusconi.

Eigene Mittel für seine Mega-Projekte besitzt der Jung-Tycoon kaum. Reichlich Geld vermittelt ihm eine geheimnisvolle Finanzierungsgesellschaft für Residenzen aus Lugano, später leicht umbenannt für Milano 2, doch vom selben Mann geleitet.

Wer sich hinter diesen Schweizer Geldgebern und dem labyrinthischen Gefüge ihrer untereinander verflochtenen Gesellschaften und Firmen verbirgt, ist kaum auszumachen. Einige düstere Namen tauchen im Zusammenhang mit Berlusconis finanziellen Paten aus der Schweiz auf.

Den italienischen Autoren Giovanni Ruggeri und Mario Guarino, die hinter den Schweizer Finanzierungsgesellschaften ebenfalls die Mafia der weißen Kragen ausgemacht haben, will ein Abgesandter Berlusconis zunächst ihr Buchmanuskript abkaufen. Als sie ablehnen, verklagt der Tycoon sie. In allen drei Instanzen werden die Autoren freigesprochen.

In seinen Gründerjahren hat Berlusconi, selbst Mitglied der P2, seine Geschäfte vornehmlich über Banken abgewickelt, die fest in den Händen von Mitgliedern der Geheimloge waren, so die Banca Nazionale del Lavoro. Wichtig für die Entwicklung der Fininvest, der 1978 gegründeten Holding des Berlusconi-Imperiums, war auch der skandalumwitterte Banco Ambrosiano, der Geschäfte sowohl mit dem Vatikan als auch mit dem Mafia-Bankier Michele Sindona machte.

In den achtziger Jahren steigt Berlusconi zum »König des Äthers« auf - vor allem deshalb, weil in dem Reich, das er sich aneignet, noch keinerlei Gesetze walten. Ein Spruch des Verfassungsgerichts aus dem Jahr 1976 hatte das Monopol der Staatlichen Fernsehanstalt RAI aufgehoben und privates Fernsehen unter der Bedingung zugelassen, daß dieses weder live noch landesweit senden dürfe.

Silvio Berlusconi, der 1980 die Senderkette Canale 5 gründet und wenig später Italia 1 und Retequattro dazukauft, umgeht die Bestimmung der Verfassungsrichter, indem er Kassetten an seine Sender verschickt. Die strahlen nicht landesweit, aber gleichzeitig aus. Und Berlusconi hat sich rechtzeitig die beiden amerikanischen Serienhits »Dallas« und »Denver-Clan« gesichert: Diese Seifenopern aus der Welt der Reichen bescheren ihm ein ergebenes Dauerpublikum.

Weil das Verfahren, per Kassette das Verbot der landesweiten Ausstrahlung zu umgehen, schlicht illegal ist, werden im Oktober 1984 auf richterlichen Beschluß in den Regionen Latium, Abruzzen und Piemont die Berlusconi-Sender stillgelegt, »verdunkelt« - und das an einem der geheiligten »Dallas«- und »Denver«-Abende. Getragen von tagelangem wilden Zuschauerprotest gegen die Entscheidung der Richter, reist Silvio Berlusconi nach Rom.

Noch am selben Tag unterschreibt sein enger Freund Craxi, seit 1983 Ministerpräsident, ein Dekret, das den richterlichen Beschluß aufhebt. Berlusconi sendet seitdem ungehindert landesweit. Ein 1990 erlassenes Mediengesetz sichert die Privilegien Berlusconis und baut sie in einem Maß aus, das den inzwischen erlassenen Bestimmungen der EU über TV-Werbung widerspricht.

