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»Ein mehr als bedrückendes Schauspiel«

Die Entführung eines todkranken Nazis, der fast 30 Jahre Strafe verbüßt hat, beschwor im Ausland erneut das Bild von einem »Riesen in Siegerpose": Deutschland. Schweden sehen bereits das »Vierte Reich«, Briten einen »gefahrlichen Rechtsruck"« Amerikaner entdeckten plötzlich ein »Wiederaufleben der Nazi-Praktiken«, Franzosen fragten: »Kann in Deutschland alles von vorn beginnen?« und für Italiener ist »der häßliche Deutsche wieder da«.
aus DER SPIEGEL 35/1977

Auf Befehl seines Führers hatte der hünenhafte SS-Offizier Otto Skorzeny im September 1943 ein Bravourstück vollbracht: Mit Fallschirmjägern und SS-Männern landete er in den Abruzzen und befreite den abgesetzten Duce aus der Haft in dem von Carabinieri streng bewachten Berghotel auf dem Uran Sasso.

Skorzeny bekam von seinem Führer das Ritterkreuz, für das demokratische Italien wurde er zum gehaßten Symbol der Herrenmenschen jenseits der Alpen.

Am 15. August 1977 kurz nach Mitternacht zog die 53jährige Heilpraktikerin Anneliese Kappier-Wenger einen schwarzen Koffer auf Rädern vom Krankenzimmer Nummer eins des römischen Militärhospitals auf dem Celio-Hügel zum Aufzug im dritten Stock. Wenig später passierte ein roter Fiat 132/2000 die Wache am Tor. Noch am gleichen Tag meldet sich Anneliese Wenger bei einem Beamten der Rechtsabteilung des Bonner Auswärtigen Amts, mit dem sie häufiger zu tun hatte: »Ich wollte Ihnen nur sagen, daß mein Mann hier ist.«

Ihr Mann ist Herbert Kappler, 69 Jahre alt, seit gut einem Jahr an Darmkrebs erkrankt und Dauergast im Celio-Hospital.

Insbesondere aber war Herbert Kappler bis Montag voriger Woche der letzte deutsche Kriegsverbrecher in italienischer Haft -- für die Italiener Symbol nationalsozialistischer Terrorherrschaft.

In einer Vergeltungsorgie für einen Partisanen-Überfall hatte im März 1944 der damalige Polizeichef Roms, SS-Obersturmbannführer Kappler, 335 Italiener töten lassen und einige von ihnen selbst mit Genickschuß umgebracht. Nach dem Krieg verurteilte ein italienisches Gericht Kappler zu lebenslanger Haft.

Für die italienische Öffentlichkeit wurde der Gefangene zum Sinnbild deutschen Unrechts. Fürs Unbewußte der Nation wurde der Lebenslängliche Katalysator einer geschichtlichen Verdrängungsreaktion, die nur so lange reibungslos funktionierte, wie Recht vor Gnade erging.

An den Ardeatinischen Höhlen vor den Toren Roms, wo Kappler die Geiseln erschießen ließ, steht heute das größte italienische Kriegs-Denkmal. Alljährlich legen italienische Spitzenpolitiker dort Kränze nieder -- Bonner Staatsgäste pilgern zum Antifaschisten-Tempel.

Als ein Militärgericht im vergangenen Jahr Kapplers Freilassung verfügte, durchzitterte ein tektonisches Beben das labile zisalpine Gleichgewicht zwischen faschistischer Vergangenheit und demokratischer Gegenwart, zwischen linker Öffnung und rechter Restauration. Tausende ehemaliger Widerständler, Politiker und Intellektuelle demonstrierten.

Ein ordentliches Gericht widerrief den Freilassungsbeschluß, obgleich prominente Westdeutsche wie Bundespräsident Heinemann und die Kanzler Brandt und Schmidt sich für Kappier eingesetzt hatten. Der Verzicht auf die gebotene Humanität stellte die römische Ruhe wieder her.

