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ENGLAND Ein paar Drinks

Die Falkland-Armada hatte wohl doch Atomwaffen an Bord. Nun suchen Marinetaucher nach dem Wrack des Zerstörers »Sheffield«.
aus DER SPIEGEL 45/1982

Robert Hutchinson, Militärkorrespondent der britischen Nachrichtenagentur Press Association, schilderte die Umstände, die zum folgenschwersten Schießbefehl während des Falklandkrieges im Südatlantik und zum Untergang des argentinischen Kreuzers »General Belgrano« führten.

Nach einer »Sichtungsmeldung« des Atom-U-Boots »Conqueror«, so Hutchinson unter Berufung auf »maßgebliche Quellen«, fuhr Großadmiral Sir Terence Lewin vom Royal-Navy-Hauptquartier nach Chequers, dem Landsitz der Premierministerin.

Dort, schreibt Hutchinson, nahm das Kriegskabinett unter Vorsitz Margaret Thatchers »gerade ein paar Drinks zu sich«. Sir Terence kam zur Lage und wies die Runde darauf hin, daß sich die »General Belgrano« außerhalb des 200-Meilen-Blockadegürtels um die Inseln aufhielt. Das Kabinett der Chequers-Krieger aber zeigte sich mehr davon beeindruckt, daß auch noch andere Schiffe des Gegners Argentinien gesichtet worden waren, und beschloß, den Kreuzer angreifen zu lassen.

Am Dienstag letzter Woche zitierte die Press Association abermals »maßgebliche Quellen« aus dem sonst lukendichten Londoner Regierungsviertel. Erstmals hatten Whitehall-Beamte nämlich eingeräumt, daß zum Arsenal der Falkland-Flotte »mit hoher Wahrscheinlichkeit« auch atomare Waffen zählten. Die aber seien, so die ungenannten Sprecher, nur »versehentlich« mit ins Gefecht genommen worden - an Bord von Schiffen, die »aus anderen Operationsgebieten« zu den Falklands »umgeleitet« worden waren. Da es sich bei den Atomwaffen um nukleare Wasserbomben handelte, hätten sie auch bloß eine »kleine Sprengladung« ("low yield") besessen.

Zwar bestätigten solch dürre Statements, was der SPIEGEL bereits im Verlauf der Falkland-Schlacht gemeldet hatte: Amerikanischen Beamten war damals auf Anfrage erklärt worden, daß die Task Force taktische Atomwaffen mit sich führe (SPIEGEL 21/1982).

Stets aber hatte die Londoner Zensurbürokratie energisch bestritten, daß solche Waffen zur Kampfstätte im Südatlantik mitgeschwommen seien; ein Einsatz atomarer Waffen sei schon überhaupt nie ins Kalkül gezogen worden.

Margaret Thatcher wiegelte persönlich ab und schrieb einen Brief, adressiert an die britische Friedensbewegung »Campaign for Nuclear Disarmament« (CND). »Es ist undenkbar«, so teilte die Regierungschefin der CND-Vorsitzenden Joan Ruddock mit, »daß Großbritannien solche (Atom-)Waffen ... verwenden würde.«

Unbeantwortet blieb damit freilich, ob die Kernwaffenmacht Großbritannien die atomaren Ladungen als Druck- und Drohmittel benutzte - so etwa, um den Nicht-Kernwaffenstaat Argentinien von einem Angriff auf den Kern der britischen Armada abzuhalten.

Mehrere Task-Force-Schiffe, so meldete das BBC-Nachrichtenprogramm S.152 »Newsnight«, hätten Atomwaffen an Bord gehabt. Die Tageszeitung »Guardian« benannte sogar zwei der Schiffe.

Es waren, so »Guardian«-Reporter Gareth Parry, der vor den Falklands mit dabei war, der Zerstörer »Sheffield« und die 23 600 Tonnen große »Fort Austin«, eines der modernsten Versorgungsschiffe der Nachschubflotte »Royal Fleet Auxiliary« (RFA).

Sowohl der Zerstörer als auch das Versorgungsschiff kamen aus dem Mittelmeer. Die »Fort Austin« lag anfänglich sogar vor der Straße von Hormus, wo sie jene britischen Schiffseinheiten versorgt hatte, die mit Teilen der 6. US-Flotte den Einlaß zum Persischen Golf bewachen.

