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»Ein paar hektische Leute«

Von Jürgen Leinemann
aus DER SPIEGEL 42/1994

Rudolf Scharping hebt nur die rechte Hand und nicht die Stimme, als er die Spanne anzeigt, die ihm zum Sieg gefehlt hat. Zwischen Daumen und Zeigefinger läßt er einen Raum von gut einem Zentimeter und sagt: »So ein kleines Stückchen. Aber das kommt auch noch.«

Vor der dramatischen Gesichtslandschaft Willy Brandts, dessen Porträtfoto hinter ihm hängt, wirkt der amtierende Parteivorsitzende so kühl und ruhig, als habe er einen Routinetag hinter sich. Es ist vier Stunden nach Schließung der Wahllokale am Sonntag abend. Makellos sitzt die Krawatte, die Frisur wirkt frisch gefönt, keine Müdigkeit und keine Anstrengung haben Spuren auf der glatten Stirn hinterlassen, als er die Lage der Sieger analysiert: »Die werden ihre Koalition machen, aber ich mache ein riesengroßes Fragezeichen, ob sie durchhalten.«

Rudolf Scharping wirkt auf paradoxe Weise zugleich entrückt und voll präsent. Anspannung und unterschwelliger Triumph werden bei diesem Mann allenfalls in der Gebremstheit seiner Bewegungen und dem weichen, leisen Ton seiner Stimme erkennbar. Er habe, sagt einer seiner _(* Am Wahlabend mit Ehefrau Jutta. ) engsten Mitarbeiter, die Fähigkeit von Katzen, die den größten Teil ihres Lebens mit geringem Energieaufwand bestreiten, um im entscheidenden Augenblick voll dazusein.

Dieser Abend ist so ein Augenblick - der SPD-Chef genießt ihn. »Daß es so knapp wird, habe ich nicht geglaubt«, sagt er leise. Doch daß das Ende der Ära Kohl in dieser Wahlnacht eingeläutet werden würde, daran hat er keinen Augenblick gezweifelt.

Als er dem Kanzler eine Stunde zuvor bei der Fernsehrunde der Parteiführer gegenübergesessen hatte, da wußte er, daß es »mit der scheinbaren Stabilität der Kanzlermasse« nicht mehr weit her sein würde. Und er wußte auch, sagt er, daß er künftig mit einem überaus freundlichen Helmut Kohl würde rechnen können.

Er selbst sitzt gravitätisch da, ein früher Willy. Schon in dieser Runde macht er deutlich, was er eine Stunde später als Strategie für die nächsten Monate weiterspielen wird: Die SPD ist in einer starken Position, und die Koalition »muß selbst erklären, daß sie gescheitert ist«.

Im Erich-Ollenhauer-Haus von Bonn juchzen die Genossen, als sie ihren Vorsitzenden so cool in dieser Runde erleben. Endlich ist der fast schmerzhafte Bann gelöst, der sich nach den ersten Prognosen, die einen klaren Sieg der Regierungskoalition anzukündigen schienen, als lähmender Mißmut über die traditionelle Wahlparty in der Baracke gelegt hatte.

O Gott, nicht schon wieder. Erst Hans-Jochen Vogel 1983, dann Johannes Rau 1987, vor vier Jahren Oskar Lafontaine. Immer hatte ein kraftstrotzender Helmut Kohl die Hoffnungen der Genossen mit rüdem Hohn zertrampelt. Daß Anke Fuchs um 18.08 Uhr als erste Sozialdemokratin tapfer in die Fernsehkameras behauptet: »Ich bin noch ganz zuversichtlich«, löst bitteres Hohngelächter aus.

Als dann aber eine halbe Stunde später auch Bundesgeschäftsführer Günter Verheugen erklärt: »Der Abend kann noch sehr spannend werden«, stößt er schon nicht mehr nur auf Skepsis. Die Prozentzahlen sind in Mandate umgerechnet worden, die PDS hat den Einzug in den Bundestag geschafft, und plötzlich ist der scheinbar sichere Sieg der Kohl-Regierung dahingeschmolzen.

Aus der Präsidiumssitzung dringt die Kunde, daß die Ministerpräsidenten Schröder und Stolpe darauf drängen zuzupacken. Der Niedersachse warnt die Kohl-Koalition auch öffentlich davor, mit einer zu schmalen Mehrheit regieren zu wollen. SPD-Vize Wolfgang Thierse tönt in das gleiche Horn. Auf einmal liegt die Große Koalition in der Luft. Die Stimmung in der Baracke wird aufgekratzt. Dem Vorsitzenden schallen »Rudi«-, »Rudi«-Rufe entgegen, als er sich mit weichen Siegerschritten um 19.50 Uhr durchs Foyer an die Mikrofone schiebt.

Zu diesem Zeitpunkt ist auch Rudolf Scharping so gelöst, daß ihm ein einsamer Schweißtropfen im Zeitlupentempo die Stirn hinabzurinnen beginnt. Gleichwohl heißt sein Schlüsselwort: »Ruhe bewahren«. Und jeder, der die ungeduldigen Parteifreunde Schröder und Thierse vor dem Mikrofon erlebt hatte, wußte, wen Scharping meinte, als er mahnend sagte: »Es gibt ein paar hektische Leute.«

Abwarten. Ruhe bewahren. Die anderen kommen lassen. Das ist für den Rest des Abends und wohl auch für die nächsten Wochen und Monate die politische Linie Rudolf Scharpings. Warum soll er denn eine Große Koalition anbieten? Und auf welcher Basis? Mit tiefem Ernst sagt Scharping: »Da lachen doch die Hühner im Suppentopf.« Der SPD-Vorsitzende, der nicht mehr Ministerpräsident in Mainz ist und der am Wahlabend praktisch seinen Dienst in Bonn angetreten hat, sieht bis 1998 drei Möglichkeiten für die Sozialdemokraten: die Große Koalition, die Ampel-Koalition oder auch Neuwahlen. Ihm geht es darum, alle drei Optionen offenzuhalten.

Er ist nicht nur der Chef, daran duldet Rudolf Scharping ohnehin keinen Zweifel, sondern auch der Vater des Erfolges. Alle Äußerungen Gerhard Schröders und anderer SPD-Vorleute an diesem Abend seien mit ihm abgesprochen worden, sagt er.

Rudolf Scharping weiß, »daß unbestrittene Führung« von Sozialdemokraten immer beschworen, in der Praxis aber keineswegs gewollt wird. Er hat deshalb im Präsidium noch einmal darauf aufmerksam gemacht, daß die strategischen Entscheidungen vom Parteivorsitzenden getroffen werden. Ob das seine beiden Mitstreiter aus der Troika, Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder, auch so sehen?

Scharpings Lächeln ist dünn. Doch, doch - »der eine aus Überzeugung und der andere, weil es nicht anders geht«.

* Am Wahlabend mit Ehefrau Jutta.

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