Zum Dank für erhaltenen Politikerschutz verkündet Berlusconi die Leitlinien seiner Nachrichtensendungen: »Unsere Information wird mit der Welt identisch sein, die in Männern wie Andreotti, Forlani und Craxi die Anerkennung der Freiheit sieht.«

Heute gelten diese drei Politiker als Inbegriff der korrupten Schmiergeldrepublik Tangentopoli, welche durch das Eingreifen der Mailänder Richter und ihrer Aktion »Saubere Hände« dem längst fälligen Ende entgegengeführt wird. Gegen Andreotti laufen Ermittlungen wegen möglicher Zusammenarbeit mit der Mafia und wegen des Verdachts, einen Mord in Auftrag gegeben zu haben. Bettino Craxi muß sich für den Verbleib von umgerechnet mehr als 200 Millionen Mark an Schmiergeldern verantworten.

Auch gegen einen Spitzenmanager des Berlusconi-Imperiums sowie gegen den jüngeren Bruder Paolo, der über den Immobilienbesitz waltet, laufen Ermittlungen wegen Schmiergeldverdachts. Daß sein großer Bruder seinen Anhängern jetzt weismachen konnte, er sei ein Mann des Neuen, einer der mit dem untergegangenen korrupten System von gestern nichts zu tun habe, ist das einzige wahre Wunder seiner erstaunlichen politischen Blitzkarriere.

Alles andere ist hochprofessionelles Marketing - verbunden mit strikter Kontrolle des Produkts wie seiner Kunden. Handausgewählt breitet sich bei seinen öffentlichen Auftritten ein zustimmungsfreudiges Publikum vor Berlusconi aus. Zugelassen zu seinen Veranstaltungen sind die Präsidenten der Forza-Italia-Klubs und ihre Freunde. Wer seinen Namen nicht auf einer Liste am Eingang findet, muß draußen bleiben. Die Farbe der Kokarden, welche die Erwählten anlegen, wechselt von Stadt zu Stadt - so können sich kaum übelwollende Gegner einschmuggeln.

Wie Zikadenklang steigt aus den dichtgefüllten Reihen der Messehalle von Ancona das Zirpen von Mobiltelefonen auf, deren Besitzer verzückte Adjektive in ihre Geräte tuscheln: »Fantaaastico! Bello!! Belliiissimo!« Unter den Damen ist der Prozentsatz von schwingenden Nobelpelzen unmäßig viel höher als in einer italienischen Durchschnittsmenge.

Ein einziger Fotograf waltet in Ancona vor der Bühne seines Amtes: der Leiblichtbildner von Silvio Berlusconi. Aus dem, was er aufnimmt, wird der Magnat höchstselbst die schmeichelhaftesten Fotos auswählen, die dann den Zeitungen zur Verfügung gestellt werden. Mit Journalisten spricht Berlusconi kaum noch - es sei denn, er wählt sich die Interviewpartner selbst aus und kann aus einer Liste von vorher eingereichten Fragen jene aussuchen, die ihm genehm sind.

Auch die Funktion von Parteien versteht Berlusconi offensichtlich anders als die Lehrbücher es wollen. Demokratie geht von ihm, nicht vom Volk aus. Die politische Willensbildung besorgt er selbst mitsamt seinen Beratern. Alle der über 700 Forza-Italia-Kandidaten für den Wahlgang Ende März werden nach strengsten Marketingregeln und der Fernsehtauglichkeit von der Mailänder Zentrale ausgesucht.

Das Programm von Forza Italia, das Ende des Monats vorgestellt werden soll, ist vorläufig noch ein Geheimnis jener Eingeweihten, die es zusammenschmieden. Kein Wunder, daß sich besorgte Stimmen mehren. In keinem anderen demokratischen Land gebe es wie jetzt in Berlusconis Italien »die Vereinigung von politischer mit wirtschaftlicher Macht in dem äußerst mächtigen Instrument des Fernsehens«, schreibt etwa der große alte Mann der italienischen Linken, Norberto Bobbio, in der Turiner Stampa.

Das Zusammenkommen »dieser drei Mächte in einem einzigen Mann und einer einzigen Gruppe« trage »seit Montesquieu« einen in der politischen Theorie wohlbekannten Namen: den des »Despotismus«. Y

Berlusconi verkaufte Staubsauger und tingelte als Sänger

Demokratie geht von Berlusconi aus, nicht vom Volke

Valeska v. Roques
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