Dafür milderten Italiens Behörden die Haftbedingungen des Lebenslänglichen, als er schwer erkrankte. Ehefrau Anneliese konnte bei ihm übernachten und nahezu unkontrolliert ein und aus gehen.

Als die laxen Wachen am Dienstag voriger Woche Kapplers Bett leer fanden, brach das Beben los. Die Nation konnte sich entrüsten -- gegen die Skorzeny-Deutschen.

Einen »demütigenden Skandal« nannte die Turiner »La Stampa« Kapplers Flucht. Sogleich wurden die wachhabenden Carabinieri, aber auch drei Offiziere und ein General strafversetzt. Republikanische und sozialistische Abgeordnete forderten den Rücktritt des Verteidigungsministers Lattanzio, dem die Carabinieri unterstehen.

»Italien ist verwundet«, klagte die kommunistische »Unità« noch dezent. Roms größte Zeitung »Il Messaggero« meldete aus Bonn, Kappler sei fürs deutsche Gesetz »ein Heiliger, den man nicht anrühren darf«.

Das italienische Staatsfernschen RAT strahlte Fernsehbilder aus, die vermeintliche Kappier-Photos in Schaufensterläden der Heimatstadt der Kappier-Entführerin Kappler-Wenger zeigten. Es waren Photos von Hermann Hesse, dessen hundertsten Geburtstag ein Buchladen feierte. Als die RAI den Irrtum bemerkte, entschuldigte sie sich.

Die italienische Regierung mühte sich, das für Freitag vergangener Woche in Verona vorgesehene Treffen zwischen Regierungschef Andreotti und Kanzler Schmidt abzusagen. Schmidts Staatsminister Wischnewski empfahl schließlich die Verschiebung und überließ den Italienern, den vereinbarten Eklat zu verkünden. Pressesprecher Grünewald: »Die hatten es nötiger als wir.«

Sie hatten es.

Zwar diplomatisierte ein hoher AA-Beamter letzte Woche den Kappier-Fall herunter ("da steckt nicht viel drin"), der wetterfühlige Regierungssprecher Grünewald hingegen befürchtet eine Klimaverschlechterung nicht nur jenseits der Alpen, sondern auch bei Franzosen, Amerikanern, Israelis. Grünewald: »Je weniger differenziert der Fall Kappler betrachtet wird, desto mehr ist er geeignet, das ganze Umfeld wieder aufleben zu lassen.«

* »Ich wollt' doch nur wissen, ob ich mit D-Mark bezahlen kann

Das lebte sehr schnell wieder auf. »Der häßliche Deutsche ist wieder da!« hatte der Mailänder »Corriere della Sera« schon vor dem Verschwinden Kapplers entdeckt -- und -- er ist nicht nur in Italien wieder da. »Nach dem »häßlichen Amerikaner« der 50er Jahre«, stellte der Pariser »Monde diplomatique« fest, »wird sich nun das Bild des »gräßlichen Deutschen« festsetzen.« »Es ist schockierend«, schrieb die große Schwester »Le Monde«, »daß die gleichen westdeutschen Zeitungen, die am erbittertsten gegen die »Terroristen' und die »Baader-Meinhof-Bande' zu Felde ziehen, heute vom »sogenannten Kriegsverbrecher« Kappier sprechen

»Alles ist noch möglich im Deutschland von 1977«, unkt der sozialistische »Quotidien de Paris«, »alles kann wieder von vorn beginnen.«

Deutschland zeigt jetzt offen seine Solidarität mit den brutalen Mördern, die aus diesem Volk kamen«, schrieb die Tel Aviver »Maariv«. »Das ist ein mehr als bedrückendes Schauspiel«.

Kapplers Entführung und deren vermeintliche Duldung durch westdeutsche Behörden paßt in ein Deutschland-Bild, das sich in den Augen einer selbstsüchtigen wie eifersüchtigen Umwelt durch den Radikalenerlaß, sprich »Berufsverbot«, durch Isolationshaft für Terroristen, sprich »Isolationsfolter«, aber auch durch die Zusammenballung militärischer, wirtschaftlicher und finanzieller Macht, sprich D-Mark-Imperialismus«, seit vielen Monaten zunehmend verfinsterte.

