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Ein paar Tage Elend

Firmen schicken ihre Manager zu Arbeitslosen oder Straftätern - und heben so das Konzern-Image.
aus DER SPIEGEL 45/2000

Eine Woche lang will Christian Witten, 44, seinen Schreibtisch bei der Deutschen Bank in der Hamburger City verlassen und sich unter diejenigen mischen, »die vielleicht nicht so viel Glück hatten wie ich«. Er nimmt an einem noch ungewöhnlichen Projekt teil, das in den Niederlanden, den USA, Großbritannien oder der Schweiz allerdings schon Tradition hat: Manager helfen, freigestellt von ihren Unternehmen, für ein paar Tage in sozialen Einrichtungen mit.

Das Vorhaben nennt sich »SeitenWechsel«, und der Hamburger Organisator des Austauschprogramms, die hanseatische »Patriotische Gesellschaft von 1765«, offeriert es als »besonderes Weiterbildungsangebot«.

3000 Mark Teilnahmegebühr zahlt die Deutsche Bank für das Praktikum ihres Personalberaters. Ein Drittel davon bekommt das Aids-Hospiz »Hamburger Leuchtfeuer«, für das Witten im Januar arbeiten will.

Vorbild für den »SeitenWechsel« ist ein gleichnamiges Projekt in der Schweiz, das seit 1991 besteht: Von der Aidshilfe bis zur Sozialpsychiatrie bieten 130 Institutionen Praktikumsplätze für Damen und Herren aus den Chefetagen an. »Der Gewinn« für die Unternehmen sei »ein menschlich kompetenter Führungsstil«. Viele Seitenwechsler, ergeben die Erfahrungen in der Schweiz, kümmern sich auch nach ihrem Abstecher ins gesellschaftliche Abseits weiterhin um »ihre« Einrichtung.

In den USA, wo es »Volunteering« seit langem gibt, wird von Unternehmen ganz selbstverständlich erwartet, dass sie sich gesellschaftlich engagieren - nicht nur mit Geld, sondern auch mit der Tatkraft ihrer Mitarbeiter. Das hilft der Gemeinschaft und poliert das eigene Image auf.

»Die Firmen«, sagt der Amsterdamer Henk Kinds, der mit seiner Firma »Community Partnership Consultants« niederländische Unternehmen bei ihrem Einsatz fürs Gemeinwohl berät, »haben einen Nachholbedarf, ihre Position in der Gesellschaft klarzustellen.«

In Deutschland war das Münchner Projekt »Switch« im vergangenen Jahr der Vorreiter für den »SeitenWechsel«. Das Austauschprogramm zwischen Führungsetage und sozialer Misere wird von zwei Mitarbeiterinnen im Sozialreferat der Bayern-Metropole organisiert. Bisher haben acht Manager des Siemens-Konzerns mitgemacht und zum Beispiel in der Bahnhofsmission ausgeholfen. Im November startet die nächste Helfergruppe ihren Einsatz. »Unsere Erfahrung ist, dass da was sitzen bleibt«, sagt Birgit Schweimler vom Münchner Sozialreferat. »Die sind sehr beeindruckt.«

Auch bei den sozialen Einrichtungen ist die anfängliche Skepsis »gegen den Sozialtourismus für eine Woche« inzwischen der Zuversicht gewichen. Die Besucher aus den Konzernen, hofft eine Mitarbeiterin vom Münchner Verein für Sozialarbeit, könnten doch »als so eine Art Botschafter« an ihren angestammten Arbeitsplatz zurückkehren - mit mehr Verständnis für die da unten, die nicht so leicht hochkommen.

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