Zur Ausgabe
Artikel 9 / 117
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

USA »Ein nützliches Symbol«

General a. D. Brent Scowcroft über den Krieg als untaugliches Mittel gegen Terroristen und die Jagd auf Bin Laden
Von Carolin Emcke und Gerhard Spörl
aus DER SPIEGEL 40/2001

Scowcroft, 76, berät heute George W. Bush in der Außenpolitik. Er war unter den Präsidenten Gerald Ford und George Bush Senior Chef des Nationalen Sicherheitsrats. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Mr. Scowcroft, ist es sinnvoll, vom »Krieg« gegen den Terrorismus zu sprechen?

Scowcroft: Ja und nein. Sinnvoll, weil Krieg der Mobilisierung dient; das ist hier in den USA und auch in den meisten anderen Ländern der Welt notwendig, mit denen wir eine große Allianz bilden wollen. In den ersten Tagen war die Rede vom Krieg vor allem ein Weckruf. Die Wortwahl hat ihren Zweck erfüllt. Andererseits ist Krieg ein etwas irreführender Begriff, was die Natur des Konflikts angeht. Denn der Kampf gegen Terroristen ist kein Krieg im herkömmlichen Sinn, bei dem es traditionell um einen geografisch bestimmbaren Widersacher mit Armee, Luftwaffe und Marine geht.

Terroristen sind obskure Gegner, die sich verstecken, überraschend zuschlagen, wenig Unterstützung haben und kaum eine Infrastruktur, die man angreifen könnte.

SPIEGEL: Hegen Sie die Hoffnung, dass Terrorismus weltweit eliminiert werden kann?

Scowcroft: Nein, es gibt kaum Kriege, in denen der Gegner völlig »beseitigt« wird. Terrorismus lässt sich höchstens kontrollieren und auf sporadische Ausbrüche einschränken. Aber die Begrenzung wird nicht einfach sein.

SPIEGEL: Wie lässt sich Terrorismus eindämmen?

Scowcroft: Zuerst müssen wir eine große Koalition der Länder formieren, die Terrorismus als eine Bedrohung unserer Zivilisation ansehen. Wir müssen die Geheimdienste nutzen, um terroristische Netzwerke und Zellen genauer zu verstehen. Wir müssen uns in ihre Kommunikationssysteme einklinken, damit wir wissen, von wo aus sie mit wem über was reden. Danach müssen wir an ihr Geld, die Kanäle ausfindig machen und den Geldhahn zudrehen. Schließlich muss jemand in die Terroristenorganisationen eindringen.

SPIEGEL: Das klingt so, als sei eine Militäraktion vergleichsweise nachrangig.

Scowcroft: Nichtmilitärische Maßnahmen sind effizienter als jedes Kriegsszenario. Aber es gibt natürlich in Amerika das Bedürfnis nach einem Militärschlag als Antwort auf die schrecklichen Angriffe. Diese Erwartung muss irgendwie erfüllt werden. Aber ich warne vor hochfliegenden Hoffnungen: Selbst wenn es möglich wäre, den Aufenthaltsort von Osama Bin Laden herauszufinden, selbst wenn eine Spezialtruppe ihn gefangen nehmen könnte - das würde das Problem nicht lösen.

SPIEGEL: Weil Bin Laden als zentrale Figur des Terrorismus überschätzt wird?

Scowcroft: Vermutlich. In Wahrheit wissen wir nicht besonders viel über ihn. Er ist eine, aber vielleicht nicht einmal die zentrale Figur in einer sehr losen Koalition von Zellen und Gruppen, die manchmal autonom, manchmal gemeinsam operieren. Er ist zu einem nützlichen Symbol geworden. Wer von Bin Laden spricht, meint ihn stellvertretend für terroristische, hassgetriebene Kräfte.

SPIEGEL: Glauben Sie denn, es sei gar nicht entscheidend, ob ihm Anstiftung oder Inspiration für die Anschläge in Amerika nachzuweisen ist?

Scowcroft: Ich persönlich zweifle nicht an seiner Verantwortung. Aber vermutlich macht es keinen Unterschied, ob er wirklich dahinter steckt oder nicht.

SPIEGEL: Dennoch schickt Amerika gerade seine Soldaten in einen Krieg gegen ihn.

Scowcroft: Wir fangen erst mal mit Bin Laden an. Dann sollten wir die ganze Struktur der terroristischen Netzwerke entwirren. Und wie auch immer die miteinander verbunden und verwoben sein mögen: Wir werden sie dann ausmerzen können. Ob Bin Laden nun primär verantwortlich ist oder nicht, ändert daran nichts.

SPIEGEL: Heute ist Bin Laden für Amerika Staatsfeind Nr. 1. Im Golfkrieg 1991 war dies Saddam Hussein. Bedauern Sie, dass der Iraker damals nicht entmachtet wurde?

Scowcroft: Natürlich wäre es am angenehmsten gewesen, wenn er im Krieg gleich mitgestürzt worden wäre. Aber wenn wir - wie viele damals gefordert haben - weiter nach Bagdad vorgestoßen wären, wenn wir das Land besetzt, ihn vertrieben oder vernichtet hätten, wäre die internationale Allianz gespalten worden. Unsere arabischen Partner wären ausgestiegen. Sie waren nicht bereit, ein arabisches Land mit zu besetzen. Wenn die USA als Besatzer in einem arabischen Land aufgetreten wären, hätten wir Dutzende Osama Bin Ladens produziert.