Im konservativen Stockholmer »Dagens Nyheter« erschien eine siebenteilige Deutschlandserie unter der Überschrift »Die Großmacht Westdeutschland«. Ihr Emblem war ein kraftstrotzender deutscher Riese in Siegerpose.

Das sozialdemokratische »Aftonbladet« nennt eine Deutschlandbeilage »Das Vierte Reich« und sinniert: »Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Träume von einem friedlich-demokra-

* Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre besucht mit verteidiger Croissant den Häftling Baader am 4. Dezember 1974 in der Strafanstalt Stuttgart-Stammheim, um sich über den vorwurf der »Isolationsfolter« zu informieren.

tischen Westdeutschland. Doch dem plötzlichen Wohlstand folgte ein brutaler Polizeistaat.«

Kaum schmeichelhafter der schwedische »Espressen": »Gleitet Westdeutschland in eine neue Diktatur ab«, fragt das Stockholmer Blatt, »ganz bürokratisch und kaum in griffige Worte zu fassen, aber im Kern ebenso menschenfeindlich wie der Nazismus?«

Dänische Meinungsforscher ermittelten, daß die Deutschen heute im nördlichen Nachbarstaat so unbeliebt sind wie die Russen. In fast allen westlichen Nachbarstaaten sackten die Westdeutschen in den Popularitätsstatistiken ab. Neid auf die reichen Deutschen hat zweifellos die Kritik verschärft. 1960 war die Bundesrepublik am damaligen westeuropäischen Spitzenreiter Großbritannien vorbeigezogen. Heute ist das westdeutsche Bruttosozialprodukt mehr als doppelt so hoch wie das britische -- und 28,6 Prozent größer als das Frankreichs, der nunmehr zweitreichsten Industrienation Europas.

»Deutsche Mark über alles« titelte -- in Deutsch -- die Illustrierte »Paris Match« einen Artikel über den Vormarsch der D-Mark: »Man zapft Deutschland Blut ab, amputiert es, macht es dem Erdboden gleich, teilt es sogar. Ergebnis: 30 Jahre später können sich seine Bürger brüsten, die fettesten und reichsten der Erde zu sein.«

Angst vor einer starken Militärmacht kam hinzu. Mit 540 000 Soldaten sei die Bundeswehr heute die größte, bestgerüstete Armee Westeuropas, behauptet die Moskauer Armeezeitung »Krasnaja swesda«, »Hervorragende Ausrüstung« attestiert ihr auch Nato-Oberbefehlshaber Alexander M. Haig, und Nato-Generalsekretär Luns nannte sie »eine der vitalsten Armeen im Bündnis

Das schreckt Rechte und Linke bei den Nachbarn des Nachfolgestaates eines Dritten Reichs, das sich fast ganz Europa unterworfen hatte. »Wir müssen uns die Frage stellen«, sagt der gaullistische Ex-Premier und Ex-Verteidigungsminister Michel Debré, »ob Deutschland wieder eine Gefahr für das Gleichgewicht in Europa wird.«

Für den KPF-Spitzenmann Jean Kanapa ist sie es schon. »Wie kann man übersehen, daß der deutsche Imperialismus schon heute ein wirtschaftlicher, finanzieller und militärischer Riese geworden ist.«

Die Wende zum gräßlichen Deutschen kam mit Reichtum und militärischer Macht -- aber sie ging auch mit Machtwechseln einher: Der joviale, liberale Brandt hatte nicht nur Skandinaviern und Angelsachsen Zutrauen eingeflößt, selbst in den romanischen Ländern symbolisierte er den guten Deutschen.

Nachfolger Schmidt mag allenfalls noch den Angelsachsen mit Wirtschafts- und Englischkenntnissen imponieren. Die Romanen schreckt der zackige Ex-Offizier mit seiner arroganten Feldwebelart. »Le Feldwebel« nennen ihn die Franzosen.

Für die Nachbarn der Bundesrepublik kam der innenpolitische Umschwung, die Tendenzwende von Brandts Reformpolitik zu den Stabilitätsprinzipien der Schmidt-Regierung, ziemlich überraschend.