Zwar hätte die »Sheffield« unter Kapitän Salt etwa beim Passieren von Gibraltar und der atlantischen Vulkaninsel Ascension die Atomwaffen bereits von Bord bringen können. Das aber geschah, wie Parry nun rekonstruierte, erst nach dem Untergang der »General Belgrano«.

»Unverzüglich« sei nach deren Torpedierung der Befehl erteilt worden, »alle nuklearen Sprengmittel aus dem Kampfgebiet zu entfernen« - eine Aufgabe, die der »Fort Austin« übertragen wurde.

Den ersten Hinweis auf die neue Rolle des Versorgungsschiffes als Atomwaffenentsorger enthielt ein Brief des Royal-Navy-Leutnants David Tinker.

»Gestern«, so schrieb Tinker in die Heimat, »spazierte ich auf der 'Fort Austin' in den Deckshangar und entdeckte dort eine Atombombe.« Zwar fand er dann heraus, daß es nur eine mit Zement gefüllte Übungsattrappe war. Doch Tinker sorgte sich trotzdem. »Wenn wirklich eine losgeht«, so schrieb er, »würde die Unterstützung für uns in der Europäischen Gemeinschaft und in der Dritten Welt verfliegen.«

Zwei Tage nach dem Untergang der »General Belgrano« schlug auf der »Sheffield« Argentiniens erste »Exocet«-Rakete ein. Die »Fort Austin« stand dabei so nahe, daß Helikopter auf dem Flugdeck landeten, um »Sheffield«-Überlebende abzusetzen.

Der Umstand aber, daß Royal-Navy-Spezialisten hernach noch das glühendheiße Wrack der »Sheffield« inspizierten, erhärtet den Verdacht, daß die Atomladungen noch gar nicht oder nur zum Teil an die »Fort Austin« übergeben worden waren.

»Britannien sollte mit sich selbst ins reine kommen und der Welt mitteilen, daß auf dem Meeresgrund des Südatlantik nukleare Waffen liegen«, forderte am Donnerstag vergangener Woche der Labour-Abgeordnete Tam Dalyell im Unterhaus. Douglas Hurd, Staatsminister im Foreign Office, erteilte dem Mahnenden eine nichtssagende Antwort.

Das Vorhandensein nuklearer Waffen »an irgendeinem Platz zu irgendeiner Zeit« werde grundsätzlich nicht bekanntgegeben, sagte Hurd; auch die Vorgänger-Regierungen S.153 hätten solche Auskünfte strikt abgelehnt.

Hurd verschwieg, daß bereits nach dem »Sheffield«-Wrack gefahndet wird. Mitte Juli verließ ein 150köpfiges Bergungsteam der Kriegsmarine Portsmouth, um Möglichkeiten zu erforschen, an das Wrack heranzukommen.

Es war nach dem »Exocet«-Einschlag von der Fregatte »Yarmouth« in Richtung der Gletscherinsel Südgeorgien geschleppt, dann aber, bei schwerer See, am Ende doch noch aufgegeben worden.

Die Navy-Expedition kann auf zwei schwedische Spezialschiffe mit Drucckammern und Taucherglocken zurückgreifen, die im Schiffsfriedhof des Falkland-Sunds bereits die Wracks der Fregatten »Antelope« und »Ardent« untersucht haben.

Vergleichsweise günstig liegt auch der Zerstörer »Coventry«, ein Schwesterschiff der »Sheffield«, im Küstenschelf der Falkland-Inseln. Nahebei ruht schließlich der Containerfrachter »Atlantic Conveyor«, den eine »Exocet« getroffen hatte.

Die »Sheffield« dagegen liegt angeblich mehr als 2000 Meter tief, kaum erreichbar selbst für eine Taucherkugel, die mit Außenbord-Instrumenten ausgerüstet ist. David Ede, Kapitän des schwedischen Bergungsschiffs »Stena Inspector«, das zwei Wochen nach dem Untergang der »Sheffield« von den Briten unter Vertrag genommen wurde, hält seine Trumpfkarten bedeckt.

Sein Schiff, meint er geheimnisvoll, sei ein »phänomenal raffiniertes Seefahrzeug«.

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