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Ostdeutschland Ein Ort - nicht zum Leben

aus DER SPIEGEL 47/1996

Das Funkgerät in der Hand, die Pistole am Gürtel, so schreiten sie über den Automarkt von Hans-Jörg Nagel. Doch die drei Polizisten sind nicht bei der Fahndung, etwa auf der Suche nach einem gestohlenen Wagen. Die drei in Grün gönnen sich nur ein Päuschen. »Nix los in Schwedt«, sagt einer, da ist schon mal Zeit, den neuen Hyundai-Sportwagen unter die Lupe zu nehmen.

Kofferhaube auf, Motorhaube auf. Probefahrt gefällig? Erst wenige Jahre im Geschäft, ist Otto Nagel schon einer der erfolgreichsten Autohändler der Stadt. Nur ein Detail erinnert an die frühere Tätigkeit des Mannes. Die Autoschlüssel in seinem Büro hängen nicht einzeln nebeneinander an einem Brett, sondern alle zusammen an einem großen Eisenring.

So ist er das gewohnt. Nur die Schlüssel waren früher größer. Bis 1990 amtierte Nagel als Gefängnisdirektor, wie er ohne Umschweife erzählt. Nagel ist kein Wendehals.

Als hätte es das Jahr 1989 nicht gegeben, plaudert der frühere DDR-Funktionär über die Stationen seines Lebens: Er ist gelernter Fallschirmspringer, war Stabschef des Schwedter NVA-Militärgefängnisses, Dienstgrad Major.

Mit der deutschen Einheit kam das Ende des berüchtigten Knasts, vor dem sich jeder NVA-Soldat fürchtete. Doch Nagel wurde nicht arbeitslos, sondern Personenschützer beim letzten DDR-Verteidigungsminister, dem Bürgerrechtler Rainer Eppelmann.

Mit dem Kapitalismus hat der Mann heute sowenig Probleme wie früher mit der Planwirtschaft. 18 Angestellte beschäftigt er, sogar einen Lehrling bildet er aus. Für den Job hatten sich 60 beworben.

Auf so einen Unternehmer kann die Stadt stolz sein. Einen Feierabend kennt Nagel nicht, sonnabends und sonntags steht er auf seinem Verkaufsplatz. Der Kampf um das knapper werdende Geld der Kunden ist hart.

Nur mit dem Geist der neuen Zeit will Nagel sich nicht anfreunden. Die »ganze antiautoritäre Erziehung« sei schuld an der Verwahrlosung der Jugend. Früher hätte sich der Staat darum gekümmert, »wenn jemand ins Anormale abdriftet«. Die Bundeswehr hält er für eine »Trachtengruppe ohne Härte«, Graffiti-Sprüher für Verbrecher.

Und seine Zeit als Knast-Direktor? Was da erzählt werde, das sei alles Unsinn. »Nur Kinderficker - ick sags mal so - habens schwer gehabt.«

Nagel braucht das Lebensgefühl der neuen Zeit nicht zu fürchten. Bis Schwedt, im östlichsten Osten der Republik, hat sie es noch nicht geschafft. In der Industriestadt an der Grenze zu Polen, in die seit 1963 Rohöl aus der Sowjetunion und viele DDR-Mark aus dem Staatssäckel gepumpt wurden, herrscht ein anderer Geist, wenn man von Geist hier überhaupt sprechen kann.

Viele Jugendliche der Stadt machen da weiter, wo Leute wie Nagel aufhören zu denken und zu reden. »Natürlich bin ich rechts«, bekennt René Marschke so offen, wie sich Nagel zu seiner Zeit als »Gefängnisdirektor« bekennt. René, 21, Mercedesfahrer, ist sehr kräftig und trägt sehr kurzes Haar. »Wir haben Schwedt ganz gut im Griff. 80 Prozent der Jugendlichen hier sind rechts«, sagt er im Tonfall einer Regierungserklärung. »Die Jüngeren sind hart drauf. Wenn die provoziert werden, dann geht's los.«

Ein paarmal habe er schon mit einem Bein im Knast gestanden. »Doch inzwischen trete ich etwas ruhiger.« Man weiß nicht recht, wie er das meint.

Seit der letzten großen Schlägerei ist René Teilinvalide. Nun arbeitet er als Lehrling in der Parfümerie seiner Mutter, die sich über polnische Jugendliche beklagt, weil die angeblich ihr Geschäft stürmen wollten. »Mit Baseballschlägern«, wie sie sich erinnert. »Ich gehe nicht wählen, aber wenn ich wählen würde, dann Republikaner«, sagt ihr Sohn.