Einen »gefährlichen Rechtsruck in Deutschland« stellte die stets wohlmeinende Londoner »Times« fest. Die CDU/CSU habe ihn angezettelt, um das Terrain für den Machtwechsel zu ebnen. »Westdeutschlands Politiker wären gut beraten«, riet die »Times«, »die Kritik von außen mit zu berücksichtigen.«

»Es ist einfach die Rechte«, schrieb »Le Point« in Paris, »die sich der Kriminalität, der Gewalt, der Linken und der Arbeitslosigkeit als Sprungbrett bedient.«

Dann aber, als alle Bonner Parteien übereinstimmten, Strafgesetze und Polizeitruppen zur Bekämpfung der linken Anarcho-Szene umzurüsten« wurde es den ausländischen Beobachtern wieder unheimlich: Bis zum Sommer 1975 schien für die »Times« die »Wende zugunsten der Konservativen eine relativ gesunde Entwicklung zu sein«; nun aber löste die Entwicklung »wachsende Besorgnis aus«, weil die Behörden selber »>den demokratischen Geist untergraben« -- mit polizeistaatlichen Kontroll- und Bespitzelungsmethoden:

Die Bonner Korrespondenten meldeten ihren Redaktionen, daß »vor dem Wiederaufleben der Nazi-Praktiken gewarnt« werden müsse, so die »New York Times«. Die linksliberale »Stampa« berichtete, daß es nun »in den deutschen Ministerien künftig verboten« sei, »Melodien zu pfeifen, die als revolutionär angesehen werden«.

Aus der mit »Panzerspähwagen und Polizeitruppen« vollgestellten Bundeshauptstadt berichtete der »Dagens Nyheter«-Korrespondent nach Stockholm, eigentlich müsse jetzt »die Maschinenpistole das Stadtwappen von Bonn sein": Für ihn war längst »das bewaffnete Bonn zum Zeichen der westdeutschen Stimmungslage« geworden.

Ein anderes, verdecktes Zeichen der veränderten Stimmung ist in den Augen der europäischen Nachbarn »die systematische Jagd auf Andersdenkende« ("Dagens Nyheter") durch den Radikalenerlaß und die 52 neuen Gesetze« die von 1969 bis 1976 zur inneren Sicherheit vom Bundestag beschlossen wurden. »Le Monde": »Das Eingreifen mit Gelegenheitsgesetzen ebnet den Diktatoren den Weg.«

»Es scheint mir«, fand der französische Politologe und Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels Alfred Grosser, »daß in der Bundesrepublik immer mehr von der Verteidigung der Grundordnung durch den Staat die Rede sei und immer weniger von der Verteidigung der Grundrechte gegen den Staat.«

Die »streitbare Demokratie« (Helmut Schmidt) der sozialliberalen Koalition hatte -- für viele Ausländer -- die Persönlichkeitsrechte zugunsten neuer Strafvollzugsbestimmungen so weit eingeengt, daß sich die liberale Schweizer »Tribune de Genève« im vergangenen Jahr fragte, »ob der Staat, der auf den Ruinen des Nazismus errichtet wurde, grundlegende demokratische Prinzipien aufgeben wird?«

Linke und rechte, sozialistische und konservative Zeitungen in den demokratischen Ländern des westlichen Auslands kritisierten immer heftiger und besorgter den perfektionistischen Eifer deutscher Bürokraten, die bis 1976 schon eine halbe Million Staatsdienst-Bewerber ausgeschnüffelt hatten. Das französische Sozialisten-Parteiblatt »L'Unité« machte »so etwas wie eine neue McCarthy-Ära« aus.

Der Radikalenerlaß geriet im Ausland zum »Berufsverbot« -- eine der wenigen deutschen Vokabeln, die neben »Panzer«, »Blitzkrieg"« »Lager« und »Führer« Eingang in fremde Sprachen gefunden haben.