SPIEGEL: Haben Sie 1991 eine Ahnung gehabt, wie viel Hass auf die Vereinigten Staaten der Golfkrieg auslösen könnte?

Scowcroft: Ja, es gab schon damals große Bedenken. Deshalb blieben unsere Truppen in Saudi-Arabien tief in der Wüste stationiert. Wir haben allerdings nicht wirklich vorhergesehen, wie sehr unsere Präsenz dort die Menschen aufstacheln würde. Und die Saudis haben auch sehr deutlich gemacht, dass sie eine dauerhafte Anwesenheit ausländischer Einheiten nicht tolerieren könnten.

SPIEGEL: Ist heute nicht das Risiko groß, dass Osama Bin Laden zu einem Märtyrer stilisiert wird, weil er zwei Supermächten - erst der Sowjetunion, dann den USA - den Krieg erklärt hat?

Scowcroft: Es lässt sich nicht verhindern, dass er als Märtyrer gefeiert wird, wenn er stirbt. Deswegen würde ich dringend dazu raten, ihn lebendig zu schnappen, ihm den Prozess zu machen und ihn ins Gefängnis zu stecken. In einer Zelle wäre Schluss mit dem Traum vom historischen Ruhm.

SPIEGEL: Was können die USA ihren Verbündeten heute für ihre Kooperation anbieten?

Scowcroft: Viel, den Pakistanern haben wir bereits signalisiert, dass wir unsere Beziehungen mit ihnen verbessern werden, mit den Russen können wir über allerlei verhandeln ...

SPIEGEL: ... über den Anti-Raketenschild zum Beispiel, den die Regierung Bush unbedingt bauen und Moskau gern verhindern will?

Scowcroft: Ja, natürlich. Die große Koalition bietet eine Chance auf internationale Kooperation, mit Perspektiven weit über den Kampf gegen den Terrorismus hinaus.

SPIEGEL: Wie, wenn überhaupt, soll Afghanistan bekämpft werden: aus der Luft, durch eine Invasion mit Bodentruppen oder eine militärische Unterstützung für die afghanische Nordallianz?

Scowcroft: Ich warne vor Afghanistan, einem Gebiet mit wenig militärisch bedeutenden Zielen. Die Taliban sind arm, die Regierung ist nur rudimentär vorhanden. Die Taliban haben zwar einige bewaffnete Einheiten, aber das ist auch alles. Wir können der Nordallianz militärische Hilfe anbieten, doch es bleibt schwer, vernünftige Ziele zu finden. Am sinnvollsten ist die Einwirkung über Pakistan, denn die Taliban sind von Pakistan abhängig. Und das geschieht ja auch.

SPIEGEL: Aber darin besteht eine zusätzliche Gefahr, denn Präsident Musharraf hat durch seine Kooperation mit den Vereinigten Staaten seine politische Existenz aufs Spiel gesetzt.

Scowcroft: Ja, die Lage dort ist instabil und höchst problematisch. Wir brauchen Pakistan, und deshalb müssen wir extrem behutsam vorgehen. Wir müssen in Betracht ziehen, dass viele Pakistaner mit den Taliban und Osama Bin Laden sympathisieren. Wir müssen den Terrorismus und Länder, die ihn unterstützen, so bekämpfen, dass wir nicht andernorts weitere Terroristen produzieren.

SPIEGEL: Was bedeutet das für die Kriegsführung?

Scowcroft: Nun, Afghanistan flächendeckend mit B-52 Bombern anzugreifen, wäre ziemlich kontraproduktiv.

SPIEGEL: Bodentruppen sind auch kein probates Mittel?

Scowcroft: Eine Invasion mit Bodentruppen wäre sinnlos, genauso wie ein paar auf gut Glück verschossene Cruise Missiles. Erinnern Sie sich an Clintons Antwort 1998 nach den Anschlägen auf zwei amerikanische Botschaften in Afrika. Er schlug zweimal zurück: einmal gegen eine pharmazeutische Anlage in Khartum, einmal gegen ein Camp Bin Ladens. Das Lager war leer, die Cruise Missiles trafen ein paar schlappe Zelte; die pharmazeutische Anlage war nichts weiter als eine pharmazeutische Anlage. Die USA standen schwach, ohnmächtig und ahnungslos dar. Das darf uns auf keinen Fall noch mal passieren.

SPIEGEL: Das größte Problem besteht darin, Bin Laden zu finden.

Scowcroft: Ja, wenn wir wissen, wo er ist, dann fangen wir ihn auch. Die Pakistaner kennen vielleicht seinen Aufenthaltsort, einige in der afghanischen Nordallianz sollten wissen, wo er steckt, die Russen wissen es vermutlich oder auch die Iraner. Das müssen wir erfahren.

SPIEGEL: Und wenn ihn amerikanische Soldaten gefangen haben, was dann?

Scowcroft: Die ideale Lösung wäre, ihn vor Gericht zu stellen.

SPIEGEL: Könnte das wie im Fall der Pan-Am-Maschine, die Terroristen über dem schottischen Lockerbie explodieren ließen, ein Gericht außerhalb der Vereinigten Staaten sein?

Scowcroft: So etwas wie der in Holland tagende schottische Gerichtshof könnte auch im Fall der Anschläge in den USA eine gute Lösung sein. Ich bezweifle aber, dass wir Bin Laden überstellen würden, wenn er in amerikanischer Obhut wäre.

INTERVIEW: CAROLIN EMCKE, GERHARD SPÖRL

Zur Ausgabe
Artikel 9 / 117
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.