Nur noch wenig erinnert an die Juden, die hier einmal lebten. Von der Synagoge, die von den Nazis niedergebrannt wurde, blieb nur ein Tor, das die Nachwuchs-Nazis nun regelmäßig beschmieren. Dann ist es Eckehard Tattermusch, der mit Verdünnung die Farbe zu tilgen versucht. Er bewirtschaftet einen Teil des Gartens, der dort gewachsen ist, wo einst die jüdische Gemeinde zu Hause war. Das Ritualbad hatte er mit einer Schwedter Schulklasse 1988 freigelegt.

Tattermusch war zu DDR-Zeiten Stadtarchitekt in Schwedt und ist es heute wieder, auch wenn er nicht mehr den Titel trägt; ein freundlicher Mann, leise, schüchtern, bescheiden, der den Kopf so hält, als erwarte er den nächsten Schicksalsschlag.

Ein wenig vom braven Soldaten Schwejk muß sich der von Böhmen abstammende Mann bewahrt haben. »In den Jahren 1969/70 rechnete man zeitweilig sogar mit der Totalüberbauung«, ist in einem Vortrag des Genossen Tattermusch aus dem Jahr 1984 nachzulesen.

Entschlüsselt bedeutet dies: Das Politbüro hatte geplant, die Schwedter Altstadt total zu schleifen. Und entschlüsselt bedeutet der kleine Satz aus dem Vortrag auch: Tattermusch war froh, daß daraus nichts wurde.

Übriggeblieben ist dennoch nicht viel von der »Perle der Uckermark«, von der ein Chronist einst schwärmte: »Der Begriff Stadt bedeutet hier nicht die allmähliche Häufung eines Neben- und Nacheinander von Wohnstätten, sondern den Wurf einer heiter überlegenen Idee architektonischer Schönheit von so überzeugendem Selbstbewußtsein, daß sich auch der wechselnde Geschmack der Zeiten ihr unterordnet.«

Die Stadt gegenüber den Oderwiesen muß eine Reise wert gewesen sein. Die Hohenzollern zog es hierher, ein prachtvolles Schloß samt Schloßgarten und Allee ließen sie errichten. Hugenottische Flüchtlinge retteten sich in den Flecken.

An die französisch-reformierten Christen erinnert noch immer das schönste Bauwerk der Stadt, der Berlischky-Pavillon an der breiten Allee, die einst zum Schloß führte. Dieser kleine Tempelbau läßt die Schönheit des alten Schwedt ahnen, von der sowenig geblieben ist wie von der Toleranz, die hier Flüchtlinge und Fremde einst heimisch werden ließ.

Dreimal forderten die anrückenden Sowjets die Verteidiger der Stadt zur Kapitulation auf. Doch die Wehrmacht wollte nicht weichen. Und so legten die Russen Schwedt in Schutt und Asche. 80 Prozent der Bauten wurden im April 1945 zerstört.

Was den Krieg überstanden hatte, war vor den Erbauern des Sozialismus nicht sicher. Die Reste des Schlosses wurden 1960 gesprengt. Schwedt war als Zentrum der Chemieindustrie ausersehen. 1964 wurde im Petrochemischen Kombinat Schwedt (PCK) das erste Rohöl aus der Sowjetunion verarbeitet.

Schnell wuchs die Kommune von 10 000 auf 50 000 Einwohner. Die herrschende Arbeiterklasse sollte es gut haben: Die Frauen fanden Arbeit in der Schuhfabrik, die jungen Familien Wohnungen in den Neubaublocks, an die Stelle des alten Schlosses kam ein gigantisches Kulturhaus. Sogar ein Centrum-Warenhaus erhielt Schwedt, ein Luxus, der eigentlich nur Bezirkshauptstädten zustand.

Bis heute ist ein wenig zu spüren vom guten Willen, der ja nicht allen Erbauern des Sozialismus abgesprochen werden kann: Noch immer dokumentieren die Plastiken propperer Proleten an den Wegen in der Chemiefabrik ihr Bild von der heilen Arbeiterwelt. Die alte Schloßallee haben sie in eine Art Stalinallee verwandelt. Von der Stele vor dem Theater fällt der Blick direkt zum Schornstein.

Alles was die Stadt heute hat, verdankt sie dieser Zeit: das Theater, die Jugendklubs, die Sportplätze und die Probleme.