»Die Deutschen haben es ja immer verstanden, aus dem Irrsinn ein System zu machen«, kritisierte das Kopenhagener »Ekstra Bladet« Ende Mai letzten Jahres die bundesdeutsche Schnüffel-Bürokratie.

Wenige Tage zuvor hatte der französische Sozialistenführer Francois Mitterrand die Gründung eines »Komitees zur Verteidigung der bürgerlichen und beruflichen Rechte in der Bundesrepublik« vorgeschlagen.

Der linksliberale »Corriere della Sera« etwa sah im Stammheimer Prozeß ein »Spektakel, das organisiert wurde, um einer verängstigten Öffentlichkeit zu zeigen, daß jedwede Linke in Terrorismus und Anarchie endet«.

Ulrike Meinhofs Selbstmord führte der konservative Pariser »France-Soir« auf die Haftbedingungen -- oft »Isolationsfolter« genannt -- zurück, die weitgehend dazu beigetragen hätten, »ihre seelische Struktur zu zerstören«. Für die linke römische Zeitung »Il Messaggero« schließlich waren die Terroristen gar selber »Opfer barbarischer Unterdrückungsmethoden«; das »repressive System« der Bundesrepublik bedeute nun »eine Gefahr für die europäische Demokratie«. Der bundesdeutsche linke »Verfassungsfeind« ist in den Augen vieler Ausländer zu einer modernen Variante aus dem Alt-Arsenal der nationalsozialistischen Volksfeind-Ideologie geworden.

Franzosen, Spanier und Italiener, die sich daran gewöhnt haben, mit großen, neuerdings gar hoffähig gewordenen kommunistischen Parteien zu leben, können nicht begreifen, daß sich die mächtige Bundesrepublik vor ihrer winzigen DKP fürchtet.

»Die wirkliche Erklärung liegt im Mangel an Selbstvertrauen«, analysiert die Londoner »Financial Times«. »Eine der zuverlässigsten, antiextremistischen Wählerschaften der Welt hat Politiker hervorgebracht, die ihren Bürgern nicht zutrauen, einer möglichen Unterwanderung durch eine Handvoll radikaler Lokomotivführer, Lehrer oder Richter zu widerstehen.«

»Der Obrigkeitsstaat erfährt eine Renaissance im Land mit den wenigsten Kommunisten und den meisten Kommunistenjägern"« spottet das liberale Osloer »Dagbladet«. Nach Ansicht der konservativen kanadischen »Globe and Mail« haben die Deutschen eine »fast pathologische Fixierung auf die angebliche Existenz einer kommunistischen Bedrohung«.

So kommt es denn, daß vielen der bundesdeutsche Antikommunismus wie eine pro-faschistische Haltung erscheint. »Bestimmte Methoden, bestimmte Fragen nach politischer Gesinnung oder dem Privatleben bei Verhören, die gelegentliche Verwertung anonymer Denunziation -- all das trägt zweifellos faschistoide Züge«, schrieb »Le Monde diplomatique«. Und der liberale »Expressen« in Stockholm fand, »daß Polizei, Richter und andere Behörden schlafen oder die Augen zudrücken, sobald sie Neo-Nazis oder andere Rechtsextremisten entdecken.«

Neo-Nazis, davon sind die meisten Italiener überzeugt, organisierten Kapplers Flucht und italienische Sympathisanten halfen dabei -- Kapplers frühere Kumpane aus Südtirol.

Tatsächlich stehen viele Südtiroler auf seiten der Deutschen. Denn Kapplers Vergeltungsaktion von 1944 galt einem Partisanenanschlag auf das Polizeibataillon »Bozen«, bei dem 33 Südtiroler getötet worden waren. Die Zeitung »La Repubblica« fragt: »War Bozen die Operationsbasis der Kappler-Freunde?«

Schon Ende Juli hatte der römische Messaggero« behauptet, zwei führende Südtiroler Freimaurer, Lino Salvini und Licio Gelli, hätten Fluchthilfe für Kappler zugesagt.

Sie blieben im Hintergrund im Gegensatz zu Kapplers deutschen Freunden. Daß der verurteilte SS-Mann nicht vergessen wurde, verdankt er etwa einem Dutzend Soldatenverbänden, die mit ihren rund zwei Millionen Mitgliedern eine immer heftigere Kampagne für Kappler entfachten.

Als einer der ersten stieg die »Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS« (HIAG) ein. Bereits Anfang 1960 publizierte das HIAG-Blatt »Der Freiwillige« Kapplers ersten Dankesbrief »für die vielen guten und willkommenen Dinge«, deren »hoher materieller Wert« ihn auch psychisch aufrichte.

Im »Freiwilligen« hatte Kappler seither eine feste Rubrik, in der Besucher über Kapplers Zustand berichteten, Spendensammler ihre Konten publizierten und die HIAG-Führer zu Aktionen aufriefen.

An gewaltsame oder listenreiche Befreiungsaktionen dachten die Veteranen so lange nicht, wie Kappler in der Festung Gaeta saß. Dietrich Ziemssen einst Erster Generalstabsoffizier der 55-Leibstandarte »Adolf Hitler« und Animator eines Kappler-Hilfskreises, befand: »In Gaeta ist das technisch unmöglich.«

Die Stoßrichtung der Veteranen war anfangs politischer Natur. Sie besorgten Rechtsgutachten mit dem Ziel, ein Wiederaufnahmeverfahren unter rechtsstaatlichen Bedingungen zu erreichen.

Andere Veteranen-Initiativen zielten auf Bonner Politiker ab, die zu Gnaden-Petitionen in Rom veranlaßt werden sollten. Sämtliche Bundeskanzler seit Adenauer und sämtliche Außenminister seit Brandt sprachen in Rom vor. Fast die Hälfte aller Bundestagsabgeordneten schlossen sich, quer durch alle Fraktionen, solchen Petitionen an, ebenso die Bischöfe beider Kirchen.

Am wenigsten mit dem italienischen Nein mochte sich die Heilpraktikerin Anneliese Kappler-Wenger aus der Heidekleinstadt Soltau bei Lüneburg abfinden. Auf Widerstand mit Widerstand zu antworten, war sie von Kindheit auf gewohnt: Bereits im Krieg hatte sie zusammen mit ihrem Vater unter

* Am 14. Dezember 1975 mit selbstgemaltem Plakat vor dem Bundeshaus.

Lebensgefahr befreundeten Juden zur Flucht in die USA geholfen.

Als die kriegserfahrene Rote-Kreuz-Schwester -- Mutter dreier bereits erwachsener Kinder aus einer ersten, 1955 geschiedenen Ehe -- vor 15 Jahren zum erstenmal von einer Patientin über das Schicksal Kapplers erfuhr, schritt sie sogleich zur Tat. Weil Weihnachten vor der Tür stand, packte sie ein Päckchen und schrieb einen Brief. Elf Jahre später heiratete sie, damals 47, den 64jährigen Gefangenen von Gaeta zivil, »aus Liebe, nicht aus Mitleid«.

Seit der Hochzeit in der Zelle trug sie häufig schwarz, »solange mein Mann in Haft ist«. Schwarzgekleidet flog sie jeden Monat einmal zu Besuch in Gaeta ein. In Schwarz begann sie auch am 10. Dezember 1975 auf dem Bonner Münsterplatz einen Hungerstreik.

Am 14. Dezember 1975 demonstrierte sie mit einem selbstgemalten Plakat vor dem Bonner Bundeshaus. »Weihnachten 1975, das 31. Weihnachtsfest im Kerker von Gaeta«, stand auf der Tafel, die sie um den Hals hängen hatte. »Gnade kann nicht teilbar sein. Für Christentum und Humanität -- Gegen Scheinheiligkeit und Heuchelei.«

Ende Februar 1976 wurde Herbert Kappler mit Verdacht auf Magen- und Darmkrebs in das römische Militärkrankenhaus eingeliefert. Da sich der Krebsverdacht bestätigte und die Ärzte ihm nur noch ein paar Wochen gaben, übernahm sie selbst die Behandlung: »Krebs ist für mich keine unheilbare Krankheit.«

Ihre Soltauer Praxis öffnete sie nur noch an zwei Tagen in der Woche. Diese beiden Tage in Soltau benutzte sie vor allem dazu, die Medizin und die Diät für ihren Mann zusammenzustellen. Für den Rest der Woche flog sie nach Rom ins Krankenhaus, wo sie freien Zugang hatte. Im Krankenzimmer stand ein Bett für sie.