Roswitha Flöter ist ein Kind dieser Zeit. Stolz kutschiert sie den Gast durch das ehemalige Kombinat, heute eine GmbH. Wo es stinkt, da findet sie es am schönsten. Und den Hinweis auf die verendenden Bäume kontert sie mit dem Hinweis auf Vögel, die auf den gigantischen Öltanks nisten. Von den 8600 Menschen, die hier Arbeit hatten, sind nur noch 1700 da.

Diejenigen, die übrig- blieben, können wenigstens schön essen gehen. In der Werksküche haben sich West und Ost wundersam vereint: Der Westen stellt die Technik, der Osten die Kultur. Ein Mosaikbild aus vergangenen Zeiten schmückt die Rückwand der Kantine: Da strahlen die Arbeiter, da fließt das Öl noch aus dem Lande Lenins in die DDR, wie Hammer, Zirkel und Ährenkranz auf schwarz-rot-goldenem Grund eindrucksvoll belegen. »Als renoviert wurde«, erklärt Frau Flöter, »da wollten die Wessis, daß dieses Bild bleibt.« Ein Satz, als wolle sie auf Nummer Sicher gehen.

Als die Frau aus der PCK-Pressestelle den Besucher als Ostler erkennt, ist sie nicht mehr zu bremsen: Brigade, Objekt, Subbotnik, Fünfjahrplan - die gelernte Journalistin, die früher fürs Betriebsblatt schrieb, hat alles noch parat. Und sie verteidigt die Werksgeschichte, die ja auch ihre eigene ist: »Wissen Sie, wir haben alles selbst erfinden müssen. Der Westen hat uns doch boykottiert.« Wirtschaftlich habe man hier schon immer denken müssen.

Zum Beweis berichtet sie von der »Schwedter Initiative«, die den chronischen Arbeitskräftemangel beheben sollte. Das Motto aus dem Jahr 1978: »Wenige produzieren mehr«. Heute setzen es die neuen Herren gnadenlos um, noch einmal 400 Arbeitsplätze gehen demnächst verloren.

Das Chemiewerk wurde gerade noch gerettet, die von einem West-Investor übernommene Papierfabrik sogar vergrößert. Trotzdem sind in Schwedt über 20 Prozent der Werktätigen arbeitslos.

Der Telefonverteiler vor dem Tor des alten Armee-Knasts in der Breiten Allee ist der Tresen der Obdachlosen. Da stehen sie, die abgewickelten Chemiearbeiter und entlassenen Knastschließer, und heben die Bierbüchsen. Drinnen ist Alkoholverbot. Schließlich wohnen im Obdachlosenheim auch Familien mit Kindern.

Eigentlich sollten die Obdachlosen in ganz normalen Neubaublocks bleiben. »Aber die Akzeptanz der Anwohner war nicht gegeben«, sagt die Leiterin des Sozialamts. Und so beleben die Schwachen der Stadt das alte Knastgelände.

Der Stadt laufen die Menschen davon. Ärzte und Chemiker, die Geld haben, bauen sich Häuser in der malerischen Umgebung der Stadt, der Uckermark, die manche ziemlich euphorisch die Toskana Ostdeutschlands nennen. Zurück bleiben die, welche sich solchen Luxus nicht leisten können, und die leeren Wohnungen in den Plattensiedlungen.

20 000 Wohnungen gehören den städtischen Wohnungsverwaltungen, weit über 1000 stehen schon leer. »Um Rückbau kommen wir nicht herum«, sagt die Wirtschaftsdezernentin der Stadt, Barbara Rückert, früher Diplom-Ingenieurökonomin im PCK. Gegen ein Zusammenlegen der kleinen Wohnungen wehren sich die Mieter. Größere Wohnungen können sie sich nicht leisten.

Das Leben ist so schon teuer genug: Wenn demnächst die ersten Plattenbauten fallen, steigen die Wassergebühren. Die Kosten werden dann auf die weniger gewordenen Bewohner umgelegt.

Es sei schon beinahe ein Glück, spottet Rückert, daß die Stadt sich nicht auch noch um das alte Schloß kümmern muß. So wird dem Sprengmeister Walter Ulbricht sein Lebenswerk in Schwedt gedankt.

Es gibt Schwedter, die den Tag kaum erwarten können, an dem sie diese Stadt verlassen. Frank beispielsweise, der Zivi, der seinen richtigen Namen aus Angst nicht gedruckt sehen will. Studieren, bloß weg aus Schwedt, nach Dresden oder Berlin. Als er noch lange Haare trug, da haben ihn die Skinheads gejagt.