Nachdem die italienischen Richter im November vergangenen Jahres Kapplers Freilassung abgelehnt hatten, fürchtete Anneliese Wenger ihren Mann nur noch »in einem Sarg nach Deutschland« bringen zu können. Spätestens in diesem Moment muß sie die Entführung beschlossen haben.

Ähnliche Überlegungen hatte sogar der pensionierte Generalstäbler Ziemssen angestellt. »Das Celio hat mich gejuckt gab er in einem Gespräch mit dem SPIEGEL zu. Und dem Außenminister Genscher schrieb er nach dem geglückten Kappler-Coup in einem Brief voller Genugtuung, die Bundesregierung sei Frau Kappler nach einer solchen Tat zu Dank verpflichtet, weil sie »durch entschlossenes Handeln ein außenpolitisches Problem sehr fix behoben« habe.

Ziemssen über die Kappler-Ehefrau Anneliese: »Der einzige, der ernst zu nehmen ist, ist die Madame. Die Helden sterben aus. Die Damen gehen in die vordere Linie.«

Wie immer Kappier nach Deutschland kam, die Italiener wollen ihn zurückhaben -- legal, wenn möglich, sonst mit Gewalt.

»Ein Staat wie die Bundesrepublik«, schrieb das kommunistische Abendblatt »Paese Sera«, »der KP-Sympathisanten das Recht auf Arbeit raubt, der sollte doch in der Lage sein, ganz legal einem Deutschen namens Kappler die Staatsbürgerschaft abzuerkennen.«

Er sollte es nicht, und er wird es nicht. Denn das Grundgesetz bestimmt in Artikel 16, Absatz 2: »Kein Deutscher darf an das Ausland ausgeliefert werden.«

Zu befürchten hätte Kappler allenfalls ein abermaliges Verfahren in der Bundesrepublik nach deutschen Gesetzen. Die Staatsanwaltschaft »kann« aber laut Strafprozeßordnung von Verfolgung absehen, wenn der Beschuldigte bereits im Ausland abgeurteilt worden ist und dort eingesessen hat.

Bei dieser Ermessensentscheidung ist die ausländische Verbüßung auf die hierzulande vermutlich zu verhängende Strafe anzurechnen und zu prüfen, ob das zweite Urteil gegenüber dem auswärts gefällten überhaupt noch ins Gewicht fiele. Die Lüneburger Staatsanwaltschaft kann in der Sache Kappler wohl nur eines entscheiden: 29 Jahre sind stets mehr als genug.

Nicht für Italiens aufgeputschte Veteranen. Ein »Kommando neuer Partisanen« will Kappler fangen oder töten. Vorausabteilungen, behaupteten sie in einem Telephonanruf, seien bereits nach Deutschland unterwegs.

Dort wird auf den Leinwänden der Kinos der SS-Offizier Kappler, dargestellt von Richard Burton, noch einmal die dramatischen Tage von Rom durchleben: Avis-Film läßt jetzt den 1973 gedrehten Ponti-Streifen »Das Massaker« anlaufen, für den sich vor Kapplers Flucht kein deutscher Verleiher interessiert hatte.

So wird denn der Kinoheld Kappler Erfolge feiern, der schwer krebskranke Herbert Kappler in Deutschland sterben dürfen.

Die Deutschen werden weiterleben müssen mit den oft von ihnen selbst verschuldeten Zweifeln des Auslandes an Rechtsstaatlichkeit im Innern und Wirtschaftsimperialismus nach außen.

An Anlässen wird es auch in Zukunft nicht fehlen. Der nächste Kappler kommt bestimmt.

* Ponti-Film »Das Massaker«.

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