Auch Paul hat genug von dieser Stadt. »Die Glatzen sind die Kinder der Arbeiterklasse«, sagt er böse. In einem Abrißhaus haben sie ihn in diesem Sommer aufgemischt, 30 Kurzhaarige. Plötzlich standen zwei von ihnen vor der Tür, nur wenige Minuten später waren die anderen da. Sie müssen Handys haben, mit denen sie sich verständigen.

»Zecken raus«, hätten sie geschrien, steht im Polizeibericht. Vermummt waren sie, mit Eisenstangen bewaffnet. »Prügeln tun immer die Jüngeren«, weiß Paul, »die höchstens Jugendstrafen bekommen. Doch die Bosse sind Ältere.«

Für Frank endete die Nacht im Krankenhaus, er trug mehrere Brüche und Platzwunden davon. Und dazu die Erinnerung an Mitbürger, die seine Hilfeschreie nicht hören wollten.

Die Stadtoberen interessieren sich mehr für das schlechte Image der Stadt als für die Skinhead-Szene. Daß die Schwedter Schläger so gefürchtet sind wie einst die Wärter des Militärknasts, die Stadtoberen wollen davon nichts wissen. Das größte Problem, verkündet Brigitte Spietschka, die Sicherheitsdezernentin, seien die illegalen Autorennen. Opel gegen VW auf der Lindenallee. Aber sonst sei es doch ruhiger geworden in der Stadt.

Natürlich ist es heute stiller in Schwedt als 1993/94. Damals sorgte »Brown-Town Schwedt« (Berliner Morgenpost) nach Überfällen von rechten Schlägern auf Ausländer im wahrsten Sinne des Wortes republikweit für Schlagzeilen. »Nicht mal ein Prozent der Straftaten sind heute politisch motiviert«, sagt die Sicherheitsdezernentin stolz.

Doch Gewalt gibt es auch so genug. Schlägerei beim Musikfest, Prügel beim Stadtfest, Verfolgungsjagden zwischen den Häuserblöcken, Prügel für den bereits verprügelten Lehrer auf dem Weg zur Polizei - Bildhauer Axel Schulz kann eine lange Reihe von Untaten aus den letzten Monaten aufzählen. Er selbst, ein Recke mit Riesenhänden, hat keinen Schiß. Und er kann es auch nicht mehr hören, daß angeblich der Jugend zuwenig geboten werde, daß die Prügellust ein Wendeschaden sei.

Schulz, der früher fröhliche Menschen aus Bronze schuf und heute den Eingang der Dresdner Bank verschönt, hat für die Gewalt eine andere Erklärung: »Wer so brutal baut, der muß sich nicht wundern, wenn die Leute brutal werden.« Brutalität habe es schon in der DDR gegeben: »Damals haben Schüler meinen Sohn verprügelt, auch einfach so aus Lust und Laune.«

Pech und Schwefel liegen über der Stadt. Den Frust, den die Eltern herunterschlucken, scheinen ihre Nachkommen auszuleben. Es ist die Generation der Krippenkinder von Schichtarbeitern, die jetzt, den Kinderschuhen entwachsen, in die Springerstiefel wechselt.

»Haben die gar keine Liebe erfahren?« fragt sich Cornelia Schulz, deren Stimme zittert, wenn sie von der Telefonkette erzählt, die sie gebildet hatten, um die Asylbewerber zu schützen. »Wir haben uns dazwischengestellt.«

Auch Pfarrer Hans-Rainer Harney gehört zu diesem anderen Schwedt. Der grüne Pastor, in der Stadtchronik als Wendeheld gefeiert, hat nicht nur angenehme Erinnerungen an die revolutionäre Herbstzeit vor sieben Jahren. »Das ging ganz schnell«, sagt er bitter, »daß die Leute riefen: Die Vietnamesen nehmen uns die Wohnungen weg.«

Verharmlosung der Gefahr wirft er den Stadtvätern und -müttern vor, die würden für die Gewaltszenen immer Auswärtige verantwortlich machen. Derzeit kursiert ein anonymes Flugblatt, auf dem die Todesstrafe für Kinderschänder und Mörder gefordert wird. Unterschrift: »Schwedter Sturm«.

Die wenigen Ausländer, die in Schwedt noch leben, ziehen sich zurück. Ein paarmal sei er aus der Disko verjagt worden, erzählt ein Italiener, der in einem Café arbeitet. Jetzt bleibe er eben abends zu Hause. »Schwedt«, sagt er, »ist für mich eine Stadt zum Geld sparen, nicht zum Leben.«

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